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Warum das Kreml die Erinnerung an die Massenerschießungen in Karelien so unangenehm ist

Das Waldgebiet Sandarmoch scheint den russischen Behörden allein durch seine Existenz zu drohen. Aus ihrer Sicht, wenn die Menschen es nicht vergessen, muss ihre Erinnerung umprogrammiert werden – mit allen Mitteln und um jeden Preis.
Letzte Woche erreichte eine Nachricht aus Karelien die Welt, die der des „Tags des Opritschniks« würdig ist. Im Waldgebiet Sandarmoch bei der Stadt Medweschjegorsk versuchten Aktivisten regierungsnaher Organisationen – der „Russischen Gemeinschaft«, der „Jungen Garde von Einiges Russland« und der Kosakenvereine – eine Gedenkveranstaltung zum 88. Jahrestag des Beginns des Großen Terrors in der UdSSR zu stören. Ende der 1930er Jahre nutzte die stalinistische Diktatur Sandarmoch als Erschießungsstätte. Allein anhand der namentlich festgestellten Listen hat das NKWD hier mindestens 6241 Menschen ermordet.
Laut Berichten der Korrespondenten von „Bumaga« und „Mediazona« hängten Rechtsextreme und ihre Gefährten Fotos ausländischer Freiwilliger der ukrainischen Streitkräfte an Bäume, belästigten ausländische Diplomaten, die nach Sandarmoch gekommen waren, schütteten Wasser über die Teilnehmer der Aktion und sangen während der Kranzniederlegung laut „Katyusha«. Man könnte meinen, dass der Kreml und seine glühenden Anhänger neben dem Krieg genug andere Sorgen haben als die Opfer der Massenrepressionen in der Karelischen Wildnis. Doch das Thema Sandarmoch lässt die russische Führung offenbar nicht los.
Satisfaktion unter den Kiefern
Bleiben wir am selben Ort, aber spulen wir elf Jahre zurück – zum 5. August 2014. Jenem Schicksalsjahr der neueren russischen Geschichte mit „Krim ist unser«, dem malaysischen „Boeing«-Abschuss, einer Präsidentschaftswahl mit fast 90 % Zustimmung und den ersten Sanktionen, die „Iskander«-Raketen nicht zum Lachen bringen sollten.
In Sandarmoch wurde der nächste Jahrestag des Beginns des Großen Terrors begangen. Doch damals ging es dort nicht nur oder vor allem um die stalinistische Zeit. Ein Video ist erhalten: eine Baumreihe, dazwischen – für Karelien typische Gedenkpfähle mit Dach (sogenannte „Golubzy«). Vor dem Publikum spricht ein älterer, aber kräftiger und vitaler Mann in heller Kleidung.
Zunächst spricht der Redner etwas verschlungen über die aktuelle Macht in Russland und deren Doppelmoral. Dann wechselt er direkt zum wichtigsten Thema des Sommers 2014, dem Konflikt im Donbass. Offiziell sollten die Russen damals glauben, dass das, was im Osten der Ukraine geschieht, ein spontaner Aufstand der Einheimischen gegen die „Kiewer Junta« sei. Doch immer mehr Menschen erkannten die unangenehme Wahrheit an:
„Die ganze Welt erkennt an, dass in Donezk auf der einen Seite schlichtweg Banditen von Janukowitsch mit unserem Geld der Steuerzahler und unserer Waffen kämpfen. Auf der anderen Seite versucht die legitime ukrainische Regierung, sie irgendwie zu bestrafen. Und unsere schreien, dass das keine Regierung ist, sondern Henker.«
Dann forderte der Sprecher die Zuhörer auf, die aktuelle Führung der Russischen Föderation nicht zu fürchten („Das Schlimmste, was sie [die Macht] mit euch machen kann, ist, euch zu töten«). Viele in der Menge schienen damals verunsichert, eine männliche Stimme rief, dass das schon „zu weit geht«, doch der Redner konterte gelassen: „Satisfaktion könnt ihr hinter den Kiefern haben.«
Sie haben den Wahrheitskämpfer im hellen Gewand natürlich erkannt – es ist der ehemalige Vorsitzende des karelischen „Memorial« Juri Dmitrijew. 1997 fand eine Gruppe lokaler und St. Petersburger Mitglieder der Gesellschaft mit seiner aktiven Beteiligung Massengräber im Waldgebiet. Damals gaben die Menschenrechtsaktivisten dem Ort auch seinen Namen nach einem einst dort stehenden Dorf (aus dem Karelischen „Sandarmoch« übersetzt „Alexandrow-Hof« bedeutet). 2016 wurde Dmitrijew hingegen Angeklagter in einem berüchtigten Fall wegen „sexueller Gewalt«. 2020 verurteilte das Gericht in Petrosawodsk ihn – nach einem zweiten Versuch und auf fragwürdiger Grundlage – zu 13 Jahren Haft.
