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«Russland rekrutiert nicht besonders kluge, aber motivierte Jugendliche innerhalb der EU für seine dunklen Machenschaften»

Russische Aktivist:innen sind selbst nach der Emigration nicht immer in Sicherheit. Die Verfolgung kann auch außerhalb Russlands weitergehen – auch durch informelle Gruppen, die nach der Logik russischer Propaganda agieren. Damit wurde in Litauen die Sexualaufklärerin und LGBTQ+-Aktivistin Sascha Kazantseva konfrontiert: Im Sommer letzten Jahres begann sie, Drohungen zu erhalten, und es kamen Menschen zu ihrem Haus, die mit einer homophoben Gruppe in Verbindung stehen, die queere Jugendliche und Aktivist:innen verfolgt. Seitdem kämpft Kazantseva um eine Reaktion der litauischen Behörden, damit solche Fälle nicht ungestraft bleiben. Im Interview mit «Most» berichtet Sascha Kazantseva, wie dieser Druck organisiert ist, warum es kein Einzelfall ist und was mit queeren Menschen aus Russland passiert – sowohl im Land als auch im Exil.
- Erzähl, wie ist der aktuelle Stand in deinem Fall der Verfolgung? Du hast schon mit vielen Medien gesprochen, mehrere Interviews zu dem Thema gegeben. Hat die Öffentlichkeit geholfen?
- Ich denke ja. Ich habe drei Ablehnungen der Polizei zur Einleitung eines Verfahrens bekommen – trotz Dutzender Drohungen und der Veröffentlichung meiner Privatadresse. Die Verfolger kamen zu mir nach Hause mit der Absicht, mich zu töten, wie sie selbst sagten. Aber acht Monate lang hat die Polizei kein Verfahren eingeleitet und immer wieder abgelehnt.
Das Beste ist jetzt, dass dank der öffentlichen Aufmerksamkeit die Staatsanwaltschaft der Polizei die Anweisung gegeben hat, Ermittlungen aufzunehmen. Und das ist schon ein Erfolg. Ich habe mich mit litauischen Menschenrechtler:innen ausgetauscht, und sie sagten, solche Drohungsfälle werden in Litauen meist sehr schlecht untersucht, deshalb ist schon die Anordnung ein großer Fortschritt und das Ergebnis der geleisteten Arbeit. Es ist schwer für mich zu beurteilen, weil es meine erste Erfahrung mit einer solchen Medienkampagne in Litauen ist, aber mir wurde gesagt, dass sie sehr gut gemacht wurde. Außerdem sind auch von sich aus gesellschaftliche Akteure auf mich zugekommen und haben Hilfe angeboten. Mit der UNO konnte ich Kontakt aufnehmen – sie haben mir selbst geschrieben.
- Woran liegt es deiner Meinung nach, dass Drohungsfälle hier so schlecht untersucht werden? Haben sie keine Erfahrung, keine Fälle der Verfolgung von LGBT-Personen?
- Ich kenne noch nicht alle Feinheiten des Rechtssystems in Litauen und kann nur einzelne Punkte wiedergeben, die mir Menschenrechtler:innen erzählt haben.
Das Erste, was ich weiß und schon oft gehört habe: Drohungsfälle werden sehr schlecht untersucht, es ist sehr schwer, etwas zu erreichen. Zum Beispiel gab es einen großen Artikel zu meinem Fall auf «15min.lt». Die Journalistin, die mich selbst anschrieb und den Artikel vorgeschlagen hat, wurde ebenfalls bedroht – ihr wurde als Journalistin gedroht, ihren minderjährigen Kindern wurde gedroht, und die Polizei tat nichts. Obwohl sie natürlich von Kolleg:innen unterstützt wurde. Und nur mit Mühe gelang es – soweit ich verstanden habe auch dank der Medienöffentlichkeit – wenigstens zu erreichen, dass anerkannt wurde, dass Drohungen gegen Minderjährige nicht normal sind und etwas dagegen getan werden muss. Das ist die erste Geschichte.
Die zweite ist, dass mein Fall auch als Hassverbrechen eingestuft wird, das heißt, ich werde als LGBTQ-Person, als LGBTQ-Aktivistin verfolgt. Und soweit ich verstanden habe, gibt es in Litauen keine etablierte Praxis zur Untersuchung solcher Verbrechen – das steht noch aus.
