Unterstützen Sie den Autor!
Die unbekannte Schlacht, von der jeder gehört hat. Das Rätsel von Grünwald: Wer hat wen und im Namen wessen vor 615 Jahren hier besiegt?

Im Juli 1410 entstanden in Osteuropa gleich zwei räuberische Mächte mehr, und der Stern der letzten romantischen Kreuzritter sank für immer.
Die Geschichte des europäischen Mittelalters ist zu einem großen Teil eine Geschichte von Kriegen. Großen und kleinen, kurzen und langen, mit alten Nachbarn und gegen unbekannte Eroberer. Und nur einer von ihnen ging als Großer in die Geschichte ein – der Konflikt der Jahre 1409-1411 im südlichen Baltikum. Damals stellten das Königreich Polen und das Großfürstentum Litauen dem Staat der Ritter des Deutschen Ordens eine Herausforderung.
Aber was war so großartig an diesem Krieg? Er brachte kein wirklich großartiges Imperium hervor, dauerte für seine Zeit lächerliche zwei Jahre und bestand im Wesentlichen nur aus einer wirklich großen Schlacht – eben der Schlacht von Grünwald. Dennoch sind ihre langfristigen Folgen kaum zu überschätzen, sie veränderte das Machtgleichgewicht in der Region für Jahrhunderte radikal und wurde zu einem wichtigen Element mehrerer nationaler Mythen: bei den Siegern, den Verlierern und sogar bei den Völkern, die nicht daran teilnahmen.
Natürlich wird dasselbe Ereignis in verschiedenen Geschichtsschreibungen ganz unterschiedlich betrachtet. Also, wer hat sich was über die Schlacht aus dem 15. Jahrhundert ausgedacht – und wie war es wirklich?
Der Meister, die Brüder, zwei Schwerter
Der Morgen des 15. Juli 1410. Ein weites Feld zwischen drei Dörfern: Grünwald, Ludwigsdorf (Lodwigow) und Tannenberg (Stembark). Heute ist dies die Woiwodschaft Ermland-Masuren, die nordöstlichste Region Polens, doch Anfang des 15. Jahrhunderts gehörten diese Ländereien dem Orden der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem, besser bekannt als Deutscher Orden. „Teutonen«, benannt nach einem einst mit Rom verfeindeten altgermanischen Stamm, wurden im Mittelalter oft alle Deutschen genannt.
In zwei Jahrhunderten hatten die Ritter im Baltikum zahlreiche Eroberungszüge unternommen. Doch diesmal verteidigten sie ihr Land. Von Süden griffen zwei alte Feinde den Orden an, der polnische König Jagiełło und der litauische Fürst Vytautas (Witold). Ihre antiteutonische Koalition zog alles und jeden auf ihrem Weg vernichtend nach Norden, auf die Ordenshauptstadt Marienburg (das heutige Malbork an der Grenze Polens zu Russland) zu. Die Cousins Jagiełło und Vytautas hofften offensichtlich, die Kreuzritter vor dem Eintreffen ihrer Verbündeten bei deren Hauptstadt zu schlagen.
Doch der Hochmeister des Ordens, der 50-jährige Ulrich von Jungingen, durchkreuzte die Pläne der Feinde. Der Heerführer führte die teutonische Armee entgegen und traf sie etwa 90 km südöstlich, zwischen Tannenberg und Grünwald. Die Botschaft war klar: Jungingen wollte sich nicht hinter Festungsmauern verstecken und fürchtete keinen Kampf auf offenem Feld. Jagiełło und Vytautas, trotz zahlenmäßiger Überlegenheit, waren etwas überrascht.
Der Legende nach beschloss der Meister, die Feinde zu reizen. Er schickte zwei Parlamentäre, die nicht die eigentlichen Teutonen, sondern deren polnische Vasallen, die Herzogtümer Stettin und Oels vertraten, zu den Anführern. Aus der Sicht eines mittelalterlichen Menschen taten die Stettiner und Oelser nichts Schlimmes: Sie dienten einfach ihrem Lehnsherrn und erfüllten ihre rechtmäßige Pflicht.
