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„Die Kirche segnet die Krieger«. Bericht vom vor dem Krieg stattfindenden Konzert an den Mauern des Kremls

Am 6. August fand im Moskauer Park „Zaryadye« das Galakonzert des Festivals „Balladen der SVO« statt. Organisiert wurde es vom Mönch Kiprian – im Zivilleben ein Veteran des Afghanistan-Krieges, Held der Sowjetunion und Liebhaber von Liedermachermusik. Ein Korrespondent von „Most« berichtet, wie es war.

Foto: t.me / @balladasvofest

Der Beitrag wurde vom Team des Projekts „Blaue Capybaras« erstellt, wo Mentoren mit angehenden Journalisten arbeiten.

An einem heißen Augustabend bildet sich von der Straße Varvarka aus eine Schlange am Eingang zum Park „Zaryadye«: Besucher passieren Metallrahmen, der Sicherheitsdienst kontrolliert Taschen. Hier, im großen Amphitheater zweihundert Meter vom Kreml entfernt, beginnt um 20 Uhr das Galakonzert der zweiten Staffel des landesweiten Festivals „Balladen der speziellen Militäroperation – Die Zeit hat uns gewählt«. Das Konzert wurde vom Fonds „Helden des Vaterlandes« mit Unterstützung des Präsidentenfonds für kulturelle Initiativen, des Fonds „Verteidiger des Vaterlandes«, des „Komitees der Familien der Krieger des Vaterlandes« und weiterer ähnlicher Organisationen organisiert. Ziel ist es, Lieder von Autoren zu sammeln und zu bewahren, „die mit der SVO in Verbindung stehen«.

Es gibt keine freien Plätze mehr – laut Angaben der Organisatoren sind über 3000 Menschen gekommen. Die hölzernen Sitzbänke in der Mitte vor der Bühne sind mit einem blauen Absperrband abgegrenzt: Hier sitzen Soldaten, die sich in Moskauer Krankenhäusern rehabilitieren – in Uniform und in blauer Krankenhauskleidung, neben ihnen ihre Angehörigen. Hier setzen sich auch die treuesten Zuschauer – der Eintritt zum Festival ist frei, aber den Gästen, die befürchteten, „ohne Platz dazustehen«, stellte der Supportservice Tickets aus. Unter ihnen fallen zwei junge Frauen mit Tarnmützen auf – die „patriotische Bloggerin« Daria Setkowa mit einer Freundin.

Foto: Webseite des Präsidentenfonds für kulturelle Initiativen

Etwas weiter oben sitzen in ordentlichen Reihen Soldaten – blaue Baretts, Ringelshirts, grüne Uniformen. Einer nutzt die Gelegenheit und lädt seine Liebste zum Konzert ein, wie zu einem Date: Sie humpelt in einem Abendkleid und mit Make-up auf Absätzen über die Kieswege des „Zaryadye«. Sein Kamerad hält mit einer Hand eine Frau (vermutlich seine Mutter) fest und mit der anderen ein Mädchen, so verbringen sie das ganze Konzert. Eine Gruppe von Jungpionieren in markanten T-Shirts hebt sich als roter Fleck im Saal ab. Mindestens die Hälfte der Zuschauer sind Frauen und Männer im Rentenalter.

Links von der Bühne liegen auf weichen, bunten Sitzsäcken die glücklichsten Gäste. Zuschauer, die später kamen, drängen sich in den Gängen. Natascha von der Steuerbehörde, eine etwa vierzigjährige Frau, hält eine offene Thermoskanne in der Hand, aus der Portwein riecht: Am Eingang werden alle undurchsichtigen Flüssigkeiten über 0,5 l weggenommen, aber man kann sich geschickt an der Kontrolle vorbeischleichen. „Soll ich die Kämpfer holen, damit ihr euch setzen könnt?« – bietet ihr und ihrer Begleiterin Maxim an, doch sie lehnen ab und stehen die zweieinhalb Stunden, selbst wenn Plätze frei werden, und fächeln sich mit einem einzigen Handventilator für alle Luft zu.

Während des Konzerts laufen immer wieder „Sieges«-Freiwillige in weißen, gebrandeten Kapuzenpullovern hin und her: Diese Helfer begannen mit Unterstützung von Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges und werden jetzt zu verschiedenen patriotischen Veranstaltungen herangezogen. Es ist unklar, ob sie beim Konzert noch eine andere Funktion haben, aber sie sorgen auf jeden Fall für mehr Masse beim Publikum.

