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«Jesus Christus hat tatsächlich existiert. Und er hieß Radomir»

Um die Nacht von Iwan Kupala nach den Geboten der Vorfahren zu begehen, muss man vorher die Telefonnummer anrufen, die in einem der thematischen Telegram-Kanäle angegeben ist. Anweisungen erhalten. Am festgelegten Tag ein einfaches helles Kleid anziehen, am Kursker Bahnhof in die S-Bahn steigen und nach etwa zwei Stunden an einer wenig frequentierten Station in der Oblast Wladimir aussteigen. Jedes Jahr am Vorabend des Sommersonnenwende-Tages versammeln sich hier heidnische Rodnover und feiern einen ganzen Tag lang ihr wichtigstes Fest, das den Höhepunkt der Naturblüte und die Fruchtbarkeit symbolisiert. Gemeinsam mit ihnen verbrachte an diesem Tag die Journalistin von «Most.Media».
Der Text wurde vom Team des Projekts «Blaue Capybaras» erstellt, wo Mentorinnen und Mentoren mit angehenden Journalistinnen und Journalisten arbeiten.
Das Lager der Heiden breitete sich auf einer Waldlichtung aus, 20 Gehminuten vom nächsten Dorf entfernt. An einem der Bäume hängt die Fahne der Gemeinschaft: eine Sonne mit Ornamenten auf leuchtend rotem Hintergrund und der Aufschrift «Die Sonne ist auf unserer Seite». Etwa vierzig Menschen — Männer in bestickten Hemden und Frauen in gemusterten Sarafans — bereiten sich auf das Fest vor: Sie decken den Tisch, entfachen ein Feuer zum Kochen, flechten Kränze und schenken Getränke aus. Auf dem langen Tisch liegen gekochte Kartoffeln, Wurst, Käse, Gemüse, Obst, Süßigkeiten und Kwas: Jede und jeder bringt etwas mit und stellt es auf den gemeinsamen Tisch.
Vor dem Ritual soll man baden. Frauen im Alter von 50 bis 60 Jahren empfehlen am kleinen Strand nachdrücklich, das zu tun und sich nicht zu scheuen. Auf Einwände wegen fehlender Badebekleidung sagen sie, man solle nackt schwimmen, die Männer würden ohnehin nicht hinschauen. Man kann aber auch einfach die Füße im Fluss waschen. Zuerst baden die Heidinnen massenhaft im Fluss, dann die Heiden.
«Das ist ja ein ganzes Meer aus Erdbeeren!» — ruft eine der Frauen im hellen Kleid aus und beginnt zusammen mit ihrer Freundin Beeren zu sammeln. Daneben steht ein Ehepaar um die vierzig in heller Kleidung: Die lächelnde Frau mit einem Kranz aus Wildblumen wirft ihrem Mann Blicke zu und macht ein Selfie mit Erdbeeren. Sie erzählt, dass ihr Mann genau vor zwei Jahren an diesem Ort zum Angeln gekommen und spontan an der Kupala-Feier teilgenommen habe. Es habe ihm sehr gefallen, und im nächsten Jahr seien sie gemeinsam gekommen, «weil es bei den Heiden lustig ist».
Plötzlich beginnen mehrere Frauen im Chor zu singen. In einer Reihe aufgestellt gehen sie zur Lichtung mit dem Ritualfeuer. Alle folgen ihnen unter dem Schlag der Tamburine und stellen sich zu einem Reigen auf, begleitet von langgezogenem Gesang. Nach einigen Minuten verstummt das Lied, und in die Mitte des Kreises tritt mit einem Tamburin in den Händen der Anführer der Gemeinschaft Swjatibor — langhaarig, etwa 40 Jahre alt, in einem weißen Hemd, das mit einem roten, gemusterten Gürtel gebunden ist. Dieselben Muster sind auch auf seinem Stirnband zu sehen.
- Ehre den Geistern dieses Ortes, wir glauben an Jarilo, heil Kupala! — ruft der Anführer, und der Reigen wiederholt alles geschlossen nach ihm. Dann rennen alle im Klang des Tamburins hinter die Bäume. Dort nimmt der Anführer einen langen Stock, um einen drei Meter hohen hölzernen Götzen in die Erde zu rammen. Swjatibor erklärt, dass dies die symbolische Vereinigung von Erde und Natur sei: Einer Version zufolge sei der Name des Festes mit dem Wort «Vereinigung» verwandt — «genau das beobachten wir im Grunde».
Vier Männer mit grimmigen, keuchenden Rufen «Aech, aech» stampfen mit den Füßen auf den Boden und drücken den Stamm mit den Händen in die Erde. Frauen führen um sie herum den Reigen und singen. Nachdem drei zufällig ausgewählte Mädchen den Götzen mit Bändern umwickelt haben, gibt der Anführer die Anweisung: Alle sollen Vokale singen — a, o, u, e. Zuerst sehr tief, dann die Tonhöhe steigern — das ähnelt Solfège-Unterricht in der Musikschule.
Nachdem in das Ritualfeuer die «Opfergabe» — Getreide — geworfen wurde, das die Götter und Geister besänftigen soll, erklärt Swjatibor, dass er an diesem besonderen Tag Miroslawa offiziell in die Gemeinschaft aufnehmen möchte. In die Mitte der Lichtung läuft ein fröhliches Mädchen mit Dreadlocks in einem blauen Sarafan. Swjatibor überreicht Miroslawa einen geschnitzten hölzernen Talisman an einer langen schwarzen Schnur — er sagt, er sei speziell für sie gemacht worden. Das Mädchen springt vor Freude und umarmt die Priester der Gemeinschaft.