„… In den hellen Sonnenstrahlen war deutlich zu sehen, wie sie auf großen, mit Decken bedeckten Kriegspferden heranritten. Einer von ihnen trug auf seinem Schild den kaiserlichen schwarzen Adler auf goldenem Grund, der andere, der Herold des Herzogs von Stettin war, einen roten Greif auf weißem Grund. Die Reihen der Krieger öffneten sich vor ihnen, und einen Moment später standen die Herolde zu Fuß vor dem großen König. Sie neigten die Köpfe und zollten ihm so ihre Ehre und begannen dann mit der Sache.
- Meister Ulrich, — sagte der erste Herold, — fordert Euch, Eure Majestät, und Herzog Vytautas zum tödlichen Kampf heraus. Und um Euren Mut zu wecken, denn Ihr scheint wenig davon zu haben, schickt er Euch diese zwei blanken Schwerter.
Mit diesen Worten legte er die Schwerter vor den königlichen Füßen nieder.«
- Henryk Sienkiewicz, polnischer Schriftsteller (Roman „Die Kreuzritter«)
Der seltsame Geschenkemoment von Jungingen wurde später zu einem der Hauptdetails in der Beschreibung der Schlacht von Grünwald. Verschiedene Quellen erwähnten ihn: Höchstwahrscheinlich schickte der Meister tatsächlich vor Beginn der Schlacht zwei Schwerter an die Feinde. Aber was bedeutete diese Geste? Die Geschichte schreiben die Sieger, und polnische und litauische Chronisten – deren Tradition Henryk Sienkiewicz fortsetzte – waren sich einig. Die Aktion des teutonischen Anführers war eindeutig eine Provokation, ein Spottversuch, mit dem der Deutsche Vytautas und Jagiełło pieksen wollte, doch wurde er auf dem Schlachtfeld für seine Arroganz zu Recht bestraft.
Die Theorie wirkt ehrlich gesagt etwas konstruiert. Man muss kein Mittelalterforscher sein, um sich ein Dutzend offensichtlicher und klarerer Wege vorzustellen, seine Verachtung auszudrücken. Vielleicht wollte der fromme Ulrich nicht provozieren, sondern an etwas Höheres erinnern? Wenn ja, verstanden Vytautas und Jagiełło, beide neu getaufte Christen und keine besonders frommen, die Botschaft nicht.
Übrigens werden zwei Schwerter im Lukasevangelium erwähnt, in einem der wichtigsten Momente der Erzählung – kurz vor dem Gebet Christi um den Kelch (Lk. 22,36-38). Jesus warnt dort seine Apostel: „Was über mich geschrieben steht, wird jetzt erfüllt.« Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der fromme Jungingen auf dem Grünwalder Feld ein höheres Gericht über seine Leute und die Polen und Litauer sah. Und Golgatha wurde es für den Deutschen Orden.
Der Preis eines nicht gezahlten Honorars
Wie kam der Deutsche Orden aus Jerusalem ins Baltikum? Mit dem Nahen Osten waren nur die ersten Jahrzehnte der 1190 gegründeten Bruderschaft verbunden. Für die Kreuzritter im Heiligen Land wurden die Zeiten zunehmend schwerer, und die Führung des Ordens beschloss bald, ihr Glück anderswo zu versuchen. Doch weder in Venedig noch in Siebenbürgen konnten sich die Deutschen durchsetzen.
In den 1230er Jahren landeten die Ordensritter nahe ihrer historischen Heimat – in Preußen. Anfang des 13. Jahrhunderts galt dieses Land keineswegs als deutsch, sondern war Heimat der Preußen, eines baltischen Stammesbundes. Sie pflegten traditionelle Glaubensvorstellungen, bewahrten die Stammesordnung und plünderten die polnischen Nachbarn. Ihr König Konrad I. lud die Kreuzritter ein, sich an seinen Grenzen niederzulassen, und versprach ihnen im Gegenzug Autonomie über die von den Preußen eroberten Gebiete.
Die Teutonen nahmen Konrads Angebot an. Einerseits konnten sie auf den neuen Gebieten selbständig herrschen, andererseits „schenkten« sie ihnen einen für den mittelalterlichen Katholiken durchaus gerechten Krieg. Was konnte heiliger sein für das Heer Christi, als wilde Heiden zum wahren Glauben zu bekehren? Ein solcher Kampf versprach Ruhm in ganz christlichen Europa und damit Zustrom von Freiwilligen und großzügige Spenden.
