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Migranten: Das Ende Europas? Wir entlarven Mythen über die Übermacht der Zuwanderer am Beispiel Deutschlands

Das heutige Deutschland ist ein Land der Migranten. In gewisser Weise sogar mehr als die USA. Von der Politik bis zur Kultur stützt sich das Land schon lange auf Menschen mit Migrationshintergrund.

Foto: Daniel Lloyd Blunk-Fernández via Unsplash

Entgegen der landläufigen Meinung verlieren Menschen gemeinsam den Verstand. ALLE sehen plötzlich fliegende Untertassen. ALLE sehen plötzlich das Übel der Welt in der Migration, besonders in der illegalen. «Wegen ihnen – Überlastung des Sozialsystems, Kriminalität und der Zusammenbruch des kulturellen Codes! Europa wird gezwungen sein, Frauen in Burkas zu hüllen!» In dieser Meinung sind sich sowohl der US-Vizepräsident J.D. Vance als auch der russische «Tiefgründler» einig, der nicht einmal einen Reisepass hat.

Auch wenn ein illegaler, nicht registrierter Migrant keine Sozialleistungen beziehen kann – bei kollektiven Psychosen zählen Widersprüche nicht.

Ich hoffe nicht, den antimikranten Psychose zu beruhigen. Aber ich kann sie auch nicht ignorieren. Einfach deshalb, weil ich in Deutschland lebe (und höchstwahrscheinlich auch hier sterben werde). Warum ist «Merkel plötzlich verrückt geworden», als sie 2015 eine Million Syrer, diese «Wilden und Islamisten», nach Deutschland ließ? Geht das Sozialsystem der EU, an das sie angeblich «wie Blutegel» hängen, unter dem Druck der Fremden zugrunde? Wie lange soll man noch die Kriminalität ertragen, wenn man Angst hat, seine Töchter auf die Straße zu lassen (wie kürzlich der deutsche Politiker Özdemir, Sohn türkischer Tscherkessen, sagte)? Und sieht denn niemand, dass all diese Türken, Tscherkessen, Syrer den kulturellen Code zerstören?

Ich habe dazu einige Gedanken, auch wenn sie denen nicht gefallen werden, die all diese Fragen mit einem Ton stellen, der keine Antwort erwartet.

Aber was soll’s. Hier stehe ich und kann nicht anders.

Fangen wir damit an, wie fremd Europa und insbesondere Deutschland überhaupt eine massenhafte Migration (von Hunderttausenden Menschen) ist.

«Merkel ist verrückt geworden, indem sie eine Million <…> reingelassen hat» – so hört man oft von Russen (egal ob ausgewandert oder geblieben) ein deftiges Wort. Das ist eine häufige Bewertung der Ereignisse von 2015, als die deutsche Kanzlerin etwa 900.000 syrischen Kriegsflüchtlingen vorübergehenden Schutz gewährte. Zu dieser Zeit war von vielen syrischen Städten wie Aleppo etwa so viel übrig wie von Warschau nach Hitler, von Mariupol nach Putin oder von Gaza nach Netanjahu. Tatsächlich waren unter diesen «Hunderttausenden Syrern» auch Afghanen und Iraker, aber für die Anhänger der Anti-Migrationspolitik sind alle aus dem Nahen Osten einfach «Wilde».

Fast eine Million – das ist wirklich viel für das damalige 82-Millionen-Deutschland. Solche Zuwanderungswellen waren für das Nachkriegsdeutschland jedoch nichts Ungewöhnliches.

Ich lebe in Augsburg, dem Verwaltungszentrum von Bayerisch-Schwaben. 50,7 % der Augsburger haben Migrationshintergrund. Den gleichen Hintergrund haben laut Destatis etwa ein Viertel der heutigen Deutschen.

Die erste große Migrationswelle nach Deutschland waren die italienischen Gastarbeiter. Je nach Schätzung kamen zwischen 1956 und 1972 zwischen 900.000 und 2 Millionen italienische Männer in die Bundesrepublik. Merkel war damals noch ein Mädchen oder junge Frau, und Kanzler hießen Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt. Nachkriegsitalien war arm, in Deutschland gab es das «Wirtschaftswunder». Offiziell kamen die Italiener nur vorübergehend, ihnen wurde sogar erschwert, zu heiraten – aber war das ein Hindernis? Heute ist Deutschland ein Land mit hervorragenden italienischen Pizzerien mit Holzofen, und Pizza ist das zweitbeliebteste deutsche Streetfood – nur Döner ist noch beliebter. Übrigens gilt es in Augsburg als höflich, in der Pizzeria wenigstens ein bisschen Italienisch zu sprechen: «Buongiorno! Una Margarita e mezzo litro di vino rosso, per favore!» Und sowohl Bäcker als auch Kellner sind hier meist Italiener.