Und das ist traurig, denn viele lokale LGBTQ-Personen erleben Drohungen, Stalking, verschiedene Angriffe und Stress, und die Polizei hat wieder keine Erfahrung mit solchen Fällen. Außerdem neigt jedes System dazu, nach gewohnten Protokollen zu handeln, im Energiesparmodus.
Soweit ich gehört habe, gibt es in Litauen nicht sehr viele Polizeiresourcen, und sie sparen diese. Aber ich kenne nicht alle Details. Und außerdem ist meine Geschichte noch... nicht gerade populär: Ich bin Migrantin und LGBTQ-Person. Und das ist nicht unbedingt etwas, womit man sympathisiert, auch möglicherweise nicht bei der Polizei – das wurde mir so gesagt.
- In deinen Stories hast du geschrieben, dass du Menschen helfen kannst, die in Litauen auf ähnliche Probleme stoßen. Hat sich schon jemand an dich gewandt, sich über Ähnliches beschwert?
- Ich gehe deine Frage mal von einer anderen Seite an. Die letzten acht Monate lebe ich in dieser Geschichte, und in manchen Phasen – buchstäblich ohne freie Tage, weil sie mehrere Stunden täglich frisst, manchmal sogar einen ganzen Arbeitstag.
Anfangs war das für mich neu: Ich war nie in einer Situation, in der ich rechtliche Fragen in einem anderen Land klären musste, in dem ich mich nicht so gut auskenne, Kontakte suchen musste, die ich nicht habe.
Meine Arbeit sind eigenständige aktivistische Recherchen, Content-Erstellung, Texte, Videos. Und ich dachte: Na gut, wenn ich schon in diesen «Lore» eintauche, kann ich daraus – jetzt sage ich es spaßeshalber – «Content machen». Aber im Ernst: Je tiefer ich in das Thema eintauche, desto mehr sehe ich, dass es ein systemisches Problem ist.
Ich bin gezwungen, mehr darüber zu erfahren, wie pro-russische Gruppen innerhalb der EU agieren, weil ich mich in Gesprächen mit Medien und Menschenrechtler:innen darauf beziehen muss.
Und ich denke, dass ich in diesen acht Monaten bereits eine gewisse einzigartige Erfahrung mit Menschenrechtskampagnen in Litauen gesammelt habe – auch zu diesem engen LGBTQ-Fall. Und wenn etwas gelingt, könnte das ein Präzedenzfall werden, den andere Jurist:innen und Menschenrechtler:innen nutzen können. Und da ich so gestrickt bin, dass ich mein Wissen teilen will, wenn ich welches habe – und zu diesem Thema sammle ich es zwangsläufig an –, ja, ich werde versuchen, etwas zu tun.
- Hat schon jemand mit dir seine Erfahrungen über Angriffe der homophoben Telegram-Gruppe «Imperium des Heilers» geteilt?
- Ich weiß, dass viele Menschen in Russland unter dieser Gruppe gelitten haben und die meisten ihrer Mitglieder dort sind. Sie gehen aktiv auf Schüler:innen und Jugendliche los: mobben, outen, zwingen zur Löschung von Social-Media-Accounts. Von physischen Übergriffen weiß ich nichts, aber ich weiß, dass Menschenrechtler:innen durch diese Geschichte angefangen haben, gegen diese Gruppe zu recherchieren und vielleicht etwas herausfinden werden.
Das Problem ist, dass diese Gruppe nicht die einzige ist. Und dass die Zahl solcher Gruppen in Russland wächst. Das erinnert an die frühen 2000er, als der Staat scheinbar seinen Sicherheitsapparat durch solche «Aktivisten» ergänzt hat, sie nicht störte und teils sogar förderte. Menschenrechtler:innen meinen, solche Gruppen stehen in gewissem Maße «auf dem Schirm» des FSB. Sie haben nicht unbedingt einen konkreten FSB-Betreuer, aber der FSB ist mindestens über ihre Aktivitäten informiert. Und offenbar auch über diese Gruppe – sie behaupten selbst, dass russische Sicherheitsstrukturen sie unterstützen.
