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Lernen Sie J. D. Vance kennen, den künftigen Präsidenten Amerikas

Privater Entwurf

Vor Kurzem verunsicherte der US-Vizepräsident J. D. Vance die Wähler. Man fragte ihn: «Gibt es eine Chance, dass Sie 2028 nicht für das Präsidentenamt kandidieren werden?» Er antwortete: «Natürlich gibt es die. Wir haben vier kleine Kinder. Meine Frau hat Politik nie gemocht... Meine Einstellung zum Leben, zu wichtigen Lebensentscheidungen, das wird meine Frau Ihnen bestätigen, ist die eines Prokrastinators. Ich hasse es, darüber nachzudenken... Also kann alles passieren». Dennoch ist Vance der wahrscheinlichste Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei. Und vor allem der Favorit der Tech-Oligarchie, die genau auf ihn gesetzt hat.

Vizepräsident J. D. Vance auf der Luftwaffenbasis Elmendorf in Anchorage, Alaska, 6. Oktober 2026. Foto: Website des Weißen Hauses
Vizepräsident J. D. Vance auf der Luftwaffenbasis Elmendorf in Anchorage, Alaska, 6. Oktober 2026. Foto: Website des Weißen Hauses

Im September dieses Jahres gab der amerikanische Unternehmer und Investor Peter Thiel ein Interview mit dem Chef des deutschen Medienkonzerns Axel Springer, Mathias Döpfner. Unter anderem ging es auch darum, wie er Donald Trumps Amtsführung als Präsident bewertet. 2016 unterstützte Thiel als Erster unter den Führungsfiguren des Silicon Valley Trump bei der Wahl und trat seinem Übergangsteam bei, lehnte es jedoch ab, eine Position im Apparat des Weißen Hauses zu übernehmen. Thiel sagte:

Ich denke, dass die beiden [Trump-]Regierungen gegensätzliche Fehler gemacht haben. Die erste Regierung brachte Menschen an die Macht, die sich nicht einigen konnten, und es war ein einziger interner Kampf. Die zweite Regierung ging auf Nummer sicher und korrigierte den Fehler der ersten Amtszeit, indem sie all diese Loyalitätsprüfungen einführte. Am Ende bekamen wir eine Regierung, die aus nicht sehr klugen, aber sehr loyalen Leuten bestand. Die Situation erreichte einen gewissen Erschöpfungszustand, und zwar gerade aufseiten der Republikaner.

Diese Erschöpfung, so der berühmte Investor, werde sich auf die Ergebnisse der diesjährigen Zwischenwahlen auswirken und könne zwei Jahre später ebenfalls Folgen haben:

Wenn demokratische Sozialisten, die Demokratische Partei, die Macht übernehmen, wird das ein viel ernsteres Problem sein. Und das wird, ich weiß nicht, das Ende Amerikas sein.

Es ist bekannt, dass Vizepräsident J. D. Vance ein Protegé Thiels ist. («Ich habe eine Schwäche für kluge Menschen, und ich hielt ihn für nachdenklich, offen für neue Ideen und charismatisch».) Er arbeitete in dem Venture-Fonds, den Thiel mitbegründet hatte. Thiel war Vances wichtigster Geldgeber auf seinem Weg in den Senat. Genau Thiel organisierte im Frühjahr 2021 ein Treffen Vances mit Donald Trump in dessen Anwesen Mar-a-Lago in Florida. Er unterstützt Vance weiterhin, ist sich jedoch keineswegs sicher, dass dieser 2028 gewinnen wird. Auf die Frage, wer von beiden, Vance oder Rubio, der bessere Präsidentschaftskandidat sei, antwortet Thiel:

Ich bin weiterhin ein Anhänger von Vance. Ich befürchte, dass es für jeden Kandidaten [der Republikaner] sehr schwer sein wird zu gewinnen, also weiß ich es nicht. Meine pessimistische Sicht ist, dass das die falsche Frage ist.

