Unterstützen Sie den Autor!
«Das ist, als würde man allen Menschen mit großen Nasen das Autofahren verbieten»

Heute ist Welt-Autismus-Aufklärungstag. Das ist ein Anlass, um über eine neue Form der Diskriminierung von Menschen mit dieser Diagnose in Russland zu sprechen: Seit Kurzem ist es ihnen verboten, ein Auto zu fahren. Die aktualisierte Liste der Kontraindikationen für das Führen eines Fahrzeugs umfasst nun auch Autismus-Spektrum-Störungen. Wir haben mit Expert*innen für ASS darüber gesprochen, warum dieses Verbot absurd und schädlich ist.
Der Artikel wurde vom Team des Projekts «Blaue Capybaras» vorbereitet, wo Mentor*innen mit Nachwuchsjournalist*innen arbeiten.
Elisaveta Vereschagina betreibt einen Blog über Neurodivergenz und Feminismus. Sie hat an der MGIMO, der HSE, der Shaninka studiert, 13 Berufe erlernt, die «Schule für Vielseitige» gegründet – Kurse zu Wissenschaft, Kunst und Selbstfürsorge – und eine App entwickelt, die neurodivergenten Menschen hilft, ihre Besonderheiten anzunehmen. Sie kennt sich mit dem Thema aus, weil sie vor zwei Jahren die Diagnose ASS erhielt.
– Das hat mir sehr geholfen, und vielen Menschen um mich herum, vor allem Erwachsenen, die auch im Alter von 30–40 Jahren ihre Diagnose erfahren, freuen sich, weil es ihr Leben deutlich verbessert. Und jetzt stellt sich heraus: Das, was dein Leben verbessert, wird automatisch zu einer möglichen Quelle für die Verletzung deiner Rechte, – erzählt die Bloggerin.
Im August 2025 hat Vereschagina ein Reel aufgenommen darüber, dass ab dem 1. September Menschen wie sie kein Auto mehr fahren dürfen.
Warum ist das Verbot absurd?
Laut einer wissenschaftlichen Studie, in der die Fahrgefahr von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und ohne Autismus verglichen wurde, waren Fahrer*innen mit ASS seltener in Unfälle verwickelt, verstießen seltener gegen Verkehrsregeln und verloren seltener ihren Führerschein. Unter den Fahrer*innen, die in Unfälle verwickelt waren, waren Autist*innen doppelt so selten selbst Schuld am Unfall wegen Geschwindigkeitsüberschreitung, gerieten aber häufiger in Unfälle, weil sie anderen Fahrzeugen oder Fußgänger*innen nicht die Vorfahrt gewährten oder beim Linksabbiegen oder Wenden.
In einer anderen Studie wird festgestellt, dass Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu risikoreicherem Fahren neigen als Menschen mit ASS. Ein Fahrverbot für Menschen mit ADHS gibt es in Russland nicht.
– Autismus wird wie eine Krankheit behandelt, dabei ist Autismus eine Variante des Nervensystems. Und allen Menschen mit einem autistischen Nervensystem das Autofahren zu verbieten, ist wie zu sagen: «Wir verbieten allen Menschen mit großen Nasen das Autofahren», – sagt Elisaveta Vereschagina.
Die Bloggerin meint, man müsse auf den einzelnen Menschen, seine Situation, Belastung, Anpassungsfähigkeit und Fähigkeit zur Emotionsregulation im Straßenverkehr schauen. Ihrer Meinung nach ist Emotionsregulation eine der wichtigsten Fähigkeiten – und diese Fähigkeit kann man trainieren. Neurotypische Menschen können ohne Therapie schlechter mit Emotionen umgehen als Menschen, die mit Psycholog*innen arbeiten und wissen, was zu tun ist, wenn sie von einem anderen Fahrer genervt sind oder einen schlechten Tag haben und traurig sind.
Natalja Slobina, Gründerin der Stiftung «Jeder ist besonders» zur Unterstützung von Menschen mit psychischen Störungen und Mutter eines Kindes mit Autismus, sagt, dass unabhängig von der Diagnose eine Person, die das Autofahren lernen möchte, die Fähigkeit zum Lernen, das Verständnis der Regeln, das Bestehen von Tests und später die Fahrprüfung haben sollte. «ASS ist keine Krankheit, sondern eine Besonderheit der menschlichen Entwicklung. Zu sagen, dass ASS ein Grund für ein Fahrverbot ist, ist der falsche Ansatz, denn er ist diskriminierend: Er schränkt die Rechte eines Menschen aufgrund seiner Diagnose ein, ohne zu prüfen, was er kann», fasst sie zusammen.
Wann tritt das Verbot in Kraft?
