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Nach dem Treffen trafen sie sich erneut, um ein weiteres Treffen vorzubereiten

Die Ukraine sieht trotz aller Schwierigkeiten und der unbestreitbaren allgemeinen Kriegsmüdigkeit keineswegs wie eine Seite aus, die am Rande des Zusammenbruchs steht und einem Frieden um jeden Preis zustimmen muss.
„Ich denke, er will einen Deal machen, verstehen Sie? So verrückt das auch klingen mag«, — ein versehentlich eingeschaltetes Mikrofon fing zufällig eine Äußerung von Donald Trump ein, gerichtet an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. „Er« ist derjenige, der am 18. August im Weißen Haus physisch nicht anwesend war, dessen Phantom aber sicher von allen Anwesenden gespürt wurde: Wladimir Putin, der erst wenige Tage zuvor den amerikanischen Präsidenten am anderen Ende der Vereinigten Staaten getroffen hatte.
Wie man sieht, setzt Trump weiterhin auf den Wunsch seines russischen Gegenübers, den berüchtigten Friedensdeal abzuschließen. Gleichzeitig kommt bei ihm das Verständnis an, dass dieser Glaube für die anderen wie Wahnsinn erscheint. Es scheint, als seien die abgedroschenen Witze über den gutgläubigen amerikanischen Rentner, der von einem Betrüger aus Leningrad hereingelegt wurde, hier passender denn je.
Doch gestern trat in dieser Erzählung etwas Neues zutage. Trump machte deutlich, dass er nicht vorhat, den „Deal« für Putin abzuschließen – dieser müsse selbst den Schritt machen, von Angesicht zu Angesicht mit seinem ukrainischen Kollegen. Nach der treffenden Einschätzung des US-Präsidenten klingt das im Moment allerdings eher nach Wahnsinn.
Im Anzug und mit Karten
Das August-Treffen von Donald Trump mit Wladimir Selenskyj war in gewisser Weise zum Erfolg verurteilt. Es konnte kaum schlechter verlaufen als das denkwürdige Gespräch der beiden Politiker im Weißen Haus vor einem halben Jahr – jenes mit dem Streit über Höflichkeitsregeln und Dresscode im Oval Office sowie dem zum Meme gewordenen Satz „Die Ukraine hat keine Karten«.
In den vergangenen sechs Monaten hat Selenskyj aus seinen Fehlern gelernt. Nun trat der ukrainische Präsident vor Trump in einem strengen schwarzen Anzug auf. Hervorzuheben ist, dass ihn persönlich der Journalist Brian Glenn lobte, der ihn im Februar noch für seinen „respektlosen« Militärstil kritisiert hatte. Der Amerikaner, der am Vortag in Alaska von russischen Kollegen mit einer ganzen Flasche Wodka belohnt wurde, bat Selenskyj um Entschuldigung und betonte, dass dieser „großartig aussieht«. Der Ukrainer nahm die Entschuldigung an und scherzte sogar („Aber Sie tragen denselben Anzug. Sehen Sie: Ich habe mich umgezogen, Sie nicht«).
Natürlich war es für Selenskyj viel wichtiger zu zeigen, dass er nicht nur einen Anzug, sondern auch „Karten« hat.
Erstens reiste zusammen mit dem Ukrainer eine Reihe europäischer Staats- und Regierungschefs nach Washington – ein offensichtliches Zeichen dafür, dass die EU und Großbritannien nicht beabsichtigen, ihren Verbündeten aufzugeben. Zur Delegation gehörten auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der finnische Präsident Alexander Stubb und die italienische Premierministerin Giorgia Meloni: kurz gesagt, genau die Politiker des Alten Kontinents, die für ihre guten Beziehungen zu Trump bekannt sind.
Zweitens demonstrierte der ukrainische Führer mit Nachdruck: Sein Staat ist nicht nur eine Seite, die mit fremden Waffen auf Kredit kämpft, sondern ein potenzieller weltweiter Lieferant von Militärtechnik. Selenskyj erklärte öffentlich, dass die USA nach der Öffnung des Exports beginnen werden, in der Ukraine montierte Kampfdrohnen zu kaufen. Nicht zufällig wurden auch die Tests der Marschrakete „Flamingo« auf die Washington-Reise der ukrainischen Streitkräfte terminiert – einer Rakete, die theoretisch Ziele im gesamten europäischen Teil Russlands treffen kann (in Russland selbst versicherten regierungsnahe Medien jedoch eilig, dass die „Flamingo« eine „Schneckengeschwindigkeit« habe und von der heimischen Luftabwehr leicht bewältigt werde).
