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«Du sitzt da und denkst, dass Gott dich bestrafen wird»

Im Jahr 2023, als das Oberste Gericht der Russischen Föderation die nicht existierende «Internationale LGBT-Bewegung» zur extremistischen Organisation erklärte, zog sich die russische Queer-Community endgültig in den Untergrund zurück. Für die Verbreitung jeglicher Inhalte mit LGBT-Erwähnung drohen hohe Geldstrafen oder sogar Strafverfahren. Buchhandlungen verkaufen keine Bücher mehr mit Geschichten über gleichgeschlechtliche Liebe, Online-Kinos entfernen Serien und Filme mit queeren Figuren, und das soziale Netzwerk «VKontakte» blockiert Suchanfragen zu LGBT. Queere Menschen, die bereit waren, darüber zu sprechen, wie sie ihre Identität unter diesen Bedingungen bewahren, mussten sich selbst für Telefoninterviews verstecken – in Wohnungen von Freunden oder sogar im Wald.‍

Der Beitrag wurde vom Team des Projekts «Blaue Capybaras« vorbereitet, in dem Mentor:innen mit angehenden Journalist:innen arbeiten.

Alle Namen der Protagonist:innen wurden auf deren Wunsch zu ihrer Sicherheit geändert

Ohne Festivals und Bibliotheken

Die zwanzigjährige Journalistin Katja lebt in einer großen sibirischen Stadt. In der Oberstufe merkte sie, dass sie Mädchen mochte. Aber darüber zu sprechen, traut sich Katja nicht. Ihr Vater sagte einmal: «Wenn meine Tochter lesbisch wäre, würde ich mich erschießen.» In der Schule wurde Katja wegen ihres Aussehens gemobbt: Jüngere Schüler schrien ihr «Feministin und LGBT-Dreck» hinterher, wenn sie das Mädchen mit knallroten Haaren sahen. Im Jahr 2024, während der Präsidentschaftswahlen, betrat Katja ihre alte Schule zum Wählen – und hörte die gleichen Beleidigungen von denselben inzwischen älteren Kindern.

Sie sagt, dass sie mit der äußeren Homophobie nicht zurechtkommt – der Druck von außen führt auch zu Gefühlen der Selbstablehnung:

«Ein ganzes Land hasst mich einfach nur dafür, wer ich bin.»

Noch vor sechs Jahren nahm Katja mit Freund:innen an einem Cosplay-Festival im örtlichen Staatstheater teil. Im Stadtpark lief Musik, Teilnehmer:innen präsentierten thematische Stände zu ihren Fandoms: Anime, Filmen, Büchern. Nach Katjas Erinnerung zeigten viele beim Event Queer-Symbole, manche wickelten sogar ihre Kinder in Regenbogenflaggen. «Wir haben Fotos gemacht, Spaß gehabt. Ein ganz normales Festival», erzählt sie. Die fünfzehnjährige Katja war damals mit einer Freundin im Regenbogenkostüm dort. Heute haben sie keinen Kontakt mehr: Seit 2022 spricht Katjas ehemalige Freundin öffentlich über «traditionelle Werte», nennt queere Menschen «Abschaum» und unterstützt den Krieg in der Ukraine. Aber zu vielen Freund:innen aus der lokalen Queer-Community, die sie früher bei Theater- und Bibliotheksveranstaltungen traf, hat Katja weiterhin ein gutes Verhältnis.

Im Jahr 2025 sind die Wohnungen von Katjas Freund:innen aus der sibirischen Queer-Szene die einzigen Orte, an denen sie offen über ihre Probleme sprechen können. Festivals, zu denen man im Regenbogenkostüm gehen kann, gibt es in ihrer Stadt nicht mehr. Katja wundert sich, dass noch vor ein paar Jahren die Veranstalter:innen «staatliches Geld» für solche Aktivitäten ausgaben – ihrer Meinung nach konnten sie nicht übersehen, dass Cosplay die LGBTQ-Community anzieht und dass lokale queere Jugendliche oft Zeit in der Bibliothek verbringen. Nach dem Ende der Corona-Beschränkungen für Massenveranstaltungen hörte die Bibliothek auf, Treffen für Jugendliche zu organisieren und bietet nur noch Veranstaltungen für Kinder an. Queer-Clubs und Bars mochte Katja nie besonders, außerdem ist es jetzt wegen Polizei-Razzien gefährlich, sie zu besuchen.

