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Russland hat in Serbien sein Portemonnaie verloren: Das Öl- und Gasunternehmen NIS ging an Ungarn und die VAE

Fast ein Jahr lang war Russland mit dem Verkauf des serbischen Öl- und Gasunternehmens NIS beschäftigt, das von Gazprom kontrolliert wird. In dieser Zeit brachte das Verhalten der russischen Seite Serbien an den Rand einer Treibstoffkrise. Diese Geschichte könnte die Rolle Russlands auf dem Balkan grundlegend verändern.
Das Öl- und Gasunternehmen NIS («Naftna Industrija Srbije») wurde an das ungarische Unternehmen MOL verkauft, der Abschluss des Geschäfts wird bis Mitte März erwartet, gab der erste stellvertretende Premierminister und Finanzminister Serbiens, Siniša Mali, bekannt. Die NIS, deren Mehrheitsanteil «Gazpromneft» und ihrer Muttergesellschaft «Gazprom» gehörte, musste den Kauf und die Verarbeitung von Öl aufgrund von Sanktionen des US-Finanzministeriums einstellen. Damit neigt sich der seit Januar 2025 andauernde Verkauf von NIS dem Ende zu. Doch die Folgen, die dadurch ausgelöst wurden, beginnen sich erst zu zeigen.
Wie NIS zu Russland kam
NIS ist das Monopolunternehmen in Serbien im Bereich der Öl- und Gasförderung, des Einkaufs, Transports und der Verarbeitung von Öl. Dem Unternehmen gehört die einzige Raffinerie des Landes in Pančevo, die auch Nachbarländer mit Erdölprodukten versorgt, kleine Öl- und Gasfelder im südlichen Banater Bezirk, das einzige Gasspeicher Serbiens sowie das größte Tankstellennetz des Landes. NIS-Tankstellen gibt es auch in Nachbarländern – Ungarn, Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien und Rumänien.
Das Unternehmen gehört zu den größten Exporteuren und ist eine der wichtigsten Finanzierungsquellen sozialer Programme in Serbien. Insgesamt ist es einer der führenden Akteure sowohl im wirtschaftlichen als auch im gesellschaftspolitischen Bereich des Landes. Und dieser Akteur stand unter russischer Kontrolle.
Seit 1991 war NIS ein staatliches Unternehmen. 2005 wurde es in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Vier Jahre später kaufte die Tochtergesellschaft von Gazprom – Gazpromneft – 51% der Aktien. Später ging ein Teil dieses Pakets, 5,15%, an Gazprom (später wurde dieser Anteil auf 11,3% erhöht, während Gazpromneft 44,85% behielt). Die serbische Regierung hält etwa 29,9% der Aktien, der Rest befindet sich im Streubesitz.
Es ist erwähnenswert, dass das Kontrollpaket von NIS für 400 Millionen Euro an die russische Seite ging – ein äußerst niedriger Preis, selbst für ein Unternehmen, das sich nach dem Krieg in einer Krise befand. In Serbien wird regelmäßig eine Untersuchung darüber wieder aufgenommen, warum Gazpromneft die Kontrolle über NIS mit einem solchen Abschlag erhielt.
Der Grund: Sanktionen
Am 10. Januar 2025 verhängten die USA Blockadesanktionen gegen NIS, da das Kontrollpaket von russischen Unternehmen gehalten wurde, die ihrerseits unter US- und EU-Sanktionen standen. Die US-Behörden forderten von Anfang an, dass die russischen Unternehmen vollständig aus der Unternehmensstruktur ausscheiden – andernfalls drohten sie mit der Stilllegung der Geschäfte. «NIS ist eine wertvolle nationale Ressource für Serbien, deren Wert 2008 über zwei Milliarden Dollar betrug, als Gazprom mehr als die Hälfte der Aktien für einen Bruchteil des Marktwerts kaufte. Heute ist es das profitabelste Unternehmen Serbiens. Die russischen Eigentümer von NIS nutzen ihren Gewinnanteil, um die brutale Aggression gegen die Ukraine zu finanzieren und die Stabilität auf dem Balkan und in ganz Europa zu bedrohen, anstatt in die Zukunft Serbiens zu investieren», erklärte die US-Botschaft in Serbien nach der getroffenen Entscheidung.