Drittens scheint der Verlauf der Kämpfe in diesem Sommer eher eine ukrainische „Karte« zu sein. Die ukrainischen Streitkräfte bewältigen trotz der Sorgen westlicher Analysten vom letzten Frühjahr notdürftig den Mangel sowohl an Munition als auch an Personal. Die ukrainische Front hält weiterhin stand. Selbst der jüngste Durchbruch der russischen Streitkräfte bei Dobropillja (ein regelrechter Brusilow-Durchbruch nach Maßstäben dieses Krieges) konnte von den Verteidigern letztlich ohne katastrophale Folgen für den wichtigen Verteidigungspunkt Pokrowsk im Donbass gestoppt werden.
Mit anderen Worten: Die Ukraine sieht trotz aller Schwierigkeiten und der unbestreitbaren allgemeinen Kriegsmüdigkeit keineswegs wie eine Seite aus, die am Rande des Zusammenbruchs steht und einem Frieden um jeden Preis zustimmen muss. Das Treffen am 18. August zeigte, dass Trump, wenn er von den ukrainischen „Karten« auch nicht begeistert ist, sie zumindest anerkennt.
Wollt ihr den Donbass? Wie wäre es mit Florida?
Aber was will der amerikanische Präsident eigentlich von einem Partner wie der Ukraine, den er offensichtlich nicht mag und der ihm in vielerlei Hinsicht von der vorherigen Administration aufgezwungen wurde? Vor einem halben Jahr warf Trump Selenskyj unter anderem vor, angeblich nicht den Willen zur Feuerpause zu haben, doch jetzt hat sich alles umgekehrt.
Ende des Sommers sieht der 47. US-Präsident die Aussetzung der Kampfhandlungen nicht mehr als Priorität an. Seine Logik ist nun umgekehrt: Wenn die Krieg führenden Parteien nicht zuerst die Kämpfe stoppen wollen, um ein Friedensabkommen zu unterzeichnen, dann sollen sie erst den Vertrag schließen und danach die Kampfhandlungen einstellen. Natürlich ist an dieser „Neubewertung« kaum mehr Sinn als an der Umsiedlung von vier Tieren aus der gleichnamigen Fabel von Krylow. Trump selbst erklärte die Prioritätenänderung so:
„Ich denke nicht, dass Sie eine Feuerpause brauchen. Ich weiß, dass es gut wäre. Ich mag das Konzept einer Feuerpause aus einem Grund: Sie hören sofort auf, Menschen zu töten. Aber wir können ein Friedensabkommen schließen, während sie kämpfen. Strategisch könnte das [die Feuerpause] für eine Seite nachteilig sein.«
Es dürfte kaum Zweifel geben, welche der beiden kriegführenden Seiten hier gemeint ist. Sprechen wir für den Präsidenten laut aus: Es ist die Russische Föderation, genauer gesagt ihre politische Führung. Nach den Handlungen und Aussagen des Kremls betrachtet man dort die eigene Armee und den Hinterland als etwas wie ein Fahrrad, das nur im Moment der Fahrt das Gleichgewicht halten kann – eine Fahrt über die Ruinen ukrainischer Städte und die zahllosen eigenen Leichen. Doch weder das eine noch das andere kümmert Moskau, aber jede Feuerpause ohne vorher vereinbarte Zugeständnisse wird als Risiko gesehen – das würde als militärische Niederlage der RF-Streitkräfte mit allen daraus folgenden Konsequenzen gelten.