Mathias Döpfner mit dem diesjährigen Träger des Axel Springer Award, Peter Thiel, 24. September 2026. Foto: Pascal Rohé via axelspringer.com
Mathias Döpfner mit dem diesjährigen Träger des Axel Springer Award, Peter Thiel, 24. September 2026. Foto: Pascal Rohé via axelspringer.com

«Und was ist die richtige Frage?» – fragt Mathias Döpfner. «Wer wird der Kandidat der Demokratischen Partei?», antwortet Thiel. «Das ist die richtige Frage». Und er erklärt:

Wenn die Republikaner bei den Zwischenwahlen in diesem Herbst eine vernichtende Niederlage erleiden, werden die Demokraten denken, dass sie 2028 ohnehin gewinnen werden. Folglich werden sie den Sieg eines antidemokratischen Sozialisten wahrscheinlich nicht allzu sehr behindern.

Die Wahrscheinlichkeit eines Sieges des republikanischen Kandidaten schätzt Thiel auf 50 Prozent.

Also, was tun? Wie kann man «das Ende Amerikas» verhindern? Thiel ist nicht der Typ Mensch, der tatenlos auf das Ende wartet. Er neigt nicht dazu, seine Rolle in der amerikanischen Politik offen zur Schau zu stellen, aber seine Artikel, Vorträge und Interviews verraten seine große Sorge über das, was geschieht. Er verfügt über Ressourcen, die er in sein Zukunftsprojekt investieren will, über Zugang zu Entscheidungsträgern und über Verbindungen, die er mobilisieren kann und will.

Der Mann aus dem Silicon Valley

Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2024 schenkte die Presse J. D. Vance vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Vor allem wurden seine provokanten Äußerungen wie die über «unglückliche kinderlose Katzenladys im Privatleben» verbreitet, die angeblich faktisch das Land regieren. Und obwohl er später in seinem Buch zugab, dass dies «einer der dümmsten Sätze war, die ich gesagt habe», wird er bis heute darauf angesprochen. Doch wir werden uns nicht damit befassen. Viel nützlicher ist es, seine Ideologie näher zu betrachten. Wir haben bereits über das seltsame, skurrile, sich nicht in die üblichen Definitionen einfügende Weltbild von Elon Musk, Alex Karp, Peter Thiel geschrieben. J. D. Vance befindet sich in derselben Umlaufbahn. Seine Ansichten stehen den Tech-Oligarchen viel näher als Trump, in dessen Kopf Neoliberalismus friedlich mit Neomerkantilismus und Nationalismus koexistiert.

Er wuchs in einer deprimierten Region auf, die von Nachfahren von Schotten und Iren bewohnt wird und einst ein Zentrum der Stahlindustrie war, seitdem aber verrostet ist und als Rust Belt bezeichnet wird. Mit 18 Jahren ging er zum Militär, zum Marine Corps, und dieser Dienst wurde für ihn, wie für viele andere Menschen aus einfachen Verhältnissen, zum sozialen Aufzug: Er erhielt das Recht auf ein kostenloses Hochschulstudium und später dank seiner Talente ein Stipendium der Yale University. Dort lernte er seine heutige Frau Usha aus einer wohlhabenden Familie indischer Einwanderer kennen. Zu seinen Professoren in Yale gehörte Amy Chua, die Autorin des damals viel beachteten Buches «Battle Hymn of the Tiger Mother». Doch das ist nicht ihr einziger Bestseller. Sie ist eine ernsthafte Politikwissenschaftlerin mit umstrittener Reputation. Genau Chua brachte Vance auf die Idee, ein Buch über seine Kindheit und Jugend zu schreiben.

2016 erschien die ehrliche und talentierte «Hillbilly-Elegie« und wurde sofort zum nationalen Bestseller. Nach den Präsidentschaftswahlen nahm die New York Times sie in die Liste «Sechs Bücher, die helfen zu verstehen, warum Trump gewonnen hat» auf. Und das, obwohl Vance selbst damals antitrumpistisch war.