Da die Zahl solcher Gruppen in Russland wächst, kann man ziemlich sicher annehmen, dass es sie auch in Europa immer mehr geben wird. Wir sehen bereits einen Trend, dass Russland nicht besonders kluge, aber motivierte Jugendliche innerhalb der EU für seine dunklen Machenschaften rekrutiert. Und Russland wird weiterhin versuchen, in die EU, in die baltischen Staaten vorzudringen – es gibt keinen Grund, das Gegenteil zu erwarten. Entsprechend wird es mehr solcher Leute geben, und es ist wichtig, darauf vorbereitet zu sein.
Mein Fall schien zunächst ein Einzelfall zu sein. Aber jetzt sehe ich, dass es eine viel größere Geschichte ist. Wenn diese nicht kommen, kommen andere.
- Was konntest du bisher über diese Verfolgergruppe herausfinden?
- Die Namen der Anführer sind bekannt. Einer von ihnen ist Maxim Suleymanov, Sohn eines reichen Geschäftsmanns aus Moskau, den eine Journalistin vom Sender «Doschd» angerufen hat. Er sagte sinngemäß: «Ich wohne in einer Elite-Siedlung zusammen mit der russischen Regierungsspitze, ihr könnt mir nichts anhaben.» Sein Vater arbeitet mit Staatsaufträgen. Nach der Ausstrahlung des Beitrags bei «Doschd» schrieb Maxim, dass er zum «SVO» geht. Vielleicht, weil sein Vater mit ihm gesprochen hat. Aber danach schrieb er mir weiter – ob aus dem Schützengraben oder nicht, weiß ich nicht.
- Das heißt, er lebt selbst in Russland, nicht in Litauen?
- Ja, Maxim Suleymanov ist in Moskau. In Litauen lebt Bronislaw Minderis – der zweite Anführer der Gruppe, der schrieb, dass er den Besuch bei mir organisiert hat. Nach dem Beitrag bei «Doschd», wo es hieß, Maxim gehe zum «SVO», schrieb Maxim, dass er die Leitung an Bronislaw übergibt und der jetzt der Chef ist.
Was sind das für Leute? Nach dem, was ich im Kontakt erlebt habe, wie so oft: nicht besonders kluge junge Männer. Maxim ist etwa 25, Bronislaw ungefähr 20. Sie haben Kraft, viel Aggression, wollen ihre Energie irgendwo loswerden, aber nicht viel Verstand.
Das ist im Grunde nichts Neues: Der russische Staat nutzt solche motivierten Jungs, um seine Probleme zu lösen, ohne die offiziellen Sicherheitsstrukturen zu belasten.
- Kann man deinen Fall als möglichen «Testlauf» für eine breitere Praxis des Drucks auf Aktivist:innen außerhalb Russlands betrachten?
- Ich habe es auch aus diesem Blickwinkel betrachtet: Diese Verfolger haben im Kontakt mit mir ständig das Thema gepusht, dass ich «Propagandistin», «Terroristin», «Extremistin» sei und sich darauf berufen, dass ich in Russland eine Kriminelle bin. Dabei verstehen sie offenbar gar nicht, dass ich nicht in Russland bin und dass russische Gesetze in der EU nicht gelten.
Eine Journalistin von 15min.lt hat gesprochen (Link ohne Paywall) mit Bronislaw Minderis, der in Kaunas ist. Sie erzählte, dass er überhaupt nicht versteht, dass ich nach russischem Recht in der EU nicht verfolgt werden kann, schon gar nicht wegen politischer Paragrafen.
Falls der Fall «erfolgreich» durchgezogen worden wäre – sie schrieben mir «wärst du zu Hause, hätten wir dich getötet» – hätte das eine Art Testlauf sein können? Im Moment sehen wir keine massenhafte Verfolgung von Aktivist:innen in der EU, aber könnte das mit der Zeit beginnen – dieses Risiko kann man angesichts der Gesamtlage nicht ausschließen.
Das ist die erste Version. Die zweite ist, dass diese Gruppe von sich aus angefangen hat, mich zu verfolgen, hauptsächlich online. In ihrem Kanal schrieb jemand, der sich als Kurator aus den Sicherheitsstrukturen ausgab. Er sagte, sie handeln im Rahmen der Gesetze der Russischen Föderation, seien also «sauber» nach russischem Recht.