Bis zu den 1280er Jahren hatten die Ritter die Preußen unterworfen und faktisch einen eigenen Staat im südlichen Baltikum gegründet. In dieser Zeit legten sie als Burgen eine Reihe moderner Städte in Nordpolen und im heutigen Kaliningrader Gebiet an: Thorn, Kulm, Elbing, Königsberg (Kaliningrad), Pillau (Sowetsk), Tapiau (Gwardejsk) und viele mehr. Doch der teutonische Drang nach Osten war damit nicht beendet. Die Kreuzritter trafen auf einen neuen Gegner – das heidnische Litauen.
Die Litauer waren ein viel gefährlicherer Gegner als die Preußen. Sie hatten, anders als ihre bereits befriedeten entfernten Verwandten, schon in den 1230er Jahren einen Vorläufer eines zentralisierten Staates. Die Litauer konnten Burgen bauen, Feldschlachten führen und vor allem Diplomatie betreiben: zuerst mit den Fürstentümern Nordost-Russlands, dann mit dem südlichen Nachbarn Polen. Kein Wunder, dass die Züge der Teutonen gegen den neuen Feind oft in schmerzhaften Niederlagen endeten, etwa 1298 bei Treiden (heute Sigulda in Lettland). Manchmal musste der Orden seine Expansion ganz einstellen und, wie in den 1320er Jahren, gegen die Angriffe der Heiden verteidigen.
Noch schlimmer: Die Teutonen hatten bis dahin ihre sichere Rückendeckung im Südwesten verloren. Im gesamten 13. Jahrhundert erstarkte das Königreich Polen, und der Ordensstaat wurde für es vom verlässlichen Beschützer zum Hindernis, das den Zugang zur Ostsee erschwerte. 1308 brach zwischen beiden Seiten ein offener Konflikt aus. Die westlichen Nachbarn aus der Mark Brandenburg griffen die polnische Stadt Danzig an. Die Ordensritter erfüllten zunächst ihre Bündnisverpflichtungen und vertrieben die Brandenburger aus der Stadt. Doch König Władysław I. verweigerte die von den Kreuzrittern geforderte Bezahlung für den Einsatz, woraufhin die Teutonen die polnischen Einwohner in Danzig ermordeten und die Stadt unter ihre Kontrolle brachten, umbenannt in Danzig (deutsch: Danzig).
Nach dem Danziger Vorfall verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Orden und Königreich rapide. Aus ehemaligen Partnern wurden erbitterte Feinde.
Falsche Taufe und verhängnisvolles Gelübde
Die Beziehungen zwischen Polen und Litauen hingegen erwärmten sich im gesamten 14. Jahrhundert langsam. Bis Ende der 1370er Jahre hatten die beiden Staaten alle Streitfragen beigelegt und arbeiteten immer häufiger zusammen – vor allem gegen den Deutschen Orden.
Allerdings stand der konfessionelle Faktor der Entwicklung der polnisch-litauischen Union lange im Weg. Die Fürsten in Wilna fürchteten, ihr Land zu taufen, da sie die Treue zum Heidentum als Kern der litauischen Unabhängigkeit ansahen. Doch 1385 fiel auch dieses Hindernis: Litauen und Polen schlossen die Union von Krewo. Der Vertrag sah vor, dass der litauische Fürst Jagiełło den Katholizismus annimmt (bei der Taufe erhielt er den Namen Władysław) im Austausch für die Heirat mit der polnischen Königin Jadwiga und seine eigene Krönung als König von Polen.
In den Jahren 1386-1389 folgte der Union die freiwillig-erzwungene Taufe des gesamten Großfürstentums Litauen. Fast ganz Europa jubelte – der letzte große Heidenherd war endlich gefallen. Doch die Teutonen trauerten: Es schien, als hätten die Polen mit einem einzigen Dokument erreicht, was dem Orden mit vielen Kriegen nicht gelungen war. Und vor allem machte das christliche Litauen die Präsenz der Kreuzritter im Baltikum sinnlos. Gegen wen sollten sie nun eigentlich noch ihr Kreuz tragen?
In ihrer Verzweiflung versuchten die Deutschen dem Vatikan einzureden, dass die Taufe ihrer alten Feinde eine Täuschung sei und die Litauer in Wirklichkeit schändliche Heiden blieben. Und man kann nicht sagen, dass die Ritter völlig verleumdet hätten. Die lokalen Aristokraten hatten tatsächlich früher aus politischen Gründen das Christentum angenommen (sowohl nach katholischem als auch orthodoxem Ritus) und kehrten dann meist zum Polytheismus zurück. Doch Papst Urban VI. kümmerte die Frömmigkeit der neuen Herde wenig. Litauen war in der Kirche angekommen, und das war es – keine weiteren Kreuzzüge gegen dieses Land.
