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Aufhebung des RDIF, Schattenflotte unter Piratenflagge und weitere Probleme für Russland durch neue europäische Sanktionen

Das achtzehnte Sanktionspaket der EU wird von russischen Regierungsvertretern wie üblich wegen seiner Unwirksamkeit verspottet. Doch der öffentliche Skeptizismus wird von recht lebhaften Bewegungen des Kremls begleitet. Zufall? Es sieht nicht so aus.
Als die EU zunächst eine Pressemitteilung und dann eine detaillierte Liste der im Rahmen des 18. Pakets verhängten Sanktionen gegen Russland veröffentlichte, reagierte der russische Aktienmarkt nur schwach, und der Ölpreis fiel sogar leicht. Wirklich – was bringen Sanktionen gegen den ehemaligen Filmregisseur und jetzigen Propagandisten Karen Shachnazarow? Oder dass über hundert Tanker der russischen Schattenflotte verboten wurden?
Interessant sind offenbar nur zwei Neuerungen: Erstens ist die „Deckelung« für russisches Öl jetzt variabel – minus 15 % vom durchschnittlichen Marktpreis – und wird alle sechs Monate überprüft; zweitens werden erstmals auch Sanktionen gegen aus russischem Rohöl hergestellte Erdölprodukte eingeführt.
Es ist nun nicht mehr nötig, alle 27 EU-Länder zu überreden, eine weitere Verschärfung der Bedingungen für den Export russischen Öls zu unterzeichnen – alles läuft automatisch.
Was die Beschränkungen für den Export von Erdölprodukten betrifft, soll dies theoretisch verhindern, dass russisches Öl mit Öl aus anderen Ländern vermischt und als indisches oder indonesisches Kraftstoff verkauft wird.
Das klingt zwar gut, sagen Skeptiker, aber die Praxis hat gezeigt, dass Russland nur wenige Monate unter der „Deckelung« für Ölpreise leidet und dann die Lieferungen mit denselben Tankern unter „bequemer« Flagge, von denen es bereits über 800 gibt, fortsetzt. Ja, die Hälfte steht unter EU-Sanktionen, aber sobald ein Tanker umregistriert ist, geht das Spiel von vorne los. Zudem hat sich die Praxis etabliert, Öl auf hoher See von einem „unliebsamen« Tanker auf einen „akzeptablen« umzuschlagen, wobei beide aus Tarnungsgründen ihre Transponder ausschalten. Und das Verbot von Erdölprodukten ist ohnehin lächerlich: Man kann nur mit isotopischen Analysen unterscheiden, aus welchem Öl sie hergestellt wurden. Das ist ungefähr so, als würde man an der Grenze jeden Bürger einem DNA-Test unterziehen – technisch möglich, praktisch unmöglich.
Ähnliches gilt für Sanktionen gegen den Bankensektor. Ja, diesmal sind auch Nischen- und Regionalbanken betroffen, die heute bei Umgehungsgeschäften der Sanktionen mitwirken, ja, auch chinesische Banken wurden erfasst – und was bringt das? Russland ist längst auf Rubelzahlungen im Außenhandel umgestiegen, weshalb der Rubel stark bleibt – die Importeure brauchen keine Dollar mehr. Genauer gesagt ist die Kette etwas komplizierter: Rubel – Krypto – Ware. Und im Handel mit den wichtigsten Partnern wie China, Iran und den VAE (Emirate sind eher ein Handels-Hub für andere Länder) werden bereits digitale nationale Währungen verwendet, was jegliche Kontrolle durch fremde Regulierungsbehörden ausschließt.
Und wieder ist alles richtig, aber es gibt einen Haken. Unter die Sanktionen fiel der Russische Direktinvestitionsfonds (RDIF). Dessen Geschäftsführer Kirill Dmitrijew war an spannenden Verhandlungen mit den Amerikanern über seltene Erden und gemeinsame Projekte in der Arktis beteiligt. Informierte Kreise sagen, er war nicht nur deshalb dabei, weil er mit der Freundin von Putins ältester Tochter verheiratet ist. Der Punkt ist, dass der RDIF in den aktuellen komplexen Abrechnungsketten mit russischen Partnern eine Art Bestätigungszentrum geworden ist – grob gesagt ein Garant dafür, dass niemand den anderen betrügt. So wie dezentralisierte Plattformen für den direkten Kryptowährungsaustausch den Teilnehmern garantieren, dass der Deal zustande kommt.
Ab jetzt kann im Westen niemand mehr über den RDIF arbeiten.