Für damalige Verhältnisse wirkte das wie ein Nonsens. Dmitrijew war weder Oligarch, noch hochrangiger Sicherheitsbeamter, noch politischer Aktivist. Die meisten Kommentatoren zweifelten nicht daran, dass die eigentliche Schuld von Juri Alexejewitsch darin bestand, dass er zu viel ausgegraben hatte, sowohl in Sandarmoch als auch in dessen Umgebung (obwohl bis heute nicht ganz klar ist, welchen Zorn und von wem Dmitrijew genau erregte). Der vom Heimatforscher gefundene Ort erhielt ein neues Leben mit eigenen Bedeutungen – die mit jedem Jahr immer mehr senkrecht zu dem standen, wozu die offizielle Führung aufrief.
Wald für überflüssige Menschen
Das Wichtigste, was man über Sandarmoch wissen muss: Es ist einer der wenigen erforschten Orte auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, an dem Ende der 1930er Jahre Todesurteile vollstreckt wurden. Dabei starben hier nicht nur Einheimische, sondern auch viele Hundert Menschen, die bis zu ihren letzten Lebenstagen keinerlei Bezug zu Karelien hatten. Es waren Russen aus verschiedenen Teilen des Landes, Ukrainer, Juden, Tataren und Baschkiren, Polen und Vertreter von über 50 weiteren Völkern. Wie kam es zu einem solchen internationalen Gemisch?
Im Sommer 1937 nahm die Maschine des Großen Terrors im gesamten stalinistischen Staat Fahrt auf. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Befehl Nr. 00447 des NKWD. Formal unterzeichnete der Volkskommissar für Innere Angelegenheiten Nikolai Eischow den Akt am 30. Juli, doch als Beginn der „Operation« galt in den meisten Gebieten der UdSSR der 5. August. Parallel wirkten weitere geheime Erlasse, die hunderte und tausende Menschen zum Tod verurteilten. Am 16. August unterzeichnete derselbe Eischow den Befehl Nr. 59190 „Über den Abschluss der Operation zur Repression der aktivsten konterrevolutionären Elemente unter den im GUGB-Gefängnissen Inhaftierten«. Punkt drei des Dokuments sah vor, 1200 Gefangene des Solowezki-Gefängnisses – dem Vorbild des GULAG – zu vernichten. Es ging um jene Häftlinge, deren Haftzeit ablief und deren Freilassung vom stalinistischen Regime als potenzielle Bedrohung angesehen wurde – vor allem politische Gefangene.
Die Tschekisten entschieden, dass auf den Inseln selbst mit weniger als 400 km2 Fläche nicht so viele Menschen heimlich getötet werden konnten. Deshalb wählten die Staatssicherheit als Erschießungsstätte einen Ort auf dem Festland – die Umgebung der karelischen Medweschja Gora, der „Hauptstadt« des Weißmeer-Baltischen Lagers (Belbaltlag). Die Solowezki-Leitung unter Ivan Apeter sollte die Fälle vorbereiten, rasch Ermittlungen vortäuschen, Urteile bestätigen und die erneut Verurteilten zur Massenhinrichtung nach Karelien bringen. Die Hauptstadtführung rechnete, dass für diese Arbeit zwei Monate ausreichen würden.
Doch auf Apeters Team lastete ein zu großes „kreatives« Pensum. Sie mussten die benötigte Anzahl an Gefangenen aussuchen, für jeden eine Akte erstellen und angebliche Verbrechen erfinden, die angeblich bereits im Gefängnis begangen wurden. Bei manchen waren es konterrevolutionäre Äußerungen, bei anderen Fluchtversuche, bei wieder anderen sonstige Verstöße. Schließlich gingen die Erschießungsakten zur Genehmigung an Spezialtribunale (die sogenannten „Dreierkommandos«), was ebenfalls Zeit kostete.