Jetzt muss jede und jeder einen Schluck Kwas aus einer dreiliterigen, aus Lindenholz geschnitzten Schale mit zwei Henkeln trinken und dann denjenigen preisen, den man für richtig hält: die Geister dieses Ortes, die Ahnen, Perun, Jarilo, Feuer, Wasser, Luft, Erde, die Welt, die Eltern. Nach dem Kwas beginnt man, Brot herumzureichen, aber essen darf man es nicht: Alle legen die Hände darauf und verbeugen sich. Eine langhaarige Brünette in rotem Kopftuch und Sarafan erklärt, dass die linke aufgelegte Hand Wünsche für das eigene Glück bedeutet, die rechte — für die nahestehenden Menschen. Natürlich legen alle beide Hände auf.
«Lasst uns endlich diesen Jarilo zertrümmern!»
Die Männer verschwinden im Gebüsch, um sich auf das nächste Ritual vorzubereiten, während die Frauen bleiben und den Anweisungen von Arina lauschen — einer Frau über 60 in einem roten Sarafan mit vielen Mustern. Sie erzählt, dass nun die symbolische Begegnung des männlichen und des weiblichen Prinzips stattfinden wird. Laut Arina hielten sich in der slawischen Tradition Frauen einige Wochen vor Kupala — in der Zeit der Aussaat und des Aufgehens der Saat — von Männern fern und verzichteten auf Kontakt mit ihnen. In dieser Zeit übertrug die Frau all ihre Kraft auf die Saat, wurde zur «Mutter Erde» und erhielt das Recht, frei über den erwirtschafteten Reichtum zu verfügen.
- Und Schmählieder wie «Oje, lieb und lästig, auf dem Ofen erstarrt, und ich renne daneben herum und tue nichts», «Hier hast du Jauche, wasch dich», «Hier hast du eine Matte, wisch dich ab» sind daraus entstanden, dass die Frauen sich rituell vom männlichen Prinzip entfremdet haben — fügt Arina hinzu (die Worte über Jauche und Matte gehören zur vollständigen Fassung des Volksliedes «Im Feld stand eine Birke»).
Da laufen fröhliche Männer aus dem Gebüsch auf die Lichtung. Einer von ihnen trägt einen Jarilo-Götzen aus Gras und Stroh mit einem Birkenrindenkopf und mit Bändern umwickelten Armen.
- Aber man sieht ja gar nicht, dass er Jarilo ist! — ruft eine der Teilnehmerinnen des Reigens. Daraufhin reißt der Anführer der Rodnover dem Götzen das weiße Tuch von der Hüfte, und für alle wird das Symbol der Fruchtbarkeit sichtbar — ein männliches Geschlechtsorgan aus Gras und rotem Samt.
Der nächste Teil des Rituals ist die Wahl Jarilos unter den Teilnehmern: Es wird derjenige sein, der das Rätsel der Frauen errät. Es lautet: «Es rauscht, es lacht, es will die Frau». Nach kurzem Nachdenken ruft ein Mann in einem hellen, weiten Hemd mit weißem Gürtel: «Sarafan!» Ihn erklären die Frauen zu Jarilo — allerdings hat diese Wahl später keinerlei Einfluss auf den Ablauf des Rituals: Der Sieger des Tests nimmt wie alle anderen am Geschehen teil.
Dann beginnt das rituelle Brautwerben: Männer und Frauen stellen sich in zwei Reihen einander gegenüber, nehmen sich an den Händen und beginnen, über die Heirat zu sprechen, im Stil von Spottliedern — «Ich fahre in die Stadt, um zu handeln», «und wie viel Geld bekommst du?», «hundert Rubel», «oh, zu wenig, ich heirate dich nicht». Mit jedem Satz nähern sich die männliche und die weibliche Reihe an und entfernen sich wieder. Am Ende des Brautwerbens durchbrechen die Männer nach mehreren Versuchen die Frauenreihe.
— Lasst uns endlich diesen Jarilo zertrümmern! — ruft ein etwa sechsjähriges Mädchen. Die Erwachsenen scheinen genau darauf gewartet zu haben: Sie zerren den Götzen in verschiedene Richtungen und reißen ihn in Stücke. Das Geschlechtsorgan aus rotem Samt reißt eine etwa vierzigjährige Frau an sich. Der Anführer prophezeit ihr sieben Kinder in naher Zukunft. Die Reste des Götzen fliegen ins Feuer.
Nach der rituellen Bestattung des Gottes ruhen sich die Feiernden am Feuer in der Lagerküche aus: Einige reden, einige essen, einige schauen nachdenklich auf den Kessel, in dem Buchweizen mit Fleisch kocht.
Woran postsowjetische Heiden glauben
Die Älteste der Gemeinschaft, Arina, erzählt mir, dass sie einst Gemeindemitglied einer christlichen Kirche war, die orthodoxen Gebete und das Evangelium gut kannte. Doch eines Tages sagte ihr ein Priester, dass sie keine russischen Philosophen lesen dürfe, zum Beispiel Solowjow. Das empörte Arina: «Wie kann man verbieten, sich weiterzuentwickeln?» Mit der Orthodoxie hat sie schließlich gebrochen.