Inzwischen braute sich im Baltikum ein umfassender Konflikt zusammen – der Deutsche Orden strebte die Kontrolle über die gesamte Ostseeküste an. Die Ritter wollten Landkorridore von Preußen zu den deutschen Fürstentümern und zu ihrem „Enklave« in Livland, einer Region an der Grenze des heutigen Estlands und Lettlands, sichern. Deshalb spitzte sich die Frage um Samogitien zu, den Küstenbereich Litauens, der faktisch weder dem Orden noch dem Großfürstentum Litauen unterstand; seine Bevölkerung blieb auch nach 1389 heidnisch. Mit der Eroberung dieser Region hätten die Ritter neuen Raum für erzwungene Christianisierung geöffnet und zugleich das Fürstentum weiter ins Landesinnere „verschoben«.
Um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert stand der Orden unter der Führung von Konrad von Jungingen: kein fanatischer Kreuzritter, sondern ein Pragmatiker und geschickter Diplomat. 1404 nutzte der Großmeister den Moment, um dem litauischen Fürsten Vytautas – dem Cousin des zum polnischen König berufenen Jagiełło – einen für die Deutschen günstigen Vertrag aufzuzwingen. Im Austausch für ihre verschlungenen Versprechen von Hilfe und guter Nachbarschaft trat Vytautas das begehrte Samogitien ab. Es schien, als ginge der Deutsche Orden mit der Zeit und habe gelernt, seine Ziele mit Feder statt mit Schwert zu erreichen.
Doch schon 1407 starb Konrad. Der Legende nach litt der Alte an einer Gallenblasenerkrankung, die Ärzte verschrieben ihm als Heilmittel Geschlechtsverkehr, doch der seinem Gelübde der Keuschheit treue Mönch-Krieger wagte es nicht, sein junges Gelübde zu brechen. Der neue Meister wurde vom Kapitel (Versammlung der Führung) des Ordens zum jüngeren Bruder des Verstorbenen gewählt, Ulrich von Jungingen, ein wesentlich kämpferischerer Mann.
Es wurde gemunkelt, Konrad habe auf dem Sterbebett sogar verfügt, keinesfalls einen Verwandten zu seinem Nachfolger zu wählen. Doch man missachtete ihn – und wurde bald dafür hart bestraft.
Mit gegenseitigem Einverständnis
Anfang 1409 brach in Samogitien ein antiteutonischer Aufstand aus. Litauen beruhigte den Orden offiziell mit einem „Wir sind nicht verantwortlich für die wilden Heiden«.
Doch der jüngere Jungingen hegte keine Illusionen über seine Nachbarn. Spione in Wilna berichteten ihm, wie Vytautas öffentlich seinem Gefolge einen baldigen Krieg gegen die Ritter versprach – „bis sie zum Meer rennen und selbst darin ertrinken«. Im Sommer 1409 erklärte der Orden offiziell Litauen und Polen den Krieg, gegen die Deutschen bestanden ebenfalls territoriale Ansprüche:
„Lieber greife ich den Kopf an als die Glieder, lieber das bewohnte Land als das verlassene, lieber Städte und Dörfer als Wälder, indem ich die Waffe, die gegen Litauen bestimmt ist, gegen das Königreich Polen richte. Wir sehen, dass wir diesen Schaden im Land Samogitien wegen des Königs von Polen und seiner Intrigen erleiden und nicht mehr wegen jemand anderem.«
- Ulrich von Jungingen
Der Meister täuschte sich nicht über das Bündnis zwischen dem polnischen König und dem litauischen Fürsten (ebenfalls 1409 offiziell besiegelt), die Cousins waren. Hier darf man nicht die Unaufrichtigkeit der Freundschaft der beiden Verwandten übersehen – ihre Zweige der litauischen Dynastie kämpften einst erbittert gegeneinander. So wurden etwa die Eltern Vytautas auf Befehl Jagiełłos ermordet. Doch 1409 schienen beide Herrscher entschieden zu haben, dass ein gemeinsamer Triumph über den Orden wichtiger war als alte Jugendkränkungen.