In verschiedenen Ländern erstellen Hilfsorganisationen Leitfäden für Menschen mit Autismus, damit sie alle Schritte zum Führerschein nachvollziehen können. In Tschechien, wo das Gesetz zum Fahrverbot für Menschen mit ASS bis 2025 galt, wurden Erleichterungen für leichte Formen eingeführt. In Schweden und den Niederlanden wurden seit Januar letzten Jahres die verpflichtenden, teuren psychiatrischen Untersuchungen für angehende Fahrer*innen mit ADHS- und ASS-Diagnose abgeschafft. In Russland ist man den genau entgegengesetzten Weg gegangen.
Laut Galina, einer Psychologin mit ASS, die erwachsene Autist*innen berät, müssen Menschen mit dieser Diagnose in russischen staatlichen Kliniken genauso streng überwacht werden wie Patient*innen mit anderen schweren chronischen Erkrankungen wie Pyelonephritis oder Diabetes. Wer Hilfe sucht, ohne Angst vor einer Registrierung haben zu müssen, kann sich nur an eine Privatklinik wenden – denn aktuell gibt es im Land keine zentrale Datenbank, in die Daten von Psychiater*innen aus Privatkliniken eingetragen werden.
Bislang werden Einschränkungen beim Erwerb des Führerscheins nicht allein aufgrund der Diagnose eingeführt – im Grunde gelten noch die alten Regeln. «Ich habe die [Diagnose] atypischer Autismus, und nach der alten Klassifikation heißt das nicht, dass ich keine Chance auf einen Führerschein habe, wenn ich jetzt einen machen will. Damit ich in diesem Bereich eingeschränkt werde, müssten bei mir gesundheitliche Einschränkungen vorliegen: psychisch oder physisch», berichtet Galina.
Bis jetzt gibt es zu der im September 2025 in Kraft getretenen Liste keine Rechtsakte, die ihre Umsetzung regeln und alle Details klären würden. «Das Gesetz wird diskriminierend sein, wenn wir sehen, wie es umgesetzt wird», sagt Galina weiter. «Wenn in den Zusatzanweisungen ein automatischer Führerscheinentzug bei ASS-Diagnose festgeschrieben wird, dann ist das Diskriminierung. Das ist bisher aber nicht der Fall.»
Wen könnte das betreffen?
Laut Rosstat, veröffentlicht von der Stiftung «Anton ist hier nebenan», waren 2024 in Russland 76.096 Kinder mit Autismus und 5.059 Erwachsene registriert. Gleichzeitig gibt die WHO eine Prävalenz von Autismus von 1 % der Gesamtbevölkerung an. Das heißt, die prognostizierte Zahl der Erwachsenen mit ASS in Russland (2024) beträgt 1.162.812 Menschen.
«Bei uns wird das Thema psychische Gesundheit, psychische Störungen und Besonderheiten kaum beleuchtet, es bleibt sehr stigmatisiert», sagt Elisaveta, «und sehr viele Menschen, auch mit Besonderheiten der Entwicklung des Nervensystems, die aber hochfunktional sind, sind überzeugt, dass sie das alles nicht betrifft».
Die Einführung eines Fahrverbots könnte langfristig die Diagnostik von Autismus im Land verschlechtern, meint die Gründerin der Stiftung «Jeder ist besonders», Natalja Slobina. Ihrer Meinung nach werden Menschen mit ASS dann einfach keine qualitativ hochwertige Diagnostik mehr anstreben und ihre Diagnose wegen der neuen Einschränkungen verbergen. Und wenn es eine Unterdiagnostik gibt, bekommt einerseits die Person keine angemessene Hilfe, und andererseits versteht die Gesellschaft nicht, wie sie solche Menschen unterstützen und akzeptieren kann.
Psychologin Galina hat eine Theorie, warum die Einschränkungen gerade jetzt eingeführt wurden: «In letzter Zeit ist die Diagnostik von Autismus sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen gestiegen – also bei Menschen, denen es zum Beispiel erlaubt ist, Waffen zu tragen oder Alkohol zu kaufen. Und da psychische Erkrankungen generell stigmatisiert werden und diese Diagnose häufiger wird, ist die Logik: Man muss etwas dagegen tun. Wegen des Stereotyps, dass Menschen mit Autismus seltsam sind, muss man also eine Ergänzung in das bereits bestehende System einführen, sodass auch diese Erkrankung solchen Einschränkungen unterliegt.«
«Allen Menschen sofort das Autofahren zu verbieten, ist für mich eine ziemlich seltsame und traurige Geschichte. Denn wir gehen nach dem Prinzip vor: Es ist einfacher, etwas zu verbieten, als zu analysieren, welche Folgen diese Verbote haben», schließt Natalja Slobina, «wir müssen einfach verstehen, dass es immer wirtschaftlich sinnvoller ist, wenn ein Mensch mit Unterstützung ein erfülltes Leben führen und dem Staat nutzen kann, als alles zu verbieten, einzuschränken und zu ignorieren».
Most.Media hat das russische Gesundheitsministerium offiziell um eine Stellungnahme zum Fahrverbot für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen gebeten.