- In Kirchen gibt es Fälle, in denen den Leuten noch gröber geantwortet wird — stimmt die rothaarige Irina zu, die aus dem Buddhismus zum Rodnoverie gekommen ist.
- Vor meiner Taufe habe ich die ganze Nacht das Evangelium gelesen und die Tat Jesu bewundert, der sich geopfert hat — nicht jeder ist zu so etwas fähig. Mit der Zeit verstand ich: Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich mich darüber enttäuscht, was am Ende aus dem Christentum gemacht wurde, denn es wurde zu Manipulation — unterstützt die Unterhaltung eine Frau um die 50 mit einer kupfernen Stirnzier mit Anhängern (sie stellt sich nicht vor). Und sie erzählt, dass sie dem Rodnoverie erstmals durch die Begegnung mit Welimir — einem der Begründer des modernen Rodnoverie — nahekam. Zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens hatte sie bereits Interesse an slawischen Traditionen und empörte sich darüber, dass «in vielen Geschichtsbüchern die Slawen übergangen werden». Zum Beispiel gab es in dem Buch «Geschichte der antiken Welt» «Ägypten, Mesopotamien, China, Skandinavien — aber keine Slawen».
(«Geschichte der antiken Welt» unter der Redaktion von Dmitri Reder - ein Lehrbuch aus den späten 1970er Jahren, nach dem bis heute Studierende russischer pädagogischer Hochschulen lernen. Die Slawen gehören nicht zu den Völkern der antiken Welt dazu, weil ihre ethnische Gemeinschaft sich herausgebildet hat in der Zeit des frühen Mittelalters — Most.Media).
- Es gibt die Theorie, dass die Spitzen der Sowjetunion sich auf ein umgeformtes Heidentum stützten. Kommunistische Ideen wurden mit der Idee von Mutter Erde, der Heimat und solchen Dingen verwoben. Sie wurden in die Ideologie eingewoben, aber aus einem anderen Blickwinkel — behauptet unsere Gesprächspartnerin. — Sie versuchten nicht, das Alte aufzuzwingen, die Menschen hatten nicht das Gefühl, zu etwas Altem und Unprogressivem zurückzukehren. Aber gleichzeitig gaben sie den Menschen die Ideen selbst zurück. Die sowjetische Ideologie war von diesen Dingen durchdrungen — all diese «Für das Vaterland», «Feld, mein Feld». Allerdings gab es in der Antike solche Texte nicht. Das ist keine Nachahmung, sondern eine Neuinterpretation — der Versuch, zu den richtigen Ideen zurückzukehren, aber außerhalb des religiösen Kontexts. Mit Kindern ist es gewöhnlich so: Zuerst glauben sie einfach, dann stellen sie Fragen, diskutieren, suchen Erklärungen. Früher behandelte man das Volk wie Kinder — «hier ist der Glaube, frag nicht». In der Sowjetzeit schien das Volk an die Macht gekommen zu sein, und man durfte es nicht dumm lassen. Dieselben Ideen wurden nun nicht mehr durch Glauben vermittelt, sondern durch Liebe zur Heimat, zur Familie, zur Natur. Rodnoverie ist vor allem eine Weltanschauung: Wir sind Teil der Natur und fühlen sie. Ob man es als Religion annimmt oder nicht, ist die persönliche Sache jedes Einzelnen.
- Aber das geschieht durch Praktiken, durch Erfahrung, einfach so erwacht es nicht — mischt sich Irina in das Gespräch ein —, tagsüber beim Ritual sagt das Mädchen: Ehre der Erde und dem Wasser. Und ich füge flüsternd hinzu: dem Feuer und dem Wind, und sofort wehte ein kleiner Windstoß, ich spürte es mit den Händen. Man hört dich, die Geister reagieren auf dich. Das ist die Anerkennung durch die Kräfte der Natur als Teil von ihnen.
Während wir sprechen, taucht in der Nähe die ältere Heidin Larissa mit einer Harmonika in der Tasche auf. Sie setzt ein weißes Tuch auf den Kopf, bindet darüber ein rotes Stirnband, holt die Harmonika heraus und beginnt, Melodien heidnischer Gesänge zu spielen. Manche singen mit, andere hören einfach zu.
Am Feuer sammelt eine Studentin Material für ihre wissenschaftliche Arbeit: Sie befragt Wseslaw — einen etwa zwanzigjährigen Jungen in einem Hemd mit grünen slawischen Mustern — zu den Traditionen der Rodnover und zur slawischen Magie. Es stellt sich heraus, dass Wseslaw seit dem Ende der 11. Klasse Mitglied dieser Gemeinschaft ist und heidnische Rituale überhaupt erst vor etwa zehn Jahren zu praktizieren begann.
- Und wie standen die Eltern dazu? — frage ich.
Wseslaw bricht in lautes Lachen aus:
- Ich schweige lieber, ich lehne eine Antwort einfach ab.
- Sind sie nicht mit Weihrauch gekommen, um Sie zu weihen, und haben sie Sie nicht zum Psychiater gebracht?
- Zum Glück gab es weder das eine noch das andere.
- Gab es wenigstens Verständnis?