Wochenlang versuchte die Solowezki-Leitung Zeit zu gewinnen, indem sie systematisch Gruppendelikte fabrizierte. Zum Beispiel fassten sie 134 Gefangene, die mit der Ukraine in Verbindung gebracht wurden, zur „Allukrainischen Zentralblock« zusammen – einer nicht existierenden „national-terroristischen« Organisation.
Im „AZB« waren längst nicht alle Ukrainer. So nahmen die Ermittler etwa den Meteorologen Alexej Wangenheim auf. Sein einziges ukrainisches Merkmal bestand darin, dass der zukünftige Wissenschaftler 1881 bei Konotop geboren wurde. Seine Familie zog einige Jahre später aus der Region Tschernihiw nach Zentralrussland, und Wangenheim hatte danach nichts mehr mit der Ukraine zu tun. Doch solche Kleinigkeiten störten die Solowezki-Tschekisten nicht. In den „Block« wurden noch einige weitere Gefangene aufgenommen, die ebenfalls in ukrainischen Gebieten geboren wurden, dort Verwandte hatten oder die ukrainische Sprache beherrschten.
Der Kern der „Organisation« bestand jedoch aus echten Ukrainern wie dem Regisseur Les Kurbas, dem Dramatiker Nikolai Kulis, dem Historiker Matwei Jaworski, den Schriftstellern Anton Kruschnizkij und Walerjan Pidmohylnyj. Deshalb sehen die ukrainischen Historiker den Solowezki-Transport im Herbst 1937 (auch „Großer« oder „Verschwundener Transport«) als tödliches Ende der „Erschossenen Wiedergeburt«. Darunter versteht man Kulturschaffende der Ukrainischen SSR, die in ihrer Landessprache wirkten und in den 1930er Jahren trotz eindeutiger Loyalität zum sowjetischen Regime Repressionen ausgesetzt waren. Mit dem Ende der früheren „Korenisierung«-Politik der Bolschewiki wurden die Ukrainischsprachigen zunächst unerwünscht in Freiheit und dann gefährlich allein durch ihre Existenz.
Diese grausame Logik betraf Ende der 1930er Jahre nicht nur Ukrainer. Im selben „Verschwundenen Transport« befand sich eine weitere nationale Gruppe, die im Fall von Mirsaid Sultan-Galijew genannt wird. Es ging um einen prominenten tatarischen Bolschewiken, der einst von der Idee des islamischen Sozialismus fasziniert war und damit seine politische Karriere zerstörte. Bis zu seiner Hinrichtung 1940 wechselte Sultan-Galijew mehrfach den Haftort, doch auf den Solowezki-Inseln war er nie. Sein Name wurde zum Sammelbegriff, unter dem die Tschekisten etwa 30 Intellektuelle aus verschiedenen turksprachigen Völkern, von Usbeken bis Krimtataren, zusammenfassten, die sich auf dem Nordarchipel befanden. Alle wurden als „Sultangalijewtsy« eingestuft und erhielten einheitlich das Todesurteil.
Verschwörung über allem
Bis Mitte Oktober 1937 hatte Apeters Team die von Eischow gestellte Aufgabe im Wesentlichen erfüllt. Die Solowezki-Tschekisten erreichten ihr Ziel nur knapp nicht – sie brachten 1116 statt der vorgesehenen 1200 Fälle zu Ende. Wegen interner Unordnung „verloren« sich fünf Gefangene: Einer starb noch vor dem Transport, vier wurden irrtümlich in andere Lager verlegt. Später wurden alle gefunden und an ihrem tatsächlichen Aufenthaltsort hingerichtet (ebenso wie Apeter selbst – bereits 1938).
So entstand eine Gruppe von 1111 zum Tode Verurteilten. Über ihr nahes Schicksal konnten sie nur ahnen. Gemäß einer besonderen Anordnung des stellvertretenden NKWD-Volkskommissars Michail Frinowski (der 1940 erschossen wurde) wurden den zum Tode Verurteilten durch die „Dreierkommandos« das Urteil nicht mitgeteilt. Die Bewacher logen ihren Opfern vor, dass sie in andere Gefängnisse und Lager verlegt würden. Mit diesem simplen Trick wollten die Tschekisten die Wachsamkeit der Häftlinge dämpfen und möglichen Widerstand verhindern.