Es könnte also sein, dass sie selbst diese Aktion gestartet haben, mich aktiv zu verfolgen. Und wenn sie wirklich Kuratoren haben, könnten diese das aufgreifen und als Praxis nutzen. Denn wenn es einmal geklappt hat, wenn sie sehen, dass die Polizei nicht sehr aktiv reagiert, dann klappt es vielleicht auch ein zweites Mal.
Und in diesem Sinne finde ich es sehr wichtig, über solche Situationen laut zu sprechen. Denn ja, ich bin am Leben, aber wenn die Polizei diesmal nichts tut, bekommen solche Gruppen und deren Hintermänner das Signal: Man kann auch zu anderen gehen. Und dann einen Schritt weitergehen – erst einen halben, dann noch einen. Dann vielleicht schon in Wohnungen eindringen, und dann vielleicht auch jemanden mit dem Messer angreifen.
Ich möchte, dass solche Gruppen und russische Sicherheitsdienste nicht das Gefühl haben, dass es zum Beispiel in Litauen sehr einfach ist, so etwas zu machen.
- Weißt du, ob die Polizei mit Bronislaw Minderis Kontakt hatte, ihn vielleicht schon zu deinem Fall befragt hat?
- Nein, gar nichts – das ist ja das Problem.
Die Journalist:innen haben im Grunde die Arbeit der Polizei gemacht: Namen, Adressen, über Bronislaw ist alles bekannt, sogar wo er wohnt. Aber die Polizei hat in diesen acht Monaten nichts getan.
Man hätte ihn wenigstens zur Befragung vorladen können, wenigstens ein Zeichen setzen, dass so etwas nicht geht – einfach Aufmerksamkeit zeigen. Auch wenn man kein Verfahren eröffnet, hätte man zu ihm nach Hause gehen und sagen können: Über dich gibt es Beschwerden. Wenigstens auf Ebene des Bezirksbeamten.
- Haben sie nach der öffentlichen Aufmerksamkeit aufgehört, dir zu drohen, haben sie dich in Ruhe gelassen?
- Nein, sie haben nicht aufgehört. Für mich ist das ein weiteres Zeichen für ihre Besessenheit – sie machen weiter. Sie attackieren meine Social-Media-Kanäle, schicken Bots auf alle Accounts. Maxim Suleymanov schrieb mir nach dem Beitrag auf «Doschd»: «Du denkst, du bist so cool, aber du wirst uns nicht aufhalten.»
Bronislaw kommt ständig in die Kommentare, schreibt Dutzende dumme Nachrichten. Anfangs habe ich ihn geblockt, dann aufgehört. Er schrieb selbst, dass er Hunderte gekaufte Accounts hat. Außerdem rieten die Jurist:innen, ihn nicht zu blockieren – das ist Beweismaterial, soll er schreiben.
Und für mich zeigt das, wie sehr sie sich straflos fühlen, wie wenig sie Grenzen sehen. Bronislaw sagt seit acht Monaten, dass die Polizei ihm nichts tun wird, dass er komplett durch litauische Gesetze geschützt ist. Okay, vielleicht sind Aktivist:innen aus Russland nicht die wichtigsten Einwohner:innen für Litauen. Aber irgendwann könnte er anfangen, auch litauische Bürger:innen anzugreifen. Zum Beispiel schrieb er, dass er Frauen gesehen hat, eine davon trug ein T-Shirt mit Regenbogen, und er wollte sie angreifen, aber es waren Leute in der Nähe. Wenn also jemand schreibt, dass er davon träumt, zum «SVO» zu fahren, dass er Schwule getötet hat, dass er Blut will – wäre es nicht schlecht, wenn zumindest der Bezirksbeamte mal mit ihm spricht. Wir haben Hunderte Screenshots von dem, was Bronislaw geschrieben hat. Und es ist absurd, dass die Polizei nichts tut. Obwohl er Dinge schreibt wie «Ich will, dass Raketen auf Europa fliegen», «Ich habe Kontakte von litauischen Militärbasen weitergegeben».