- Auch das gab es nicht. Sie dachten einfach, es sei altersbedingt und würde vorbeigehen. Es ist nicht vorbeigegangen.
«Unsere Götter verlangen nicht alles von dir»
Heidnische Rodnover sind Anhänger einer religiösen Strömung, die die vorchristlichen Glaubensvorstellungen und Riten wiederbeleben soll. Diese Bewegung entstand im 20. Jahrhundert auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR und der Länder Osteuropas (die erste Rodnover-Gemeinschaft wurde gegründet vom ukrainischen Sanskritologen Wladimir Schajan im Jahr 1934). Rodnoverie wird von vielen selbstverwalteten Gemeinschaften praktiziert. Einheitliche Regeln gibt es nicht. In manche Gemeinschaften gelangt man nur nach einem Gespräch und dem Nachweis der Echtheit des eigenen Glaubens. Doch diejenige, in der ich gelandet bin, ist recht offen — zur Feier zu kommen und am Ritual teilzunehmen kann jeder, der die Organisatoren erreicht hat.
Zwischen den Ritualen hält der Anführer Swjatibor einen Vortrag über die Grundlagen des Heidentums. Etwa zwanzig Menschen versammeln sich beim Ritualfeuer, um ihm zuzuhören.
Über sich selbst erzählt Swjatibor nur knapp: Seinen Worten zufolge wechselte er 2017 von der Orthodoxie zum Rodnoverie und hat seitdem viel Literatur zum Thema studiert; in dieser Gemeinschaft ist er 2022 gelandet.
- Der wachsende Interesse am Rodnoverie in Russland hängt mit dem Zerfall der UdSSR zusammen, die Menschen begannen, nach neuen Lebenssinn und Ideen zu suchen: Einige gingen zur Orthodoxie, andere zu einer Sekte und wieder andere zum Heidentum. Beim Letzteren stellt sich das Problem: Wie kann man einen Glauben wiederherstellen, der viele Jahre verloren war? Es gibt sehr, sehr wenig Informationsquellen über das Heidentum, schriftliche überhaupt keine. In der modernen Wissenschaft ist die Frage nach der Existenz einer Schrift bei den Slawen geklärt: Man geht davon aus, dass es sie nicht gab — sagt Swjatibor.
Die Gemeinschaft, die er leitet (der Anführer ist ein gewähltes Amt), rekonstruiert die Riten auf Grundlage historischer Quellen, ethnografischer Materialien und linguistischer Forschungen. Alle Informationen werden von ihnen kreativ verarbeitet: Bei Ritualen singen sie Lieder aus verschiedenen Regionen, manchmal verfassen sie Texte selbst oder führen Handlungen ein, die ihnen helfen, die Ereignisse nachzuerleben. Insgesamt haben diese Rodnover die Freiheit zur Selbstentfaltung — für Swjatibor als Priester ist wichtig, dass er «innerhalb der Gemeinschaft als Schöpfer, als Künstler eines langjährigen Rituals aufblühen kann».
Laut dem Anführer gibt es im Rodnoverie keine Dogmen. Aber die russischen Gemeinschaften verfügen über Dokumente, die den Sinn dieses Glaubens beschreiben — das sind das Bittsewo-Abkommen und das Abkommen der slawischen Priester.
- Diese Dokumente sagen, dass Rodnoverie ein kollektiver Glaube ist, wir haben keine klare Hierarchie, keine Doktrin, keine Dogmatik, jede Gemeinschaft gestaltet ihren eigenen Kalender, gestaltet ihre Feste zu ihrer eigenen Zeit, die Rituale werden nach eigenem Ermessen durchgeführt. Wichtige Dinge für die gesamte Bewegung werden insgesamt kollektiv entschieden, nach dem Prinzip der Volksversammlung. Wir haben keinen Obersten, keinen Rodnover-Patriarchen, der sagen würde, was richtig und was falsch ist. Wenn Sie in eine andere Gemeinschaft fahren, wird dort alles anders aussehen oder man wird Ihnen andere Dinge erzählen — erklärt Swjatibor.
Die Besonderheit des slawischen Weltgefühls ist seiner Beobachtung nach die Verbindung zum Christentum. Die meisten Menschen, die zum Rodnoverie kommen, hatten zuvor mit dem Christentum zu tun, wahrscheinlich mit der Orthodoxie.
- Menschen, die aus der Orthodoxie kommen, übertragen oft christliche Überzeugungen, sie haben Mühe, sich davon zu lösen. Der christliche Gott verlangt alles von dir, du musst dein ganzes Leben auf seinen Altar legen, alle Lebensbereiche mit ihm abstimmen: Die Zeiten für Fasten, Gebete und anderes sind genau festgelegt. Das Heidentum unterscheidet sich sehr, weil unsere Götter nicht alles von dir verlangen, du interagierst mit den heidnischen Göttern wie mit deinen Vorfahren: Wir fahren zum Geburtstag von Oma und Opa ins Dorf, aber das heißt nicht, dass wir unser ganzes Leben mit ihnen verbringen und den Garten jäten müssen. Heiden können den Anteil der Religion im Leben auf ein angenehmes Maß regulieren.