„Verteidigung des Vaterlandes – ist das Gewalt?«

Unter Applaus des Amphitheaters betritt der Mönch Kiprian die Bühne – im Zivilleben Valerij Burkow, Präsident des Fonds „Helden des Vaterlandes« – und begrüßt „Veteranen aller Kriege«. Anfang der 1980er Jahre meldete er sich freiwillig zum Einsatz in Afghanistan, wo sein Vater, ein Oberst, fiel, und kurz darauf wurde er selbst auf eine Mine gesprengt. Beide Beine wurden amputiert. Im Krankenhaus überlebte Valerij laut seiner Erzählung drei klinische Tode. Doch dann stand er auf Prothesen und diente noch 13 Jahre. Heute sieht man unter der Mönchskutte keine Prothesen, und man würde beim Gehen nicht vermuten, dass der Priester keine Beine hat.

Im Oktober 1991 erhielt Burkow den Stern des Helden der Sowjetunion – er ist einer der letzten Offiziere, der diesen Titel erhielt. Danach leitete er das Koordinationskomitee für Behindertenangelegenheiten beim Präsidenten Russlands, arbeitete als Berater Jelzins für Menschen mit Behinderung, war zuständig für die Entwicklung barrierefreier Räume in Russland. Auf der Festival-Website „Balladen SVO« wird sogar behauptet, dass auf Initiative Burkows die UNO den 3. Dezember zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung erklärte (Bestätigungen dafür fehlen jedoch sowohl in veröffentlichten UN-Materialien als auch in anderen offenen Quellen).

In den 2000er Jahren wandte sich der Afghanistan-Veteran der Politik zu. Bei den Dumawahlen 2003 und 2007 versuchte er erfolglos, für die ultrarechte Partei „Rus« in die Staatsduma einzuziehen, doch die Partei konnte sich nicht für die Wahlen registrieren. Im selben Jahr 2007 nahm Burkow eigenen Angaben zufolge an der Wahlkampagne der „Gerechtes Russland«-Partei teil und steigerte deren Beliebtheit. Zu seinem großen Ärger wurde Burkow jedoch von den „Gerechten Russen« von der Wahlliste gestrichen – und erstmals verspürte der Held der Sowjetunion den Wunsch, ins Kloster zu gehen. Ende der 2000er Jahre bot ihm die Präsidialverwaltung, als er Abgeordneter der Gesetzgebenden Versammlung der Region Kurgan war, das Amt des Gouverneurs an. Dieses Angebot verursachte in ihm „ein inneres Vakuum«. Damals begann Valerij, sich intensiv mit den Heiligen Schriften zu beschäftigen. 2016 nahm er das Mönchsgewand an.

In einem Interview bezeichnete der Mönch den Krieg in Afghanistan als das wichtigste Ereignis seines Lebens – dort habe er „einen Kern bekommen«. Das Töten im Kampf rechtfertigt der Priester mit christlichen Geboten: „Verteidigung des Vaterlandes ist Gewalt? Wissen Sie, Töten ist etwas anderes, das ist ein Verbrechen. Und selbst im Krieg ist Töten ein Verbrechen: Wir nehmen einander das Leben, das nicht von uns gegeben wurde. Aber unsere Kirche hat die Krieger immer gesegnet und segnet sie weiterhin zum Schutz des Vaterlandes.« In einem anderen Interview reflektiert der ehemalige Soldat den Nutzen der SVO: Nach Meinung von Vater Kiprian ist ihr Ziel, „dass alle – die in der Ukraine leben, die ukrainischen Soldaten und unsere Soldaten, ihre Ehefrauen, Mütter, Kinder – sich endlich ihrem Vater zuwenden und wie verlorene Kinder zu ihm zurückkehren«.

Obwohl Kiprian vor zehn Jahren, als er gerade Mönch geworden war, noch anders dachte: „Krieg ist in jedem Fall ein psychisches Trauma, weil man jeden Tag Tod, Blut, Tragödien sieht. Obwohl man sich nicht an den Tod gewöhnen kann, schaltet sich trotzdem ein innerer Schutz ein, und man beginnt, das Geschehen anders wahrzunehmen. Und im Krieg steht man ständig vor der Wahl: das moralische Gesetz, das Gott in uns gelegt hat, zu brechen oder nicht… Ich würde niemandem wünschen, an Kampfhandlungen teilzunehmen! Das ist eine sehr schwere, unnatürliche Sache.«

Heute fährt Mönch Kiprian an die Front – in einer schwarzen Schutzweste, „damit er in der Kutte nicht auffällt«, und mit dem Stern des Helden der Sowjetunion auf der Brust (er trägt ihn auf dem Mönchsgewand mit dem Segen seines geistlichen Mentors, Vater Makari). Das Projekt „Balladen SVO« hat Burkow als Fortsetzung seiner eigenen künstlerischen Arbeit ins Leben gerufen: Seit 1988 sammelt, schreibt und singt er Lieder, inspiriert von seinen Kampferfahrungen – um „den patriotischen Geist« in der Gesellschaft zu stärken.

