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Wissenschaftsjournalismus in Russland und im Westen: zwei Märkte, zwei Logiken, zwei Überlebensmodi

Laut den optimistischsten Schätzungen beträgt die Gesamtleserschaft populärwissenschaftlicher Publikationen in Russland nur etwa 6 Millionen Menschen. Das sind ungefähr 4 % der Bevölkerung. Und dieser Markt scheint heute in Russland in einer Krise zu stecken.
Im Jahr 2023 wurde das russische Online-Magazin Naked Science zum meistzitierten populärwissenschaftlichen Medium des Landes. Nach Angaben der Redaktion erreicht es monatlich mehrere Millionen Nutzer, und die Reichweite in den sozialen Netzwerken ist noch größer. Zu den führenden Medien gehören heute Nplus1.ru, die Zeitung «Wissenschaft in Sibirien», das Magazin «Rodina», Mel.fm, Techinsider.ru und andere große Publikationen. Das Interesse des gebildeten Internetpublikums an diesen Medien ist seit vielen Jahren stabil.
«Russischer Wissenschaftsjournalismus unterhält weniger und bildet mehr», meint einer der Branchenvertreter. «Deshalb ist die Zielgruppe kleiner und auch die Finanzierung geringer, was wiederum kleinere Teams zur Folge hat.» Der westliche Markt ist deutlich größer, was dazu führt, dass es dort viel mehr hochspezialisierte Experten gibt – etwa nur für Physik oder nur für Ozeanologie, erklärt er.
Daraus ergibt sich das erste systemische Problem des russischen Marktes für populärwissenschaftliche Medien: Selbst Autoren seriöser Publikationen müssen sich fast jedem Thema widmen – zumindest, wenn es um aktuelle Nachrichten geht.
Die Ausbildung wissenschaftlicher Journalisten ist sehr unterschiedlich – von Historikern und Physikern bis hin zu Psychologen und Biologen. Beim Versuch, zu argumentieren und zu bewerten, «psychologisieren» manche Autoren ihre Texte, andere suchen und finden historische Parallelen, die oft an den Haaren herbeigezogen wirken, wieder andere verfallen in plumpen Biologismus.
Mit den exakten Wissenschaften – Astronomie, Physik oder Mathematik – klappt es deutlich besser. Doch die Geisteswissenschaften, die das Hauptinteresse der Leser, Zuschauer und Zuhörer auf sich ziehen, sind eine der größten Schwächen des russischen Wissenschaftsjournalismus.
Noch schwieriger ist die Situation bei Internet-Bloggern, die sich auf populärwissenschaftliche Inhalte spezialisiert haben. Früher oder später stößt fast jeder auf eine Art Genrekrise: Es gibt vergleichsweise wenige Fragen, die das Publikum wirklich interessieren, und hochwertige Studien, auf die sich Blogger in der Regel stützen, erscheinen in Zeitschriften wie Nature eben nicht jeden Tag. Um die Aufmerksamkeit ihres Publikums zu halten, beginnen sie, die am meisten gehypten Themen zu diskutieren, wie es die Algorithmen der Plattformen verlangen.
Das Ergebnis ist, dass populärwissenschaftlicher Content über KI sich zum Beispiel um spekulative apokalyptische Szenarien dreht – «Skynet kommt», «wir sind nicht mehr die einzigen intelligenten Wesen» – was mit der aktuellen technologischen Realität wenig zu tun hat.
Der westliche Wissenschaftsjournalismus funktioniert in einer anderen wirtschaftlichen und medialen Realität. Sein Hauptmerkmal ist nicht nur das viel größere Publikum, sondern auch ein entwickeltes Ökosystem von Nischenmedien.
Große Marken wie Scientific American, National Geographic, New Scientist, Wired, Vox und The Atlantic (in den wissenschaftlich-analytischen Rubriken) arbeiten mit hoher Spezialisierung: Eigene Redaktionen oder Vertikalen decken sehr spezielle Themen ab – Physik, Klima, Medizin, Weltraum oder Technologie.
