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Prognose: In drei Jahren wird es in Russland kein Internet mehr geben

Wenn der Staat verspricht, alles Notwendige zum Leben zu belassen, bedeutet das fast immer, dass das «Überflüssige» verschwindet. Russland wechselt offiziell in den Modus der gefilterten Kommunikation: Mobiles Internet wird in den Regionen immer öfter abgeschaltet, und das Fenster nach außen wird auf eine «weiße Liste» genehmigter Dienste – Banken, Marktplätze, loyale soziale Netzwerke und Regierungsportale – eingeengt. Gleichzeitig werden die Bürger zum staatlichen Messenger MAX gezwungen – einer «patriotischen» Alternative zu WhatsApp/Telegram, die ohne Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und mit direktem Zugriff der Sicherheitskräfte entwickelt wurde. Das ist kein Sammelsurium einzelner Maßnahmen, sondern eine durchdachte Architektur digitaler Isolation. Und sie funktioniert bereits.
Klassische Zensur bedeutet Verbote. Die russische Neuerung ist, alles außer dem Erlaubten abzuschalten. Das Ministerium für digitale Entwicklung startet zusammen mit den Netzbetreibern einen Pilotversuch der «weißen Liste» – eine Liste von Plattformen und Anwendungen, die während der Abschaltungen des mobilen Internets zugänglich bleiben. Darauf stehen Regierungsportale, Zahlungssysteme («Mir»), Dienste von VK/«Yandex», Marktplätze wie Ozon/WB, Avito, Rutube/«Kinopoisk», große Banken und 2GIS; WhatsApp und YouTube sind ausgeschlossen. Die technische Begründung ist eine «Sonderlösung», die den Betrieb lokaler Dienste bei Netzabschaltungen ermöglicht. Praktisch bedeutet das eine kontrollierte Sauerstoffmaske: Handel und Zahlungen funktionieren, alternative Informationen nicht.
Parallel dazu wurde ein historischer Anstieg der Abschaltungen verzeichnet. Laut dem Projekt «Na Swjasi» gab es allein im Juli mindestens 2099 Abschaltungen des mobilen Internets im ganzen Land; im Juni waren es 662, im Mai 69. Internationale Menschenrechtsorganisationen bestätigen: Russland bricht seine eigenen Rekorde bei der Netzabschaltung. Das ist die neue Normalität.
Strenger als in China
Um die Gewohnheit zu festigen, innerhalb des Perimeters zu leben, fördern die Behörden den «Nationalen Messenger» MAX von VK. Er wird zur Pflichtvorinstallation auf neuen Geräten, in die «Gosuslugi» und Zahlungssysteme integriert und Konkurrenten werden durch technische Einschränkungen bei Anrufen in WhatsApp/Telegram sowie durch tarifliche «Anreize» bei Netzbetreibern aktiv verdrängt. Der entscheidende Unterschied ist das Fehlen transparenter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und der direkte Datenaustausch mit dem Staat: Was Telegram und WhatsApp zu verbergen versprechen, soll MAX sammeln.
Die chinesische «Mauer» ist eine permanente Filterung über staatliche Gateways und ein ausgereiftes internes Ökosystem: WeChat, Baidu, Douyin, Alipay. Das Internet dort ist eingeschränkt, aber vorhersehbar: der Zugang stabil, Alternativen innerhalb stark. Das russische Modell sind «regelmäßige Blackouts» plus ein «weißer Korridor» eigener Dienste und der verpflichtende MAX.
Für den Nutzer fühlt sich das härter an: Die Verbindung bricht wellenartig ab, externe Quellen werden komplett abgeschnitten, und lokale Alternativen sind schwächer und transparenter für Überwachung.
Internationale Berichte dokumentieren genau diesen Trend: Verschärfung der VPN-Blockaden, Zunahme von Fällen der Verfolgung oppositioneller Veröffentlichungen, Kombination aus Zensur und Manipulationen.
Technik ohne Überlastung: So funktioniert es
Das Repertoire der Mittel ist bekannt, aber jetzt zu einer «Maschine» vereint:
- DPI in den Netzen der Betreiber: Protokollfilterung, Verschlechterung der Anruf-/Videoqualität in «fremden» Messengern, Priorisierung von Whitelist-Domänengruppen.
- Zentral gesteuerte «Knöpfe» bei regionalen Stäben: schnelles Abschalten des mobilen Internets in hunderten Zellen bei Erhalt des Whitelist-Traffics.
- Rechtlicher Rahmen: verpflichtende Vorinstallation von MAX, «Empfehlungen» an Behörden und Schulen zur Nutzung von MAX, parallel Druck auf VPNs und juristische Delegitimierung von Umgehungen.
