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Migranten: Das Ende Europas? Stimmt es, dass Zuwanderer die EU-Wirtschaft nach unten ziehen

Dies ist der abschließende Text über die Probleme der Massenmigration in Europa. Genauer gesagt, über die Mythen, die dazu führen, dass viele glauben, Migranten – insbesondere aus muslimischen Ländern – seien das Hauptproblem Europas. Dass die Wirtschaft (zum Beispiel die deutsche) stagniert, weil Deutschland angeblich zu einem Durchgangs- oder Gasthaus geworden ist. Wo die neuen Bewohner nicht arbeiten, sondern von Sozialleistungen leben wollen.

Demonstration zur Unterstützung der Ukraine. Düsseldorf, März 2022. Foto: Eugenia Pan'kiv via Unsplash

Den vorherigen Text aus der Reihe «Migranten: Das Ende Europas?» lesen Sie hier

Hier sind ein paar Spoiler nötig.

Erster. Ich selbst hätte nichts dagegen, in Deutschland von Sozialleistungen zu leben, wenn ich das Recht dazu hätte. Ich habe da keine Komplexe. Ich würde einen Roman schreiben und Bürgergeld beziehen. Übrigens, auch Limonow saß in den USA auf Welfare. Dort schrieb er vier seiner besten Bücher, darunter «Editschka». Sie wurden nicht veröffentlicht, aber das Sozialgeld bekam er. Und die wohlmeinenden Ratschläge à la «Hast du schon mal versucht, Böden zu wischen?» – die können einem gestohlen bleiben. Dann macht ihr das doch, wenn ihr nichts anderes könnt.

Zweiter Spoiler. Kein Flüchtlingsstrom kann der Wirtschaft eines Landes so viel Schaden zufügen wie ein gut integrierter Einheimischer: zum Beispiel ein gebürtiger Bayer, CDU-Politiker Jens Spahn. Als deutscher Gesundheitsminister organisierte er während der Corona-Pandemie Maskenbeschaffungen so, dass der Haushaltsverlust laut Rechnungshof etwa 7 Milliarden Euro betrug. Mit möglichen Klagen sogar rund 10. In dieser Größenordnung wollte kürzlich sein Parteikollege, Bundeskanzler Friedrich Merz, die Sozialausgaben kürzen. Und ungefähr so viel wird jährlich an 1,5 Millionen Bürgergeld-Empfänger gezahlt. Aber Spahn ist immer noch im Spiel: Er leitet, ganz der Liebling, im Bundestag seine Fraktion.

Dritter Spoiler (oder ist das schon der Haupttext?). Deutschland für «dumme Linkerei» oder «Förderung von Sozialschmarotzern» zu schimpfen – kann man natürlich machen. Aber es ist Unsinn. Deutschland ist ein Sozialstaat, das steht schon in Artikel 20 des Grundgesetzes. Und in Artikel 16a ist das Recht auf Asyl verankert. Das sind genau die Rahmenbedingungen, in denen Deutschland mit seinem heutigen Migrantenanteil lebt. Und so war es immer. Die erste Rente der Welt? – Deutschland, 1889. Die ersten Sozialwohnungen der Welt? – Die Fuggerei im bayerischen (Deutschland gab es damals noch nicht) Augsburg, 1514.

Heutige Sozialleistungen sind also eine lange Tradition des Sozialstaats. Dieses Gerüst kann man nach links oder rechts, nach oben oder unten an der europäischen Wand verschieben. Aber das Bild darin bleibt immer ein deutsches. Mit all seinen Unterschieden zu den USA, wo es weniger soziale Sicherheiten gibt, das Risiko, in Armut zu sterben, höher ist (wie übrigens auch die Chance, ganz nach oben zu kommen…)

Aber zurück zu den Migranten. Genauer gesagt, zu dem Gefühl, dass sie das deutsche Sozialboot so überladen haben, dass es bald sinken könnte.

Im Großen und Ganzen stimmt das Gefühl der Last. Aber völlig falsch ist die Vorstellung, das Boot könne untergehen. Seine Schwimmfähigkeit ist sogar gestiegen seit jenen nostalgisch erinnerten Jahren, als noch keine Hunderttausende Syrer, Afghanen, Iraker nach Deutschland kamen und Merkel noch nicht ihr berühmtes «Wir schaffen das» gesagt hatte.

Wiesbaden, Oktober 2020. Foto: Folco Masi via Unsplash

Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht regelmäßig Daten, wie viele deutsche Staatsbürger und wie viele Ausländer in Deutschland Grundsicherung beziehen. Im Juni 2010 waren es 3.951.916 erwerbsfähige Deutsche und 984.242 erwerbsfähige Ausländer: insgesamt 4 Deutsche auf 1 Ausländer. Das gleiche Verhältnis ein Jahr später. Kurz vor der Aufnahme syrischer Flüchtlinge (aber nach dem EU-Beitritt Kroatiens), im Juni 2015, gab es Veränderungen, aber keine grundsätzlichen: 3 Deutsche auf 1 Ausländer.

Und im Dezember 2025 – tata! – unter den Leistungsempfängern 53% Deutsche und 47% Ausländer. Eins zu eins, grob gesagt. Unter den Migranten: 606.508 Ukrainer, 440.136 Syrer und 198.714 Afghanen.