Das führt dazu, dass der westliche Markt oft ein zweigleisiges Modell zeigt: «Massen»-Wissenschaftsjournalismus (kurze Nachrichtenformate, Wissenschaftspopularisierung über Videos) und «Experten»-Wissenschaftsjournalismus – Wissenschaftsjournalismus mit hoher Einstiegshürde und als Folge ein entwickeltes System von Nischenmedien mit stabilen redaktionellen Standards, klarer Arbeitsteilung und Schwerpunkt auf Inhalten, die von einem Autorenteam erstellt werden.
Ein wesentlicher Unterschied liegt auch beim Publikum.
Laut Pew Research Center ist das Interesse an wissenschaftlichen Informationen in den USA recht hoch (etwa 71 % der Amerikaner geben an, zumindest mäßiges Interesse an Wissenschaftsnachrichten zu haben), aber nur eine Minderheit konsumiert regelmäßig wissenschaftliche Inhalte. Nur etwa 17 % sind «aktive Konsumenten» von Wissenschaft – sie suchen sowohl gezielt nach wissenschaftlichen Nachrichten als auch beschäftigen sich regelmäßig damit. Interessant ist, dass die wichtigsten Informationsquellen in den USA traditionelle Medien sind, und mehr als die Hälfte der Amerikaner bezieht ihre Informationen auf diese Weise.
Mit anderen Worten: Wissenschaftsjournalismus in den USA existiert innerhalb eines breiteren Nachrichtenökosystems und nicht als ein separater, isolierter Sektor. Gleichzeitig, wie im letzten Bericht festgestellt wird, «haben traditionelle Nachrichtenmedien Schwierigkeiten, beim Großteil der Menschen Anklang zu finden, da die Publikumsbindung abnimmt und das Vertrauen niedrig ist».
Großbritannien zählt zu den Märkten mit hoher digitaler Nachrichtenbeteiligung: Laut Daten des Digital News Report konsumieren etwa 70–75 % der Bevölkerung regelmäßig Nachrichten online. Wissenschaftlicher Content ist dabei kein eigener Sektor, sondern in Nachrichtenrubriken (Gesundheit, Klimawandel, Technologie) integriert, was das britische Modell deutlich vom russischen unterscheidet. Traditionelle Marken (BBC, The Guardian, The Times) behalten ihre dominierende Stellung auf dem Markt und gelten weiterhin als sehr autoritativ und vertrauenswürdig.
Zusammengefasst bestehen die Unterschiede nicht nur im Umfang, sondern auch in der Marktstruktur: In Russland arbeitet der Wissenschaftsjournalismus unter Bedingungen begrenzter Nachfrage und gezwungener Universalität der Autoren, was mit den begrenzten Ressourcen der Redaktionen zusammenhängt, die keine hochspezialisierten Teams ermöglichen.
Im Westen fördert der Markt die Spezialisierung durch das größere Publikum und stabilere Monetarisierung. Genau dieser Unterschied schafft verschiedene «Qualitätsmodi»: Im ersten Fall hängt die Qualität von der Ausdauer der Autoren ab, die heute wenig verdienen, im zweiten von der Tiefe der Spezialisierung und einer klaren Arbeitsteilung.
Die Probleme des russischen Wissenschaftsjournalismus sind damit jedoch nicht erschöpft.
«Es ist traurig, das alles zu beobachten», sagt jetzt eine meiner Kolleginnen. «Wenn ich an mich vor zehn Jahren denke – ich war naiv, habe mich bemüht, geglaubt... Und jetzt lasse ich einfach die Hände sinken. Telegram – Zugang nur über VPN, zu internationalen Medien auch. Und in den staatlichen Medien erzählen sie über den Iran. Ich mache mir also nicht nur um den Wissenschaftsjournalismus Sorgen, sondern generell, wohin das alles am Ende führen wird.»

