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Gerechtigkeit auf amerikanische Art

Obwohl der Erste Verfassungszusatz, der Meinungs- und Pressefreiheit garantiert, in den USA nach wie vor gilt und hunderte renommierte Redaktionen sowie tausende talentierte Journalisten schützt, vertrauen Millionen Amerikaner aus irgendeinem Grund ihre Informationsversorgung sehr seltsamen Personen an. Diese sind entweder direkt mit bestimmten politischen Bewegungen verbunden und versuchen das nicht einmal zu verbergen, oder sie verfügen schlichtweg über keinerlei Expertise in den Themen, bei denen ihnen stimmberechtigte Bürger Gehör schenken.
Während eines kürzlichen inner-europäischen Fluges saß neben mir ein junger Mann, der die gesamten zwei Stunden einen Videopodcast namens The Brett Cooper Show auf seinem Laptop ansah. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was das für eine Sendung war und welche Themen die Moderatorin behandelte, und konnte nur das lautlose Bild beobachten, das mir äußerst störend erschien.
Es lag nicht an der Art der Montage oder am Aussehen von Brett Cooper – einer durchaus freundlich wirkenden jungen Frau –, sondern an ihrer Erzählweise. Jedes Mal, wenn ich auf den Laptop neben mir schaute, traf mich Cooper mit weit aufgerissenen Augen, sehr aufdringlicher Gestik und einem selbstgefälligen Lächeln. Als wäre alles, was die Moderatorin sagt, so offensichtlich und eindeutig, dass es sie ermüdet, überhaupt darüber sprechen zu müssen. Eine Ausdrucksweise, die jedem Drittklässler vertraut ist, dem ein Lehrer die Prinzipien des Einmaleins erklären möchte.
Nur lag das Interessengebiet von Cooper und ihren Zuschauern weit entfernt von Grundrechenarten. The Brett Cooper Show ist ein konservativer Videopodcast, dessen Moderatorin, eine 23-jährige Amerikanerin, in jeder Folge aus betont rechten Positionen die Nachrichtenlage in den USA analysiert. «Betont rechts» ist keine Wertung meinerseits, sondern sozusagen Cooper’s raison d’être. Ihre Karriere als politische Kommentatorin begann 2022, als die Publikation The Daily Wire von Ben Shapiro die UCLA-Studentin einlud, an einem neuen Projekt namens The Comments Section teilzunehmen, das auf die Generation Z ausgerichtet ist.
In der Regel zeigte Cooper in dieser Sendung zunächst eine peinliche Szene aus dem Alltag des «gegnerischen Lagers» der Demokraten – etwa eine Rede von Biden, in der er «Iraner» statt «Ukrainer» sagte – und las dann Kommentare auf Twitter und YouTube vor, die mit der ideologischen Linie von The Daily Wire übereinstimmten, und machte Witze. Zum Beispiel darüber, dass Nancy Pelosi wie ein Waschbär und ein Gremlin aussieht und «Iraner» der Spitzname für Ukrainer nach Tschernobyl sei. Diese Show ist ziemlich langweilig, nicht nur wegen des eigenartigen Humors, sondern auch wegen des Mangels an analytischer Tiefe bei Coopers Auftritten.
Heute veröffentlicht sie auf ihrem eigenen Kanal im Schnitt zweimal pro Woche Videos, die bis zu vierzig Minuten dauern, in denen Brett in ihrem charakteristischen mentorhaften Ton etwas erklärt. Dass Taylor Swifts Hochzeit die Institution Ehe fördert, dass sich Twitter-Streitereien zwischen «Tradwives« (traditionelle Ehefrauen) schädlich für die rechte Bewegung auswirken, dass Sozialisten hauptsächlich »Nepo-Babys« sind, die auf einfache Amerikaner herabschauen, und so weiter. Das ist ziemlich harmloser Inhalt ohne irgendwelche »menschenfressenden« Urteile oder Aufrufe, der aber enormen Zuspruch findet, und vor Kurzem wurde Brett sogar als Gastkommentatorin bei Fox News eingeladen. Gibt es hier etwas, worüber man sich Sorgen machen sollte?
Ich habe Brett Cooper so ausführlich beschrieben, weil man, wenn man eine Vorstellung von einem zeitgenössischen rechtskonservativen Influencer hat, sich leicht auch ein Bild von anderen machen kann. Isabel Brown, Alex Clark, Ben Shapiro, Charlie Kirk und dutzende andere mediale Konservative sagen ungefähr dasselbe, präsentieren es ähnlich und richten sich an dasselbe Publikum, was zusammengenommen einen enormen politischen Einfluss auf dieses ausübt. Nicht durch Vermittlung bestimmter Ideen und Inhalte, sondern durch die Förderung einer Denkweise und eines Weltbildes, in dem der kürzliche Mord an Charlie Kirk als logische Folge erscheint.
