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«Frankreich braucht nicht die Wahrheit. Es braucht Hoffnung»

Schon als Präsident sagte de Gaulle gern, er sei der einzige Politiker, der die Interessen Frankreichs verteidige, weil ihn sowohl Linke als auch Rechte kritisieren. Darin steckt ein Fünkchen Wahrheit.

Ein Wandbild mit Szenen aus dem Leben von Charles de Gaulle im Tourismusbüro in Colombey-les-Deux-Églises. Foto: Wikipedia

Am 25. August 1944 wurde Paris von der deutschen Besatzung befreit. Am Abend desselben Tages kam General de Gaulle zum Rathaus – Hôtel de Ville – und hielt vor den versammelten Parisern eine historische Rede. «Paris! Geschändetes, verwundetes, vielgeprüftes, aber freies Paris! Paris, das seine Freiheit selbst erkämpft hat, Paris, befreit von seinem eigenen Volk mit Unterstützung der französischen Armeen, mit Unterstützung ganz Frankreichs, das kämpft, Frankreich allein, wahrhaftig und ewig«, rief der Chef des Freien Frankreichs aus, dessen donnernde Stimme weitaus bekannter war als seine zwei Meter große majestätische Gestalt und sein langgezogenes Gesicht mit Perlenaugen und großer Nase. Der »Mikrofon-General« – wie ihn die nationalsozialistisch-vichyistische Propaganda wegen seiner legendären BBC-Radiosendungen nannte – war erstmals seit Kriegsbeginn leibhaftig in der Heimat erschienen. Seine improvisierte Rede markierte nicht nur die Befreiung Frankreichs und seiner Hauptstadt, sondern gebar auch den gaullistischen Mythos, der nicht nur das Schicksal des Generals selbst, sondern auch die Geschichte seines Landes veränderte.

General Charles de Gaulle, Präsident des Französischen Nationalkomitees der Befreiung, spricht am 20. August 1944 vom Balkon des Rathauses zu den Einwohnern von Cherbourg. Foto: Wikipedia / US Army

In seiner Rede erwähnte de Gaulle weder die alliierten Truppen noch den Nationalen Widerstandsrat, dessen Beitrag zur Befreiung von Paris und Frankreich unschätzbar war. So legte er den Grundstein für seine eigene Mythologie.

Erstens erklärte de Gaulle de facto sich selbst zum Befreier Frankreichs und von Paris.

Zur rechten Zeit am rechten Ort gelang es dem General nicht nur, seine eigene Legitimität – die von anderen Widerstandskämpfern heftig bestritten wurde – zu bestätigen, sondern ihr auch eine landesweite, nationale Dimension zu verleihen, als sei er die Verkörperung jenes «kämpfenden Frankreichs».

Zweitens schuf de Gaulle einen weiteren Mythos, den der Historiker Henri Rousso später den «Widerstandsmythos» nannte. Der Widerstandsmythos besagt, dass die Franzosen überwiegend sowohl gegen die Deutschen als auch gegen die mit den Besatzern kollaborierenden Landsleute Widerstand geleistet hätten. Er entstand irgendwo an der Grenze zwischen de Gaulles aufrichtigen – und sehr mystischen – Glauben an ein ewiges, großes und makelloses Frankreich und der Absicht, die historische Realität für seine politischen Interessen zu verfälschen.

De Gaulles dreibändige «Kriegserinnerungen» beginnen mit diesen kultigen Worten: «Mein ganzes Leben hatte ich eine bestimmte Vorstellung von Frankreich». Dieses Bild stand oft im direkten Widerspruch zu historischen Fakten. Denn der General erkannte schnell, dass Geschichte vor allem ein nationaler Mythos ist, dessen Autor und Figur er selbst sein konnte.

1969 vollendete Marcel Ophüls seinen berühmten Dokumentarfilm «Das Leid und die Schande», in dem er die «andere» Geschichte der deutschen Besatzung erzählte und frontal den Widerstandsmythos angriff. Der Film wurde zensiert und nicht im Fernsehen gezeigt. Später berichtete Ophüls, dass, als man de Gaulle fragte, warum der Film nicht ausgestrahlt wurde, dieser geantwortet habe: «Frankreich braucht nicht die Wahrheit. Es braucht Hoffnung».