Das Ergebnis ist ein Internet, das «stückweise» abgeschaltet und genau so viel eingeschaltet werden kann, wie für kontrollierten Konsum nötig ist.
Als IT-Experte, der vor einigen Jahren die unvermeidliche Verschärfung der Zensur im Runet voraussagte, erlaube ich mir heute, Ihnen eine neue Prognose zu präsentieren.
Erstes Jahr. Die weiße Liste wird kein Pilotprojekt mehr sein, sondern der Standardmodus bei jeder «Bedrohung» – von Übungen bis Wahlen. MAX wird zum Standard für die Interaktion mit Staat und Schulen, Betreiber werden Anrufe und Medien in WhatsApp/Telegram tariflich und technisch strangulieren. Der Druck auf VPNs wird zunehmen: Deep Packet Inspection-Systeme, Tests von Blockaden gegen OpenVPN, WireGuard, IPSec, PPTP, L2TP, DNS-Vergiftung. Die Zahl der «geplanten» Abschaltungen wird steigen und die geografische Ausdehnung wachsen.
Zweites Jahr. Die weiße Liste wird nicht mehr mit dem Signal abgeschaltet – sie wird als «sicherer Zugangsmodus» auch bei aktivem Netz bestehen: Alles «Nicht-Weiße» wird langsamer, verzögert und von häufigen «technischen Wartungen» begleitet. MAX wird zur «Super-App»: Messenger, Zahlungen, staatliche Dienste, elektronische Wahlen, Arzttermine, Lieferungen. Für manche Dienste wird die Anmeldung über MAX Pflicht. Jeder Nutzer erhält faktisch eine dauerhafte digitale Spur mit Verhaltensprofil, und punktuelle «Störungen» werden mit Polizeiaktionen, Wahl- und Protestwellen zusammenfallen.
Drittes Jahr. Vollständige Steuerbarkeit des Datenverkehrs. Alle ausländischen Dienste (Google Cloud, Amazon und andere) werden nicht erreichbar sein. VPN wird faktisch kriminalisiert und nur mit Sondergenehmigungen (staatliches VPN) verfügbar sein, DPI wird zuverlässig Massenumgehungen erkennen, und MAX wird der einzige legitime Kanal für «schnelle» Kommunikation sein: Alternativen existieren nur noch als «Grauzone» mit permanenter Verschlechterung. Die weiße Liste wird zur Illusion der Wahlfreiheit erweitert, kritische externe Quellen bleiben aber hinter der Mauer. Ein erweiterter schwarzer Register von Geräten/SIM-Karten nach «Verhaltenskriterien» wird eingeführt, und die automatisierte Moderation in MAX übernimmt die Rolle des «Vorermittlers» – von versteckten Schattenbanns bis zur Weiterleitung von Fällen «an die zuständigen Stellen».
Das ist kein Internet mehr, sondern ein beobachteter Kommunikationskreis. Und ja, Sie werden weder «Most» noch andere Medien aus Russland lesen können, und wir werden diese Blockaden nicht effektiv umgehen können.
Warum das gerade in Russland funktioniert
Im Gegensatz zu China hat Russland nicht jahrzehntelang ein autarkes Ökosystem aufgebaut: Es wird durch ein «minimal lebensfähiges Set» ersetzt. Aber der russische Staat hat drei Trumpfkarten. Die erste ist rechtliche Willkür verbunden mit technischer Unvorhersehbarkeit: Abschalten, «legen», verlangsamen – und das mit «Sicherheit» begründen. Die zweite ist die Konzentration von Plattformen und Zahlungssystemen in wenigen Konzernen, die bequem in den weißen Korridor integriert sind. Die dritte ist Angst und Ermüdung der Nutzer.
Wenn Bankkarten und Lieferungen funktionieren, werden die meisten akzeptieren, dass Nachrichten «vorübergehend nicht verfügbar» sind.
Internationale Beobachter dokumentieren bereits eine drastische Verschlechterung der Netzfreiheit und eine zunehmende Isolation. Der Trend ist nicht theoretisch, er hat begonnen.
Die «weiße Liste» ist keine Souveränität, sondern ein schwaches Licht im Bunker. MAX ist kein Messenger, sondern ein digitaler Kontrollpunkt. Noch ein wenig, und die Verbindung in Russland wird endgültig zum Regime-Service: Einschalten – Sie sehen Schaufenster und Kasse, Ausschalten – Sie bleiben im Dunkeln. China baute gleichmäßige Mauern; Russland lernt, den Himmel auszuschalten. Wenn sich der Kurs nicht ändert, wird in drei Jahren das Wort «Internet» in der Russischen Föderation nicht mehr ein Netz, sondern einen Korridor bedeuten. Und in diesem Korridor brennt immer Licht an der Tür, wo man Sie bereits erwartet.