Hillbilly ist ein grobschlächtiger Hinterwäldler, wörtlich übersetzt ein «Bergjunge». Vance beschreibt seine heimatlose Kindheit in Armut mitten in Familienstreitigkeiten, mit Prügeleien, mit einer drogensüchtigen Mutter und zwei Stiefvätern. Hillbilly ist eine besondere Kultur. Der meistzitierte Satz des Buches stammt von Vances Lehrerin: «Von uns wird erwartet, dass wir die Hirten dieser Kinder sind, aber niemand will zugeben, dass diese Kinder als Wölfe geboren wurden». Als Wölfe und nicht als Schafe. Und das ist Vances SelbstbeschreibungÜbersetzung von Vladimir Bakanov:

Auch wenn ich weiß bin, zähle ich mich nicht zu den Amerikanern angelsächsischer Herkunft und protestantischen Glaubens, die im Nordosten des Landes leben. Ich sehe mich als weißen amerikanischen Arbeiter aus irisch-schottischer Herkunft. Für solche Menschen ist Armut Familientradition. Ihre Vorfahren waren zunächst Tagelöhner im sklavenhaltenden Süden, dann Pächter und später, näher an unserer Zeit, Bergleute, Lokomotivführer und Tischler. Die Amerikaner nennen sie Hillbilly, Hinterwäldler (rednecks) und weißen Abschaum (white trash). Für mich sind sie Verwandte, Freunde und Nachbarn.

Später erschienen Artikel darüber, dass Vance «kein echter Hillbilly» sei. So oder so haben die Stimmen der Ausgegrenzten, der «Verlierer der Globalisierung», Donald Trump tatsächlich geholfen und wurden zu seiner Wählerbasis.

Die Tech-Oligarchen des Silicon Valley sahen in Vance politisches Potenzial. 2021 wurde er Kandidat der Republikanischen Partei bei der Senatswahl und gewann die Vorwahlen gegen sechs erfahrenere Parteikollegen. Als er das tat, unterstützte Trump seine Kandidatur.

Im September gestand Vance im Podcast von Jack Murphy, damals einer der Anführer der englischsprachigen Manosphäre, ein, dass er 2016 für Hillary Clinton gestimmt habe, dass das ein Fehler gewesen sei und dass er nun «erwacht» sei (er sagte red-pilled – eine Anspielung auf die «rote Pille« aus dem Film »Matrix«). Er sagte, er habe selbst »nie ganz begriffen, wie« er in die Elite des Silicon Valley geraten sei. In einem solchen Umfeld »beginnt man aus den Augen zu verlieren, woher man gekommen ist und wer man war«, aber »durch Gottes Gnade oder durch glücklichen Zufall« habe Vance diesen Orientierungspunkt nicht verloren. Er stimmte 2020 für Trump und war überzeugt, dass Trump 2024 Präsident werden würde, wenn er sich zur Wahl entschließen sollte. Doch »die Bewegung braucht neue Führer«, und er selbst »würde vielleicht gerne eine Rolle dabei spielen, dieses Land zu retten, das ich so sehr liebe«.

Vizepräsident J. D. Vance mit Präsident Donald Trump. Foto: Website des Weißen Hauses
Vizepräsident J. D. Vance mit Präsident Donald Trump. Foto: Website des Weißen Hauses

Dieses Interview ist wegen vieler Versprecher bemerkenswert. So fällt darin zum Beispiel der Name Curtis Yarvin, den Ideologen der «Dunklen Aufklärung». Dem zweiten Kommen Trumps im Kontext der Dunklen Aufklärung widmete Alexander Dugin seinen Artikel, den auch Jack Murphy interviewte. «Wir haben einen Verwaltungsstaat», sagt Vance. «Der Verwaltungsstaat kontrolliert alles. So sehr, dass Donald Trump, wenn er gewinnt, manchmal nicht einmal seine Leute auf wichtige Führungspositionen in der Verwaltung setzen kann – wie soll das gehen? Und haben wir überhaupt eine konstitutionelle Republik? Die Gründerväter schufen ein sehr mächtiges Exekutivamt, aber wenn er nicht einmal seine Leute aus seiner eigenen Regierung entlassen kann... Ist das wirklich eine erfolgreiche Republik? Nun, so mittelmäßig». Und noch einmal verriet er sich: «Wir befinden uns in der späten republikanischen Epoche». Das ist zweifellos ein Verweis auf die Römische Republik, die von Caesars Diktatur abgelöst wurde. Und weiter: «Wenn wir uns wehren wollen, müssen wir ziemlich mutig, ziemlich radikal handeln und uns in Richtungen bewegen, die vielen Konservativen jetzt Unbehagen bereiten».