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Die Wurzeln des gaullistischen Mythos reichen bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs zurück. Die Rede mit dem Aufruf zum Widerstand, die de Gaulle am 18. Juni 1940 in London hielt, wurde zunächst zur Visitenkarte des Generals und dann – noch während des Krieges – zu einem der zentralen Elemente seiner Symbolik. Interessanterweise hörten nicht viele seiner Landsleute diesen berühmten Aufruf. Historiker gehen davon aus, dass diejenigen, die ihn hörten, ihn nicht verstanden, und diejenigen, die ihn verstanden und beschlossen, zu den Waffen zu greifen, ihn nicht hörten. De Gaulle verlieh seinem Aufruf eigenhändig eine grundlegende Bedeutung für sein Image, indem er ihn während des Krieges jeden 18. Juni erwähnte. In seiner Interpretation war er der erste Widerstandskämpfer, der einzige, der in einer nationalen Katastrophe und allgemeiner Verwirrung den Mut hatte, Gleichgesinnte zu vereinen und den Kampf fortzusetzen. Diese politische Erzählung – historisch gesehen zumindest gewagt – half de Gaulle nach seiner Rückkehr an die Macht 1958 immer wieder.

Charles de Gaulle am Mikrofon im BBC-Studio in London, zwischen 1940 und 1943. Foto: Wikipedia / Keystone-France

Die politische Langlebigkeit des Generals – fast dreißig Jahre auf der französischen politischen Bühne – erklärt sich weitgehend durch seine raffinierte Fähigkeit, seine historische Legitimität als Chef des Widerstands zu nutzen, als Mensch, der per Definition Frankreich und seinen Idealen treu ist, im Gegensatz zu denen, die durch Kollaboration mit dem Feind diese verraten haben.

Die Geschichte de Gaulles ist die Geschichte der Fähigkeit, Macht, Kultur und Werte so zu verkörpern, dass Millionen Franzosen im gaullistischen politischen Bild etwas Vertrautes und Ähnliches zu sich selbst finden konnten – etwas Eigenes.

Der Historiker Jean Garrigues schrieb, dass die Einzigartigkeit und Universalität der Figur des Generals darin besteht, dass er den klassischen heroischen Rollentriptychon der französischen Geschichte verkörpert hat: den Einiger, den Kämpfer und den Propheten. So erfüllte er gleichzeitig drei fundamentale politische Funktionen, die keinem seiner Vorgänger, die die Republik führten, gelangten – die Franzosen zu vereinen, sie zu schützen und zu neuen Träumen zu inspirieren. Wahrscheinlich gelang das nur zwei französischen Führern – Ludwig XIV. und Napoleon Bonaparte. Diese hielten sich allerdings keineswegs an demokratische und republikanische Überzeugungen. Wie republikanisch war de Gaulle selbst?

Schon als Präsident sagte de Gaulle gern, er sei der einzige Politiker, der die Interessen Frankreichs verteidige, weil ihn sowohl Linke als auch Rechte kritisieren. Darin steckt ein Fünkchen Wahrheit. 1946 verließ de Gaulle die Regierung, weil er der Ansicht war, dass durch die Sozialisten und vor allem die Kommunisten das «Parteienregime» ins Land zurückgekehrt sei, das es sechs Jahre zuvor zugrunde gerichtet hatte. Weil er nicht an politischen Machtspielen, Koalitionen und anderen ideologischen Spielen teilnehmen wollte, zog sich der General auf sein Landgut im Dorf Colombey-les-Deux-Églises zurück.
Abgesehen von seltenen öffentlichen Auftritten und Pressekonferenzen verschwand de Gaulle praktisch von der Bildfläche. Er konzentrierte sich auf zwei Hauptprojekte.

Links: Charles de Gaulle in Colombey-les-Deux-Églises, um 1950; rechts: de Gaulles Buch «Kriegserinnerungen» mit seiner Unterschrift. Foto: Wikipedia

Zunächst begann de Gaulle mit dem Schreiben seiner Erinnerungen, um den Franzosen sowohl seine eigene Rolle in ihrer Geschichte als auch seine Sicht auf diese Geschichte zu vermitteln. Außerdem arbeitete er weiter an der radikalen Reform der französischen Institutionen und verfeinerte den im Juni 1946 in Bayeux vorgelegten Entwurf einer neuen Verfassung. Der General spürte, dass ihm noch eine bestimmte Rolle in der Geschichte Frankreichs bevorstand.

