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Das Wort als Verbrechen. Was die Repressionen gegen die Schriftsteller Akunin und Bykov bedeuten

Boris Akunin wurde in Russland in Abwesenheit zu 14 Jahren verurteilt, Dmitri Bykov wird gesucht: Zwei der bedeutendsten russischen Schriftsteller sind exemplarischen strafrechtlichen Repressionen ausgesetzt. Dies ist ein Meilenstein und ein weiteres Signal, wie man sagt, an die gesamte Intelligenzija. Obwohl welche Signale es hier noch geben soll, ist ohnehin alles klar. Vielmehr ist es ein Meilenstein für den repressivsten Apparat selbst, den es festzuhalten gilt.
Die Veröffentlichung wurde vorbereitet vom Medienprojekt „Land und Welt — Sakharov Review« (Telegramm des Projekts — „Land und Welt«).
An der Schwelle der 1960er- und 1970er-Jahre erlebt die sowjetische Massenkultur eine wichtige Veränderung. Dies entsprach der Etablierung einer neuen ideologischen Norm. Nach und nach erscheinen Filme (»Adjutant seiner Exzellenz«, »Die weiße Sonne der Wüste«, »Die unauffindbaren Rächer«), die nicht nur die Roten heroisch darstellen, sondern auch die Bilder ihrer Gegner, der Weißen, komplexer zeichnen. „Die Schulterklappen«, weiße Offiziere auf der Leinwand sind nun, wie Leonid Parfjonow es ausdrückt, keine Unkräuter mehr, die mit der Wurzel ausgerissen wurden, sondern verlorene Ähren auf dem russischen Feld. Zu dieser Zeit war es erstmals möglich, das Wort Russland ohne das Präfix „sowjetisch« auszusprechen, bemerkt Parfjonow in seiner Sendung „Nämlich damals«.
In diesen heroisch-revolutionären Filmen wird mit erstaunlicher Häufigkeit das Wort „Intellektueller, Intelligenzija« wiederholt. Die Helden — Intellektuelle — sollen darin innere Konflikte lösen aufgrund ihrer komplexen Beziehung zur sowjetischen Macht. In den revolutionären Sagen, die schwerlich als ketzerisch verdächtigt werden können, wird dieses Thema zur Norm: Ein Offizier oder Angestellter aus den „Ehemaligen«, ein Intellektueller, der die sowjetische Macht nicht ganz versteht, ihr aber dennoch treu dient. Im Fernsehfilm „Geboren aus der Revolution« (1974) und dem rührenden „Guarneri-Quartett« (1978) sühnt die Intellektualität der Musiker ihre ideologische Rückständigkeit.
Anfang der 1980er Jahre gibt die Massenkultur auch schon offen feindlichen Kräften der sowjetischen Macht eine Stimme. Zum Beispiel im Fernsehfilm „20. Dezember« (1982), der die Gründung der Tscheka behandelt, sagt der Sozialrevolutionär Savinkow zu General Kornilow: „Ihr braucht Intellektuelle, die sich nicht den Bolschewiki angeschlossen haben. Ihr braucht Köpfe, die dem russischen Volk eine weiße Idee statt der roten geben würden.« Die Frage nach dem „Platz des Intellektuellen in der Kampfformation« ist sogar im berühmten Film „17 Augenblicke des Frühlings« präsent, wo zwei klassische Intellektuelle dargestellt werden, formal Deutsche, aber in Wirklichkeit durchaus erkennbare „unsere«: Pastor Schlag und Professor Pleischner.
Viele dieser Werke entstanden auf Initiative des KGB (man denke nur an „TASS ist autorisiert zu erklären«, 1984). Warum und woher kam plötzlich das Thema „Geheimdienste und Intelligenzija«, das sich in der sowjetischen Kultur der 1970er und 1980er Jahre fast zwanghaft wiederholt?
Offensichtlich beschäftigte das Politbüro und der Machtapparat zu dieser Zeit immer mehr die Frage „Wie umgehen mit der Intelligenzija?« Bemerkenswert: Nicht mit den Dissidenten, die es nur wenige gab, sondern mit der Intelligenzija insgesamt. Die Macht spürte, dass sie sich einen „Millionenstab« nach Majakowski selbst herangezogen hatte, der sich rasch in „sozialfremde« verwandelte. Das wurde bereits nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 deutlich.
Die Intelligenzija glaubte nicht mehr an die sowjetische Macht, aber man konnte sie nicht massenhaft in den Gulag schicken oder erschießen. Und das wurde zum Problem. Mit der Intelligenzija wurde damals „gearbeitet«, das heißt, man versuchte, sie irgendwie zu überzeugen, auf die eigene Seite zu ziehen oder wenigstens zu neutralisieren. Daher stammt diese „intellektuelle Linie« im sowjetischen Geheimdienstkino.
Putin, der 1975 seine Karriere beim KGB begann, konnte sehen, dass Kino und andere Agitationsformen „nicht wirken« und der Staatsschutz im Kampf gegen Andersdenkende, aber auch einfach Denkende, faktisch machtlos war. Doch zu Beginn seiner Herrschaft in den 2000er Jahren schien das Problem mit der Intelligenzija durch die Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse genial gelöst: Die durch die Umbrüche stark gebeutelte Intelligenzija konnte nun gekauft werden – und zwar nicht zu teuer, für ein paar Groschen.