- Spürst du hier, im Exil, Unterstützung? Von Freund:innen, Kolleg:innen, anderen?
- Ich habe wohl Glück, dass ich Unterstützung spüre. Ich habe ein Publikum, deshalb habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein: Ich kann etwas sagen, und Leute reagieren.
Aber ich habe viel über das Hilfssystem nachgedacht, denn es stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach ist, Hilfe zu bekommen. Auch nicht von russischen Organisationen im Exil.
Wenn also irgendwelche Leute anfangen, euch zu verfolgen und zu bedrohen, heißt das nicht, dass ihr sofort jede mögliche Hilfe bekommt – selbst wenn ihr relativ medienpräsent seid. So läuft das nicht, es war trotzdem schwierig. Aber ich versuche, mich auf die zu konzentrieren, die mich unterstützt haben, nicht auf die, die mich abgewiesen haben. Und ja, es gibt viel Unterstützung.
Journalist:innen haben sich gemeldet, ich bin sehr dankbar den Journalistinnen von «Doschd», «Glasnaja», «15min.lt», den Menschenrechtler:innen. Viele sind auf mich zugekommen, haben Politiker:innen angeschrieben.
Also Unterstützung gibt es. Aber sie ist wohl noch eher vereinzelt. Ich habe nicht das Gefühl, dass das System in Litauen selbst findet, dass so etwas nicht passieren darf. Ich denke, es sollten bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, weil alle daran interessiert sein sollten, dass so etwas nicht passiert.
Ich verstehe, dass es auf der einen Ebene mein Einzelfall ist, aber auf der anderen könnte es in einigen Jahren zur Regel werden, dass Leute bedroht werden und das als Einschüchterungsmethode genutzt wird.
- Die Situation wirkt schrecklich und absurd: Die Behörden in Russland haben repressive Gesetze gegen LGBT-Personen erlassen, einige wurden zur Ausreise gezwungen, andere eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht. Aber selbst die, die gegangen sind, werden weiterverfolgt. Was glaubst du, wollen sie erreichen?
- Ich denke, es geht nicht nur um die LGBT-Geschichte, denn ich habe einen ziemlich starken politischen Fall. Ich werde auch als politische Aktivistin verfolgt, das spüre ich sehr. Über mich schreiben verschiedene regierungsnahe Blogger, seltsame Leute kommen in die Kommentare. Und ich glaube nicht, dass das nur daran liegt, dass ich zu LGBTQ-Themen arbeite. Es gibt viel bekanntere russische LGBTQ-Blogger:innen im Exil, die nicht politisch aktiv sind, und bei denen passiert so etwas nicht. Ich denke, die russische Regierung ist daran interessiert, politisch aktive Menschen zu neutralisieren. Auch die endlosen Internetblockaden dienen dazu, dass kein Einfluss von außerhalb kommt.
- Reagieren bekannte LGBT-Personen irgendwie auf deine Geschichte? Haben sie versucht, dich zu unterstützen?
- Zum Beispiel wer?
- Sagen wir, Michail Sygar, Karen Schainjan.
- Nein, nicht versucht. Michail Sygar hat mir irgendwann auf Instagram gefolgt. Das war's. Und wer sind noch öffentlich bekannte LGBT-Personen?
- Offene? Anton Krasovsky. Okay, im Ernst. Zemfira.
- Nein, sie ist nicht offen. Wir haben kaum öffentlich bekannte LGBT-Personen, die gleichzeitig medienpräsent, offen und politisch aktiv sind.
- Kann man überhaupt von Solidarität unter LGBT-Personen aus Russland sprechen?
- Ich spüre insgesamt eine sehr starke Solidarität mit der queeren Community. Ich habe mich sogar dabei ertappt, dass ich nie ein besonderes Gefühl der Verbundenheit mit der «Heimat» hatte – und ich weiß nicht, wie das überhaupt funktioniert. Obwohl ich gar nicht vorhatte auszuwandern, ich wollte in Russland leben und arbeiten, aber eben innerhalb der LGBTQ-Community. Und diese Community ist für mich – in gewisser Weise meine «Heimat». Ich fühle mich zu Hause mit LGBTQ-Personen aus ganz verschiedenen Ländern.