Ich frage ihn, ob ein Mensch nicht slawischer Nationalität der Gemeinschaft beitreten kann. Swjatibor meint, ja: In seiner Gemeinschaft habe es Präzedenzfälle gegeben, in denen Nicht-Slawen zu Festen kamen:
- Wenn ein Mensch zum Beispiel die russische Sprache kennt und unsere kulturellen und religiösen Normen akzeptiert, warum denn nicht. Wenn jemand als Tatar, Jude, Armenier, Georgier, Deutscher geboren wurde…
- Und wenn er schwarz ist? — fragt die frisch Bekehrte Miroslawa halb im Scherz.
- Selbst wenn ich schwarz wäre! — zitiert eine der Großmütter im Sarafan ironisch Majakowski.
- Ich habe einfach einen Bekannten, einen Schwarzen, der ständig fragt, so nach dem Motto: Nimmst du mich mit zu Kupala? Ich sage: Entschuldige, natürlich, aber nein — erklärt Miroslawa.
- Warum? Ich würde ihn mitnehmen! — antwortet Swjatibor selbstbewusst und ruhig.
- Nein, ich würde ihn auch mitnehmen, aber gut, ich und meine Nahestehenden — die Leute würden das normal aufnehmen, aber wenn das zum Beispiel irgendwelche, nun ja, etwas nationalistisch eingestellte Gäste wären, würden sie das nicht verstehen! — überlegt Miroslawa.
- Nun, in diesem Fall haben solche Gäste auf unserem Fest nichts verloren — schließt der Anführer.
- Vor zwei Jahren war an Kupala ein Koreaner da, der fiel allen sofort auf — erinnert ein etwa vierzigjähriger Mann in grauer Kleidung namens Radomir.
- Erinnern Sie sich, wie ich zu Koljada eine Australierin eingeladen habe? — sagt Swjatibor lächelnd.
- Deutsche Frauen hatten wir auch schon! — sagt eine der Frauen nachdenklich.
- Und ein Mexikaner war da, er sang in der Gruppe «Weißer Stein», sprach gut Russisch und studierte noch an irgendeinem Institut — fügt Radomir hinzu.
- Wie aus der Diskussion ersichtlich, gibt es bei uns in dieser Hinsicht keine Einschränkungen — wendet sich Swjatibor an mich. — Ich erinnere mich, vor einigen Jahren ein Ritual durchgeführt zu haben, bei dem ein Mädchen mit dem Brotlaib ging, ethnisch Jüdin, und zwar aus einer orthodoxen Familie, die Schabbat feiert. Sie fühlt sich in der russischen Kultur zu Hause, spricht Russisch, und sie wollte an einem slawischen Ritual teilnehmen.
Ich frage, wie er dazu steht, dass an heidnischen Festen und Festivals Menschen teilnehmen, die nichts mit dem Heidentum zu tun haben
- Ich finde, jede Bewegung, sagen wir mal, das Overton-Fenster in Richtung Liebe zur eigenen Kultur — das ist gut. Ethnische Feste, Kleidung, Festivals — natürlich wird alles kommerzialisiert und bringt den Menschen Nutzen, aber dem Rodnoverie schadet das nicht. Heute sind sie zu so einer Kupala gekommen, haben Lieder gesungen, beim nächsten Mal wird es für sie interessanter sein, dort hinzugehen, wo die Rituale stattfinden — antwortet der Anführer.
- Nun, «Welt der Gusli» veranstaltet heute Kupala, das ist ziemlich teuer, 15 Tausend, glaube ich — fügt Radomir hinzu. («Welt der Gusli» ist ein Musikinstrumentenladen, der manchmal Feste organisiert, laut einer der Reiseagenturen kostet die Feier von Iwan Kupala dort 8200 Rubel — Most.Media)
- Für das Zelt 500, fürs Parken 500, das ganze Fest wird ordentlich teuer. — stimmt eine der Heidinnen zu.
Tänze mit Tamburin und «Ljubé»
Es ist dunkel geworden. Drei Männer stehen am Feuer und halten ihre Tamburine darüber — sie wärmen sie, damit sich die Haut dehnt und der Klang besser wird.
Nach einigen Minuten bilden sich alle zu Paaren. Zu Liedern und Tamburinklängen bewegen sich zwei Reihen langsam zum rituellen Teil der Lichtung. Sie gehen durch einen Bogen, der einem mehrfach vergrößerten Kranz ähnelt. Hinter dem Bogen werden sie von zwei Personen mit Fackeln empfangen — zuerst führen sie vor das Gesicht jedes Einzelnen das Feuer, dann zeichnen sie mit Kohlen aus der Kupala-Nacht des Vorjahres Linien auf die Wangen. Viele Teilnehmer filmen das Geschehen mit ihren Handys und versuchen, das Ritual so vollständig wie möglich ins Bild zu bekommen.
Der Götze, der tagsüber auf der Lichtung aufgestellt wurde, ist nun mit langen Zweigen für das Feuer bedeckt. Unter dem Schlag der Tamburine und dem Gesang «brenne, brenne hell» zünden mehrere Heiden sie an. Je stärker das Feuer lodert, desto häufiger schlagen die Priester auf die Tamburine und desto lebendiger bewegt sich der Reigen. Manchmal sind Rufe zu hören: schneller, noch schneller! Die Menschen laufen am Limit ihrer Kräfte — wenn jemand müde wird und den Kreis verlässt, muss man die Nachbarn der Person einholen, um den Reigen wiederherzustellen. Der Abstand zwischen den Menschen vergrößert sich, und die Arme müssen immer weiter ausgebreitet werden — manchmal scheint es, als würde man gleich zerrissen. Die Schläge auf die Tamburine werden häufiger, die Lieder lauter, die Hitze des Feuers schlägt auf die Wangen, man möchte sich von ihm abwenden, um seine Flammen nicht auf sich zu spüren.