Die erste Reaktion der serbischen Behörden war Panik. Energieministerin Dubravka Đedović-Handanović erklärte sofort, dass Serbien ohne Öl und Gas dastehen könnte: Die Pipelines nach Serbien verlaufen durch EU-Länder – Ungarn, Kroatien und Bulgarien – und die eigene Förderung reicht nicht aus. Zudem machten die US-Sanktionen es unmöglich, Energieimporte zu bezahlen oder andere Finanztransaktionen durchzuführen. Zeitweise akzeptierten NIS-Tankstellen keine Karten internationaler Zahlungssysteme mehr. Das Schlimmste aber war, dass die Raffinerie in Pančevo stillstehen könnte, was dem Land eine Treibstoffkrise bescheren würde.
Die Bedrohung einer Treibstoffkrise ist für die Serben besonders schmerzhaft. Während des Jugoslawien-Konflikts arbeitete die Raffinerie nicht, und die Menschen erinnern sich noch daran, wie sie Benzin von Schwarzhändlern kaufen mussten: Am Straßenrand standen Leute mit mit Treibstoff gefüllten Zwei-Liter-Cola-Flaschen. Kein Wunder, dass sich nach den panischen Äußerungen der Regierung sofort Schlangen an den Tankstellen bildeten. Auch die Bewohner der Vojvodina, der nördlichen Provinz Serbiens, waren beunruhigt: Es ist das einzige vollständig gasversorgte Gebiet des Landes. Viele deckten sich in Panik mit Öfen und Holz ein, in Erwartung eines Gaslieferstopps.
Der Grund für die Sturheit
Nur die russische Seite zeigte Gelassenheit. Nach der Einführung der Sanktionen begnügte sich das Unternehmen mit einer Erklärung, dass alles wie gewohnt laufe, stellte aber sofort ihr Tankstellennetz in Rumänien zum Verkauf. Über den Stand der Verhandlungen zwischen der serbischen Regierung und den russischen Eigentümern erfuhr man vor allem durch Präsident Aleksandar Vučić – er prophezeite regelmäßig katastrophale Szenarien, falls Russland dem Verkauf von NIS nicht zustimmen sollte.
Russland lehnte es ab, NIS selbst an Serbien zu verkaufen, mit der Begründung, dass keine Sanktionen bestehende Vereinbarungen beeinträchtigen dürften – wie der Betrieb des Unternehmens dennoch gesichert werden sollte, wurde allerdings nicht gesagt. Im Gegenteil, man versuchte, das Unternehmen in der eigenen Hand zu behalten. Zunächst verkaufte Gazpromneft ein 5%-Paket an Gazprom, um kein Mehrheitseigner mehr zu sein, dann verkaufte Gazprom seinen Anteil an das Petersburger Unternehmen AO «Intelligence», das von Gazprom Kapital verwaltet wird. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Trump-Regierung ohne Probleme (wenn auch in letzter Minute) das Moratorium für Sanktionen verlängert, weil die serbische Seite versicherte, dass man Zeit für die Suche nach einem Käufer brauche. Doch nach dem Deal mit «Intelligence» war die Geduld offenbar am Ende. Die USA erklärten deutlich, dass Russland vollständig aus dem Kapital des Unternehmens aussteigen müsse. Danach wurde die Einführung der Sanktionen nicht mehr verschoben: Ende November musste die Raffinerie in Pančevo den Betrieb einstellen.
Die lange Geschichte um den Verkauf des russischen Anteils an NIS erscheint umso erstaunlicher, da Serbien ein Vorkaufsrecht auf den russischen Anteil an NIS hat.
Die russische Seite ist verpflichtet, ihren Anteil zunächst Serbien anzubieten, bevor sie einen anderen Käufer sucht. Die serbische Opposition hat dieses Thema mehrfach angesprochen, worauf Vučić antwortete, er wolle das Unternehmen nicht verstaatlichen. Eine ziemlich seltsame Begründung, weshalb es auch die Theorie gibt, dass Serbien einfach nicht in der Lage war, den von Russland geforderten Preis zu zahlen.