Nach zwölf Jahren Exil in Colombey wartete de Gaulle schließlich auf seine Rückkehr. Oder besser: auf den Aufruf zur Rückkehr. Die französische Regierung, die im Algerienkrieg versank, verlor die Kontrolle über das Militär an der gegenüberliegenden Mittelmeerküste. In dem Verdacht, dass Pariser Politiker Algerien der Front de Libération Nationale «ausliefern» wollten, entschied das Militär, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Am 13. Mai 1958 organisierten sie in der Hauptstadt der Kolonie Massenkundgebungen zur Unterstützung «des französischen Algeriens». Auf Initiative des jungen Gaullisten Léon Delbecq erklärten die Generäle Massu und Salan die Gründung eines Komitees zur öffentlichen Rettung. Bald wurde die Hauptforderung der Aufständischen der Machtwechsel in Paris – und die Rückkehr von General de Gaulle.

Der Untergang der parlamentarischen Vierten Republik, zu der de Gaulle von Anfang an verurteilt hatte, trat schließlich ein. Der General trat erneut als Retter Frankreichs auf – als selbstloser und unendlich seinem Vaterland treuer Franzose des Juni 1940, von dem das Schicksal des Landes abhing. Doch hinter dieser triumphalen Rückkehr in einem dramatischen Moment standen viele unerfüllte Hoffnungen.

Während der Algerienkrise hatte de Gaulle nur einen Trumpf im Ärmel – das Schweigen. Niemand wusste genau, wie seine Position zu dieser Frage war, deshalb setzte jeder seine eigenen Hoffnungen in seine Rückkehr.

Die Generäle Massu und Salan waren fest davon überzeugt, dass de Gaulle sich niemals trauen würde, Algerien aufzugeben. Aber der Chef des Widerstands, der lange Zeit bewusst eine ambivalente Haltung bewahrte, hatte nicht vor, die nordafrikanische Kolonie zu halten, die er – ebenso wie andere Teile des französischen Imperiums – als ernsthaftes Hindernis für die wirtschaftliche und politische Entwicklung Frankreichs ansah. Während das Lager der Unterstützer des «französischen Algeriens» in der Illusion eines gelungenen politischen Manövers lebte, gingen Kommunisten und Sozialisten auf die Straße, um gegen den gaullistischen «Staatsstreich» zu protestieren. Dass die Rückkehr des Generals zum Teil das Ergebnis des Drucks des Militärs war, war nur eine Seite der Medaille; die Bedingung dafür war ein Blankoscheck für die Ausarbeitung einer neuen – deutlich präsidialeren, bonapartistischen – Verfassung, die dem Geist der französischen Linken völlig fernstand. De Gaulle wurde schnell einerseits des Verrats an Frankreich und seinem Imperium bezichtigt, andererseits des Vorhabens, diktatorische Vollmachten zu erlangen.

Charles de Gaulle in Uniform bei einer Fernsehansprache, in der er das französische Volk auffordert, seine Algerienpolitik zu unterstützen, 29. Januar 1960, während der «Barrikadenwoche». Foto: Wikipedia / Lindeboom, Henk / Anefo

Diese Episode sagt viel über das mythologische Bild de Gaulles aus. In den zwölf Jahren, die er in Colombey verbrachte, begann die französische Gesellschaft, den General als Weisen, als Hüter der Nation wahrzunehmen, der sich zurückgezogen hatte in Erwartung einer neuen Katastrophe, eines weiteren Hilferufs. De Gaulle untermauerte diese Wahrnehmung durch die Veröffentlichung seiner Erinnerungen, deren erster Band 1954 in die Hände der Leser gelangte.

Darin legte er nicht nur seine oft widersprüchliche Sicht auf den Zweiten Weltkrieg und den Widerstand dar, sondern gewährte den Franzosen auch Einblick in sein Bewusstsein, seine Vorstellungskraft, seine Briefe. Das erste Buch verkaufte sich wie warme Semmeln – im ersten Monat wurden hunderttausend Exemplare verkauft. Außerdem festigte de Gaulle endgültig seinen Status als «parteiloser» Politiker, indem er sich weder den Linken noch den Rechten zuordnete. «Frankreich ist alles auf einmal. Die Linken sind nicht Frankreich! Die Rechten sind nicht Frankreich! Frankreich sind alle Franzosen zusammen», erklärte er 1965. Er selbst, Charles de Gaulle – Retter Frankreichs, vergleichbar mit Jeanne d’Arc – war der Einzige, der Anspruch darauf haben konnte, alle Franzosen zusammen zu verkörpern.