Wie gesagt, es ist schwer, den genannten Rednern «Menschenfresserei» vorzuwerfen. Sie sind nicht Anton Krasowski oder das «Freie Rundfunk der Tausend Hügel», sie sprechen nicht die Sprache des Hasses, doch der Kern ihrer medialen Tätigkeit liegt darin, die strikte «Zweilagermentalität» der amerikanischen Politik aufrechtzuerhalten. Nachdem Kirk erschossen wurde, hagelte es von «rechts» lobende Äußerungen darüber, wie er es geschafft habe, der jungen Generation eine Plattform für Dialog, Respekt vor alternativen Meinungen und Diskussionsbereitschaft zu bieten. Wie auch immer Ihre Meinung zum Verstorbenen sein mag, man muss anerkennen, dass das so nicht stimmt.
Der Grund für Kirks Bekanntheit, für das Wachstum der Einnahmen seiner gemeinnützigen Organisation Turning Point USA in vier Jahren auf über das Doppelte vor 85 Mio. $ pro Jahr und für die große Aufmerksamkeit, die seine öffentlichen Debatten im Format Prove Me Wrong auf Universitätsgeländen erhielten, liegt in der allgemeinen Provokativität seiner Aktivitäten.
Die Ausschnitte aus Kirks Debatten erzielten Millionen von Aufrufen nicht wegen eines beeindruckenden Diskussionsniveaus, sondern wegen der hohen Inkompetenz seiner Gegner.
Wenn Sie sich eine Zusammenstellung der besten Momente von Debatten mit Charlie Kirk ansehen, werden Sie feststellen, dass er entweder mit Leuten diskutiert, die ihre Position nicht verteidigen können – weshalb ihr anschließendes «Zerstörtwerden» durch Kirk unterhaltsam wirkt – oder mit offensichtlichen Freaks, die Kirk sofort beleidigen und wegschicken (was ebenfalls ein perfektes Format für TikTok oder Instagram Reels ist).
Solchen Personen eine Plattform zu bieten ist weniger ein Akt der Achtung vor dem Ersten Verfassungszusatz und der Meinungsfreiheit, die Kirk bei jeder Gelegenheit erwähnte, als eine clevere Marketingstrategie zur Reichweitensteigerung und zur Zerstörung des Rufs der Linken. Kirk war kaum bereit, die Position der Linken ernsthaft anzuhören: Einmal sagte ein junger Mann in einer Debatte zu Charlie, wie sehr er ihn hasst und verachtet, ging dann sofort weg, und Kirk kritisierte den Beleidiger als «typisches Bild eines amerikanischen Linken». Erwähnenswert ist auch das Projekt Professor Watchlist von Turning Point USA. Das ist eine umfangreiche Liste von Universitätsdozenten, die nach Ansicht der Ersteller «antiamerikanische Werte» propagieren und «linke Propaganda» fördern. Zum Beispiel erkennen sie die globale Erwärmung an und setzen sich für den Verzicht auf Gasheizungen im Haushalt ein.
Eigentlich diente Kirk seit Ende der 2010er Jahre nur der Unterstützung der Agenda von Donald Trump, den er als «Leibwächter der westlichen Zivilisation» bezeichnete und mit dessen Familie er sich über Donald Trump Jr. und dessen Freundin Kimberly Guilfoyle eng verbunden hatte. Persönlich erfuhr ich von Turning Point USA erst im Jahr 2020, da damals wohl kein Medium und kein Influencer mit Kirks Organisation in Sachen Verbreitung von Fake News über Wahlfälschungen bei der Präsidentschaftswahl konkurrieren konnte. Es ist nicht verwunderlich, dass Kirks Ermordung das Weiße Haus so sehr erschütterte. Erstaunlich ist etwas anderes.
Obwohl der Erste Verfassungszusatz, der Meinungs- und Pressefreiheit garantiert, in den USA nach wie vor gilt und hunderte renommierte Redaktionen sowie tausende talentierte Journalisten schützt, vertrauen Millionen Amerikaner aus irgendeinem Grund ihre Informationsversorgung sehr seltsamen Personen an. Diese sind entweder direkt mit bestimmten politischen Bewegungen verbunden und versuchen das nicht einmal zu verbergen, oder sie verfügen schlichtweg über keinerlei Expertise in den Themen, bei denen ihnen stimmberechtigte Bürger Gehör schenken.
Der Popularitätsschub konservativer Influencer in den letzten Jahren hängt damit zusammen, dass sie die Bedürfnisse des jungen Publikums früher verstanden haben als ihre Gegner.