Bis 2021 sprach das Petersburger Queer-Filmfestival «Side by Side» systematisch über LGBT-Probleme in Russland. Die Organisator:innen zeigten Filme nicht nur in St. Petersburg, sondern auch in Moskau, Nowosibirsk, Kemerowo, Tomsk und Perm. 2020 stellte der LGBT-Gegner Timur Bulatow eine Anzeige gegen die «LGBT-Perversen», das Gericht stoppte das Festival wegen Verstoßes gegen die «Selbstisolationsregeln», die Website wurde gesperrt und «Side by Side» sagte die Kinovorführungen ab. 2021 fand das Queer-Filmfestival online statt. 2022 starteten die Organisator:innen ein neues Projekt namens Q-Space in Estland und zeigen seitdem Filme außerhalb Russlands.

Der Festivalsprecher, Journalist und Podcaster Konstantin Kropotkin erinnert sich, dass vor dem Verbot der «LGBT-Propaganda» öffentliche Diskussionen und Buchpräsentationen wichtige Treffpunkte für die Queer-Community in Russland waren. So wurde zum Beispiel der Roman über die Beziehung eines Betreuers und eines Pioniers «Sommer im Pionierhalstuch» zum zweitbeliebtesten Buch der Russ:innen in der ersten Hälfte 2022. Ende des Jahres wurde das Buch aus dem Verkauf genommen auf Antrag von Alexander Chinschtein – damals Abgeordneter der Staatsduma und Mitautor des Gesetzes zum Verbot der «LGBT-Propaganda».

Doch die Zensoren konnten nicht alles kontrollieren, was in den Buchläden erschien, merkt Kropotkin an. 2023 fand auf der Non/fiction-Messe in Moskau die Präsentation des Romans «Bis zum Paradies» von Hanya Yanagihara statt. Die Handlung spielt in einer alternativen amerikanischen Geschichte der letzten drei Jahrhunderte: So wurden in der Romanwelt der USA Ende des 19. Jahrhunderts homosexuelle Beziehungen legalisiert. In diesem Rahmen versucht der Großvater der Hauptfigur, seinen Enkel aus Kalkül zu verheiraten. Laut Kropotkin «haben alle, die es wollten, diesen Roman gekauft, aber ein gewisser Sachar Prilepin und seine Leute haben sich nicht aufgeregt».

«Alle haben mich angeschaut wie eine Giraffe»

Dmitri erkannte mit 14 Jahren, dass er homosexuell ist. Damals suchte er im Internet nach Schwulenpornos und lud sich versehentlich einen Virus herunter. Der Mitarbeiter der Werkstatt, der das Handy reparierte, erzählte Dmitris Vater von dessen Browser-Historie. Das endete in einem Familienskandal: Der Vater schrie Dmitri an, die Mutter schlug vor, zu einer Psychologin zu gehen.

«Die Eltern unterstützen einen irgendwie, aber seltsame Klischees verschwinden nicht», erzählt Dima. So förderte seine Mutter als Kind sein Interesse an Kleidung und kaufte ihm Puppen, für die der kleine Dima Outfits entwerfen konnte. «Ich hatte fast die ganze Kollektion der Disney-Prinzessinnen. Damit prahle ich bis heute», erinnert er sich jetzt, während er sich auf ein Modedesign-Studium vorbereitet. Als Dima sechs war, warf die Mutter auf Drängen der Verwandten die ganze Sammlung weg und erklärte ihm, dass Jungen nicht mit Puppen spielen – kaufte ihm aber heimlich noch eine. Auch das Computerspiel The Sims war ihm angeblich «für Mädchen» verboten (tatsächlich ist das Spiel für jedes Geschlecht, aber im russischen Netz vergleichen manche The Sims mit Puppenspielen).

Dima sagt, dass er als Teenager versuchte, seine Orientierung zu ändern. Die Mutter meinte, das sei möglich. Er schaute Hetero-Sexvideos und probierte eine Beziehung mit einem Mädchen, aber nach ein paar Monaten war ihm klar, dass Frauen ihn nicht anziehen. Er wartete auf die Volljährigkeit, um aus seiner Heimat im Kuban nach Moskau oder St. Petersburg zu ziehen und andere Queers kennenzulernen.