Die Frage, ob de Gaulle links oder rechts war, bleibt bis heute eine schwierige Aufgabe für jeden Studenten der Politikwissenschaft.

Nach der Befreiung Frankreichs führte de Gaulle eine Übergangsregierung an, die Vertreter verschiedenster politischer Kräfte vereinte. Sie alle, von den Anhängern des Generals bis zu den Kommunisten, verband der Widerstand. Eine der wichtigsten Aufgaben der Übergangsregierung war es, das politische Programm «Glückliche Tage» umzusetzen, das 1944 vom Nationalen Widerstandsrat entwickelt worden war. Es war ein Projekt radikaler gesellschaftlicher Transformation Frankreichs, das viele von linken Ideen inspirierte Maßnahmen enthielt.

Es war die Regierung de Gaulles, die Frauen das Wahlrecht gewährte, die Banken verstaatlichte und das Streikrecht als verfassungsmäßig anerkannte, ganz zu schweigen von der Schaffung eines großartigen Sozialsystems, das aus Frankreich einen echten Wohlfahrtsstaat machte. Wie konnte es sein, dass das Idol der französischen Rechten Reformen durchführte, die dem Front populaire würdig waren? Mehr noch: Schon als Präsident erklärte der General, dass «der Kapitalismus aus humanistischer Sicht keine zufriedenstellende Lösung anbietet». War de Gaulle vielleicht Kommunist?

Charles de Gaulle, 1910. Foto: Wikipedia

De Gaulle wurde in eine für das Ende des 19. Jahrhunderts typische wohlhabende Familie geboren. Dort pflegte man traditionelle katholische Werte, ging in die Kirche und las die rechtsgerichtete Zeitung Action française. Henri de Gaulle, sein Vater, war «im Herzen Monarchist und im Geist Republikaner». Der kleine Charles nahm zwei zentrale ideologische Komponenten dieser Welt gut auf – den sozialen Katholizismus, der an Progressismus grenzte, und den selbstlosen Patriotismus, der dem Nationalismus nahe war. Wie jedes Kind, das mit dem französischen Ressentiment und Revanchismus nach der Besetzung Elsass-Lothringens durch Preußen aufwuchs, sog er mit der Muttermilch den Kult des Krieges und die Sehnsucht nach Rache für die nationale Demütigung ein. Trotz seiner Nähe zu Marschall Pétain scheute de Gaulle nicht den Kontakt zu linken Politikern wie Léon Blum.

Die für den Militär typischen Werte de Gaulles – Ordnung, Hierarchie, Bewahrung der bestehenden Gesellschaftsordnung – vermischten sich immer mehr mit dem Drang nach Fortschritt, mit der Fähigkeit, sich an politische und soziale Veränderungen anzupassen.

Während einer seiner legendären Pressekonferenzen im Élysée-Palast benutzte de Gaulle eine anschauliche Metapher, die helfen kann, seine «politischen Koordinaten» zu bestimmen. «Eine Hausfrau will, dass sie einen Staubsauger, einen Kühlschrank, eine Waschmaschine und wenn möglich sogar ein Auto hat. Das ist Bewegung. Aber gleichzeitig will sie nicht, dass ihr Mann irgendwo herumläuft, ihre Söhne mit den Füßen auf den Tisch steigen und ihre Töchter nachts nicht nach Hause kommen. Das ist Ordnung. Die Hausfrau will Fortschritt. Sie will kein Chaos. Das Gleiche gilt für Frankreich – es braucht Fortschritt, kein Chaos.»

Charles de Gaulle und John Kennedy nach Verhandlungen im Élysée-Palast, Paris, Frankreich, 2. Juni 1961. Foto: Wikipedia / John Fitzgerald Kennedy Library, Boston

