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Weltkrieg nach den Gesetzen des Postmodernismus: Putin und Trump gegen den globalen Fortschritt

Die breite Öffentlichkeit begegnet postmodernen Praktiken oft mit einer gewissen Ironie – denn hier können historische religiöse Dogmen auf eigenwillige Weise mit moderner, oftmals zynischer «Business-Pragmatik» verschmelzen. Doch die wachsende Zahl der Opfer dieser postmodernen Kriege ist sehr real.    

Auf dem Bild heilt Donald Trump in der Rolle eines Messias einen Kranken. Bild: Donald Trumps Account im sozialen Netzwerk X

Die Aufteilung der beiden gegnerischen Blöcke im Zweiten Weltkrieg in Richtung Archaik oder Fortschritt schien offensichtlich.Was vereinte die Achsenmächte? Der Nationalsozialismus stützte sich ideologisch auf alte Mythen von der «arischen Rasse». Mussolini imitierte offen das Römische Reich. Auch Japan versuchte, seine imperiale Dominanz aus vergangenen Jahrhunderten im asiatisch-pazifischen Raum wiederzubeleben.

Auf der anderen Seite strebten die USA nach der Fortsetzung und Entwicklung der Moderne. Die UdSSR hingegen verfolgte die Utopie einer kommunistischen Zukunft. Dennoch, trotz der «Klassen»-Widersprüche zwischen ihnen, verband und vereinte sie letztlich der gemeinsame Rückgriff auf die progressiven Prinzipien der Aufklärung zu einer militärischen Koalition.

Heute ist von solch einem ideellen Gegensatz keine Rede mehr. Zum Beispiel befinden sich die USA und der Iran, obwohl sie Kontrahenten sind, im gleichen religiös-konservativen Modus. Und beschränken sich nicht nur darauf.

Trump erlaubt sich, dem Papst «richtiges» Christentum zu erklären und inszeniert sich selbst als eine Art biblischen Heiler. In seiner Politik setzt er aber vor allem die Interessen eines Milliardärs durch.

Auch der jüngere Chamenei, der scheinbar die Macht im Iran übernommen hat, studiert nicht nur demütig islamische Theologie, sondern besitzt laut einer Bloomberg-Recherche ein ganzes Netzwerk von Luxusimmobilien in Großbritannien, Deutschland, auf Mallorca und in Dubai.

Das ließe sich als «Vermischung von Narrativen» erklären, wie Jean-François Lyotard den Zustand der Postmoderne beschrieb.

Postmodernen Praktiken begegnet die breite Öffentlichkeit oft nicht ganz ernsthaft – denn darin können historische religiöse Dogmen ironisch und skurril mit moderner, zynischer «Business-Pragmatik» verschmelzen. Doch die wachsende Zahl der Opfer dieser postmodernen Kriege ist sehr real.

Spirituelle Klammern der Deathnomics

Besonders bezeichnend für den politischen Postmodernismus ist Putins Russland. Ihre offizielle Ideologie besteht statt des vergessenen sowjetischen «Fortschritts» nun aus «traditionellen Werten», «spirituellen Klammern» und der «russischen Welt».

Doch wenn der von Patriarch Kirill geleitete Weltweite Russische Volksrat den Krieg gegen die Ukraine segnet und sogar ihn als «heilig» bezeichnet, bricht das in Wirklichkeit mit allen spirituellen Traditionen des Christentums. Und die Behauptung dieser Organisation, dass «das gesamte Territorium der heutigen Ukraine in die exklusive Einflusszone Russlands fallen muss», zeigt offen, dass die gesamte «Spiritualität» der heutigen russisch-orthodoxen Kirche nur dazu dient, die imperialen Interessen des Kremls zu bedienen.

Ein weiterer tragischer Paradox: Unter dem Motto der «russischen Welt» bombardiert die russische Armee ausgerechnet russischsprachige Städte im Osten der Ukraine und radiert sie zum Teil völlig aus. Und sie selbst erleidet beispiellose Verluste. Allein im ersten Jahr des umfassenden Krieges hat Russland nach Schätzungen von Historikern mehr Soldaten in der Ukraine verloren als die UdSSR in all ihren Kriegen nach dem Zweiten Weltkrieg. Und heute haben diese Zahlen bereits die Million überschritten.

Kreml-Ideologen bezeichnen «Familienwerte» gerne als eine der wichtigsten russischen Traditionen. Doch in Wirklichkeit haben sie daraus eine zynische Perversion gemacht.