Um mit psychischen Verletzungen umzugehen, suchte Dima professionelle Hilfe. Doch das gewünschte Ergebnis blieb aus. Die Spezialistin aus seiner Heimatstadt erklärte sein Interesse am eigenen Geschlecht mit Vererbung. «Ich habe einen Großonkel, der sich von seiner Frau scheiden ließ und in ein anderes Land zog. Die Psychologin meinte, er sei schwul und ich hätte das geerbt», erzählt er (eine genetische Analyse von Daten einer halben Million Menschen zeigte, dass homosexuelle Orientierung und Verhalten eine genetische Grundlage haben und vererbbar sind, auch wenn kein spezifisches Gen dafür gefunden wurde). Ein Coach, zu dem Dima später ging, behauptete, die Ursache der Homosexualität liege in schlechten Beziehungen zum Vater und schlug vor, stattdessen finanzielle Probleme zu lösen – das sei ihrer Meinung nach das Wichtigste.

In der Oberstufe, als Dima sicher war, dass ihn Mädchen nicht anziehen, fand er Zuflucht im Internet: Er schaute Reality-Shows wie die Kardashians, las Queer-Blogs, schrieb mit Jungs – «alles, um der Realität zu entkommen». Einer dieser Chats half Dima, sich selbst zu akzeptieren. Er konnte erstmals offen einem neuen Bekannten Fragen zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen stellen: «Er war 25, ich 16. Ich habe einfach geschrieben und gefragt.» Außerhalb des Internets erzählte Dmitri bis zu seinem 18. Geburtstag nur wenigen Freunden, dass er schwul ist. Wegen seines wenig maskulinen Aussehens wurde er in der Schule gemobbt. «Aber ich habe getanzt, daher waren meine Beine stark. Sobald sie anfingen, gab’s einen Tritt in den Bauch, und dann ließen sie mich in Ruhe», fügt er hinzu.

Nach dem Schulabschluss unterschrieb Dima einen Vertrag mit einer Modelagentur in St. Petersburg. Zunächst lief die Karriere nicht – nach drei Monaten bekam er nur ein kommerzielles Shooting und arbeitete als Verkäufer in einem Bekleidungsgeschäft. Er mochte, dass der Arbeitgeber gleich sagte: «Bei uns gibt es keine Homophobie. Wir stellen niemanden herab.» Bald wurde Dmitri für ein Fashion-Shooting nach Shanghai eingeladen. «Ich konnte im durchsichtigen Top auf die Straße gehen. Die Passanten schauten mich fasziniert an», erinnert er sich. «Als ich in meiner Heimat die Stirn blond färbte, haben mich alle wie eine Giraffe angestarrt. So herumzulaufen war gefährlich.»

In der professionellen Modelszene musste sich Dmitri nie wie eine «Giraffe» fühlen: «Dort ist das Verhältnis 50:50 oder 60:40 zwischen Schwulen und Heteros.» Aber außerhalb der Fotostudios fühlt er sich nicht sicher. Zum Beispiel im Kuban, als Dima nach einem Shooting im löchrigen Pullover unterwegs war, riefen ihm die Leute hinterher: «Bist du schwul?».

Kino und die Schere der Zensur

Filme und Serien mit queeren Figuren sind in vielen Ländern der Welt längst selbstverständlich. Im russischen Verleih aber nicht mehr. 2025 zählte das Medium «Verstka» nach, dass von 71 Serien mit LGBTQ-Handlung auf «Kinopoisk» nur 25 Projekte verfügbar waren. Weitere 16 Serien lassen sich nur per Direktlink finden, nicht über die Suche. Außerdem schneidet das Online-Kino Szenen mit queeren Figuren heraus.

Eine der Serien, die entfernt wurden, war die US-Produktion The L Word über das Leben von acht lesbischen Frauen. Im russischen Internet ist sie als «Sex in einer anderen Stadt» bekannt. Journalistin Katja sah sie 2023 auf einer Piratenseite. Die Handlung dreht sich um Wahlkampf, Scheidungen, Beziehungen, Jobsuche, Freundschaft, Barbesuche. «Es geht nicht um Homophobie in unserer schrecklichen Welt. Das hat mir sehr geholfen, mich selbst zu akzeptieren», erzählt Katja.