«In die Rundumverteidigung gehen und die Gewehre laden»

Die Bilanz des Senators Vance ist zugleich umfangreich und fruchtlos. In zwei Jahren im Senat hielt er 45 Reden im Senat und brachte 57 Gesetzesentwürfe ein, von denen keiner vom Oberhaus verabschiedet wurde. Vance war außerdem Mitautor von 288 Gesetzesentwürfen und Resolutionen, von denen nur 37 vom Senat und nur zwei Resolutionen von beiden Kammern gebilligt wurden, doch Präsident Biden legte gegen beide sein Veto ein.

Er stimmte konsequent gegen die Erhöhung der Hilfe für die Ukraine und gegen jedes große Haushaltsausgabenpaket sowie gegen die Anhebung der Staatsverschuldungsgrenze.

Im Juli 2023 brachten Vance und die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene einen Gesetzentwurf ein, der geschlechtsangleichende medizinische Versorgung für Minderjährige zu einem Bundesverbrechen mit einer Strafe von bis zu 12 Jahren Haft erklärt hätte. Der Entwurf «starb» im zuständigen Ausschuss mit Ablauf der Legislaturperiode des Kongresses. Im Juni 2024 trat Vance als Sponsor eines Gesetzes zur Abschaffung von DEI auf, das entsprechende Bundesprogramme und die Finanzierung von Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion für Behörden, Auftragnehmer und Organisationen, die Bundesmittel erhalten, verboten hätte. Auch dieser Gesetzentwurf verstarb friedlich im zuständigen Ausschuss.

Nebenbei schrieb Senator Vance 2023 eine Rezension zu Patrick Deneens Buch «Regime Change: Toward a Postliberal Future». Diese Besprechung ist auf dem Schutzumschlag abgedruckt:

Deneen zeigt nicht nur, wie die derzeitige herrschende Klasse Krieg gegen Schönheit, Traditionen und soziale Institutionen geführt hat, die das Leben lebenswert machen. Er formuliert eine Vision einer populistischen Politik, die das Zerstörte wiederherstellen kann.

Worum geht es in diesem Buch?

Der Politikwissenschaftler der katholischen University of Notre Dame, Deneen, schreibt, dass der klassische Liberalismus eine ausbeuterische herrschende Klasse geschaffen habe – eine technokratische Elite, die den Interessen der «Wenigen» auf Kosten der «Vielen» diene. Die moderne liberale Demokratie maskiere diese Spaltung durch Konsumismus und eine progressive soziale Agenda. Nach Deneens Ansicht ist die Zerstörung der herrschenden Klasse durch einen Aufstand der Massen naiv. Eine neue herrschende Klasse müsse «von oben nach unten» geschaffen werden.

Noch interessanter ist Vances Vorwort zu dem Buch von Kevin Roberts «Dawn's Early Light: Taking Back Washington to Save America». Kevin Roberts ist ein republikanischer Politikstratege und Präsident des konservativen Thinktanks Heritage Foundation, der zur Zentrale für die Ausarbeitung von «Project 2025» wurde – dem Programm für Trumps zweite Amtszeit. «Dawn's Early Light» ist ein Zitat aus der US-Nationalhymne, die mit den WortenÜbersetzung von Maxim Naimiller beginnt: «O say, can you see, by the dawn's early light, what so proudly we hailed at the twilight's last gleaming?».