- Jedes Lied ist aus dem Herzen geschrieben, aus dem, was der Mensch erlebt hat. Es ist sein Verständnis dessen, was jetzt passiert, — erklärt er den Zuschauern vor Beginn des Konzertprogramms. — Es ist eine Ansprache an den Feind, es ist eine Ansprache an uns alle.

„Brücke zwischen Hinterland und Front«

Anstelle eines üblichen Rednerpults auf der Bühne steht ein Haufen Munitionskisten, bedeckt mit einem Tarnnetz. Ein Vertreter des Fonds „Verteidiger des Vaterlandes« liest eine Botschaft von der Vorsitzenden des Fonds Anna Ziviljowa (stellvertretende Verteidigungsministerin und Putins Nichte): Das Konzert „soll noch einmal an glorreiche Daten in der Geschichte unseres Landes erinnern«, „besonderer Dank gilt dem Mönch Kiprian«, „viele unserer Verteidiger nennen ihn ihren geistlichen Mentor«.

Endlich kommen die Moderatoren zum Konzertprogramm: „Jedes Lied ist eine Brücke zwischen Hinterland und Front, zwischen Vergangenheit und Zukunft unseres Landes.«

Am Festival „Balladen SVO« nehmen 15 Künstler teil – laut offiziellen Angaben wählte der Expertenrat sie aus 550 Bewerbungen aus. Jeder hat Bezug zum Krieg in der Ukraine: Einige dienten selbst, andere waren Freiwillige, bei manchen ist der Ehemann an der Front. Das Ensemble „Omas Enkel« fuhr in den Bürgerkrieg nach Syrien und brachte den russischen Soldaten, die auf der Seite des Diktators Baschar al-Assad kämpften, Ikonen – „600 kleine, 10 mittlere und zwei große«.

Die Frauen singen von Liebe und Erwartung, die Männer von Mut und Heldentum. Die Zuschauer klatschen nach jedem Lied, filmen das Konzert mit Handys, zünden Taschenlampen an. Als das Lied „Unirdisch« über den Helden Russlands Vlad Dorochin erklingt, der sich mit zwei Granaten in die Luft sprengte, weinen sogar die Mitarbeiterinnen der Steuerbehörde. Den Text schrieb die Tochter eines SVO-Teilnehmers, Ruzanna Avetisjan, Abgeordnete des Stadtrats von Simferopol in der Republik Krim.

Jeder Auftritt wird von einer Art patriotischem Stand-up eingeleitet: Die Teilnehmer des Galakonzerts halten Reden über den Sieg Russlands. Nach dem Lied „Iwan, Schamil und Salawat« fällt der Sänger Salawat Dasaew auf die Knie und verkündet, dass ein russischer Soldat dies nur dreimal tut: „Wenn er betet – bittet den Allmächtigen, wenn er die zarten Hände seiner Mutter küsst oder im Kampf vor einem verwundeten Kameraden. Und nie wieder!«

Foto: Webseite des Präsidentenfonds für kulturelle Initiativen

Zu Beginn des Konzerts steht eine Frau mit einer Trikolore aus der mittleren Reihe auf, auf der steht „Für unsere! Für die Wahrheit! Für den Sieg!« – und sie steht mit der Fahne bis zum Ende da. Ein Mann im gestreiften Hemd mit einem Abzeichen auf der Brust „Ich habe den Präsidenten Russlands gewählt« verbringt das ganze Konzert stehend mit einer Heimkamera, ruft immer wieder „Der Sieg wird unser sein«.

Kurz nach den ersten Liedern verlassen die Soldaten in ordentlichen Kolonnen den Saal. Ihre Plätze nehmen die zivilen Zuschauer ein, die es nicht mehr aushielten. In den Gängen drängt sich so viel Publikum, dass, wenn der zentrale Sektor geschlossen aufsteht, die Zuschauer an den Seiten das nicht sehen und sitzen bleiben.

Zara und Mara

Experten des Festivals sind 19 patriotisch eingestellte Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Musik: Darunter auch die Sängerin Zara, die auf dem Konzert mit dem Lied „Ogonjok« auftrat. Neben ihr und den neuen Künstlern sind auch andere populäre Künstler im Programm.

