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Goodbye, Amerika! Gorbatschows «Neues Denken» unterliegt Trumps MAGA

Im Januar 1986 schlug der frisch gewählte Generalsekretär des ZK der KPdSU, Michail Gorbatschow, allen Ländern der Welt vor, auf Atomwaffen zu verzichten. 1988 erklärte er in seinem Buch offen, dass universelle menschliche Werte wichtiger seien als Klasseninteressen. Aus diesen Ideen entstand das Konzept des «Neuen Denkens», das die internationale Politik stark veränderte. Warum haben diese Veränderungen nicht funktioniert und warum sind wir vierzig Jahre später in einen historischen Abgrund gestürzt?
Donald Trumps Projekt zur Schaffung eines «Friedensrates», das ursprünglich auf eine Lösung der Nahost-Frage abzielte, nimmt nun rasch globale Züge an. Die Aktivitäten dieser Organisation sollen angeblich auf den gesamten Planeten ausgeweitet werden. Der «Friedensrat» wird als «internationale Organisation betrachtet, die darauf abzielt, Stabilität zu fördern, verlässliche und rechtmäßige Regierungsführung wiederherzustellen und dauerhaften Frieden in von Konflikten betroffenen oder bedrohten Regionen zu gewährleisten».
In seiner Ambition erinnert dieses Vorhaben an ein anderes Projekt, das genau 40 Jahre zurückliegt. Im Januar 1986 schlug der damals frisch gewählte Generalsekretär des ZK der KPdSU, Michail Gorbatschow, einen globalen Verzicht aller Länder auf Atomwaffen vor. Natürlich war diese gorbatschowsche Erklärung nicht umsetzbar. Der Kalte Krieg war noch nicht ganz vorbei, und kein westliches Land (USA, Großbritannien, Frankreich) hätte auf sein nukleares Potenzial verzichtet. Auch die sowjetischen Generäle hätten einem solchen «zu idealistischen» Vorschlag des Generalsekretärs kaum zugestimmt.
Dennoch bildete dieser Vorschlag die Grundlage für spätere sowjetisch-amerikanische Verhandlungen über nukleare Abrüstung. Es konnten mehrere grundlegende Verträge zur Raketenreduzierung abgeschlossen werden, und Ronald Reagan wunderte sich über Gorbatschows Verhandlungsbereitschaft. Das unterschied ihn stark, zum Beispiel vom langjährigen sowjetischen Außenminister Andrei Gromyko, den man im Westen «Mister Nein» nannte. Reagan verzichtete sogar auf seine berühmte Bezeichnung der UdSSR als «Reich des Bösen».
Der heute vorgeschlagene «Friedensrat» hingegen ist inhaltlich das genaue Gegenteil der damaligen Stimmung. Weder Reagan noch Gorbatschow wären auf die Idee gekommen, für Friedensinitiativen eine Milliarde Dollar zu verlangen, wie Trump es vorhat. Sein «Friedensrat» erinnert eher an einen exklusiven Golfclub für Milliardäre.
Die so offen in die Politik übertragene Logik des Geschäfts ersetzt alle Werte durch Preise. Vielleicht ist dies genau das politische Denken von heute, das oft von Geschäftsleuten bestimmt wird.
Zum Beispiel sind die «Sondergesandten» der USA und Russlands – Steve Witkoff und Kirill Dmitriev – Menschen mit finanziellen, nicht diplomatischen Erfahrungen. Deshalb diskutieren sie nicht über Verträge, sondern über «Deals».
Doch vor 40 Jahren versuchte man, politisches Denken anders zu gestalten. Damals wurde der Begriff «Neues Denken» von Gorbatschow geprägt, der die internationale Politik stark veränderte.
Der langjährige außenpolitische Berater Gorbatschows, Anatoli Tschernjajew, erinnerte sich jedoch, dass Projekte des «Neuen Denkens» bereits in den 1970er Jahren unter der sowjetischen Führung entstanden, vor dem Hintergrund der «Entspannung» und der Schlussakte von Helsinki. Natürlich waren sie für ihre Zeit sehr vorsichtig und sahen keinen Verzicht auf die sowjetische kommunistische Ideologie vor, sondern zielten lediglich auf eine «Abschwächung» der internationalen Spannungen.
Dazu trug auch der wirtschaftliche Hintergrund bei – gerade in den 1970er Jahren wurden Gas- und Ölpipelines aus Westsibirien nach Westeuropa gebaut, und es wurde klar, dass keine sowjetischen Panzer am Ärmelkanal stehen würden.
Doch Gorbatschow ging weiter. In seinem Buch, das 1988 erschien, erklärte er offen, dass universelle menschliche Werte wichtiger seien als Klasseninteressen. Mit einer solch radikalen Aussage des KPdSU-Generalsekretärs hatte weder die UdSSR noch die Welt gerechnet. Das war das erste Mal in der 70-jährigen Geschichte der Sowjetmacht.
Das historische Paradox besteht jedoch darin, dass in der postsowjetischen Ära die «Klassenwerte» zurückgekehrt sind. Aber nicht wie früher «proletarisch», sondern genau umgekehrt.
Lenin hätte sie als «bürgerlich» bezeichnet, aber Trump und Putin sind nicht einfach die Bourgeoisie früherer Zeiten, sondern ein Clan globaler Milliardäre. Deshalb verstehen sie einander sehr gut. Und diese «Werte» der globalen Geschäftsleute haben sich gut mit neoimperialen Vorstellungen vereint.