Quellen in der serbischen Regierung berichten, dass Serbien zunächst 700 Millionen Euro für das russische Paket angeboten habe, später wurde die Summe auf 1,4 Milliarden erhöht. Russland schätzte seinen Anteil angeblich auf 3 Milliarden. Das Kontrollpaket an NIS wurde, zur Erinnerung, von Russland für 400 Millionen Euro gekauft. Der Buchwert des Unternehmens lag am 31. Dezember 2024 bei 3,2 Milliarden Euro, der Marktwert fiel nach Einführung der Sanktionen auf 1 Milliarde Euro. Im Schnitt schätzen Analysten den russischen Anteil aktuell auf 1,5 Milliarden Euro – das letzte serbische Angebot war also durchaus marktgerecht.
Vor wenigen Tagen hat Aleksandar Vučić zugegeben, dass MOL das Paket für 900 Millionen Euro gekauft hat, obwohl Serbien bereit war, «fast doppelt so viel» zu zahlen. Offenbar lag es doch nicht am Geld.
Ein wenig Licht auf die russischen Motive wirft ein Interview mit Aleksandar Vulin, ehemaliger stellvertretender Premierminister Serbiens und Ex-Chef des nationalen Sicherheitsdienstes (BIA). Gerade während seiner Amtszeit als BIA-Chef wurde das Abhören eines Treffens russischer Oppositioneller in Belgrad durchgeführt, die Aufnahmen wurden an russische Geheimdienste übergeben und im Fall Wladimir Kara-Mursa verwendet.
Vulin hat seine pro-russische Haltung nie verborgen und lebt nach seinem Rücktritt als stellvertretender Regierungschef faktisch in Moskau. Seine Worte können daher als Signal an die serbische Seite verstanden werden. Im Dezember 2025, als die Raffinerie in Pančevo bereits stillstand und Serbien von Treibstoffreserven lebte, sagte er wörtlich: Die Frage über das Schicksal von NIS müsse ausschließlich mit Russland und in dessen Interesse geklärt werden, unabhängig vom Druck der USA.
Kurz gesagt: Den Serben wurde vorgeschlagen, in einen Konflikt mit den USA zu gehen und für russische Interessen Opfer zu bringen. Oder, in Vulins Variante, «Stolz zu zeigen».
NIS war faktisch das russische «Portemonnaie» zur Förderung russischer Interessen in Serbien. Im Jahresbericht der NIS für 2024 werden zahlreiche Sponsoring- und Wohltätigkeitsprojekte erwähnt: von der Unterstützung des Basketballclubs «Partizan» bis zum Galakonzert des Bolschoi-Theaters – insgesamt fast 500 Millionen Dinar (etwa 4,5 Millionen Euro), einschließlich des Besitzes des Fußballclubs «Roter Stern».
Praktisch alle pro-russischen NGOs erhielten Zuschüsse von NIS: Es reichte, einen Antrag auf der Website des Unternehmens auszufüllen. Diese Möglichkeit nutzte unter anderem auch die Aktion «Unsterbliches Regiment», die regelmäßig in den größten Städten Serbiens stattfindet.
Es gibt auch Hinweise darauf, dass NIS pro-putinistische serbische Aktivisten unterstützte, die zu Beginn der russischen Invasion einen großen Marsch in Belgrad zur Unterstützung Russlands organisierten – mit Fackeln und den Flaggen der DNR und Russlands. Nach Meinung serbischer Experten war NIS für Russland eines der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Einflussinstrumente nicht nur in Serbien, sondern in der gesamten Balkanregion.
Wendepunkt
In der zweiten Novemberhälfte 2025 wurde bekannt, dass Russland bereit war, seinen Anteil an NIS zu verkaufen, der Käufer aber zunächst unbekannt blieb: Energieministerin Dubravka Đedović-Handanović erklärte, dass die Verhandlungen noch laufen. Bis zum 1. Januar 2026 gab es Hinweise, dass der Käufer das ungarische Öl- und Gasunternehmen MOL sein würde – darauf deutete Aleksandar Vučić während der Neujahrsfeiertage hin. Schließlich bestätigte am 18. Januar MOL selbst den Kauf und erwähnte die Möglichkeit einer Partnerschaft mit ADNOC aus den VAE.
Wie viel MOL für den russischen Anteil an NIS gezahlt hat, wurde nicht bekannt gegeben: Es gibt nur Aussagen von Vučić, wonach der Kauf die Ungarn zwischen 900 Millionen und 1 Milliarde Euro gekostet habe. Klar ist jedoch, dass der Kauf von den USA genehmigt wurde – der ungarische Premierminister Viktor Orbán hat mehrfach betont, dass die Trump-Administration für ihn eine Ausnahme von den Sanktionen gegen russische Energieimporte macht. Offenbar stimmt das – jedenfalls durfte die Raffinerie in Pančevo nach der vorläufigen Einigung den Betrieb wieder aufnehmen, und zuvor durfte Serbien Öl über die kroatische Pipeline JANAF beziehen.
