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Habemus Kanzler! Was man über die neue Regierung Deutschlands wissen muss

Friedrich Merz, Vorsitzender der CDU, erreichte bei der ersten Abstimmung im Bundestag nicht die erforderliche Mehrheit (310 statt der benötigten 316 Stimmen) und konnte somit das Amt des Kanzlers nicht direkt übernehmen. Erst beim zweiten Anlauf wurde Merz schließlich zum Kanzler gewählt. Ein solcher Misserfolg hat in der Geschichte der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg keine Parallele und wurde von der Öffentlichkeit sehr heftig aufgenommen.‍

Der 6. Mai 2025 war in Deutschland ein sehr nervenaufreibender Tag. Gleichzeitig aber auch produktiv und aufschlussreich. Zwischen den beiden Abstimmungen machten viele in Deutschland Witze darüber, dass man Wetten darauf abschließen sollte, welcher Konklave schneller eine Entscheidung trifft – der römische oder der Berliner. Es entstanden einige lustige Memes. Einige versuchten, sich die vakante Position anzueignen. Alice Weidel bekundete erneut ihre Regierungsbereitschaft, und die Partei Die Linke machte erneut Werbung für ihre junge und bei den jüngsten Wählern beliebte Kandidatin Heidi Reichinnek. Schnell entstand ein Meme mit schwarzem Rauch über dem Reichstag. Viele Witze kursierten. Zum Beispiel dieser: Stimme Nummer 316: „Hab keinen freien Parkplatz gefunden…«

Bildunterschrift: Heidi als Kanzlerin! Quelle: x.com
Bildunterschrift: Der Moment, wenn man realisiert, dass man trotz der großartigen gestrigen Abschiedsparty wieder ins Büro muss, weil der Nachfolger nicht rechtzeitig antreten konnte. Quelle: x.com

Friedrich Merz bestätigte seinen Ruf als Verlierer und ist nicht einmal bei den eigenen Leuten besonders beliebt. Das ehemalige Twitter, heute X, war verärgert: „Die politische Karriere von Friedrich Merz. 2004: verliert gegen Merkel, 2018: verliert gegen Kramp-Karrenbauer, 2020: verliert gegen Laschet, 2025: verliert die erste Runde der Kanzlerwahl«. Bilder mit der Unterschrift „Der erste erfolgreiche Rücktritt! Merz hält Wort: gesagt ab dem ersten Tag, heißt ab dem ersten Tag!«. Scholz, der mit kaum verhohlener zufriedener Miene den Kopf schüttelt, geht mit der Beschriftung darüber: „So läuft es, wenn man Urlaub ohne Rücktrittsversicherung bucht«…

Bildunterschrift: POV: Nach langer Zeit erscheinst du endlich im Bundestag und kannst live das Scheitern deines Erzfeindes verfolgen. Quelle: x.com
Bildunterschrift: Der erste erfolgreiche Rücktritt! Quelle: x.com

Es scheint, als habe gerade die Bedrohung durch die AfD einige sogenannte Saboteure zum Umdenken gebracht, sodass sie schnell doch für Merz stimmten, um zu verhindern, dass jene an die Macht kommen, die vor Kurzem offiziell als Rechtsextremisten anerkannt wurden. Alice Weidel betonte erneut ihre Bereitschaft, „dieses Land wieder auf die Beine zu stellen« und „die Verantwortung für die Regierungsführung zu übernehmen«. Weiter erklärte sie: „Wir appellieren an alle zur Vernunft. Herr Merz muss sofort zurücktreten. Es muss ein Weg für Neuwahlen in unserem Land eröffnet werden!«

Beim ersten Wahlgang erhielt Merz 310 Stimmen von den benötigten 316, obwohl die schwarz-rote Koalition 328 Abgeordnete stellt. Was war das? Abweichler aus der eigenen Fraktion? Koalitionspartner von der SPD? Oder einfach zu viele Dissidenten aus beiden Gruppen? Vielleicht gab es einige, die ihr Gewissen reinigen wollten, was auch immer sie darunter verstanden – hoffentlich fällt das in der Gesamtbetrachtung nicht auf als persönlicher Verstoß gegen die Parteidisziplin? Wollte jemand alte Rechnungen für jahrelange Zusammenarbeit mit dem schwierigen „langen Fritz« begleichen? War jemand unzufrieden mit den in den letzten Wochen getätigten Regierungsberufungen? Wollte jemand ihn absichtlich bestrafen? Oder war es eine Absprache, ihn im ersten Wahlgang durchfallen zu lassen, um ihn dann doch noch durchzulassen? Das werden wir nie erfahren, da die Abstimmung geheim war.

Verfahren zur Wahl des Kanzlers gemäß dem Grundgesetz Deutschlands
Erste Stufe: Der Bundespräsident schlägt einen Kandidaten vor, der im Bundestag die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten muss.
Zweite Stufe: Wenn der Kandidat keine Mehrheit erhält, hat der Bundestag 14 Tage Zeit, den Kanzler mit absoluter Mehrheit zu wählen. Die Anzahl der Wahlgänge ist nicht begrenzt, Kandidaten können frei vorgeschlagen werden.
Dritte: Erreicht auch hier niemand die absolute Mehrheit, findet sofort eine Abstimmung statt. Nun reicht die relative Mehrheit. Der Bundespräsident kann den Gewählten ernennen oder den Bundestag auflösen und Neuwahlen ansetzen.