Sie wählt Filme, in denen die Probleme der Figuren nicht im Mittelpunkt stehen, weil sie queer sind: «Ich mag Filme über normale Menschen, wo Homosexualität kein eigener Handlungsstrang ist, sondern einfach Teil der Biografie. Warum muss es immer eine große Vorgeschichte geben, wie die Figur merkt, dass sie homosexuell ist? Was für ein Drama! Schrecklich!» Einer von Katjas Lieblingsfilmen ist «Happiest Season» mit Kristen Stewart. Dort werden die Schwierigkeiten von LGBT-Figuren im Umgang mit Eltern und untereinander gezeigt. Unter den Serien nennt Katja das russische Krimidrama «Der Lauf der Schnecken»: «Die Beziehungen der Hauptfiguren sind kompliziert. Aber nicht wegen der Homosexualität, sondern wegen der schwierigen Charaktere.»

Szene aus der Serie «Der Lauf der Schnecken» (2021)

Auch Streaming-Plattformen sind unzufrieden mit dem Gesetz, das sie zur Selbstzensur zwingt und in Konkurrenz zu Piratenseiten setzt. Videohosts, die das Urheberrecht verletzen, werden nicht von Roskomnadzor kontrolliert und können daher Szenen zeigen und Hinweise weglassen.

Vor dem Verbot der «LGBT-Propaganda» veröffentlichte der Dienst «Kinopoisk» Artikel über die Geschichte des Queer-Kinos, LGBT in sowjetischen Filmen und Popkultur. 2021, im Jahresrückblick, hob Journalist Konstantin Kropotkin drei russische Filme mit queeren Figuren hervor. «Abteil Nummer sechs» ist ein Film über die Reise der finnischen Studentin Laura von Moskau nach Murmansk. Unterwegs merkt Laura, dass ihre Liebe zur Moskauerin Irina unerwidert bleibt, und lernt den charmanten Arbeiter Ljocha kennen. «Tag der Toten» ist ein weiteres Roadmovie, in dem eine Mutter nach dem Tod ihres Sohnes versucht, seine Homosexualität zu akzeptieren. Die Serie «Psycho» zeigt den erfolgreichen Moskauer Artem, der mit innerer Homophobie kämpft und sich Beziehungen mit Männern nur im Ausland erlaubt. Schon damals betonte Kropotkin: «Gewiss ist manches schon unwiederbringlich verloren. Zum Beispiel die Freude an ungeschnittenen Filmen, am Kennenlernen der künstlerischen Absicht, die nicht von der Zensur-Schere berührt wurde.»

2024 erhielt der russische Film «Ferien» das Label «queer» von Filmkritikern – er handelt von der Beziehung zwischen der strengen Lehrerin Maria und der jungen Theaterleiterin Tanja. Journalistin Katja erinnert sich, wie sie eines Nachts eine Show im Ersten Kanal sah, in der Moderator Alexander Gordon fragte: «Gibt es im Film einen Subtext sexueller Beziehungen zwischen den Heldinnen?» Aber eine direkte Antwort findet das Publikum weder im Film noch im Interview mit Regisseurin Anna Kuznetsova.

Daria Saweljewa und Polina Kutepowa im Film «Ferien» (Regie: Anna Kuznetsova, 2022). Quelle: kinopoisk.ru

«Ideale Rahmenbedingungen [für Repräsentation] – das Maximum an künstlerischem Produkt, das das Publikum erreicht. Wenn die Macher:innen eines Films oder einer Serie es für wichtig halten, über eine queere Person zu erzählen, ist es die heilige Pflicht des Verleihs, das Werk so zu zeigen, wie es geschaffen wurde. Jeder Schnitt verfälscht die künstlerische Aussage und die Wahrnehmung des Publikums. Bei positiver Repräsentation sollte es eine Person oder Figur sein, die gleichwertig mit der Welt ist, die dreidimensional und holografisch ist», meint Konstantin Kropotkin.