Darin lag der Gaullismus – die Fähigkeit, mit der Zeit zu gehen und dabei die eigene Identität zu bewahren. De Gaulle passte in keine Schublade, gerade wegen seines Pragmatismus, seiner Fähigkeit und der ständigen Notwendigkeit, sich an die sich schnell verändernde Realität anzupassen. Das zeigt sich unter anderem daran, wie realistisch der General die neue, nachkriegszeitliche französische Gesellschaft betrachtete, die moderne soziale und wirtschaftliche Reformen brauchte. Aber noch besser kam dieser «gaullistische Realismus» in der französischen Außenpolitik unter de Gaulles Präsidentschaft zum Ausdruck. Vier Jahre deutsche Besatzung und die Bedrohung durch amerikanische Kontrolle nach der Befreiung blieben ihm schmerzliche Erinnerung. Der General setzte sich ein klares und lebenswichtiges Ziel – Frankreich zu einer vollständig unabhängigen und souveränen Macht zu machen. Dafür mussten neben massiven Investitionen in die Entwicklung der französischen Atomenergie und Atomwaffen auch eine originelle Position auf der heiß umkämpften internationalen Bühne des Kalten Krieges gefunden werden. De Gaulle wählte den dritten Weg und weigerte sich, zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO zu wählen. Sein innenpolitisches Postulat – weder amerikanischer Raubkapitalismus noch impotenter sowjetischer Kommunismus – fand erfolgreich Eingang in die französische Außenpolitik. Der General war überzeugt, dass ein starkes und großes Frankreich ein souveränes Frankreich ist. Nur ein solches Land konnte eine besondere Rolle in den internationalen Beziehungen spielen und dabei seine Werte und Interessen verteidigen.

Charles de Gaulle auf dem Cover des Time-Magazins vom 5. Januar 1959. Bild: Wikipedia / Time Inc., Illustration von Bernard Buffet

Am 28. September 1958 stimmten bei einem Verfassungsreferendum mehr als 82 % der Franzosen für die neue Verfassung und die von de Gaulle vorgeschlagene Regierung. Obwohl es in Frankreich viele Gegner des Generals gab – zum Beispiel die Kommunisten, die immerhin ein Viertel der Wähler repräsentierten – faszinierte seine Legende unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Das zeigt unter anderem die Anzahl der Briefe, die der General als Präsident erhielt. Im Durchschnitt bekam er etwa hunderttausend Briefe pro Jahr, doch in Jahren mit besonderen Ereignissen für die Franzosen stieg die Zahl stark an. So erhielt das Präsidialbüro im Moment seines Rücktritts im Mai 1969 in wenigen Wochen vierzigtausend Briefe. Der gaullistische Mythos erfüllte seine Aufgabe ausgezeichnet.

1958 begann die Ära der Fünften Republik, in der de Gaulle das Unvereinbare zu vereinen wusste. Wie eine gaullistische Abgeordnete sagte, ist die Struktur der gaullistischen Republik eine «Monarchie, in der das Volk das Recht auf Regentenmord hat».

Der General schaffte es, zwei große französische Leidenschaften zu verwirklichen – die Liebe zur Republik und die Notwendigkeit einer zentralisierten Macht, die das französische Volk als Ganzes verkörpert. Darin lag sowohl die Originalität als auch der Makel dieses Systems.

Die gaullistische Mythologie und das exemplarische politische Bild de Gaulles waren nicht nur die Ursache für den Erfolg des von ihm vorgeschlagenen Regimes, sondern auch dessen Voraussetzung. Als 1969 «der herausragendste aller Franzosen» den Élysée-Palast verließ, verlor die Fünfte Republik ihren Inhalt – sie verlor denjenigen, für den sie geschaffen worden war. Einige Monate vor seinem Tod schrieb de Gaulles enger Vertrauter und Nachfolger im Präsidentenamt, Georges Pompidou: «Ohne die Ausstrahlung des Gründers der Fünften Republik wird der Staatschef praktisch die ganze Zeit gezwungen sein, durch tägliches Handeln seine Überlegenheit zu behaupten, die er nicht automatisch durch Wahlen erlangen kann.» War es da überhaupt sinnvoll, ein politisches System zu entwickeln, das vollständig auf eine Person zugeschnitten ist? Wie demokratisch war es, die Macht in die Hände einer einzigen Person zu legen und auf deren republikanische Überzeugungen zu hoffen?

Präsident der Französischen Republik Charles de Gaulle bei der Durchfahrt durch Île-sur-Suippe, ein Dorf im Département Marne, nach seiner Reise in die Ardennen, 22. April 1963. Foto: Wikipedia / Gnotype / CC BY-SA 3.0