Dennoch bestand noch die Chance, einen großen Krieg zu vermeiden. Zunächst tauschten die Seiten lokale Überfälle aus und übergaben ihre territorialen Streitigkeiten dem Schiedsrichter, dem böhmischen König Wenzel IV. Im Februar 1410 versuchte der Monarch mit einer Salomonischen Entscheidung die Lage zu retten: Der Orden behält Samogitien, übergibt aber umstrittene Grenzgebiete an Polen. Die Teutonen schienen einverstanden, doch ihre Gegner lehnten den Kompromiss ab. Letztlich hatten Vytautas und Jagiełło während der Pause zu viele Vasallen- und Söldnertruppen gesammelt, um sie einfach auseinanderzuschicken.
Im Juni 1410 lief die vereinbarte Waffenruhe ab, und die antiteutonische Koalition begann sofort mit dem Angriff. Die Verbündeten drangen in die Ordensgebiete ein und marschierten auf die feindliche Hauptstadt Marienburg zu. Ihre vielsprachige Armee hinterließ verbrannte Erde, geplünderte Kirchen und Berge von Leichen. Selbst polnisch-litauische Autoren räumten später ein, dass ihr Heer in dieser Kampagne grausam und unmenschlich vorging – es wird berichtet, dass einige litauische Soldaten vom Fürsten Vytautas persönlich gehängt wurden, der zuvor nicht durch Toleranz gegenüber Kriegsverbrechen aufgefallen war.
Doch am Morgen des 15. Juli war der Spuk für die Verbündeten vorbei. Zwischen den Dörfern Grünwald, Ludwigsdorf und Tannenberg tauchten aus dem Nichts die Kräfte des Deutschen Ordens auf. Und nach dem eingangs erwähnten Schwertgeschenk zogen die beiden Armeen aufeinander zu.
Jeder gegen jeden
Mit der Zeit geschah das Unvermeidliche mit der Schlacht von Grünwald. Ihr tatsächliches Ausmaß wurde von späteren Historikern und Schriftstellern vielfach übertrieben. Bis heute findet man Veröffentlichungen, deren Autoren von Hunderttausenden Kämpfern auf beiden Seiten sprechen. Natürlich hätte kein militärisches Genie des mittelalterlichen Europas eine solche Menge zusammenbringen, versorgen und auf dem Schlachtfeld effektiv führen können.
Selbst bei minimalen Schätzungen standen sich am 15. Juli 1410 zwei für ihre Zeit außergewöhnlich große Heere gegenüber. Die Truppen des Deutschen Ordens zählten mindestens 11-15 Tausend Kämpfer, die des gegnerischen Bündnisses mindestens 16-24 Tausend. In beiden Armeen betrug das Verhältnis von Reiterei zu Fußsoldaten etwa 1 zu 2, wobei die Kavallerie die entscheidende Rolle spielte.
Die Ordensarmee war ethnisch nur wenig „deutscher« zusammengesetzt als die Streitkräfte von Jagiełło und Vytautas – diese waren „polnisch-litauisch«. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Armee der beiden Cousins bestand aus verschiedenen „russischen« Untertanen des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen, also Vorfahren der heutigen Weißrussen, Ukrainer und in geringerem Maße Russen. Das lag daran, dass eine der etwa 90 Banner (vergleichbar mit Bataillonen) der vereinten Armee Smolensk repräsentierte, das in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts noch zum Großfürstentum Litauen gehörte. Seite an Seite kämpften mit ihnen Söldner aus Böhmen, Walachei, Ungarn und anderen Teilen Europas und Asiens.
Ethnische Vielfalt war in mittelalterlichen Armeen üblich. Die Armee von Jagiełło und Vytautas überraschte eher durch ihre für die Zeit seltene konfessionelle Vielfalt. Natürlich bestand sie hauptsächlich aus Katholiken und Orthodoxen, aber auch Tataren-Muslime (eine Einheit des auf litauische Seite übergetretenen Hordeprinzen Dschalal ad-Din) und Heiden (Samogiten und andere ungetaufte baltische Stämme) waren vertreten.
Die Armee Ulrich von Jungingens wirkte dagegen vergleichsweise homogen, weil sie fast zu 100 % aus Katholiken bestand. Und im Kern der teutonischen Kräfte – vollwertigen Brüdern, „Halbbrüdern«, Kaplänen und Sergeanten des Ordens – dienten ausschließlich Männer aus verschiedenen deutschen Landen. Doch die Ritter konnten keine großen Operationen ohne die Hilfe von Vasallen (wie den erwähnten polnischen Herzogtümern Stettin und Oels), lokalen Milizen und Söldnern führen.