Filme, in deren Figuren russische Queer-Zuschauer:innen Unterstützung, Identifikation und Anknüpfungspunkte finden können, sind laut dem Kritiker Werke georgischer Regisseur:innen, etwa «Crossing» – darin sucht eine Geschichtslehrerin aus Batumi ihre trans Nichte. Aus russischen Projekten nennt Kropotkin die Spielfilme «Schlechte Tochter» (2020) über ein erzwungenes Coming-out in der Familie, «Sascha» (2022) über eine Schülerin, die nach einem Umzug von neuen Freund:innen für einen Jungen gehalten wird, sowie die Doku «Übergang verboten» (2024) über das Leben von trans Personen nach der Emigration in die Niederlande.

Wegweiser in die Queer-Community

Im sozialen Netzwerk «VKontakte» erscheinen bei der Suche nach «LGBT» im Bereich «Communities» für russische Nutzer:innen ohne VPN keine Suchergebnisse. Das Netzwerk zeigt an, dass die Suchanfrage in Russland nicht zulässig ist. Doch das war nicht immer so. 2016 wurde «VKontakte» für die Collage-Künstlerin Polina zum «Wegweiser in die Queer-Community». Früher konnte man dort Communities, Fanfictions, Artworks, Fotos und Filme mit Queer-Bezug finden.

Mit 13 entdeckte Polina in einer dieser Gruppen die norwegische Serie «Skam» und schaute sie jeden Morgen um sechs vor der Schule. Ihre Lieblingsstaffel ist die dritte: Dort geht es um Isak Valtersen, der sich in den älteren Schüler Even verliebt. Zur gleichen Zeit begann Polina, Fanfictions über Thomas Newt, eine Figur aus dem Film «Maze Runner», zu lesen. Obwohl Newt im Film nicht schwul ist, verbanden ihn manche Fans mit einer anderen Figur und ließen ihrer Fantasie freien Lauf.

Als Teenagerin hielt Polina ihr Interesse an der LGBTQ-Community nicht für etwas Ernstes. «Ich denke, als ich schwule Fanfictions las, half es mir, Gefühle zu erleben, aber nicht auf mich selbst zu beziehen. So ist es einfacher, oder? – meint die Künstlerin. – Wenn du deine Orientierung nicht akzeptierst, schiebst du die Reflexion darüber weit weg.»

Heute ist einer von Polinas Lieblingsfilmen mit queeren Figuren «Little Ashes» über den Künstler Salvador Dalí.

Robert Pattinson im Film «Little Ashes» (Regie: Paul Morrison, 2008). Quelle: kinopoisk.ru

In Polinas Wohnung ist ihr Interesse an Kunst sichtbar: Im Regal liegt das Magazin «Dialoge über Kunst», ihre eigenen Collagen stehen gerahmt herum. Ein Rosenstrauß in einer Vase – ein Geschenk von Polinas Freundin. Laut der Collage-Künstlerin half ihr die Beziehung zu ihrer Partnerin, sich vollständig zu akzeptieren. Außerdem sucht Polina unterstützende Freund:innen und liest unabhängige Medien, die über LGBTQ-Themen berichten.

Die einzige Frage, die ihr bleibt: Wird ihre Familie ihre bisexuelle Orientierung akzeptieren? «Mein Vater wird ausrasten. Wenn er es nicht akzeptiert, wird das ein großer Schlag für mich», sagt Polina.

Sicherer Raum für Eskapismus

Was sollen russische Queers tun, die es gewohnt sind, Gleichgesinnte in sozialen Netzwerken zu finden? Die Sibirierin Tonja merkte mit 14, dass sie Mädchen mochte – damals ging sie auf eine humanistische Schule mit dem Ruf «da lernen alle LGBT-Leute». Zu der Zeit hatte sie eine VKontakte-Seite, auf der sie Fanfictions über gleichgeschlechtliche Beziehungen postete. In diesem Netzwerk lernte Tonja auch ihre Ex-Freundin und eine Freundin kennen, bei der sie jetzt in St. Petersburg wohnt.

Eine der queersten Fangemeinden hält Tonja für die Zuschauer:innen der Show «Improvisation» auf TNT. Nutzer von X (vormals Twitter) sowie Fanfiction-Autor:innen und —Leser:innen fantasierten, dass die Moderatoren Anton Schastun und Arsenij Popow ein Paar seien. Sie selbst nennt als prägende Geschichte die Serie «Supernatural». Einer ihrer Lieblingscharaktere aus dieser Dark-Fantasy-Serie ist der Dämonenjäger Dean Winchester.