Die Einzigartigkeit de Gaulles liegt in seiner politischen Sensibilität, in der sich sein autoritärer Charakter und sein mystischer Glaube an die demokratische Verbindung mit dem französischen Volk vereinten. Der General war überzeugt, dass zwischen ihm und seinen Landsleuten ein geheimnisvolles Vertrauen besteht – die Voraussetzung für ihren gemeinsamen Weg. Er musste dieses Vertrauen mehrmals – manchmal kokett, manchmal tragisch – demonstrieren. 1946 verließ er die Regierung, weil er im Herzen der Franzosen keinen Willen zum Regimewechsel spürte. Im Mai 1968, als Millionen Franzosen streikten und Paris von Zusammenstößen zwischen Polizei und Studenten erschüttert wurde, verschwand der General. Später erfuhren Journalisten, dass der enttäuschte de Gaulle sich nach Baden-Baden zu seinem engen Vertrauten General Massu zurückzog, der ihn vom Rücktritt abriet. Schließlich wurde der letzte Akt des gaullistischen Dramas 1969 durch ein verlorenes Referendum ausgelöst, das für de Gaulle ein Zeichen für das Verschwinden des gegenseitigen Verständnisses zwischen ihm und den Franzosen war – ein Zeichen für das Ende ihrer gemeinsamen Geschichte.

Im November 1970 starb General de Gaulle im Alter von 80 Jahren. Doch sein Mythos lebte weiter.

Der General sorgte dafür, dass sein Erbe nicht in Vergessenheit geriet. Das 1958 gegründete Kulturministerium, das von de Gaulles engem Vertrauten André Malraux geleitet wurde, und die Zentralisierung der Fünften Republik ermöglichten es ihrem Gründer, die französische Erinnerungspolitik nahezu vollständig zu monopolisieren. Von Schulbüchern bis zu offiziellen Zeremonien war das «bestimmte Frankreichbild» des Generals überall spürbar.

Bis heute gibt es wohl kein europäisches Land, in dem der Staat so stark in nationale Geschichte und Erinnerung eingreift wie Frankreich in den letzten fünfundsechzig Jahren.

Ein Beispiel dafür, wie de Gaulle die staatliche Erinnerungspolitik zur Entwicklung seines Mythos nutzte, war die «Pantheonisierung» – die Umbettung in das Pantheon – von Jean Moulin, dem Helden des Widerstands. Bei der feierlichen Zeremonie am 19. Dezember 1964 waren die Hauptakteure nicht die Widerstandskämpfer, sondern ihr formeller Anführer – Präsident Charles de Gaulle. Daniel Cordier, der Sekretär Moulins, der eine entscheidende Rolle bei der Vereinigung der verschiedenen Widerstandsbewegungen gespielt hatte, erhielt nicht einmal eine offizielle Einladung zur Zeremonie. 18. Juni 1940, 25. August 1945, 19. Dezember 1964. Das sind nur einige der Daten, die den Mechanismus des gaullistischen Mythos belegen: die Geschichte de Gaulles ist die Geschichte des Widerstands.

De Gaulle hinterließ Orte voller Legenden – sein Haus in Colombey, wo nach seinem Tod ein 44 Meter hohes lothringisches Kreuz errichtet wurde, den Hügel Saint-Valéry, auf dem auf seine Initiative hin ein kolossales Denkmal für die Widerstandskämpfer errichtet wurde, und Tausende Straßen, Alleen und Plätze, die nach ihm benannt sind. In der Geschichte bleiben die berühmten gaullistischen Pressekonferenzen, bei denen der General mit Redekunst, Witz und Schauspielkunst glänzte. «Der herausragendste aller Franzosen» wird von linken und rechten Politikern zitiert, und die Partei «Die Republikaner» nennt sich bis heute gaullistisch. Für die meisten Franzosen wurde de Gaulle zu einem abstrakten Symbol Frankreichs, einem Mythos, in dem jeder einen Teil seiner Ideale und Werte finden kann. Denn trotz des Autoritarismus und Mystizismus, die man dem General vorwerfen kann, blieb er in der Geschichte Frankreichs als der menschlichste und aufrichtigste französische Politiker.

Charles de Gaulle während einer Reise nach Québec. Er steht auf dem Foto vor der Kirche am Chemin du Roy in Sainte-Anne-de-la-Pérade, 26. Juli 1967. Foto: Wikipedia / Nichole Ouellette / Maurice Cossette / CC BY-SA 4.0

Als ein Journalist de Gaulle fragte, ob er nach seinem Rücktritt «politische Leere» fürchte, antwortete der General: «Wovor man Angst haben sollte, ist nicht die Leere, sondern das Zuviel». Heute, da de Gaulle und der Gaullismus zu Synonymen geworden sind und Mythen, große Zitate, Vertrauen in Politiker und das «bestimmte Frankreichbild» aus der französischen Politik verschwunden sind – kurzum, all das, was dem General so teuer war – wird deutlich, dass er Recht hatte.

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