Am 16. Oktober 1937 holte der Kapitän der Staatssicherheit Michail Matwejew die Transportierten von den Solowezki-Inseln ab, stellvertretender Leiter der Verwaltungs- und Wirtschaftsdirektion des NKWD für die Leningrader Region. Die scheinbar harmlose Position darf nicht täuschen. In der Regel waren die Vollstrecker von Todesurteilen in der stalinistischen Geheimpolizei genau solche Verwaltungsbeamten. Matwejew selbst war ein erfahrener Profi-Henker, der Todesurteile bereits seit dem Bürgerkrieg ausführte.
Am 21. Oktober erreichten die Gefangenen per Schiff das Durchgangslager bei Kemi. Von dort wurden sie mit der Eisenbahn in die Umgebung der Siedlung Medweschja Gora gebracht – an einen damals noch namenlosen Ort, den wir heute als Sandarmoch kennen.
Matwejew wählte den Hinrichtungsort persönlich aus. Anfangs wurde ihm angeboten, die Menschen am Stadtrand der späteren Stadt zu töten, doch der erfahrene Tschekist erkannte mit geübtem Blick, dass der Ort „kategorisch nicht den Anforderungen eines Erschießungsplatzes entspricht«. Vor allem fürchtete er das Risiko einer „Enttarnung« – die Tötungen sollten heimlich erfolgen.
In Sandarmoch assistierten Matwejew der Juniorleutnant des NKWD Georgi Alafjor (ebenfalls aus Leningrad) und einige lokale Tschekisten. Bis zum 27. Oktober 1937 schien die kleine Gruppe alle Hindernisse überwunden zu haben und begann mit dem lang ersehnten Gemetzel. Doch in der ersten Erschießungsnacht kam es zu einem Zwischenfall. Die Verurteilten wurden in Lastwagen mit gefesselten Händen und Füßen gebracht. Doch jemand aus der ersten Gruppe hatte ein Messer eingeschmuggelt. In der Erkenntnis seines Schicksals schnitt der zum Tode Verurteilte die Seile durch, stürmte auf die Tschekisten los und verletzte sogar einen seiner Henker. Die Peiniger beendeten den Aufstand schnell, indem sie den verzweifelten Mann mit dem Messer und seine Mitgefangenen töteten.
Der misstrauische Matwejew bestand daraufhin auf einer viertägigen Pause, um sicherzugehen, dass keine „Enttarnung« stattgefunden hatte. Doch aus Kemi kamen in dieser Zeit immer neue Gefangene in die Nähe von Medweschja Gora. Es gab nicht genug Platz für sie in den engen Isolatoren von Belbaltlag – drei kleinen Baracken. So setzten die Henker am 1. November die Morde nach offen sadistischem Reglement fort.
Aus Vorsichtsgründen wurden die Opfer nun vollständig ausgezogen, gefesselt bis zur Unbeweglichkeit, und potenziell gefährliche Personen wurden mit Knüppeln bewusstlos geschlagen. Die Bewusstlosen wurden in Gruben geworfen, wo Matwejew sie gewöhnlich persönlich mit einem Schuss in den Hinterkopf tötete.
Am 4. November 1937 beendete Matwejews Team die Hinrichtungen in Sandarmoch. Am 10. November übergab der Leningrader den Erschießungsplatz an Kollegen von Belbaltlag und berichtete knapp an die Führung über die erledigte Arbeit: „Das Urteil über die zum Tode Verurteilten […] habe ich an 1111 Personen vollstreckt«. Der Tschekist war sicher stolz auf sich – denn trotz aller Schwierigkeiten hatte er eine „Enttarnung« verhindert. Hier möchte man sagen, dass der Henker selbst wenige Monate später zum Opfer wurde, doch in Wirklichkeit geschah es anders.