Übrigens gibt es auch bei den Tankern eine Neuerung: Zum ersten Mal sind nicht nur ihre Namen und das Registrierungsland aufgeführt, sondern auch technische Daten: IMO-Schiffsidentifikationsnummern, Routen, Umschlagspläne. Das ermöglicht europäischen Hafenverwaltungen und Versicherern, diese Schiffe zu identifizieren und ihnen die Einfahrt in Häfen sowie Versicherungen zu verweigern. Wahrscheinlich werden so auch zuvor sanktionierte Tanker erkannt.
Das bedeutet, dass die Hälfte der Schattenflotte bereits identifiziert ist. Wenn die zweite Hälfte erkannt wird, werden alle Schiffe der russischen Schattenflotte zu Piratenschiffen, die auf eigene Gefahr fahren. Und übrigens deuten die letzten Zwischenfälle bei der Behinderung der Durchfahrt solcher Tanker durch die Ostseeengen darauf hin, dass die Nutzung der westlichen Seeroute für russische Ölkonzerne bald sehr unpraktisch wird. Und um das Öl zu den östlichen Häfen zu bringen, muss es noch auf der ständig überlasteten russischen Eisenbahn transportiert werden. Was die Durchfahrt durch die Nordseeroute betrifft, so kann diese Exotik höchstens das Selbstbewusstsein der Propagandisten stärken.
Und selbst die Schwierigkeiten bei der Identifikation des Öls, aus dem die Erdölprodukte hergestellt sind, werden überwunden, wenn gezielt einzelne Partien aus bestimmten Ländern mit anschließenden sehr strengen Strafen für Verstöße überprüft werden.
So wurden Banken gezwungen, die Anti-Geldwäsche- und Sanktionsgesetze einzuhalten: ein paar Millionengelderstrafen – und alle wurden zahm wie Lämmer.
Die Financial Times schreibt, dass all diese Maßnahmen kaum wirksam sein werden, wenn sich die USA und die G7 nicht anschließen. Was die G7-Länder betrifft, so werden sie die Initiative höchstwahrscheinlich unterstützen, wenn auch mit einigen Ausnahmen – zum Beispiel ist russisches verflüssigtes Gas für Japan wichtig. Übrigens hat Großbritannien fast gleichzeitig mit der EU eigene Sanktionen verhängt – allerdings hauptsächlich gegen GRU-Offiziere. Interessanter ist die Situation mit den USA.
Das achtzehnte Sanktionspaket wurde von der EU unmittelbar angenommen, nachdem die Slowakei zugestimmt hatte, es im Austausch für gewisse Zugeständnisse zu unterzeichnen. Wahrscheinlich ist das kein Zufall: Normalerweise erpressen Ungarn und die Slowakei auf diese Weise zusätzliche Vorteile, Rabatte und Transfers aus der EU. Es gibt aber noch eine weitere Übereinstimmung – die Änderung der Rhetorik von US-Präsident Donald Trump. Vom Lob für Wladimir Putin wechselte der amerikanische Präsident zu Vorwürfen und Drohungen: Er versprach insbesondere, 100 % Zölle auf russische Waren und Dienstleistungen sowie auf jene zu verhängen, die russische Waren und Dienstleistungen kaufen, aber der Ukraine nicht helfen. Es wurde eine Frist von 50 Tagen eingeräumt, die am 2. September endet – genau zu dem Zeitpunkt, an dem Putin in China zu Gast sein wird.
Die Reaktion auf diese Drohung Trumps war übrigens ähnlich wie auf die europäischen Sanktionen – man sagt, er kann ja drohen, aber wer hört schon auf ihn? Wird China etwa aufhören, russisches Öl und Kohle zu kaufen? Doch gleich danach stellte sich heraus, dass der Kreml nichts dagegen hat, wenn auch Trump am Treffen zwischen Putin und Xi teilnimmt. Und nach der Bekanntgabe der europäischen Sanktionen erklärte Russland außerdem seine Bereitschaft zu einer dritten Verhandlungsrunde mit der Ukraine. Unterdessen erklärte der indische Ölminister aus irgendeinem Grund dass das Land durchaus bereit sei, russisches Öl zugunsten von Nahost-Öl abzulehnen.
Falls die 100%-Zölle auf Waren aller Länder, die mit russischem Export handeln, in Kraft treten, wird China gezwungen sein, nur noch das pipelinegebundene russische Öl zu kaufen, das von externen Beobachtern nicht nachverfolgt werden kann. Wohin soll dann aber 84 % des aktuellen Ölexports, der mit Tankern transportiert wird, hingehen?
Derweil hat die Europäische Union mit der Ausarbeitung des 19. Sanktionspakets begonnen.
Auf dem Hauptfoto – die Flaggen der NATO-Mitgliedsländer vor dem Hauptquartier der Organisation in Brüssel