MOL ist weder für Serbien noch für Russland die schlechteste Option. Einerseits betreibt das Unternehmen schon lange ein Tankstellennetz in Serbien, andererseits hat Orbán die Genehmigung der USA und der EU für russische Öllieferungen. Allerdings läuft diese Genehmigung im kommenden Jahr aus – ebenso wie Orbáns Mandat: In Ungarn stehen Wahlen an, und es ist nicht ausgeschlossen, dass Orbáns Partei die Mehrheit verliert. Sollte die Opposition an die Macht kommen, ist unklar, ob sie eine neue Lizenz für russische Öllieferungen beantragen wird.
Allerdings gibt es sogenannte Reputationsverluste – die Serben, die durch Vučićs regelmäßige panische Warnungen, dass das Land ohne eine Verlängerung des Sanktionsmoratoriums ohne Treibstoff und Gas dastehen werde, verunsichert wurden, sind nun überzeugt: Russland kann und will Serbien nicht schützen.
Der Mythos von den «russischen Brüdern», die Kosovo zurückbringen, die Serben vor der NATO schützen und überhaupt alles tun werden, was Brüder tun sollten – dieser Mythos, der seit den Jugoslawienkriegen der 90er Jahre existierte, ist zerbrochen und wird wohl kaum wiederbelebt werden.
Was die Finanzierung pro-russischer Aktivitäten betrifft, bleibt eine gewisse Unsicherheit – Orbán macht keinen Hehl aus seinen pro-russischen Ansichten. Dennoch ist fraglich, ob NIS diese weiterhin im bisherigen Umfang finanziert: Letztlich ist es für Orbán viel interessanter, Geld für die Förderung seiner eigenen Person und seines Landes auszugeben, sowie für die Unterstützung der Ungarn in der serbischen Provinz Vojvodina.
Serbien befindet sich weiterhin in einem instabilen Zustand zwischen Westen und Russland, was das Zentrum für Europapolitische Analyse (CEPA) als «Limbo-Zustand» bezeichnet. Doch von Seiten der serbischen Behörden gibt es bereits Kritik an Russland. Bislang bezieht sie sich auf die Verzögerung des NIS-Verkaufs, aber in den sozialen Medien äußern sich die Serben viel schärfer: Sie sagen, Russland sei genauso eigennützig wie der Westen, und dass gerade Vučićs pro-russische Politik zur aktuellen Situation geführt habe. «Russland hat uns im Stich gelassen», habe ich selbst oft im persönlichen Gespräch gehört. Dass sich die Einstellung der Serben zu Russland wandelt, belegen auch lokale Medienumfragen.
Vučić, dem bisher vorgeworfen wurde, auf vier Stühlen zu sitzen (Russland, EU, USA, China), scheint inzwischen eine Richtung gewählt zu haben: Serbien hat sich von der Teilnahme am Trump-Friedensrat distanziert, und Äußerungen Vučićs beim Davos-Forum zeigen, dass Serbien sich an Europa halten wird. «Serbien ist in Europa», erläutert der serbische Präsident den Kurswechsel als Antwort auf den Aufruf des US-Sondergesandten Richard Grenell, dem amerikanischen statt dem europäischen Weg zu folgen.
Man kann vermuten, dass solche Aussagen Vučićs damit zusammenhängen, dass die EU einerseits Serbien ein Rekordhilfspaket von 2,2 Milliarden Euro bereitgestellt hat – das größte auf dem Balkan – und andererseits ziemlich deutlich gefordert hat, dass Serbien sich politisch positionieren muss. Trump, auf den viele Serben in Bezug auf Kosovo gehofft hatten, schenkt dem Balkan bislang keine Aufmerksamkeit. Sollte sich das ändern und das Abkommen zwischen Serbien und Kosovo über die Schaffung serbischer Gemeinden in der nicht anerkannten Republik umgesetzt werden, könnte Vučić seine Politik ändern. Wichtig ist jedoch, dass Vučić nicht mehr vom Weg mit Russland spricht.