In seinem Vorwort vergleicht Vance Liberale mit einem kurzsichtigen Gärtner:

Stellen Sie sich einen gepflegten Garten auf einem sonnigen Grundstück vor. Natürlich gibt es dort einige Mängel und viele Unkräuter. Um das Schlechte loszuwerden, behandelt der wohlmeinende Gärtner den Garten mit einer chemischen Lösung. Das tötet viele Unkräuter, aber auch viele gute Pflanzen. Unbeeindruckt von den Warnungen fährt der Gärtner fort, die Lösung hinzuzufügen. Schließlich wird der Boden unbrauchbar für den Anbau. In dieser Analogie ist der moderne Liberalismus der Gärtner, der Garten ist unser Land, und die Stimmen, die den Gärtner umstimmen wollen, sind die Konservativen.

Doch im letzten Absatz wechselt die friedliche Analogie ins Militärische:

Jetzt verstehen wir alle, dass es Zeit ist, in die Rundumverteidigung zu gehen und die Gewehre zu laden. In den kommenden Kämpfen werden diese Ideen unverzichtbare Waffen sein.

Das Buch sollte im Sommer 2024 erscheinen, mitten im Wahlkampf, an dem Vance als Vizepräsidentschaftskandidat teilnahm. Doch der Text des Vorworts sickerte an die Presse durch, das Wahlkampfteam Trumps distanzierte sich von «Project 2025», und Roberts verschob die Veröffentlichung des Buches, um der Trump-Vance-Kampagne nicht zu schaden. Die Anmerkung zum Buch, die auf der Website der Heritage Foundation veröffentlicht wurde:

Amerika steht am Rande der Zerstörung. Eine korrupte und inkompetente Elite hat unsere Lebensweise untergraben und der nächsten Generation das Gehirn gewaschen. Viele sogenannte Konservative sind ebenso schuldig wie ihre progressiven Gegner. In diesem ehrgeizigen und provokanten Buch kündigt der Präsident der Heritage Foundation, Dr. Kevin Roberts, das Entstehen einer neuen konservativen Bewegung an. Seine Botschaft ist einfach: Globale Eliten — eure Zeit ist abgelaufen...

Kapitel für Kapitel bestimmt das Buch die Institutionen, die Konservative schaffen müssen, andere, die wir zurückerobern müssen, und noch mehr, die zu korrupt sind, um gerettet zu werden: Universitäten der Ivy League, das FBI, die New York Times, das Nationale Institut für Allergien und Infektionskrankheiten, das Bildungsministerium, BlackRockdas größte internationale Investmentunternehmen der Welt, die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die National Endowment for Democracy — und das sind nur einige von ihnen.

All dies muss beseitigt werden, wenn wir die amerikanische Lebensweise an künftige Generationen weitergeben wollen.

Bemerkenswert ist auch das Motto des ersten Kapitels des Buches:

In der Seele entflammte das Feuer, Zorn gegen den Tod treibt an
Für das Vaterland zu vergelten.

Das ist ein Satz aus dem zweiten BuchÜbersetzung von Sergej Oscherow von Vergils «Aeneis». Aeneas geht durch das brennende Troja und sieht Helena, die den Krieg ausgelöst hat. Doch seine Mutter, die Göttin Venus, lässt ihn Helena nicht töten: Aeneas ist dazu bestimmt, Troja zu verlassen und eine neue Stadt zu gründen. So, so heißt es, soll auch eine neue Generation von Konservativen auf den Ruinen des alten Amerikas ein neues Amerika errichten.

Peter Thiels Netzwerke

Obwohl Trump seine Bekanntschaft mit «Project 2025» bestritt, ist es inzwischen zu mehr als der Hälfte umgesetzt. Daran hindern die Ideologen dieses schleichenden Staatsstreichs die Widersprüchlichkeit des Präsidenten. Ihre Hoffnungen setzen sie nun auf Vance.