Für diese Zwecke wurde die frühere umfangreiche Kulturinfrastruktur reaktiviert – Bibliotheken, Museen und Theater; die Filmszene, die massenwirksamste der Künste, wurde unter vollständige staatliche Kontrolle gestellt. Mit privatem Geld war es in der Kultur etwas schwieriger. Bis 2011-12 und danach, nach 2014, überzeugte sich der Kreml, dass ein Teil der kulturellen Elite in der Lage war, selbst Geld zu verdienen. Außerdem, was am unangenehmsten ist, besaß sie wieder gewisse Prinzipien, Ideale und Werte, die – man mag es kaum sagen – wichtiger als Geld waren.
Doch im Grunde war dieser Anteil an freiem Denken vergleichsweise gering, ja sogar verschwindend klein. Und mit einzelnen „Prinzipalisten« konnte man ebenfalls „arbeiten«: Erpressen, Einkommensbeschränkungen, ein wenig Einschüchterung und so weiter.
Diese ganze „Arbeit mit der Intelligenzija« zog sich bis Februar 2022 hin, als eine grundsätzliche Entscheidung getroffen wurde, die die gesamte Erfahrung der letzten etwa 60 Jahre aufhob. Danach war es nicht mehr nötig, mit Andersdenkenden zu arbeiten, das wurde reine Zeit- und Kraftverschwendung. Sie müssen vertrieben, eingesperrt oder eben in Abwesenheit verurteilt werden – damit sie sicher nicht zurückkehren können.
In einem bemerkenswerten Werk der neuen Zeit – der Serie „Komitee« (die faktisch über Putins Jugend handelt, einer der Schauspieler sieht ihm sogar äußerlich ähnlich) – arbeitet der Held, ein Geheimdienstler, mit einem solchen Intellektuellen – einem Schriftsteller-Dissidenten. Anfangs versucht der Geheimdienstler, ihn umzustimmen, doch dann erkennt er, dass das sinnlos ist: „Solche wie er sind nicht mehr zu retten.«
Das ist ein wichtiges Signal der neuen Zeit: Die heutige Macht versucht, im Gegensatz zur späten Sowjetzeit, nicht mehr, den Intellektuellen umzustimmen oder auf ihre Seite zu ziehen. Der Intellektuelle ist in ihrer Vorstellung ein ideologischer Feind, ohne Umschweife. Das Massenkino unter Putin hat das im Grunde in den letzten 20-25 Jahren immer wieder gezeigt.
Wenn es im 20. Jahrhundert üblich war, „um die Köpfe zu kämpfen«, werden heute in China, Iran und Russland „falsch Denkende« entweder eingesperrt oder vertrieben. Denn die Regime glauben, dass diese Schicht keine reale Macht oder Gefahr mehr darstellt. Die sowjetische Macht versuchte stets herauszufinden, was der eine oder andere Künstler „in seinen Werken meinte«. Heute braucht das niemand mehr: Das Regime bewertet einfach Worte und Bilder nach der Anzahl der Jahre Gefängnis. Für die Macht ist alles viel einfacher geworden.
Andererseits bleiben den neuen „Aussätzigen« auch keine Illusionen, kein graues Feld für Kompromisse. Sie müssen den Regime als direkte physische Bedrohung ansehen. Mit Repressionen, wie gegen Akunin und Bykov, formt das Regime eine neue Schicht von Antagonisten, denen es keine Wahl lässt, wie in Putins Lieblingsgeschichte von der in die Enge getriebenen Ratte.
Vielleicht liegt darin der Fehler der neuen Diktatoren. Sie unterschätzen den Gegner. Und in der neuen historischen Wendung, die sicher kommen wird, kann diese Unterschätzung fatal sein.
„Es gibt keine Intelligenzija mehr« – diese These wird heute mit einer gewissen selbsterniedrigenden Prahlerei von den Geheimdienstlern und den Intellektuellen selbst wiederholt. Doch Intellektualität ist kein Anhängsel an sozialen oder materiellen Status, sie hängt nicht von Herkunft oder Nationalität ab, sondern ist in erster Linie die Ethik eines Menschen, die auf universellen humanistischen Prinzipien beruht und nicht auf Nutzen.
In den revolutionären Sagen der 1970er Jahre war dieser Gedanke, so seltsam es auch scheinen mag, durchaus offensichtlich. Dem Bösen mit Worten zu widerstehen oder zumindest nicht mit dem Bösen zu kooperieren, ist heute eine der Varianten intellektuellen Verhaltens. Die Macht nimmt Worte weiterhin ernst und wertet sie als Verbrechen. Das heißt, sie fürchtet sie weiterhin, auch wenn sie versucht hat, das Gegenteil zu behaupten.
Auf dem Hauptfoto: Grigori Tschchartischwili (Boris Akunin) und Dmitri Bykov. Quelle: Facebook von Dmitri Bykov