Foto: Lasse Diercks via Unsplash

Mit den Italienern endete die Masseneinwanderung nach Deutschland nicht. Von 1960 bis 1973 kamen mindestens eine Million Türken ins Land, und mit Familiennachzug leben heute zwischen 2 und 3,5 Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland. Natürlich brachten die Türken ihre Kultur mit. Dönerbuden sind die Rettung vor dem Hunger in der deutschen Nacht, und türkische Supermärkte sind die Hauptlieferanten für perfektes Lammfleisch, Oliven mit Kern und fantastische Baklava. Übrigens hat der frühere Hamburger Gang-Mitglied und heute preisgekrönte Regisseur Fatih Akin die deutsche Kultur nicht weniger geprägt. In seinem bekanntesten Film «Tschick» (auf Russisch: «Good Bye, Berlin!») ist einer der beiden Hauptfiguren ein russischer Migrantenjunge, der Autos klaut – Andrej Tschichatschew, dessen Nachnamen kein Deutscher aussprechen kann, weshalb ihn alle nur «Tschick» nennen. Tschick ist eine durchweg positive Figur, die seinem deutschen Freund beim Erwachsenwerden hilft.

Die Russen (genauer gesagt die postsowjetischen Migranten) waren die dritte Welle, die ins bereits wiedervereinigte Deutschland der 1990er Jahre kam. Dieser Strom bestand aus über einer Million Spätaussiedlern (also Russlanddeutschen) und etwa 120.000 bis 150.000 sowjetischen Juden. Die heutigen Supermarktketten MixMarkt und Ledo mit Pelmeni, Wareniki, Zucchinikaviar und «Doktorskaja»-Wurst sind ein Überbleibsel dieser Einwanderung. Ebenso wie die inoffiziellen Friseur- und Maniküre-Dienste zu Hause – denn mit der Qualität der legalen Salons ist es in Deutschland schwach bestellt. Den Weg für diese dem deutschen Geist fremden «Barbaren aus dem Osten» ebnete Kanzler Helmut Kohl – zu einer Zeit, als Angela Merkel, die junge ostdeutsche Chemikerin, noch nicht einmal vom Kanzleramt träumte.

Und alle vergessen irgendwie die größte Migrationswelle von 18.000.000 (!) Menschen, die das Land nach dem Fall der Berliner Mauer 1990 überschwemmte.

Gemeint sind die «Ossis»: Ostdeutsche, geprägt vom Leben im Sozialismus und der Stasi. Die Vereinigung der BRD mit der DDR war in Wirklichkeit die Übernahme Ostdeutschlands durch den Westen. Es waren westdeutsche Banken und Geschäfte, die in die ehemalige DDR kamen, nicht umgekehrt. Westdeutsche Beamte führten die Überprüfung ostdeutscher Richter, Beamter und Lehrer durch, und die westdeutsche Treuhand entschied über das Schicksal ostdeutscher Staatsbetriebe (und verurteilte die meisten zum Untergang). Die «Ossis» waren im vereinigten Deutschland praktisch absolute Fremde im eigenen Land. Sie sprachen Deutsch? Nun, auch Algerier, Tunesier und Marokkaner, die nach Frankreich gehen, sprechen Französisch.

Im Vergleich zu diesen 18 Millionen verblassen sogar die über eine Million ukrainischen Flüchtlinge. Und die bereits erwähnte Million Syrer und überhaupt Migranten aus dem Nahen Osten. Und Zehntausende sogenannte «Kontingent»-Migranten: vietnamesische Gastarbeiter, die einst in die DDR geholt wurden. Dazu kommen Philippinen, Chinesen, Inder, Koreaner… Spanier, Portugiesen, Polen, Albaner, Kroaten…

Das alles erzähle ich nur, um eine einfache Botschaft zu vermitteln: Das heutige Deutschland ist tatsächlich, faktisch, ein Land der Migranten. In mancher Hinsicht vielleicht sogar mehr als Amerika. Wenn man Migranten aus Deutschland entfernen und denen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft von Geburt an haben, diese entziehen und eine Massen-Remigration, wie sie sich die AfD wünscht, durchführt – dann amputiert man ein Viertel oder ein Drittel des deutschen Organismus. Denn selbst der prominente AfD-Politiker Markus Frohnmaier, der bei den Wahlen in Baden-Württemberg gegen den «Türken» Özdemir kämpfte, ist kein «reinrassiger» Deutscher, sondern Rumäne von Herkunft.

Ganz Deutschland – von der Politik bis zur Kultur – stützt sich längst auf Migranten.

Im Opernensemble des Augsburger Theaters gibt es derzeit nur eine gebürtige Deutsche. Der Chefdirigent ist Ungar. Der erste Kapellmeister ist Russe. Weil man die besten Musiker aus der ganzen Welt auswählen kann, entspricht das Augsburger Opernhaus etwa dem Mariinski-Theater und ist auf jeden Fall besser als das Michailowski-Theater. Würde man die Migranten entfernen, würde es sofort zu einem unbedeutenden Provinztheater. Und so ist es in ganz Deutschland – von der Bayerischen Staatsoper unter Vladimir Jurowski bis zur Berliner Philharmonie unter Kirill Petrenko.

Hier mache ich wohl ein Komma. Und fahre das nächste Mal mit dem Thema Migranten und Kriminalität fort.

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