Für den Übergang von der Theorie zur Praxis gründeten Peter Thiel und sein Kollege Oren Hoffmann bereits 2006 den geschlossenen Club «Dialog», der regelmäßig Politiker und Unternehmer zu seinen «Retreats» zusammenbringt. Seine Existenz wurde im vergangenen Jahr bekannt, und im Juni dieses Jahres verschaffte sich die bekannte Schweizer Hacktivistin maia arson crimew, alias Tillie Kottmann, Zugang zu der Liste und veröffentlichte die vollständige Teilnehmerliste des Retreats in Dublin vom 12. bis 16. August. Zu den Personen, die die «Dialog»-Retreats besucht haben, zählen der US-Finanzminister Scott Bessent, die Direktorin des Nationalen Nachrichtendienstes (inzwischen ehemalige) Tulsi Gabbard, der demokratische Gouverneur von Maryland Wes Moore, der demokratische Senator Cory Booker, der republikanische Senator Ted Cruz, Garri Kasparow, Jared Kushner, der US-Heeresminister (ebenfalls inzwischen ehemalig) Dan Driscoll, der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, General Alexus Grynkewich, die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission Kaja Kallas (sie bestreitet ihre Teilnahme), die Zytogenetikerin und Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn sowie ehemalige hochrangige Beamte sowohl republikanischer als auch demokratischer Regierungen, die hohen Status und Autorität bewahren. Die Veranstaltungen des Clubs sollte man kaum als geheime Treffen von Verschwörern betrachten. Es ist eher das, was man Networking nennt – Netzwerken, eine Plattform für informellen Austausch und das Knüpfen von Kontakten bis hin zum Matchmaking – nicht umsonst werden die Teilnehmer im Fragebogen nach ihrem Familienstand und danach gefragt, ob sie mit ihrem Sexualleben zufrieden sind. Dennoch ist die Liste beeindruckend.

Noch interessanter ist die Organisation namens Rockbridge Network, die 2019 von J. D. Vance und dem konservativen Publizisten Chris Buskirk gegründet wurde. Es handelt sich um eine in Delaware registrierte Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die zur Finanzierung politischer Kampagnen dient. Sie vereint unter ihrem Dach mehrere gemeinnützige Stiftungen, die mit sogenannten «Dark Money» operieren. Sie melden ihre Ausgaben öffentlich, müssen aber die Geldquellen nicht offenlegen. Nach dem Gesetz dürfen diese Organisationen politische Aktivitäten betreiben, sofern diese nicht ihre Haupttätigkeit sind. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Nebentätigkeit nicht mehr als die Hälfte der Ausgaben ausmachen darf. Doch der US-Steuerdienst hat nie einen genauen Prozentsatz festgelegt. Neben Thiel gehören zu Rockbridge etwa die Milliardärin Rebecca Mercer, die größte Spenderin der Republikanischen Partei, und die Winklevoss-Brüder, bekannt für ihren Rechtsstreit mit Zuckerberg und seitdem die ersten Bitcoin-Milliardäre der Welt.

In einer Broschüre aus dem Jahr 2022 bezeichnet sich Rockbridge als «eine Art politische Venture-Firma».

Unser Ziel ist es, Investoren zusammenzubringen, die mit der bestehenden politischen Lage unzufrieden sind, und Kapital für die Finanzierung von Projekten zu mobilisieren, die die republikanische Agenda stören, aber voranbringen werden. Wir konzentrieren uns darauf, Menschen und Projekte zu unterstützen, die den Niedergang beenden und unser Land wiederbeleben können... Das Rockbridge-Netzwerk wird das derzeitige republikanische Ökosystem aus Thinktanks, Medienorganisationen und Aktivistengruppen ersetzen, die zum Niedergang der Partei beigetragen haben, durch effizientere und handlungsorientiertere Menschen und Institutionen, die auf den Sieg ausgerichtet sind.

Die Investoren geben nicht einfach Geld – sie finanzieren konkrete Projekte. Eines davon zielt etwa darauf ab, «das Gesetz als Waffe einzusetzen» und «Hebelpunkte zu identifizieren, an denen das Gesetz es ermöglicht, unredliche Akteure, einschließlich der Medien, zur Verantwortung zu ziehen». Ein anderes Projekt arbeitet an einer dem britischen System ähnlichen Bildung eines Schattenkabinetts. Ein drittes erstellt Wahlkreisgrenzen, die für die Republikaner günstig sind. Ob es bereits ein Schattenkabinett gibt, wissen wir nicht, aber neue Karten und die «Weaponization» des Rechts sind offensichtlich.