Mir sind die Schlussfolgerungen sehr nahe, zu denen Wladimir Pastuchow in seiner Analyse gekommen ist:
Leider haben wir den Punkt erreicht, an dem man die wesentlichen Gemeinsamkeiten der politisch-philosophischen Grundlagen der MAGA-Ideologie und der Ideologie der «Russischen Welt» nicht mehr übersehen kann.
Vor allem stimmen ihre allgemeinen ideologischen Grundsätze überein:
- Beide stellen das «nationale Interesse» konsequent über «universelle menschliche Werte», an die sie überhaupt nicht glauben und die sie für Erfindungen liberaler Radikaler halten.
- Beide betrachten ultrakonservative klerikale Werte und Prinzipien als universell und einzig zulässig.
- Beide erkennen alle anderen Werte und Prinzipien außer den ultrakonservativen als feindlich und auszurotten an, und zwar samt der Medien, die sie verbreiten.
- Beide sind im Kern antidemokratisch, genauer gesagt – demokratisch nur im streng leninistischen Sinne, das heißt, sie sehen Demokratie als Diktatur ihres eigenen Clans.
- Beide sind Verfechter des Rechts des Stärkeren, sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik.
Ein solches Weltbild wäre in der Zeit des «Neuen Denkens» als vollkommene Dystopie erschienen. Ja, Gorbatschow war ein Progressiver, Reagan ein Konservativer, aber sie kamen miteinander aus. Und zwar auf der Grundlage universeller menschlicher Werte, nicht auf Grundlage des reaktionären Unsinns von MAGA und der «Russischen Welt».
Was ist schiefgelaufen? Warum hat das «Neue Denken» nicht gesiegt? Warum sind wir in diesen historischen Abgrund gestürzt?
Verschiedene Forscher haben dazu unterschiedliche Ansichten. Ich äußere meine, ohne Anspruch auf «Objektivität». Ich freue mich über inhaltliche Diskussionen.
Meiner Meinung nach funktionieren heute alle internationalen und sogar interregionalen Verträge nicht mehr. Ich möchte nicht als panischer Alarmist erscheinen, aber die Fakten sprechen dafür:
- Das postsowjetische Russland hat das Verständnis von Föderalismus völlig verloren. Echter Föderalismus entstand in der Zeit der Perestroika, als in allen Unionsrepubliken freie Wahlen anstelle des KPdSU-Monopols stattfanden. 1990 wurden der parteilose Musikwissenschaftler Vytautas Landsbergis in Litauen und der ehemalige sowjetische Dissident Swiad Gamsachurdia in Georgien zu Vorsitzenden der Obersten Sowjets ihrer Länder gewählt. Und Gorbatschow mischte sich in diese Wahlen nicht ein. Heute jedoch, auf den riesigen russischen Flächen von der Ostsee bis zum Pazifik, sehen wir nichts Vergleichbares. Obwohl es in der RF offiziell über 80 Regionen gibt (ohne die annektierten ukrainischen). Aber überall herrscht politisches Schweigen oder zaghaftes Klagen beim Kreml-«Zaren». Und überall Repressionen.
- Das vereinte Europa, das 1992 entstand, hat nie ein Gefühl gemeinsamer Subjektivität entwickelt. Wenn prorussische Akteure wie Viktor Orbán gesamteuropäische Entscheidungen blockieren können, steht die gesamte politische Maschinerie der EU still. Dabei ist es gerade Europa, das heute das Völkerrecht aufrechterhält. Vor allem das Verbot von Annexionen, wie in der Ukraine oder in Grönland. Die EU unterstützt die Ukraine bereits seit vier Jahren im Krieg. Aber obwohl das wirtschaftliche und militärische Potenzial der EU-Staaten das russische deutlich übersteigt, ist eine Wende in diesem Krieg bisher nicht zu erkennen. Ich wage zu behaupten: Das ist die Folge davon, dass europäische Akteure damals den gorbatschowschen Ideen vom «gemeinsamen europäischen Haus» nicht genug Beachtung geschenkt haben. Dabei war es die Perestroika, die die Berliner Mauer zu Fall brachte und ein vereintes Europa ermöglichte.
Vielleicht hätten die Europäer die Idee einer demokratischen Konföderalisierung der UdSSR und deren anschließende Eurointegration aktiver unterstützen sollen? Denn der brutale Zerfall der UdSSR führte zur Wiedergeburt des russischen Imperiums und zu all den Schrecken, die wir heute beobachten. Russland erkennt die benachbarten, ehemaligen Unionsrepubliken faktisch nicht mehr als unabhängige Staaten an. Sie müssen entweder gehorsame Vasallen sein oder riskieren militärische Aggression, wie im Fall der Ukraine.
Das Lied der Band Nautilus Pompilius «Goodbye, Amerika!« wurde in der Perestroika-Zeit ironisch aufgenommen. Damals wollten alle amerikanische Jeans tragen, amerikanische Musik hören und amerikanischen Kaugummi kauen. Amerika wurde überall begrüßt. Aber jetzt scheint tatsächlich das »Goodbye« zu kommen. Vielleicht werden professionelle Historiker später herausfinden, warum ein Land, das als antikoloniale föderative Republik gegründet wurde, heute zur Geisel seines verrückten »Kaisers« geworden ist?