Die Amerikaner scheinen diese Angst des Kremls zu spüren und wollen ihren russischen Kollegen helfen. Diese Logik ist verständlich: Man soll ihnen wenigstens etwas Greifbares und noch nicht völlig zerstörtes geben (zum Beispiel die Slawjansk-Kramatorsk-Agglomeration), um es der kriegsbefürwortenden Öffentlichkeit in Russland als Sieg verkaufen zu können. Die Russen bekommen also einen „Preis«, beruhigen sich und stoppen den Krieg. Europa gefällt diese Denkweise natürlich gar nicht, und der gleiche Kanzler Merz sagte dazu ganz offen:
„Die Forderung Russlands, dass die Ukraine ihre Truppen aus dem Donbass abzieht, kann man mit der Forderung an die USA vergleichen, zum Beispiel Florida abzugeben«
Im Büro Selenskyjs scheint man sich jedoch mit der Aussicht auf das Unvermeidliche abzufinden. Noch vor dem Gipfel in Washington erkannte der ukrainische Präsident schweigend an, dass es unmöglich ist, die verfassungsmäßigen Grenzen seines Landes zurückzugewinnen. Bei dem Treffen selbst bestritt der Politiker, wenn man den Lecks der WSJ Glauben schenkt, die Trump-Idee des Landtauschs mit Russland nicht direkt – wahrscheinlich ist Kiew bereit, sein Land mit dem Feind zu teilen im Austausch gegen bislang unklare Sicherheitsgarantien des Westens – ein anderer Ausweg für die Ukrainer ist derzeit nicht in Sicht.
Der Mörder sitzt nicht in diesem Raum
Wie, wann und warum sich Trumps Ansätze zur Beilegung des Konflikts in der Ukraine geändert haben, könnte man bereits in einem umfangreichen wissenschaftlichen Artikel beschreiben. In den vergangenen sieben Monaten ist der Hausherr im Weißen Haus offensichtlich müde geworden von diesen Versuchen. Er will hier nicht mehr die erste Geige spielen, und der offensichtliche Traum des US-Präsidenten ist es, Putin und Selenskyj einfach in einem Raum zusammenzubringen, damit sie sich schon irgendwie einigen.
Übrigens zeigte der ukrainische Führer an diesem Punkt der Verhandlungen erneut, dass er die unausgesprochenen Regeln im Umgang mit Trump beherrscht. Kein „Nein« und keine direkten Einwände, man sagt immer „Ja« und freut sich über alle Ideen des POTUS, als wären sie die eigenen. Ein persönliches Treffen mit Putin? Wunderbar, er hat es selbst oft vorgeschlagen! Dann besprechen wir persönlich mit ihm, wer wem welche Gebiete abtreten soll. Die Denkweise Selenskyjs wurde erwartungsgemäß von den europäischen Führern gebilligt. Am weitesten ging Friedrich Merz, der spöttisch vermutete, dass dem russischen Präsidenten vielleicht der Mut für ein Rendezvous mit seinem Namensvetter aus Kiew fehlen könnte.
Trump informierte Putin telefonisch sofort über die Idee persönlicher Verhandlungen der Führer der beiden kriegführenden Staaten. Nur die russischen Behörden bestätigten ihrerseits nicht ihre Bereitschaft zu einem solchen Treffen. Der Kommentar von Putins Helfer Juri Uschakow deutet eher darauf hin, dass Merz’ Stichelei nicht unbegründet ist:
„In diesem Zusammenhang wurde unter anderem die Idee erörtert, ob man die Möglichkeit einer Erhöhung der Ebene der Vertreter der ukrainischen und russischen Seite prüfen sollte, also derer, die an den genannten direkten Verhandlungen teilnehmen«
Das demonstrative Einverständnis und der betonte Dank an Trump seitens der Gäste wurde zum Leitmotiv des gesamten Gipfels in Washington. Selenskyj allein sagte in seiner Eröffnungsrede dem Hausherrn des Weißen Hauses nicht weniger als 16 Mal „Danke«. Ähnlich verhielten sich auch die Führer der EU- und Großbritannien-Staaten. Von außen wirkte das übrigens wie eine Parodie auf den Anfang eines britischen klassischen Krimis à la Agatha Christies „Schwarze Vögel« – nicht allzu freundliche Brüder versammeln sich bei dem längst verhassten Patriarchen ihrer Familie und geben sich vor ihm große Ehre und Liebe.
Wahr ist, dass das Genre dort den mysteriösen Tod des Hausherren verlangt – doch in dieser Erzählung sterben ganz andere Menschen. Der gleiche 18. August begann in der Ukraine mit neuen Luftangriffen auf Charkiw, Sumy und andere Orte, wieder mit Toten unter Zivilisten jeden Alters. In der Nacht zum 19. August wurde das Land erneut von Raketenangriffen und Schwärmen russischer Drohnen getroffen – und das alles nur wenige Tage nach dem roten Teppich, Handschlag und Brief an Putin von Melania Trump mit der Bitte, keine Kinder zu töten.