Ihre «Gipfeltreffen» veranstaltet die Organisation zweimal im Jahr. Im April 2024 fand das nächste «Gipfeltreffen» in Mar-a-Lago, Donald Trumps Anwesen in Florida, statt. Ein Platz am Tisch kostet zwischen hunderttausend und einer Million Dollar pro Jahr. Dort sah man auch dieselben Bessent und Gabbard, den Handelsminister Howard Lutnick und die Stabschefin des Weißen Hauses Susan Wiles, und Senator Robert F. Kennedy Jr. erhielt für seinen Auftritt beim «Gipfeltreffen» in Las Vegas ein Honorar von hunderttausend Dollar, drei Monate bevor er zum US-Gesundheitsminister ernannt wurde. Dort trat auch Tucker Carlson auf. In diesem Jahr versammelten sich die Mitglieder von Rockbridge zu einer «Cowboy»-Party in Dallas kurz vor dem Parteitag der Republikanischen Partei.

Verschwörungstheorie

Geld kann vieles, aber nicht alles. Die Mitglieder des Clubs verstehen das sehr gut. Nicht umsonst hieß eines der Panels des Dublin-Retreats Money (Does?) Buy Happiness – «Kauft Geld (vielleicht?) Glück». Der Markt für politische Werbung ist nicht unendlich, und der Kühlschrank und die Zapfsäule sind überzeugender als das Fernsehen. Deshalb sagt Peter Thiel Vance auch einen harten Kampf 2028 voraus. Wie kann man ihn erleichtern?

Hier beginnt die Verschwörungstheorie. Im März dieses Jahres schrieb Scott McConnell, Journalist und Gründervater des Magazins «The American Conservative», plötzlich auf X:

Mein Rat an Vance: Erklären Sie, dass Sie einen Machtwechsel nach dem 25. Verfassungszusatz unterstützen. Vizepräsident wird dann zum Beispiel Chris Murphy oder jemand Ähnliches. Erklären Sie, dass Sie 2028 NICHT kandidieren werden. Nutzen Sie Ihre Position und Ihren Zugang zu den Medien, um zu erklären, warum das notwendig ist. Treten Sie nicht zurück.

Der Tweet wurde in dem Moment veröffentlicht, als klar wurde, dass der Blitzkrieg gegen den Iran gescheitert war. Über Vance schrieb man damals als über einen «Skeptiker» in Bezug auf Angriffe auf den Iran, und der Präsident sagte, er habe mit dem Vizepräsidenten in dieser Frage kleine «philosophische» Differenzen. Vance stieg nur widerwillig in die prokriegerische Propaganda des Weißen Hauses ein, und Tulsi Gabbard verlor gerade wegen dieser kleinen Differenzen ihren Posten an der Spitze des Geheimdienstes. Der 25. Verfassungszusatz regelt das Verfahren zur Amtsenthebung des Präsidenten wegen Handlungsunfähigkeit. Der demokratische Senator Chris Murphy ist einer der schärfsten Kritiker der US-Militäroperationen im Iran und gilt zugleich als Zentrist.

Ein seltsamer Tweet. Man zuckte mit den Schultern und vergaß ihn. Doch im Mai erzählte Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister im Kabinett Clinton, Autor zahlreicher Bücher und weiterhin aktiver Publizist, in seinem Blog:

Neulich aß ich mit einer Gruppe von Politikstrategen zu Mittag – erfahrene Leute, die Politiker und Kandidaten seit Jahren beraten. Am Tisch teilten sie mit mir ihre Fantasie, deren Wahrscheinlichkeit einer Verwirklichung innerhalb der nächsten vier Monate sie auf 30 Prozent schätzten.