Wie hätte sich die Situation entwickeln können? Innerhalb der 14-Tage-Frist hätten beliebig viele Wahlgänge stattfinden können. Merz hätte erneut kandidieren können, aber auch andere Kandidaten hätten vorgeschlagen werden können, und nicht alle davon wären besser als Merz gewesen. Das heißt, wenn keine absolute Mehrheit erreicht worden wäre, hätte Deutschland entweder eine Minderheitsregierung oder Neuwahlen drohen können – und derzeit hat niemand die Kraft oder Zeit dafür, und alle verstehen, wie gefährlich das sein kann. Besonders jetzt, wo die rechtspopulistische AfD gerade vom Bundesamt für Verfassungsschutz bundesweit als „rechtsextremistische Organisation« eingestuft wurde und für viele ihrer Anhänger bereits eine Art Märtyrerstatus entstanden ist, was ihre Positionen stärkt.

Nach den Regeln hätte Deutschland also noch zwei Wochen ohne Kanzler dastehen können. Und das alles mit ungewissem Ausgang. Wahrscheinlich ist angesichts der schwierigen innen- und außenpolitischen Lage alles bisher auf die bestmögliche Weise verlaufen. Der Kanzler wurde gestern doch noch gewählt.

Merz’ Scheitern im ersten Wahlgang legt die Probleme der neuen Regierung schonungslos offen. Schon vor der Abstimmung war klar, dass es einfach nicht klappen würde. Und doch hatte niemand damit gerechnet. Wahrscheinlich waren alle überrascht. Bei geheimer Abstimmung sind solche Überraschungen theoretisch möglich. Ähnliche Fälle gab es bisher nur in Landtagen, bei Kanzlerwahlen war so etwas bislang unbekannt.

Seit der Bundestagswahl war klar, dass Merz kein besonders starker Kandidat ist und seine Unterstützung nicht einmal innerhalb der eigenen Partei uneingeschränkt ist. Ebenso war klar, dass die Koalition schwach ist. Wir wissen nicht, wer die Abweichler waren, die sich weigerten, für Merz zu stimmen. Es könnten Vertreter sowohl seiner Partei als auch der SPD gewesen sein. Und alle Debatten darüber kommen den Rechtsextremisten der „Alternative für Deutschland« nur zugute.

Man kann sagen, dass Markus Söder (CSU) nicht übertrieben hat, als er in mehreren öffentlichen Auftritten Parallelen zur politischen Situation der Weimarer Republik und zum Jahr 1933 zog. Er warnte vor einer möglichen Wiederholung von Ereignissen, die die Demokratie bedrohen, nach denen Hitler durch das Ermächtigungsgesetz praktisch uneingeschränkte Macht erhielt und die Demokratie endete.

Das CDU-Verbot einer Koalition mit der AfD zwang die Union, mit der SPD eine Koalition zu bilden, um eine Mehrheit im Bundestag zu erreichen. So kommt es, dass die SPD trotz ihrer fast gescheiterten Wahlergebnisse der Union CDU/CSU Bedingungen diktieren kann. Eine Partei mit schlechten Karten, die ihre restliche Popularität verloren hat, erlangte plötzlich große Bedeutung.

Ein solcher Beginn verspricht keine politische Stabilität und deutet auf eine gewisse Vertrauenskrise hin. Das Scheitern im ersten Wahlgang legt eine tiefe Vertrauenskrise in die politische Elite selbst innerhalb der Parteien offen. Die Tatsache, dass Merz nicht einmal auf die volle Unterstützung seiner Koalition zählen kann, wird er nun akzeptieren müssen. Eine instabile Regierung und Spannungen zwischen und innerhalb der Koalitionsparteien könnten häufige Regierungskrisen und möglicherweise Neuwahlen zur Folge haben. Linke Stimmen halten die Handlungsfähigkeit der Regierung für stark eingeschränkt. Merz hat sich nicht klar genug von der AfD und extrem rechten Positionen distanziert. Das wird als Bedrohung für die Demokratie gesehen. Einige Ökonomen sprechen bereits von einem gefährlichen Signal für die Wirtschaft.

Merz ging bewusst auf Spaltung und Polarisierung zu, scheute sich während des Wahlkampfs nicht, sich in absolut inakzeptabler Weise über „Grüne und linke Idioten« zu äußern – offenbar ist der Bumerang zurückgekommen. Auch die negative Reaktion der Märkte und der Rückgang des DAX-Index nach dem Scheitern im ersten Wahlgang blieben nicht aus. Wirtschaftliche und politische Instabilität hängen immer zusammen.

Zusammenfassend: Ein unzuverlässiger und schwacher Kanzler, ohne besonderen Rückhalt selbst in den eigenen Reihen, der, um es beim Namen zu nennen, am ersten Tag im Bundestag als Kanzler zum Gespött wurde, eine schwache und zu kleine Regierungskoalition, zu viel Einfluss der SPD, eine seltsame Opposition, die sich ebenfalls nicht zusammenschließen kann…

So sieht die Diktatur der Schwachen aus. Mal sehen, was sie Deutschland, Europa und der Welt bringen wird.

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