- Es ist cool, wenn es eine Figur gibt, die nicht als queer geschrieben ist, aber in der etwas steckt. Die Repräsentation im Film ist oft Mist. So verhält sich niemand im echten Leben. In den Medien sind viele Queers offen, sie haben gleichgeschlechtliche Beziehungen. Ich schaue das und denke: «Tja, verdammt, bei mir wird das nie so sein.» Deshalb finde ich Figuren, die noch im Schrank sind – noch in der Phase der Selbstakzeptanz. Sie sind wie ich, – sagt Tonja.

Die romantische Beziehung zwischen Dean und Castiel wird in der Serie «Supernatural» von deren Dialogen angedeutet: Dean sagt zum Beispiel, dass Castiel seine Familie sei. Die Macher bestätigten nie, dass Dean und Castiel ein Paar sind, weshalb einige Fans den Schöpfern Queerbaiting vorwerfen.

Szene aus der Serie «Supernatural» (2005–2020)

Mit 24 glaubt Tonja nicht, dass sie ihre Orientierung je ganz akzeptieren kann. Die Eltern fragen immer wieder, ob sie einen Freund hat. Sie hat Angst vor ihren Angehörigen, deshalb denkt sie nicht einmal an ein Coming-out: In ihrer religiösen Familie gilt, dass «Gott das alles [Queer-Sein] nicht mag». Früher schaute Tonja mit der Familie «Bohemian Rhapsody» – das Musical über Freddie Mercury, den Sänger von Queen. Damals waren die Älteren bereit, die Idee zu akzeptieren, dass «Schwule auch gute Menschen sein können», auch wenn sie komisch wirken, meint sie. «Die Messlatte für Repräsentation war extrem niedrig, aber die Leute wussten wenigstens, dass es Schwule gibt», erinnert sie sich.

Nach dem Verbot der «LGBT-Propaganda» in Russland begannen Tonjas Angehörige zu sagen, dass Queers besser von der Gesellschaft isoliert werden sollten. Jetzt denkt sie immer wieder über die Sündhaftigkeit ihrer Liebe nach:

«Gott hat gesagt, man muss Schwule töten. Aber Gott vergibt alles, weil er dich liebt – er hat dich nach seinem Ebenbild erschaffen. Wo ist das Problem? Aber trotzdem sitzt du da und denkst, dass Gott dich bestrafen wird.»

Um sich von düsteren Gedanken abzulenken, hilft Tonja die virtuelle Welt. 2022 schloss sie ihre VKontakte-Seite und schaut jetzt Queer-Content auf TikTok, diskutiert Gesehenes auf X: «Du gehst auf Twitter, da hat jemand Fanart von deinen Typen [schwulen Figuren] gepostet – und du denkst: ‚Oh, wie schön‘.» Russischsprachige Queer-Nutzer:innen auf X teilt Tonja grob in Aktivist:innen- und Fandom-Communities. Sie selbst gibt zu, keine Kraft zu haben, etwas zu verändern, und sieht soziale Netzwerke als sicheren Raum für Eskapismus.

«Grundlegender Rat: ins Ausland gehen»

Semjon ist in Moskau aufgewachsen. Mit 16 merkte er, dass er sich zu Menschen seines eigenen Geschlechts hingezogen fühlt, und mit fast 20 erkannte er sich als nichtbinäre Person. In der Schule schauten seine Mitschülerinnen Videos von internationalen Queer-Bloggern wie Troye Sivan, Connor Franta oder dem schwulen Paar Alex Bertie und Jake Edwards.

Alex Bertie und Jake Edwards. Quelle: Pinterest

Während der Pandemie startete Senja einen YouTube-Kanal, auf dem er Gespräche mit einer Freundin über Gender und Orientierung veröffentlichte. Durch diesen Kanal erfuhr Sennjas Vater von dessen sexueller Identität.