Es entstand das Phänomen der Deathnomics – wenn Mütter und Ehefrauen ihre Söhne und Männer buchstäblich dem Staat für diesen Krieg «verkaufen», in der Hoffnung, im Todesfall hohe «Beerdigungsprämien» zu erhalten. Eine solche moralische Katastrophe hat es in der russischen Geschichte wohl noch nie gegeben. Das ist die ganze Familienliebe, die angeblich von der russisch-orthodoxen Kirche gesegnet wird.

Und im Sinne der postmodernen Vermischung von Narrativen plant der Staat, Russen für Bilder von Kirchen ohne Kreuze zu bestrafen.

Nichtlinearer Progressismus

Welche Länder kann man heute als Anhänger des Fortschritts bezeichnen, die sich gegen pseudoreligiösen Obskurantismus stellen?

Treffen von Wladimir Putin und Donald Trump in Anchorage, 15. August 2025. Foto: kremlin.ru

An erster Stelle steht zweifellos die Ukraine. Dort finden zwar Prozesse der nationalen kulturellen Wiedergeburt statt, diese verfallen jedoch nicht in eine selbstzweckhafte Restauration der Vergangenheit. Im Gegenteil: Spätestens seit der Revolution der Würde 2014 hat die Ukraine konsequent den Weg der europäischen Integration eingeschlagen, was das Land in vielen Bereichen modernisierte und in einen starken Kontrast zu Russland mit seinen archaisch-imperialen «spirituellen Klammern» brachte.

Das zeigt sich selbst in der Militärtechnologie. Heute können russische Besatzer kaum noch vorrücken, da jedes Vorrücken durch eine «Drohnenmauer» blockiert wird. Insgesamt sind die Drohnentechnologien der Ukraine den russischen bereits deutlich überlegen. Man denke nur an die letztjährige Operation «Spinnennetz», bei der Drohnen mit künstlicher Intelligenz russische Stützpunkte für strategische Bomber in den Regionen Murmansk und Irkutsk – also Tausende Kilometer von der Ukraine entfernt – angriffen. Und die heutige Realität ähnelt noch mehr der Science-Fiction: Bodendrohnen helfen der Ukraine bei der Verteidigung, indem sie es schaffen, russische Soldaten gefangen zu nehmen.

Viele Beobachter sprechen heute von der wachsenden Popularität rechtsextremer Parteien in Europa. Doch die jüngste Niederlage von Viktor Orbán in Ungarn widerlegte dieses Klischee. Sie zeigte, dass Europa weiterhin ein global attraktives Bündnis bleibt, das auf progressive Entwicklung setzt – und dass die Unterstützung des früheren Premiers durch Trump und Putin ihm nichts nützte.

Und seltsamerweise steht heute China auf der Seite des weltweiten Fortschritts.

Vor allem deshalb, weil China ideologisch Europa keine «traditionellen Werte» aufzwingt, sondern Kooperation im Bereich moderner Technologien anbietet – etwa durch die Lieferung von Elektroautos, Windkraftanlagen usw. Und auch wenn in der EU viele vor chinesischem Einfluss warnen, handelt es sich um einen normalen wirtschaftlichen Wettbewerb unter fortschrittlichen Ländern – und nicht um das Streben nach einer «Wiedergeburt unserer glorreichen Vergangenheit» wie in der amerikanischen MAGA-Bewegung oder bei russischen Imperialrestauratoren.

Allerdings ist heute eine zu lineare Einteilung der Länder in fortschritts- oder archaisch orientierte Staaten wie in früheren Epochen kaum möglich. So werden die EU und China wohl kaum politische Verbündete werden – ebenso wenig wie das fundamentalistische Iran und das konservative Trump-Amerika. Vielmehr entstehen hier paradoxe Verflechtungen von Interessen. Da China etwa 90 Prozent des iranischen Öls kauft und im Gegenzug zahlreiche eigene Waren liefert, kooperieren chinesische Atheisten bereitwillig mit iranischen Ayatollahs.

Diese Situation führt bei vielen Beobachtern zu einem Verlust des rationalen Verständnisses der Ereignisse. Doch das Zeitalter der postmodernen Kriege basiert grundsätzlich auf Irrationalität. Und auf völliger Unvorhersehbarkeit.

Die freie Geschichte muss natürlich unvorhersehbar sein – sonst würde die Menschheit in eine Art totalitäre Vorherbestimmtheit abgleiten. Das Problem ist jedoch, dass diese Unvorhersehbarkeit im 21. Jahrhundert wieder vor allem militärisch geworden ist – bis hin zu Diskussionen über die Möglichkeit eines globalen Atomkriegs, mit dem russische Ideologen bereits Europa direkt bedrohen. Dabei schien es in der Perestroika-Ära, als hätte die Welt diese apokalyptische Perspektive für immer überwunden.

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