Das junge Publikum schert sich nicht um klassische Journalistik und langweilige Zeitungs-Kolumnisten wie Bret Stephens oder David Brooks, die konservative Positionen in den Medien vertraten, noch bevor Kirk oder Cooper überhaupt geboren wurden. Eigentlich interessieren konservative Positionen dieses Publikum auch nicht – es sucht Halt in einer aus informationssicht äußerst komplizierten Welt und tastet sich an eine «Seite der Macht» heran, auf der junge Menschen eine Art Identität finden können. Und diese genießen, indem sie bei Kirks Universitätsdebatten eine Horde roter Mützen gegen «woke» Studenten pfeifen oder über den Absurditäten der Linken lachen, wenn sie eine neue Folge von Isabel Browns Podcast über geschlechtsneutrale Toiletten sehen.
Denn in dieser Welt der Jugendpropaganda lassen sich fast alle gesellschaftlichen Probleme auf ein ideologisches Gegeneinander reduzieren. Links und rechts, pro-life und pro-choice, woke und anti-woke, Schwarz und Weiß, Muslime und Christen und so weiter. Diese oberflächliche Zweiteilung hat solche Ausmaße angenommen, dass die Persönlichkeit der Kommentatoren und Analysten irgendwann zur Nebensache wurde. Zu Beginn dieses Textes nannte ich die bewusst «rechte» Ausrichtung von Brett Cooper ihre raison d’être, weil diese Persönlichkeit einfach untrennbar mit ihrer medialen Rolle verbunden ist. 2022 brauchte The Daily Wire eine äußerlich ansprechende junge Frau, um rechtspopulistische Thesen vor einem Publikum zu vertreten, das ohnehin schon damit vertraut und solidarisch war – und das führte zu einem enormen Erfolg. An Coopers Stelle hätte buchstäblich jede Gleichaltrige mit ähnlichem Aussehen stehen können, die sicherlich nicht weniger talentiert über banale Dinge wie die Heuchelei der Mainstream-Medien und moderner Feministinnen bei Veranstaltungen von Turning Point USA berichtet hätte. Wo ihr kaum Gehör geschenkt würde, wenn sie auch nur eine mild-kritische Bemerkung zum amtierenden US-Präsidenten machen würde – wie es bei dutzenden langweiligen «Zeitungs»-Konservativen der Fall ist, von denen das Publikum von Kirk, Cooper und Brown niemals erfahren wird.
Einer von ihnen, der bereits erwähnte David Brooks, erinnerte sich in einem kürzlichen Essay für The Atlantic an den Beginn seiner Karriere als konservativer Kolumnist in den 1980er Jahren. «Damals gab es in unserer Bewegung zwei Arten von Menschen: Konservative und Reaktionäre. Wir Konservative lasen fleißig Milton Friedman, James Burnham, Whittaker Chambers und Edmund Burke. Die Reaktionäre wollten einfach nur die Linken schockieren. Wir Konservative widmeten uns dem Schreiben von Artikeln für intellektuelle Zeitschriften, während die Reaktionäre mehr vom Fernsehen und Radio angezogen wurden. Wir waren rechts in der Politik, hatten aber viele liberale Freunde, während die Reaktionäre alle verachteten, die nicht rechte Gegner des Establishments waren. Sie waren nicht ‚prokonservativ‘ – sie waren ‚antiliberal‘. Ich kam zu der Erkenntnis, dass das ein wichtiger Unterschied ist.»
Die Bedeutung dieses Unterschieds zeigte sich besonders deutlich, als die Reaktionäre die Konservativen besiegten und sich das Etikett aneigneten. Und ohne direkte, artikulierte Feindseligkeit gegenüber Gegnern zu zeigen, tun sie alles, damit die amerikanische Gesellschaft streng politisch polarisiert bleibt – und sich in Fragen, die einen konsensorientierten Ansatz erfordern, noch stärker entlang rassischer, religiöser und ideologischer Linien segmentiert.
Eine solche Atmosphäre fördert keine gesunde Diskussion, sondern provoziert Gewaltbereitschaft unter den emotional instabilsten Schichten «politisch engagierter» junger Menschen – wie etwa den 22-jährigen Tyler Robinson, der des Mordes an Charlie Kirk verdächtigt wird. Der Vorfall könnte entweder ein Auslöser dafür sein, dass Konservative endlich wieder Milton Friedman lesen, Kolumnen in intellektuellen Zeitschriften schreiben und liberale Freunde suchen, oder aber zu einer noch stärkeren Isolation in der rechtspopulistischen Echokammer von Desinformation und selbstverliebten Podcastern führen. Letzteres wird kaum zu etwas Gutem führen.