Natürlich spreche ich verallgemeinernd, denn es gibt nicht die eine LGBTQ-Community, sondern verschiedene Sub-Communities. Aber ich glaube, viele LGBTQ-Personen haben zumindest ein wenig Erfahrung mit diesem Gefühl eines Meta-Community – wenn auch nur gelegentlich. Bei mir ist das ziemlich konstant.
Ich merke, dass viele LGBTQ-Personen, die sich mehr oder weniger im selben medialen Feld bewegen, unabhängig vom Land über ähnliche Themen sprechen, ähnliche Werte teilen und sich gegenseitig verstehen können.
Was die Menschen aus Russland betrifft – das kann ich schwer beurteilen. Ich habe Kontakt mit Leuten aus verschiedenen Ländern, und Russ:innen sind dort nicht die Mehrheit. Es gibt sie, aber nicht mehr als andere.
Ich versuche, auf dem Laufenden zu bleiben, wie sich die Community in Russland fühlt, aber ich kann es nicht vollständig wissen – nur fragmentarisch. Deshalb bin ich keine besonders kompetente Quelle für die Situation innerhalb Russlands. Aber ich möchte unbedingt Wege finden, für queere Menschen in Russland nützlich zu sein.
- Denkst du, dass öffentliche Personen, die selbst zum verfolgten queeren Community gehören könnten, eine moralische Verantwortung haben, sich zu äußern? Und wie wichtig ist solche Unterstützung überhaupt – kann sie denen, die unter Druck stehen, wirklich helfen? Zum Beispiel hat Zemfira nie gesagt «Ich bin bei euch». Das wäre für viele sicher wertvoll gewesen zu hören.
- Wenn man mir diese Frage vor Februar 2022 gestellt hätte – über Coming-out oder Unterstützung von LGBTQ-Personen, selbst am Beispiel von Zemfira –, hätte ich gesagt, dass man die Umstände berücksichtigen muss: Wie ist der Mensch sozialisiert, in welchem Umfeld lebt er, welche Risiken hat er.
Ich kann eine andere Haltung haben, aber ich verstehe, dass ich mir nicht vorstellen kann, in welcher Situation ein anderer Mensch, eine andere Frau ist. Und, wie man so sagt, danke, dass ihr dazu beigetragen habt, dass ich offen sein kann und darin einen Wert sehe. Manchmal sind geschlossene öffentliche Figuren auch aus dem Gegenteil heraus nützlich – man schaut sie an und denkt: So will ich nicht sein, ich will offen sein.
Aber seit 2022 ist für mich, wie für viele, alles schärfer geworden. Es geht ja nicht nur um Coming-out, sondern um Worte der Unterstützung. Und das ist nicht nur eine Frage an Zemfira, sondern generell an verschiedene öffentliche Personen.
Die Verbrechen der russischen Regierung gegen LGBTQ-Personen und der Krieg in der Ukraine sind direkt miteinander verbunden. Seit 2014 hat Russland westliche Verbündete verloren und brauchte neue. Daraufhin wurden «traditionelle Werte» als staatliche Ideologie massiv gefördert.
Wie funktioniert das? Durch Angst – dass «die Schwulen kommen und euren Kindern das Geschlecht ändern». Kinder sind ein starker Auslöser für moralische Panik. Darauf baut unter anderem die Ideologie auf, die Russland potenziellen Verbündeten exportiert.
Es gibt also den «pervertierten Westen» und «uns mit unseren traditionellen Werten». Interessant ist, wenn diese Propaganda zum Beispiel in afrikanische Länder geht, nutzt sie eine Dekolonisierungsrhetorik: Der Westen hat euch kolonisiert und tut es weiterhin, wir schützen euch vor diesen «schrecklichen westlichen Werten», einschließlich LGBTQ.
- Ein Exportprodukt also?
- Ungefähr wie Russland Öl verkauft. Es ist eine Ressource auf einem anderen Level, aber sie verkauft sich auch gut und hilft, Verbündete zu gewinnen.