So kämpften unter den weißen Bannern mit schwarzem Kreuz auf dem Grünwalder Feld Preußen, Lausitzer, Vertreter polnischer Subethnien und dieselben „Gastspieler« aus Ungarn und Böhmen wie auf der anderen Seite. Schließlich gab es unter den Teutonen immer viele Gäste des Ordens – westeuropäische Adelige, die freiwillig Abenteuer in den damals als wild geltenden Gegenden suchten. Kurz gesagt, es war eine typische mittelalterliche Schlacht, bei der die Motivation der Beteiligten von Pflichtgefühl oder Habgier bestimmt wurde, aber keineswegs von einem damals noch unbekannten nationalen Bewusstsein.
Hinter dem glanzvollen Auftakt – ein gnadenloses Ende
Die Aktionen Ulrich von Jungingens waren von Anfang an riskant. Seine Truppen waren zahlenmäßig etwa anderthalbmal kleiner als die des Feindes und zudem nach dem schnellen Marsch nach Süden erschöpft. Nach dem Todessagen war die Ungeduld des Meisters auf eine fortschreitende Katarakt zurückzuführen: Er fürchtete, vollständig zu erblinden, und wollte daher Polen und Litauen besiegen, solange er noch etwas sehen konnte.
Offenbar hatte Jungingen doch einen strategischen Plan. Und mehr noch: Es gelang den Deutschen und ihren Verbündeten teilweise, ihn umzusetzen. Gegen Mittag begann die Schlacht damit, dass die litauisch-tatarische Kavallerie den linken Flügel der Ordenskräfte angriff. Doch die Teutonen hatten diesen Zug vorausgesehen, und die Angreifer wurden zunächst von Bombarden und Armbrustschützen beschossen, dann von der ausgewählten Kavallerie unter dem Ordensmarschall („Kriegsminister«) Friedrich von Wallenrode zurückgeschlagen.
Der Angriff der Einheit Wallenrodes – darunter viele westliche „Gäste« – war erfolgreich. Die Deutschen und ihre Verbündeten zerschlugen den rechten Flügel des Gegners und drangen tief in die Reihen der antiteutonischen Koalition bei Tannenberg vor. Die meisten Litauer zogen sich panisch zurück, während die Polen am linken Flügel ihren Verbündeten kaum zu Hilfe kamen. Es wird angenommen, dass in der Krisenphase den teutonischen Angriff mit hohen Verlusten drei Banner aus dem äußersten Osten des Großfürstentums Litauen zurückhielten: Orscha, Mstislaw und Smolensk. Erst danach stürmten polnische Ritter zusammen mit tschechischen Söldnern auf Wallenrode zu (der Legende nach kämpfte unter ihnen der spätere Held der Hussitenkriege, der legendäre Jan Žižka).
„Du hörst die Messe, und meine Herren liegen fast alle tot da, und deine Leute wollen ihnen keine Hilfe leisten.«
- angeblich von Fürst Vytautas an König Jagiełło gerichtete Vorwürfe
Wie dem auch sei, der teutonische Angriff versandete. Die Kampfformationen der Kreuzritter brachen zusammen, und schlimmer noch: In einem Gefecht fiel Wallenrode selbst. Sein Nachfolger wurde persönlich Jungingen, und dessen Ankunft brachte den Truppen vorübergehend neuen Mut; die Ritter eroberten sogar eine der wichtigsten heiligen Banner der Polen, das Große Krakauer Banner. Doch das Kräfteverhältnis sprach unaufhaltsam für das Bündnis Jagiełło und Vytautas – deren Reserven ständig an die Kampfstätte nachströmten, während die Teutonen nur begrenzte Verstärkungen hatten.
In einer neuen Serie erbitterter Gefechte eroberten die Polen das unglückselige Banner zurück. Bald fiel auch Meister Jungingen, der nie den Rückzugsbefehl gab. Der Tod des Kommandeurs bedeutete in mittelalterlichen Schlachten niemals etwas Gutes – zumal in diesen Minuten noch ein Dutzend hoher Offiziere des Ordens fielen. Letztlich mussten die Ritter und ihre Verbündeten statt eines Rückzugs eine chaotische Flucht antreten.