1940 wurde Matwejew tatsächlich während eines Führungswechsels der Tscheka gefasst, als das neue Team unter Lawrenti Beria die Leute von Eischow säuberte. Der Sandarmoch-Henker wurde wegen Amtsmissbrauchs zu zehn Jahren Haft verurteilt, saß aber tatsächlich nur zwei Jahre. Sein Fall wurde überraschend neu aufgerollt, und der Gefangene wurde nicht nur entlassen, sondern auch mit Beförderung wieder eingestellt.
Nach dem Krieg erwartete den Henker eine ehrenvolle Pension und 22 Jahre glücklichen Lebens auf Staatskosten. Er starb erst 1971.
Matwejews treuer Gefährte bei den Sandarmoch-Morden, Georgi Alafjor, überlebte Matwejew sogar um einige Jahre. Ihm gegenüber gab es übrigens keine Vorwürfe. Doch ein solches Happy End für einen NKWD-Mitarbeiter war eher die Ausnahme.
Tschekisten im Wettlauf mit dem Tod
Im Winter 1938 nahm Sandarmoch mehrere neue Erschießungstransporte aus Lagern auf, diesmal jedoch nicht von den Solowezki-Inseln, sondern aus Einrichtungen von Belbaltlag. Während des Großen Terrors fanden dort mehrere Säuberungen nach verschiedenen Befehlen und Direktiven statt. Insgesamt kosteten sie mindestens 2643 Gefangte das Leben, und die überwiegende Mehrheit der Urteile wurde in der Umgebung von Medweschja Gora vollstreckt.
Doch das Volkskommissariat unter Eischow säuberte in diesen schwarzen Monaten nicht nur Gefängnisse und Lager. Der Große Terror erfasste auch Menschen jenseits des Stacheldrahts, und in Karelien waren die Repressionen besonders gnadenlos. Von 1. Januar 1937 bis 17. November 1938 wurden in der Republik mit einer halben Million Einwohnern zwischen 11.300 und 13.000 Menschen wegen politischer Delikte verurteilt, und mindestens 9800 von ihnen erhielten die Höchststrafe. Anders gesagt, auf einen in Lager Geschickten kamen etwa fünf Erschossene – eine monströse Disproportionalität selbst für die Maßstäbe der Sowjetunion 1937-1938.
In Karelien gab es damals mindestens neun Erschießungsplätze, doch mehr als 50 % der Urteile vollstreckten die Tschekisten in Sandarmoch. Die Kommandeure der Erschießungskommandos, Alexander Schondysh und Ivan Bondarenko, töteten bis zur Erschöpfung. Im Höhepunkt der Repressionen im Januar 1938 fielen den Henkern manchmal über 300 Morde in einer Nacht zu. Ihre Führung schätzte ihren Eifer nicht: Beide wurden wegen Amtsmissbrauchs noch vor Ende 1939 erschossen.
Die Brutalität der Säuberungen wurde durch die Besonderheit der Grenzregion verstärkt, multipliziert mit der jüngsten „Korenisierung«. In den 1920ern versuchte Moskau, aus Karelien eine Art Alternative zu Finnland zu machen. Schlüsselpositionen besetzten finnische Kommunisten, die nach ihrer Niederlage im Bürgerkrieg in die UdSSR geflohen waren. Außerdem organisierten die Bolschewiki die Ankunft von etwa 15-20 Tausend ethnischen Finnen, Kareliern und verwandten Völkern aus verschiedenen Ländern. Es handelte sich um:
- „Karbezhentsy« – Karelier, Teilnehmer des antisowjetischen Aufstands von 1921-1922: zunächst nach Finnland geflohen, kehrten sie nach einer von den Bolschewiki versprochenen Amnestie zurück;
- „Finperibegschiki«, finnische Staatsbürger, die der kommunistischen Propaganda folgten und beschlossen, ein neues Leben in der UdSSR zu beginnen;
- „Amerikanische Finnen«, ursprünglich Auswanderer in die USA und nach Kanada, die sich dort nicht einlebten und linke Stimmungen aufnahmen.
Mit Beginn des Großen Terrors sahen die Tschekisten in diesen vertrauensvollen Menschen ein fertiges Material für politische Prozesse. Die Staatssicherheit störte es nicht, dass der Kern der „Finperibegschiki« und „Amerikaner« überzeugte Marxisten waren. So geriet unter die Repressionen auch Oskar Korgan – einst Redakteur einer Arbeiterzeitung im Bundesstaat Michigan, der seine Landsleute zur Übersiedlung in die UdSSR agitierte und selbst mit seiner Familie dorthin zog.