In der Fantasie meiner Gesprächspartner wird Trumps gescheiterter Krieg zu einem so starken und anhaltenden Anstieg der Benzin- und Lebensmittelpreise führen, dass ein erheblicher Teil der republikanischen Basis beginnen wird, sich gegen Trump zu wenden. Und Trumps psychische Probleme werden noch offensichtlicher werden.
Präsident Trump beim Nationalen Gebetsfrühstück 2025. Foto: Website des Weißen Hauses
Präsident Trump beim Nationalen Gebetsfrühstück 2025. Foto: Website des Weißen Hauses

Angesichts all dessen verspricht J. D. Vance Marco Rubio, ihn zum Vizepräsidenten zu ernennen, wenn Rubio sich Vance anschließt, um Trump auf Grundlage des 25. Verfassungszusatzes zu entmachten. Rubio stimmt zu... Diese Vereinbarung liegt im Interesse aller... Die Republikaner im Repräsentantenhaus und im Senat werden Trump los, der für sie zu einer Belastung geworden ist...

Für die Entscheidung ist die Mehrheit der Kabinettsmitglieder erforderlich. Wenn man annimmt, dass Bessent, Lutnick, Kennedy und Wiles, die an Thiels Veranstaltungen teilgenommen haben, dafür sind, dann lassen sich die übrigen wahrscheinlich überzeugen, einschüchtern oder interessieren. Reich fährt fort:

Vance und Rubio ermöglicht das, die schwierigen Vorwahlen 2028 zu vermeiden, in denen sie gegeneinander antreten würden... Als Präsident und Vizepräsident schaffen Vance und Rubio Trumps Zölle und seinen Krieg ab, die zu einem starken Preisanstieg geführt, die republikanische Basis verärgert und einen Großteil der Welt gegen Amerika aufgebracht haben...

Der Kabinettsbeschluss wird gefasst, während Trump in Mar-a-Lago ist. Man teilt ihm einfach telefonisch mit, dass er nicht mehr Präsident ist. Das erinnert an Chruschtschows Absetzung. Allerdings wurde Chruschtschow immerhin aus Pizunda nach Moskau gerufen, um den Anschein der Höflichkeit zu wahren.

Reich schließt:

«Ich konnte nicht entscheiden, ob ich mich freuen oder beunruhigt sein sollte», antwortete ich. Sie lachten, aber ich meinte es ernst.

Was reden Politikstrategen nicht alles bei einem Glas! Und vier Monate sind ja inzwischen vergangen. Aber der Plan ist, muss man zugeben, gut.

Wenn Vance und Rubio das Amt des Präsidenten und des Vizepräsidenten übernehmen, können sie sich von dem unpopulären Trump distanzieren. 2028 wird es für sie viel leichter sein, die Wahl zu gewinnen (der Verwaltungsapparat ist schließlich nicht abgeschafft). Man muss das nur dann inszenieren, wenn bis zum Ende von Trumps Amtszeit weniger als zwei Jahre verbleiben. Dann kann Vance für zwei volle Amtszeiten kandidieren und insgesamt fast 10 Jahre an der Macht bleiben. Deshalb ist im September (vier Monate später) nichts passiert. Das wäre natürlich ein Staatsstreich ohne Präzedenzfall in der amerikanischen Geschichte. Wie die Putschisten das Land retten werden, wissen wir bereits.

Bei nüchterner Überlegung lässt sich auch ein anderes mögliches Szenario denken, ganz ohne Verschwörung – ein Impeachment. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Demokraten, sobald sie in beiden oder zumindest in einer Kammer des Kongresses die Mehrheit haben, erneut ein Impeachment anstoßen – und zu ihrer eigenen Überraschung die Unterstützung von Republikanern erhalten. 2025 stimmten zusammen mit den Demokraten sieben Republikaner für die Verurteilung Trumps. Für seine zwangsweise Amtsenthebung fehlten nur 10 Stimmen.

All das sind natürlich Fantasien, aber wie Vance sagte, kann alles passieren. Auch sein Verzicht auf die Teilnahme an dem Abenteuer.


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