Plötzlich kippt das drei Meter hohe Feuer zur Seite. Die Leute erschrecken und springen zurück, aber als sie merken, dass niemand verletzt wurde, kehren sie in den Reigen zurück. Mit dem Erlöschen der Flammen verlangsamt sich auch das Rennen im Reigen. Alle bleiben stehen und schauen ins Feuer, nur die Älteste Arina tanzt und singt weiter, die letzten Silben ziehend: «Oje, früh, oje, an Kupala». Dann schließen sich ihr noch vier Frauen an, sie gehen gemeinsam um das Feuer herum, tanzen und singen. Arina bringt einen weiblichen Götzen in gelbem Sarafan, kariertem Schürzchen, dunklem Kopftuch mit roten Mustern und mit Spitzenärmeln heraus — und wirft ihn ins Feuer.
Der nächste Teil des Rituals ist das Verbrennen des Kolos, des Symbols des Jahres und des Wechsels der Jahreszeiten. Zwei Heiden tragen einen etwa drei Meter langen Stock, auf den ein hölzernes Rad — ein Kolo — aufgespießt ist. Es wird am Feuer entzündet, unter dem Schlag der Tamburine und dem langgezogenen Gesang «Roll, Kolo, über gelbe Täler…» zum Fluss getragen und direkt hinein gerollt.
Dann gehen alle zum Fluss, um kleine Flöße mit Kerzen und Kränzen auszusetzen — man muss ihnen aufmerksam folgen, bis die Strömung sie fortträgt und sie aus dem Blick verschwinden. Es bricht ein Durcheinander aus: Die Leute suchen in Eile und Gedränge ihre Flöße und Kränze, versuchen auf dem schmalen Uferstreifen zu stehen und nicht in den Fluss zu fallen, von allen Seiten ist Lärm zu hören. Schließlich geht der Anführer ins Wasser, preist Kupala und lädt alle ein, hineinzutauchen.
Eines der bekanntesten Symbole von Iwan Kupala ist die Blüte des Farnkrauts (in slawischen Volksglauben gilt, dass der Farn in der Nacht von Iwan Kupala für einen Augenblick blüht — in Wirklichkeit vermehrt sich diese Pflanze durch Sporen oder vegetativ und kann nicht blühen — Most.Media). Einer der Priester erklärt die Regeln: nur innerhalb der Lichtung suchen, und wenn man zu zweit sucht, dann wird auch das Glück gemeinsam sein. Die Leute verstreuen sich im Wald. Nach wenigen Minuten Suche ruft eine Frau: «Ich habe ihn gefunden!» — und bringt eine leuchtende LED-Lampe in einem großen Strauß aus Farnblättern. Alle reißen nacheinander ein kleines Zweiglein aus dem Strauß als Talisman für sich ab.
Wenn das Feuer bis auf etwa einen halben Meter über dem Boden heruntergebrannt ist, kann man ruhig darüber springen. Die ersten zehn Sprünge werden von Rufen «Ehre sei Kupala!» begleitet, aber dann sind die Leute zu müde, ständig zu rufen, und hüpfen schweigend: die erfahrenen Heiden — munter und gelassen, die Neulinge — vorsichtig. Damit das Glück einen das ganze Jahr begleitet, muss man unbedingt dreimal springen. Die kleine Aglaja, die tagsüber verlangte, Jarilo zu zertrümmern, prahlt damit, etwa fünfzehnmal über das Feuer gesprungen zu sein — allein und zusammen mit anderen Kindern und Erwachsenen.
Ein weiterer Talisman von Kupala ist ein Kohlenstück aus dem Feuer: Man glaubt, dass es Glück bringt. Die Heiden setzen sich um das Feuer und stimmen in Erwartung der Kohlen Lieder an. Zuerst etwas über die Liebe zur Heimat aus dem Repertoire von Ljudmila Zykina, und dann — «Nur wir mit dem Pferd gehen über das Feld…» von der Gruppe «Ljubé».
Miroslawa erzählt, wie sie einem orthodoxen Freund ein Kohlenstück von Kupala geschenkt hat:
- In seiner Wohnung gibt es viele Ikonen, sogar im Badezimmer steht eine. Mein Freund hängte den Beutel mit der Kohle direkt über die Eingangstür und ging schlafen. In derselben Nacht hatte er schreckliche Albträume, so etwas Schreckliches hatte er in Träumen noch nie gesehen. Sein erster Gedanke nach dem Aufwachen war: Ich muss diese Kohle sofort wegwerfen!
Miroslawa ist der Meinung, dass dies wegen eines Konflikts zwischen den Energien der Ikonen und der Kohle geschah.
Wenn vom Feuer nur noch glühende Kohlen übrig sind, beginnen einige, darüber zu laufen. Zuerst ging der Anführer der Gemeinschaft langsam darüber, dann schritt Wseslaw gemächlich mit einem stolzen Lächeln im Gesicht. Das Mädchen, das zum ersten Mal bei der Kupala-Feier war, lief über die Kohlen und schrie danach laut vor Schmerz auf.