„Spät in der Nacht des 4. November 1937 klopften sie [Mitarbeiter des NKWD] an die Tür und weckten meine Familie. Sie sagten meinem Vater, er sei verhaftet und müsse mitkommen. Sie beantworteten keine Fragen. […] Ich erinnere mich, dass Vater [meiner Mutter] sagte, dass er alles regeln und zurückkommen werde, bevor sie es überhaupt merkt.«
– Meimi Sewander, Tochter Korgans
Im September 1937 fasste der NKWD-Chef in Karelien, der Lette Karl Tenison, die Verschwörungstheorien der Tschekisten in einem Narrativ zusammen. Angeblich habe die alte finnische Führung der Republik, die ursprünglich für Helsinki arbeitete, verschiedenste Spione, Faschisten und Saboteure versammelt. Diese fünfte Kolonne plante, auf den richtigen Moment zu warten, der UdSSR in den Rücken zu fallen und die Karelischen Ländereien an Finnland zu bringen. Kein Wunder also, dass der Große Terror in der Republik deutlich an eine ethnische Säuberung erinnerte. Nach Einschätzung der heutigen Historikerin Irina Takala stellten die Finnen, die weniger als 4 % der Bevölkerung ausmachten, mehr als 40 % der Repressionsopfer.
Doch die oberste Führung bedankte sich bei Tenison auf ihre Weise für seine Wachsamkeit. Im Frühjahr 1938 wurde er selbst zum Spion und Faschisten – ein Tschekist, der die Vernichtung der lettischen Diaspora im NKWD nicht überlebte. Am 10. September desselben Jahres starb Tenison vermutlich an den Folgen einer Misshandlung während der Vernehmung. Den Kampf gegen den finnischen Nationalismus übernahm sein Nachfolger Stepan Matusenko, ein Mann aus der Nähe von Winniza. Doch auch er hatte wenig Erfolg – er überlebte Tenison um weniger als anderthalb Jahre.
Von der zivilen Führung Kareliens ganz zu schweigen. Von Juli 1937 bis Juni 1938 wechselten hier die ersten Sekretäre des WKP(b)-Gebietskomitees viermal, und drei dieser Bürokraten verloren mit ihrem Amt auch ihr Leben.
Erschießungsstätte für Experimente
In der Geschichte Sandarmochs wäre es von allen Seiten einfacher und angenehmer gewesen, das Jahr 1997 als Schlusspunkt zu setzen. Damals fanden Mitarbeiter von „Memorial« nach langen Suchaktionen (unter anderem halfen zufällig gefundene Aussagen von Matwejew) die ehemalige Erschießungsstätte.
„[Bei der ersten Gedenkzeremonie am 27. Oktober 1997] gab es noch viele Kinder von Erschossenen, die sich an den Moment der Verhaftung ihrer Väter und Mütter erinnerten. Für sie war es wie aufgeschobene Beerdigungen ihrer Angehörigen, die endlich stattfanden. Delegationen kamen aus Udmurtien, Tatarstan, aus anderen Republiken und natürlich aus der Ukraine, die hier sehr viele verlor. Die katholische Kirche war sehr aktiv, weil allein vom Großen Solowezki-Transport 30 katholische Priester Opfer wurden. Die Russische Orthodoxe Kirche nahm damals ebenfalls am Gesamtprozess teil.«
– Irina Flige, Direktorin des wissenschaftlich-informatorischen Zentrums „Memorial«
Doch dieses Ende war, wenn nicht falsch, so doch vorläufig. Mitte der 2010er Jahre begann in Karelien – unmittelbar nach der Eröffnung der Fälle gegen Juri Dmitrijew und den Direktor des Medweschjegorsker Stadtmuseums Sergej Koltyrin (leider verstorben) – ein Angriff auf das Waldgebiet selbst. Zunächst erschien ein Buch des Historikers Sergej Verigin und des Journalisten Armas Maschin „Rätsel von Sandarmoch«. Die Autoren stellten die Hypothese auf, dass an diesem Ort nicht nur die Überreste von Repressionsopfern, sondern auch gefallener Rotarmisten aus dem Zweiten Weltkrieg liegen könnten. Angeblich habe die finnische Armee bei der Besetzung Kareliens 1941-1944 Massengräber in Sandarmoch gefunden und diese für die Beerdigung erschossener sowjetischer Kriegsgefangener benutzt.