Die Idee an sich, dass ein Mensch kein Recht hat, anders zu sein, dass jemand wissen kann, wie man «richtig» ist – das ist eine sehr faschistische Idee. Und daraus wächst die ganze russische Aggression auf verschiedenen Ebenen. Diese Idee wird skaliert und auf verschiedene Lebensbereiche projiziert. Und aus dieser Sicht finde ich es sehr wichtig, darüber zu sprechen, was und warum die russische Regierung mit LGBTQ-Personen macht.
Seit 2022 wurden in Russland drei Anti-LGBTQ-Gesetze verabschiedet. Eines davon hat praktisch 1% der Bevölkerung den Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung entzogen. Das ist ein völlig genozidales Anti-Trans-Gesetz. Sogar das Gesundheitsministerium hat sich dagegen gewehrt, aber sie wurden einfach mundtot gemacht. Ein weiteres Gesetz, das völlig unverhältnismäßig zur «Problematik» ist, ist die Einstufung von LGBTQ als «extremistische Bewegung».
- Warum, denkst du, schenken russische Prominente, Stars aus Journalismus, Bühne, Film, Politik diesem Thema so wenig Aufmerksamkeit? Selbst die, die schon außerhalb Russlands sind.
- Ich habe von vielen Journalist:innen und Leuten mit YouTube-Kanälen gehört, dass das ein unpopuläres Thema ist, dass es unangenehm ist, sich damit zu beschäftigen: Es gibt Streit, Abmeldungen. Und ich verstehe das, sogar mit meinen kleinen Blogs. Wenn ich mich auf kontroverse Themen einlasse, denke ich innerlich: «Na gut, auf geht's.» Das kostet Kraft, und wenn man sowieso schon unter Druck steht, reicht die Energie vielleicht nicht für einen weiteren Schritt.
Aber andererseits arbeiten wir sowieso in einer Konfliktzone, in der wir gehasst werden. Die Frage ist, wofür wir bereit sind einzustehen. Halten wir das Thema für wichtig. Ich glaube, es fehlt jetzt an Verständnis – und daran will ich arbeiten –, dass das alle betrifft.
Nicht nur, weil «sie zuerst für jemand anderen kamen». Sondern weil jede:r von uns in gewisser Weise Erfahrung mit Queerness hat: Niemand ist der «perfekt richtige Mensch, der dem Staat und der Gesellschaft in allem passt». Jede:r hat die Erfahrung: Ich bin in irgendwas anders, und das ist mir unangenehm. Und es gibt die Angst, dafür bestraft zu werden.
Daraus entsteht Spannung. Wir denken, wir müssen eine Fassade wahren, weil wir so, wie wir sind, nicht akzeptiert werden – nicht weil wir etwas Schlechtes tun, sondern weil «das nicht üblich ist».
Und wenn wir über eine freiere Gesellschaft sprechen, ist es wichtig, über die Möglichkeit zu sprechen, man selbst zu sein. Ich möchte Worte finden, um zu erklären, wie sehr der Zustand der Gesellschaft davon abhängt, wie sie mit LGBTQ-Personen umgeht.
Einerseits ist der Umgang mit verletzlichen Gruppen ein Lackmustest für die Gesellschaft, andererseits ein Weg zu verstehen, wie wir als Menschen und gesellschaftlich funktionieren. Was das ganze Land seit 2022 erlebt, haben LGBTQ-Personen schon mindestens zehn Jahre erlebt: Seit 2013 lebten wir unter dem Gesetz gegen «Propaganda», aber das hat kaum jemanden außer uns selbst interessiert.
Es gibt die Sichtweise, dass die russische Regierung repressive Szenarien zuerst an verletzlichen Gruppen erprobt und dann auf alle Bürger:innen ausweitet. Tatsächlich hat die russische Regierung juristisch alle zu Queers gemacht, alle in denselben Status versetzt, den LGBTQ+-Personen jahrelang hatten. Du filterst deine Worte vorsichtig, tust vielleicht so oder versteckst einfach dein wahres Ich, um Repressionen zu vermeiden. Aber du weißt, dass du trotzdem nicht davor geschützt bist.
Deshalb ist es wichtig zu merken, wenn verletzliche Gruppen in deiner Nähe beleidigt oder gar unterdrückt werden, auch wenn du selbst nicht dazu gehörst. Sonst werden diese Praktiken schnell normalisiert und auf alle angewendet.