Im Morgengrauen stellen sich die Heiden dem aufgehenden Sonnenlicht zugewandt auf und singen:
Steige auf, Dazhdbog — Erz des Lichts —
Sonne Jarga-Jaras der Morgendämmerung,
Über dem Wasser, über mir, über der Erde.
Ehre sei Dazhdbog, durch Dich leben wir!
Vor allem singen ältere Frauen, ihre Stimmen klingen müde, aber zufrieden. Manchmal werfen sie sich Blicke zu — sie versuchen zu verstehen, ob die Sonne vollständig hinter den Bäumen hervorgekommen ist. Doch nun ist sie für alle hinter den Bäumen zu sehen, und der Gesang verstummt. Einige gehen in die Zelte schlafen, andere bleiben, um im leisen Singen den Reigen weiterzuführen.
Priester aus dem Katastrophenschutz
In den Pausen zwischen den Ritualen unterhalten sich die Rodnover gern miteinander und auch mit Neulingen wie mir und zwei meiner Freundinnen. Über ihr weltliches Leben erzählen sie fast nichts — nicht aus Geheimniskrämerei, sondern einfach, weil man sieht, dass alle stark vom Ritual und vom Miteinander eingenommen sind. Doch schließlich bekomme ich die Chance auf ein ausführliches Gespräch mit einem Heiden: Einer der Priester, der während der Rituale besonders kräftig auf das Tamburin schlug, hörte, dass es einem Mädchen aus unserer Gruppe nicht gut ging — und bot an, uns nach Moskau zu fahren.
Im Morgengrauen steigen wir zu Iwan ins Auto (Name geändert). Nichts im Innenraum dieses weißen gebrauchten Importwagens verrät die religiösen Ansichten seines Besitzers — eines grauhaarigen, kurz geschnittenen Mannes um die 50 in Tarnhosen. Bevor er nach Moskau fährt, zieht er das bestickte weiße Hemd aus, das er bei der Feier trug, und bleibt in einem T-Shirt mit dem Bild einer furchterregenden Walküre.
Ich sitze auf dem vorderen Beifahrersitz, die Mädchen dösen hinten. Das Auto rollt auf der ebenen Straße im Licht der aufgehenden Sonne durch Kiefernwälder, weite Felder und schlafende Dörfer. Obwohl Iwan am Vortag Tag und Nacht auf das Tamburin geschlagen und Lobgesänge gelesen hat, wirkt er munter. Immer wieder regt er sich über die Fahrweise entgegenkommender Fahrer und aus seiner Sicht unglücklich platzierte Verkehrsschilder auf.
- Ich selbst komme übrigens aus der Oblast Kursk, aus einem Dorf — sein südrussischer Dialekt verrät es. — Als ich noch dort war, schlug mir ein Bekannter vor, zu einer Wahrsagerin zu gehen, na ja, ich stimmte zu. Sie sagte mir, ich hätte eine besondere Gabe, und ich selbst sei auch besonders: Ich spüre, was andere nicht spüren. Ich verstand das, konnte es aber nicht erreichen. Die Alte begann, mich zu lehren, Wachs zu gießen, Karten zu legen, Schäden, den bösen Blick und so weiter zu machen.
Allerdings beschäftigt sich Iwan nach eigenen Angaben inzwischen nicht mehr mit magischen Praktiken.
Der Priester der Rodnover arbeitet im System des Katastrophenschutzes, spricht aber nicht besonders über seinen Beruf. Mehr interessieren ihn die Unterschiede zwischen Heidentum und Christentum:
- Unsere ganzen Gebete haben sie [die Christen] sich doch abgeschrieben, bei uns gab es Lobgesänge — alles haben sie sich angeeignet. Sogar den Namen «Orthodoxie» haben sie uns weggenommen! Im Heidentum gibt es drei Welten: Jawь — die Welt der Menschen, Nawь — die Welt der dunklen Götter und Prawь — die Welt der höchsten Götter. Wir Heiden priesen die Prawь, aber wen preisen die Christen? Kannst du das erklären?
Ich vermute, dass es Jesus Christus ist.
- Sie preisen ihn nicht, sie beten zu ihm und halten sich für Gottes Sklaven — widerspricht Iwan. Und gleitet mühelos in den Bereich der Alternativgeschichte:
- Und was Christus selbst betrifft — er hat tatsächlich existiert. Er hieß Radomir. Er war wirklich ein starker Gott, rettete die Verirrten, wollte die Welt erneuern, nahm dafür den Tod auf sich, litt sehr. Er sagte, es werde eine neue Welt geben, neue Menschen. Hast du ihn jemals in Gewändern dargestellt gesehen?
- Nein, seine Kleidung war doch oft zerrissen. Und beim Letzten Abendmahl wusch er ja seinen Jüngern die Füße — antworte ich.
- Das Letzte Abendmahl und die Apostel hat es wahrscheinlich nicht gegeben. Man hat sie im 13. Jahrhundert erfunden, sie lebten damals nicht — erklärt Iwan. — Aber Judas gab es, und Christus wurde tatsächlich verkauft. Im Film «Der Meister und Margarita» ist alles ausführlich gezeigt. Überhaupt kam das Christentum irgendwo in den 1400er Jahren zu uns nach Rus, wenn nicht noch später.
