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Nachrichten ohne Leser. Warum Medien weltweit ihr Publikum verlieren und wie das in Russland geschieht

Im Jahr 2025 verloren russische Internetressourcen in der Kategorie «Nachrichten und Medien» in Yandex und Google bis zu 15 % ihrer Aufrufe und Besucher. Laut der Agentur Kokoc Performance sank der organische Traffic im ersten Halbjahr 2025 im Durchschnitt um 30 % (in einzelnen Fällen sogar um bis zu 60 %). Das ist ein Spiegel der globalen Tendenz: Die Menschen sind müde von schlechten Nachrichten und schlicht nicht mehr in der Lage, das enorme Volumen eingehender Informationen zu verarbeiten.

Bild: Most.Media / Google Nano Banana

Laut dem Bericht des Reuters Institute aus dem vergangenen Jahr liegt der Anteil der Nutzer, die Nachrichten unabhängig von der Quelle bewusst meiden, bei fast 40 % – dem Höchststand der letzten acht Jahre. Zu den wichtigsten Gründen nennen Männer und Frauen aus 48 Ländern der Welt die negative Wirkung von Nachrichten auf die Stimmung (39 %), die Ermüdung durch den ununterbrochenen Informationsstrom (31 %) sowie das Übermaß an Meldungen über Kriege und Politik (je 29 %).

Besonders stark zeigt sich dieser Effekt heute – in einer Phase anhaltender Turbulenzen: Wenn Nachrichten früher als Mittel dienten, die Welt zu verstehen und Entscheidungen zu treffen, werden sie nun zur Quelle von Angst, Gereiztheit oder Ohnmacht. «Überall geschehen massive und schreckliche Dinge. Das ist einfach unerträglich», erklärt eine 51-jährige Frau aus Großbritannien ihr Verhalten.

Dabei sind Medien zu einem zusätzlichen Faktor kognitiver Belastung geworden. Dabei geht es nicht um ein «Clip-Denken» – ein populäres quasissenschaftliches Schlagwort. Moderne Studien liefern eine viel weniger dramatische und deshalb umso unangenehmere Erklärung.

Die grundlegenden Grenzen des kognitiven Systems des Menschen – Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, die Fähigkeit, Informationen zu behalten, zu systematisieren und zu verstehen – sind unverändert geblieben. Doch die Zahl der eingehenden Signale ist so stark gestiegen, dass die Fähigkeit, sie konstant zu verarbeiten, zum begrenzenden Faktor wird.

In amerikanischen Studien wird dies gewöhnlich mit den Begriffen information overload und attention fragmentation beschrieben – Informationsüberlastung und Aufmerksamkeitsfragmentierung. Das ist kein Desinteresse und keine Vorliebe für das Einfache auf Kosten des Komplexen, sondern emotionale Erschöpfung und grenzenlose Müdigkeit angesichts eines endlosen, oft chaotischen Informationsstroms. Das Problem liegt nicht in einer Verschlechterung der Denkfähigkeit, sondern in den radikal veränderten Arbeitsbedingungen des kognitiven Systems, merkt die Professorin Gloria Mark von der University of California an.

Auch die Medienökonomie hat sich erheblich verändert. «In den letzten zehn Jahren stirbt das Modell der Nachrichtenseiten als Zentren des Medienökosystems – wenn es nicht schon gestorben ist», merkt ein Kollege an, der mehr als zehn Jahre lang Führungspositionen in großen russischen Medien innehatte, darunter auch in Unternehmenspublikationen. «Ich begann das schon während meiner Arbeit bei Life.ru zu verstehen».

In der Folge sind zwei miteinander verbundene Phänomene entstanden. Erstens: Nachrichtenwüsten (news deserts) – Gebiete oder Themenfelder, in denen Leser praktisch keinen Zugang zu verlässlichen, gesellschaftlich relevanten Informationen haben. Zum ersten Mal sprach man darüber in den USA nach der massenhaften Schließung kleiner lokaler Medien infolge der Weltwirtschaftskrise.

Zweitens sind Geistermedien entstanden – Publikationen, in denen die Redaktionen weiterhin arbeiten und eine beträchtliche Menge an Nachrichteninhalten produzieren, die jedoch praktisch niemand liest. Der tatsächliche Traffic und der Einfluss auf das Publikum sind minimal.
Besonders deutlich zeigt sich das in kleinen russischen Regionen.

In Russland hängt dieser Prozess nicht nur mit äußerem administrativem Druck und der Zensur der Kriegszeit zusammen, sondern auch mit den inneren strukturellen Besonderheiten des gegenwärtigen Nachrichtenmodells.

Russische Internetressourcen setzen stark auf Clickbait-Überschriften und aggressive SEO-Optimierung, um in den Suchmaschinen sichtbar zu bleiben. Zwar bleibt SEO ein notwendiges Instrument, doch sein übermäßiger Einsatz führt zur Massenproduktion von schematischem, oberflächlichem Content, der vor allem auf Algorithmen und nicht auf Leser ausgerichtet ist. Algorithmen ist es gleichgültig, ob sie Ratschläge vom Typ «wie man eine Toilette für ein Landhaus auswählt» oder eine aktuelle Nachricht befördern – Hauptsache, das Material ist «optimiert». Dieses Rennen um Klicks bringt kurzfristiges Wachstum bei den Kennzahlen, führt aber zwangsläufig zur Erosion des Vertrauens des Publikums und zum Rückgang des organischen Traffics.