Am Abend des 15. Juli war die Schlacht vorbei. Das Grünwalder Feld gehörte dem polnisch-litauischen Bündnis und seinen bunt zusammengewürfelten Verbündeten. Das Sammeln der Beute, die Gefangennahme von Gefangenen und die Beerdigung der Gefallenen dauerten bei den Siegern drei lange Tage.
Ein Sieg für viele Völker
Die beeindruckende Größe beider Armeen führte auch zu gigantischen Verlusten. Jagiełło und Vytautas verloren mindestens 4-5 Tausend Tote, die Verluste ihrer Gegner überstiegen sie wahrscheinlich um das Anderthalbfache. Doch das Wichtigste war, dass Grünwald das Gefüge des Deutschen Ordens zerstörte.
In der Schlacht fielen der Großmeister, mindestens 14 Komture (Burgkommandanten) und etwa 200 vollwertige Ordensbrüder, mehr als die Hälfte aller Offiziere der Truppe. Ein solches Loch konnte nur durch einen kolossalen Zustrom von Freiwilligen aus dem Westen gestopft werden. Doch die Berichte aus Preußen, die sich in ganz Europa verbreiteten, nahmen den potenziellen Rekruten jede Lust, sich mit den Verlierern einzulassen.
Es grenzt an ein Wunder, dass die Reste der Kreuzritter unter dem Kommando von Heinrich von Plauen die Belagerung von Marienburg durchhielten. Im Februar 1411 erreichten die Teutonen mit dem vergleichsweise ehrenvollen Frieden von Thorn das Ende des Großen Krieges: Der Orden verzichtete nur vorübergehend auf seine Ansprüche auf Samogitien und zahlte den Siegern eine Kontribution.
Tatsächlich waren die baltischen Ritter bereits dem Untergang geweiht, auch wenn sie ihre politische Einheit auf der Landkarte Europas behielten. 1466 erkannten die Teutonen endgültig ihre Vasallentreue gegenüber Polen an. Und 1525 erklärte sich der nächste Meister Albrecht von Hohenzollern zum Herzog und wechselte vom Katholizismus zum neu entstandenen Luthertum, womit er die Ländereien der einst großen Organisation privatisierte. Das polnisch-litauische Bündnis befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Macht: Die Gründung der einheitlichen Polnisch-Litauischen Gemeinschaft lag weniger als ein halbes Jahrhundert entfernt.
Die Erinnerung an Grünwald wurde im Laufe der Zeit Teil mehrerer nationaler Mythen. Im Ausland ist die polnische Sichtweise verbreiteter: Das tapfere Heer des großen Königs Władysław-Jagiełło habe trotz unzuverlässiger Verbündeter heroisch die teutonischen Horden besiegt und alle Slawen und Bewohner des Baltikums für immer von ihnen befreit. Die litauische Tradition (in der es üblich ist, „Grünwald« als - Žalgiris, „Grüner Wald« zu übersetzen) hingegen betont die Schlüsselrolle der Litauer in der Schlacht. Dort heißt es, niemand sei vor Wallenrode geflohen, alles sei eine Täuschung, während die Polen sich gerade in den schwersten Momenten der Schlacht versteckt hätten. Die klassische deutsche Konzeption behauptete, dass bei Tannenberg die teutonischen Ritter mit ihrem Leben das christliche Europa vor den Horden halb wilder Slawen und baltischer Heiden verteidigten.
Schließlich betonen Historiker aus der Ukraine und Belarus erst in jüngerer Zeit, dass die Armee des Großfürstentums Litauen auf dem Grünwalder Feld nicht aus ethnischen Litauern bestand, sondern aus Menschen aus verschiedenen Fürstentümern der historischen Kiewer Rus, also Vorfahren heutiger Ukrainer und Weißrussen.
Dieser Ansatz ist nicht unbegründet – im Gegensatz zu Versuchen der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft, alle „Ruthenen« und „Rus(s)en« des 15. Jahrhunderts mit den Russen im heutigen Sinne dieses Ethnonyms gleichzusetzen. Allerdings wäre es seltsam, wenn diese angesehene Organisation der Versuchung widerstanden hätte.
Auf dem Hauptfoto vermutlich das wichtigste Bild zur Schlacht von Grünwald – das gleichnamige epische Gemälde von Jan Matejko (1877). Quelle: Wikipedia