Außer Konkurrenz erklang im Amphitheater von „Zaryadye« das Lied der Gruppe „Zveroboj« – „Meine Heimat kehrt zurück«. Laut den Autoren wurde das Lied „am dritten Tag nach Beginn der speziellen Militäroperation geschrieben« und ist den „Verteidigern des Donbass« gewidmet. Der Sänger Sergej Nichaenko singt das Lied „Höhe« über emotionale Leere:

Ich habe verlernt, im Krieg zu weinen,

Verluste sind für mich jetzt Gewissheit.

Ich vertraue der Stille nicht mehr,

Verberge meinen Schmerz und meine Freude.

Die Rock-Sängerin Mara betritt die Bühne nicht im Kleid wie die anderen Mädchen, sondern in T-Shirt, Jeans und Sneakers. 2012 veröffentlichte sie das Lied „Schwindelgefühle« mit den Worten: „Ich stimme für einen schwulen Bürgermeister, für eine Präsidentin: Ich wähle diejenigen, die niemals Krieg wählen!« Jetzt tritt Mara mit dem Lied „Dein Schild« über zwei russische Freiwillige mit den Rufzeichen „König« und „Oper« auf. Laut der Sängerin geriet der erste nach einem Kampf mit der ukrainischen Seite mit gebrochenen Beinen und Wirbelsäule in eine Umzingelung. Er kroch auf den Ellbogen zu seinen Leuten, fand unterwegs ein Funkgerät – über das er Kontakt zum Kommandeur der Aufklärungskompanie „Oper« aufnahm. Um das Bewusstsein nicht zu verlieren, rieb „König« sein Gesicht mit Wermut ein: Dieser scharfe Ammoniakgeruch gab ihm für eine Weile wieder Kraft... Und „Oper« zog ihn einfach, weil „ich werde dein Schild sein, du wirst mein Schild sein«.

Der Einzige, dessen Nummer nicht direkt mit Kampfhandlungen verbunden war, ist Petr Lundstrem: Er betritt die Bühne und spielt einfach eine Melodie von Bach auf der Geige.

„Wir sind alle zusammen das Volk«

Nach dem letzten Lied beginnen die Zuschauer auseinanderzugehen.

- Mädels, sollen wir auch gehen? – schlägt eine Dame mit einer Tüte statt einer Handtasche ihren Nachbarinnen vor.

- Bist du verrückt geworden? Verrückt geworden? Sie wird gleich verrückt werden! – lacht ihre Freundin über den eigenen Witz.

- Nein, nein, ich will gar nicht.

- Lasst uns bleiben, vielleicht sagt Vater Kiprian noch was, – fasst die Dritte zusammen.

Bei der Preisverleihung, die ein Drittel des Konzerts dauerte, erhielt jeder der 15 Teilnehmer ein Diplom. Vier Grand-Prix wurden von „SVO-Teilnehmern« vergeben: dem Vorstandsvorsitzenden der „Bewegung der Ersten« Artur Orlow, dem Teilnehmer des Präsidentenprogramms „Zeit der Helden« Maxim Sholomow und Ainur Safiullin. Die Radiosender „Zvezda«, „Gordost«, „Kalina Krasnaja« und „Radio 333« wählten jeweils einen Künstler, dessen Lieder Sendezeit erhalten. Drei weitere wurden „Führer der Volksabstimmung«. Diejenigen, die in keiner Kategorie berücksichtigt wurden, erhielten Diplome des Fonds „Verteidiger des Vaterlandes« – „für besondere Verdienste«.

Am Ende, nach der Preisverleihung, singen die Teilnehmer zusammen mit Alexander Iwanow und Mönch Kiprian das Lied „Heimat« von Sergej Trofimow:

Omas Geschichten von Liebe und Mut,

Wo Gut und Wahrheit die Welt bewahren.

Opas Medaillen „Für Berlin« und „Für Prag«

Und das frühlingshafte Festfeuerwerk...

Ich weiß, dass wir alle zusammen das Volk sind!

Und mein Glück fliegt, und meine Freude singt.

- So, jetzt aber schnell auf die Toilette! – rufen die Anhängerinnen von Vater Kiprian.

***

Unter der Nachricht über das vergangene Konzert wundert sich die Nutzerin „Maria Ermilowa« : „Wer geht da freiwillig hin, ehrlich?«

„Maria, haben wir denn nicht genug durchgeknallte Z-Leute 🤒«, – schreibt ihr „San Sanych« als Antwort..

Am Abend des 10. August wird die Konzertübertragung auf dem Fernsehsender „Zvezda« gezeigt.

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