Darüber hinaus halten die Algorithmen von «Yandex» und «Dzen» nach dem Übergang der Plattform unter die Kontrolle von VK und den Änderungen im Bereich «Nachrichten» die Nutzer immer häufiger innerhalb des Ökosystems, statt sie zu den Originalquellen weiterzuleiten. Ein Teil der Links führt nun nicht mehr zu den Websites der Medien, sondern zu monetarisierten Kanälen innerhalb von «Dzen», wo der Volltext oder eine Zusammenfassung ohne Wechsel verfügbar ist.

Nach Daten von LiveInternet verzeichneten viele große Redaktionen im Zeitraum Januar bis September 2025 einen starken Rückgang der Zugriffe von der Plattform. So sank der Traffic bei RBC im Jahresvergleich um mehr als 38 % (auf 72,4 Mio.), bei Wedomosti stieg er nur um 1 % auf 17,5 Mio. Gleichzeitig zeigten staatliche und loyale Medien ein mehrfaches Wachstum: Bei TASS stiegen die Besuche um 727 % (auf fast 224,9 Mio.), bei Komsomolskaja Prawda um 227 % (auf 54 Mio.), bei Russia Today um 76 % (auf mehr als 193 Mio.).

Damit stoßen Verlage, die im Streben nach Traffic stark auf Yandex und «Dzen» setzen, auf ein klassisches Beispiel der Kannibalisierung: Während sie Inhalte für die Plattform produzieren, zieht diese den Hauptwert – die Aufmerksamkeit und Zeit des Nutzers – an sich. Das verstärkt den Effekt der «gespenstischen» Existenz von Medien:

Die Redaktionen arbeiten weiter, produzieren Materialien und erzielen sogar Aufrufe innerhalb des Ökosystems, doch ihr tatsächlicher Einfluss außerhalb davon nimmt unaufhörlich ab.

Qualitätsjournalismus weicht der Massenproduktion von Inhalten «für Yandex», was die Verwandlung der Verlage in Geistermedien nur beschleunigt.

Besonders deutlich zeigt sich das in den russischen Regionen. Wenn im Mai dieses Jahres alle Moskauer Internetressourcen in der Kategorie «Medien und Nachrichten» laut offizieller Statistik des Dienstes LiveInternet von 12,3 Millionen Nutzern besucht wurden (17,2 Millionen im Vorjahr), dann waren es in der entsprechenden Kategorie des Gebiets Orjol 530.000 (vor einem Jahr 928.000), im Gebiet Jaroslawl 2,2 Millionen beziehungsweise fast 4 Millionen. Am tragischsten ist die Lage in kleinen Kreisstädten: So besuchten im Mai 2026 231 Menschen die Website der «Orjoler Stadtzeitung», das Internetportal «Orjolskaja Sreda» nur 66.

Eine ähnliche Transformation findet auch im Google-Ökosystem statt, obwohl sie dort anders organisiert ist. War die Suchmaschine früher der Hauptlieferant von Publikum für die Medien, so übernehmen heute die eigenen Empfehlungs- und «Antwort»-Oberflächen von Google einen erheblichen Teil der Aufmerksamkeit der Nutzer. Besonders sichtbar ist die Rolle von Google Discover – dem personalisierten Empfehlungs-Feed. Nach Daten von Chartbeat und Reuters Institute gingen 2025 die Zugriffe der Publisher (mehr als 2500 Websites) aus der Google-Suche weltweit im Jahresvergleich um 33 % zurück, und der Traffic aus Google Discover sank um weitere 21 %.

Der Anteil der sogenannten Zero-Click-Szenarien wächst: Der Nutzer wendet sich an Google, erhält eine kurze Antwort, eine Zusammenfassung oder eine Auswahl direkt innerhalb der Google-Oberfläche und hat danach schlicht keinen Grund mehr, zur Website der Originalquelle zu wechseln. In der Folge geraten Medien in eine Lage, in der selbst eine hohe Reichweite innerhalb der Plattform immer schlechter in eine eigene Zielgruppe umgewandelt wird.

Dreißig Jahre lang haben russische Medien Schritt für Schritt zwei zentrale Kompetenzen entwickelt: Nachrichtenproduktion und Traffic-Gewinnung. Heute wird immer deutlicher, dass weder das eine noch das andere bereits Erfolg garantiert – weder finanzielle Stabilität noch die Aufmerksamkeit des Publikums oder gesellschaftliches Vertrauen.

Diese Lage erscheint ernster als die bloße Schließung von Medien. Ein totes Medium kann man beerdigen und versuchen, etwas Neues zu schaffen. Ein Gespenst lebt dagegen formal weiter: Die Redaktion produziert Inhalte, sammelt die Reste des Traffics, die Kennzahlen werden aktualisiert. Doch es verliert das Wichtigste – Vertrauen und die Fähigkeit, auf das Leben der Gesellschaft einzuwirken.

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