- Und was ist mit Wladimir? Er taufte doch 988 die Rus — ich versuche, mich an den Schulgeschichtsunterricht zu halten.
Daraufhin erklärt Iwan, dass man in der Schule nichts lerne, und fordert mich auf, «die richtige Literatur zu lesen — zum Beispiel Lewaschow und Tröchlebow».
Die Bücher von Nikolai Lewaschow und Alexei Tröchlebow sind sowohl in Kreisen russischer Neuheiden als auch bei ultrarechten Konservativen beliebt — beiden Autoren sympathisierte zum Beispiel der populäre Satiriker Michail Zadornow. Lewaschows Werke kreisen um die Idee eines rassischen kosmischen Kampfes zwischen «weißen» Ariern, zu denen er die Russen zählte, und «grauen» Juden, die der Schriftsteller als Parasiten und fehlerhaftes Ergebnis genetischer Experimente betrachtete. Wegen dieser Theorie wurde sein Buch «Russland in krummen Spiegeln» in das Föderale Register extremistischer Materialien aufgenommen.
Tröchlebow ist eine noch exotischere Persönlichkeit: ein Yogi kosakischer Herkunft, der mit fünf Jahren angeblich seine Heilkräfte entdeckte, 1990 eine buddhistische Mönchsinitiation in Tibet durchlief und 2001 unter dem Namen Vater Vedagor zu den Altgläubigen-Inglingern stieß. Sein bekanntestes Buch «Die Zaubersprüche des Finist» entwickelt dieselbe rassistische Theorie wie Lewaschow.
Nicht alle Rodnover stimmen mit ihnen überein: 2012 erklärten drei Rodnover-Vereinigungen die Theorien mehrerer neuheidnischer Autoren, darunter Tröchlebow, für «pseudowissenschaftlich und schädlich für den slawischen Glauben». Und 2013 wurde gegen den Schriftsteller ein Strafverfahren wegen Anstiftung zu nationalem Hass und Beteiligung an einer extremistischen Vereinigung eingeleitet. Vor Gericht kam es allerdings nicht. 2014 wurden «Die Zaubersprüche des Finist» in dasselbe Föderale Register extremistischer Materialien aufgenommen.
Lewaschow starb 2012, Tröchlebow 2024. Doch ihre Ideen sind, wie aus den Ausführungen des Priesters Iwan hervorgeht, durchaus lebendig.
- Wie heißen wir denn jetzt? — fragt unser Fahrer rhetorisch, — Griechische Namen. Warum gerade griechische? In der Rus gab es damals einen griechischen Dionysos-Kult. Es gab keine Taufe. Und später musste man dann jemanden preisen, also erfand man die Orthodoxie. «Wir sind orthodoxe Christen» — das ist eine Tautologie, es hat keinen Sinn, von Orthodoxie zu sprechen; warum sagen Katholiken nicht «wir sind orthodoxe Katholiken»?
- Sie sprachen von der Nawь — der Welt der dunklen Götter — erinnere ich. — Was sind das für Götter?
- Man darf nicht «schlechte Götter» sagen. Bei uns sind alle Götter gut, wir preisen alle gleichermaßen, es gibt sowohl Belobog als auch seinen Bruder Tschernobog. In der Natur muss immer ein Gleichgewicht herrschen: Dunkel und Licht. Würden wir jetzt in diesem Auto fahren, wenn es in der Natur kein Gleichgewicht gäbe? Nein, würden wir nicht, man hätte es gar nicht erfinden können — überlegt Iwan. — Man stellt Gift her, dazu das Gegengift. Dasselbe beim Computer: Es gibt Viren und es gibt da irgendeinen Kaspersky. Wir entwickeln uns! Lies die Werke von Nikola Tesla.
Um mich mit der heidnischen Kultur vertraut zu machen, legt Iwan russischen Folk-Rock auf — darin wird von der Verehrung der Götter, von alten Legenden, Wäldern und Bäumen gesungen. Die Mädchen auf dem Rücksitz hören unserem Gespräch zu. Dann fragt eine von ihnen Iwan:
- Jetzt läuft doch die spezielle Militäroperation, im Grunde kämpfen Slawen gegen Slawen, das ist doch Barbarei, wie stehen Sie dazu?
- Du sagst es richtig. Das ist Barbarei. Die Juden haben uns gegeneinander aufgehetzt. Das Volk wurde zu Sklaven gemacht, das Volk verkauft sich für Geld. Wer kämpft dort? Es gibt natürlich welche, die eingezogen wurden….
- Nun, es gibt auch Überzeugte, — werfe ich ein.
Iwan empört sich:
- Das sind keine Überzeugten, das sind Geisteskranke! Wie kann man hingehen und gegen das eigene Volk kämpfen? Wie? Wie? Wie?
Gegen 5:30 Uhr morgens erreichen wir die vom Morgenlicht erhellte Hauptstadt. Auf den Straßen ist es leer und still, es gibt fast keine Autos. Am südöstlichen Rand Moskaus setzt Iwan uns an der Metrostation ab, die seinem Zuhause am nächsten liegt, verabschiedet sich und fährt davon. Und morgen geht er zur Arbeit — auf Notfälle reagieren.
Fotos von Irina Romaschowa
Die Autorin dankt den Praktikantinnen des Projekts «Blaue Capybaras» Wika und Julia für ihre Hilfe bei der Organisation der Reise zu den Rodnover