Die finnische Besetzung war tatsächlich brutal. Das offizielle Helsinki erklärte damals offen den Kurs auf die Annexion Kareliens mit anschließender Säuberung von „Fremdvölkischen« (grob gesagt alle, die nicht ihre Zugehörigkeit zu Finnen, Kareliern und verwandten Völkern nachweisen konnten). Die gefangenen Rotarmisten behandelten die Besatzer nach dem kürzlich beendeten Winterkrieg wie Vieh. Von etwa 64.000 Kriegsgefangenen der Roten Armee starben bei den Finnen nicht weniger als 18.000, davon wurden bis zu 1200 Soldaten für tatsächliche oder vermeintliche Verstöße erschossen.
Doch in Finnland selbst ist längst bekannt, wo genau ihre Großväter sowjetische Gefangene hielten und hinrichteten. Es gibt solche Orte in relativer Nähe von Medweschjegorsk, aber Sandarmoch gehört nicht dazu. Das Waldgebiet lag 1941-1944 am Rand der Front, und Hinrichtungen an diesem Ort wären für die Henker selbst lebensgefährlich gewesen. Schließlich hält auch die Behauptung einer „finischen Theorie« einer kritischen Prüfung nicht stand, dass die Finnen, angeblich nach dem Auffinden von NKWD-Gräbern, heimlich neue Leichen dort deponierten. In einem Weltkrieg hätte Helsinki damals Propaganda in voller Stärke gestartet und der ganzen Welt von den Gräueltaten der Bolschewiki berichtet – so wie die Deutschen im Frühjahr 1943, als sie die Massengräber polnischer Offiziere in Katyn fanden.
Dennoch unternahm die regierungsnahe Russische Militärhistorische Gesellschaft 2018-2019 eine Reihe von Ausgrabungen in Sandarmoch, um die „finische Theorie« zu beweisen. Die zweifelhafte Aktion brachte nur bescheidene Ergebnisse. Wie Irina Galkowa, Direktorin des Internationalen „Memorial«-Museums, treffend bemerkte, fand die RMWG dort keinen einzigen Gegenstand, der älter als 1937 war. Die Suchenden machten auch grobe Fehler. Zum Beispiel gruben sie ein weiteres Grab aus und überzeugten Journalisten, dass dort Kriegsgefangene lägen, nicht GULAG-Häftlinge – denn auf den Gefangenen könnten keine selbstgemachten Gummistiefel aus Autoreifen gewesen sein. Tatsächlich hingegen kommt solche Fußbekleidung („Tschuni«, „Surrogate«, „TschTZ« usw.) in den Erinnerungen fast aller, die in stalinistischen Lagern saßen, vor.
Die republikanische und föderale Führung reagierte in dieser Situation auf ihre Weise. Für eine Weile herrschte an der Sandarmoch-Front Ruhe. Und im militärischen Jahr 2023 wurde dort still und leise eine Stele „Den Opfern der finnischen Besetzung« errichtet – obwohl bis heute kein einziger Name eines Rotarmisten bekannt ist, der angeblich in dem Waldgebiet hingerichtet wurde. Dafür haben regierungsnahe Aktivisten, die jedes Jahr die Gedenkveranstaltungen am 5. August stören, eine weitere knifflige Frage: Warum gedenkt ihr nicht der Opfer der finnischen Nazis?
Doch es wäre für diese Menschen viel nützlicher, sich daran zu erinnern: Offene Andersdenkende bilden unter den Opfern von Sandarmoch nicht nur eine Minderheit, sondern eine statistische Abweichung. Aber jene, die ehrlich an ihr Regime glaubten, ihm eifrig dienten oder einfach versuchten, mit ihm auszukommen, liegen in den Wäldern Kareliens zu Hunderten und Tausenden. Träumen jene, die zweifelhafte Aktivisten anleiten, bei Trauerveranstaltungen Krawall zu machen, wirklich von einer solchen Zukunft für sich?