- Er akzeptierte mich nach dem Prinzip Fake it till you make it. Es war für ihn etwas schwierig und komisch. Gleichzeitig verlangt seine politische Einstellung, dass er tolerant ist, also bemüht er sich, sich so zu verhalten, – erklärt Semjon.

Als Teenager teilte Senja Gedanken über Queerness auf Twitter, «so eine eigene kleine Welt», und engagierte sich aktivistisch – das gab ihm Halt und Hoffnung. 2018 ging er für ein Jahr zum Studium in die Niederlande, wo er seine homosexuelle Orientierung und nichtbinäre Identität akzeptierte. Nach der Rückkehr nach Russland nahm er an Protesten gegen den Ausschluss der Opposition von den Moskauer Stadtratswahlen teil: «Das war ein plötzlich erhebender Moment. Damals wollte ich in Russland bleiben und das Leben hier verändern.» Er fand auch Unterstützung durch die Arbeit in einem Shelter für LGBTQ+ und feministische Aktivist:innen, wo sie nach anstrengender Arbeit ausruhen konnten.

2021 begann Semjon ein Designstudium und setzte sich weiterhin für Feminismus ein. Jetzt engagiert er sich in einem libertären Feminismus-Projekt, das Menschenrechte verteidigt und Vorträge und Festivals veranstaltet. Nach dem Bachelor plant Semjon aber, dem Rat der Eltern zu folgen und auszuwandern: «Mein Vater schlägt regelmäßig die Hände über dem Kopf zusammen und sagt, dass ich getötet oder eingesperrt werde. Sein Grundrat seit ich 12 bin: Geh in ein anderes Land.»

Psychologin Julia Nikonorowa arbeitet ehrenamtlich bei «Vyhod»* – einer NGO, die LGBTQ-Menschen aus Russland unterstützt. Ihrer Beobachtung nach empfinden Menschen innere Homophobie, wenn sie keinen unterstützenden Kreis und keinen Raum für Selbstausdruck haben. «Die meisten, die sich aus Russland an ‚Vyhod‘ wenden, fühlen sich in der Falle. Homosexualität ist nicht nur ein Wort. Die Orientierung beeinflusst Aussehen und Selbstwahrnehmung. Manche Menschen haben Angst, das Haus zu verlassen, und setzen sich selbst unter Hausarrest. Es gibt sehr viel Angst», berichtet Julia. Ihrer Meinung nach bereiten sich die meisten von «Vyhod» betreuten Personen auf die Auswanderung vor: Sie lernen Fremdsprachen, suchen Jobs im Ausland und Informationen über Asyl.

Semjon aus St. Petersburg plant, sich für ein Masterstudium im Ausland zu bewerben. Die sibirische Journalistin Katja besucht oft Freund:innen in Georgien, wo sie laut eigener Aussage sie selbst sein kann – und bemerkt nach der Rückkehr, wie viel Selbstzensur sie sich zu Hause auferlegt. Wegen der Homophobie antwortet Katja auf Fragen zur Orientierung lieber: «Ich treffe mich nicht mit Jungs.» Für dieses Interview sprach sie per Zoom aus der Wohnung einer Freundin: Im Elternhaus hat sie Angst, laut über ihre sexuelle Identität zu sprechen, selbst wenn sie sich ins Zimmer einschließt – jemand könnte es hören. Und Dima aus dem Kuban rief aus dem Wald an. Während er sich auf das Modedesign-Studium vorbereitet, lebt er bei den Eltern und traut sich nicht zu sagen, dass er davon träumt, Russland zu verlassen und die Liebe zu finden.

Auch Collage-Künstlerin Polina möchte im Ausland leben und studieren – dort, wo sie ihre Freundin offen lieben kann: Händchen halten, küssen, eine gemeinsame Zukunft planen. In Russland ist all das für Queers unmöglich. «Das sind keine Schwierigkeiten, das ist die Hölle. Und ich habe nicht vor, damit klarzukommen», sagt Polina. «Man sollte nicht aushalten, wenn es auch nur die geringste Chance gibt, ein Umfeld zu finden, in dem man nicht gesteinigt wird, nur weil man so ist, wie man ist.»

*in der Russischen Föderation als ausländische Agenten eingestuft

Hauptfoto – Szene aus dem Musikvideo zum Song «Ya soschla s uma» von t.a.T.u. Quelle: YouTube

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