Bevor man jetzt «Alarm!» ruft, schauen wir uns eine andere wichtige Kennzahl an: die Regelleistungsberechtigten (RLB) – die Gesamtzahl derer, die «auf Sozialleistungen» sind. Hier sind alle erfasst: Deutsche und Nicht-Deutsche, Erwerbsfähige und Nichterwerbsfähige. Im Dezember 2025 gab es in Deutschland 5,186 Millionen RLB. Im wunderbaren Jahr 2010 waren es 6,415 Millionen. Und im noch schöneren Jahr 2006, als weder Kriege noch Flüchtlinge ein Thema waren, sogar 7,199 Millionen. Die Statistiken zeigen: Von 2006 bis 2021 sank die Gesamtzahl der RLB Jahr für Jahr. Danach schwankte sie zwischen 5,4 und 5,5 Millionen – weniger als 2018. Ja, trotz Pandemie und Krieg, trotz 1,3 Millionen ukrainischer Flüchtlinge und einer Million Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan, Iran (in den Statistiken oft zusammengefasst).

Das heißt, die deutsche Wirtschaft hat keine Verdauungsstörungen. Aber sie hat eine langsame Verdauungsgeschwindigkeit.

Es liegt nicht daran, dass Migranten in Deutschland «Sozialtouristen» sein wollen (so nannte Merz vor ein paar Jahren die ukrainischen Flüchtlinge). Sondern daran, dass die Integrationsmobilität in Deutschland langsam und mittelalterlich ist. Und es liegt nicht nur an der Schwierigkeit, die deutsche Sprache zu erlernen

Der deutsche Arbeitsmarkt ist in seinen Grundprinzipien immer noch zünftig organisiert. Eine vorhandene Qualifikation (kannst du das? – dann los! – wie in Russland) zählt in Deutschland nichts ohne Nachweis, und selbst der Tipp der Landsleute «geh als Hausmeister arbeiten» funktioniert nicht. Erstens gibt es in Deutschland keine Hausmeister mit Besen, die Straßenreinigung ist komplett mechanisiert. Zweitens braucht man für das Fahren einer Kehrmaschine eine Ausbildung und das entsprechende Zertifikat. Die Ausbildung ist eine Lehrlingszeit, die meist drei Jahre dauert. Ohne Ausbildung wird man nicht als Klempner, Elektriker, Friseur oder Kassierer in einem Supermarkt eingestellt… Wie auch? Ein zertifizierter deutscher Klempner steckt das Geld nach der Reparatur nicht einfach ein. Er schickt eine Rechnung per Post, die per Bank bezahlt wird. Die Rechnung bedeutet Garantie für die Arbeit und Haftung, falls später die Nachbarn einen Wasserschaden haben. Für diese Zuverlässigkeit zahlt man – nicht nur mit Geld. Es gibt zu wenige zertifizierte Handwerker. Ein Klempner kommt nicht am selben Tag. Wann? In einer Woche. In drei. In einem Monat. Wenn es dringend ist, muss man einen illegalen russischen, ukrainischen, kroatischen, polnischen oder iranischen Handwerker suchen, der sofort kommt, aber bar und ohne Garantie arbeitet… Deutschland ist nicht nur mittelalterlich oder konservativ, sondern auch extrem stur in seinen Gewohnheiten. Ärzte benutzen immer noch Faxgeräte, und zu Lehrbüchern für Ausländer gibt es CDs. Es würde mich nicht wundern, wenn Spahn und Merz per Brieftaube kommunizieren.

Und das ist keineswegs übertrieben. Auf Facebook folge ich einem ukrainischen Flüchtling, dem IT-Spezialisten Dmytro Sylenko aus Tschernihiw. Er floh aus dem Bombenhagel nach Deutschland, ohne Geld, mit einem feuchten Laptop aus dem Keller und einem Satz Unterwäsche im dünnen Rucksack. «Keine Technik, keine Nebenjobs, keine ordentliche Kleidung, keine Vorräte», beschreibt er sich damals. «Und dann gehst du ins Jobcenter mit der klaren Bitte: ‚Helft mir, Arbeit zu finden. Irgendeine. Schnell.‘ Aber du hörst etwas anderes: ‚Nur keine Eile. Erst die Sprache. Dann Integration. Dann vielleicht Arbeit. Vielleicht gehen Sie noch an die Uni? Vielleicht bleiben Sie länger?‘ In dem Moment spüre ich zum ersten Mal körperlich: Das System teilt meine Dringlichkeit nicht. Es hat sein eigenes Tempo: Kurse, Papiere, Pläne.»

Sylenko ist nicht dumm: Er hat schnell verstanden, dass seine bisherige Berufserfahrung in Deutschland nichts wert ist, hat die Sprache gelernt und kämpft nun mit dem Ausbildungssystem. Zehn Jahre lang arbeitete er als Datenadministrator, aber im Schulzeugnis hat er eine Drei in Mathe, weshalb der deutsche Eichenbaum den ukrainischen Kälbchen verständnislos beäugt.

Und egal, mit wem man spricht – alle erleben das so. Das deutsche System braucht keine Leute, die es modernisieren könnten. Es braucht Leute, die in einen zwar hoffnungslos veralteten, aber standardisierten Rahmen passen.

Es ist also nicht so, dass Migranten keine Sprache lernen, sich nicht integrieren oder arbeiten wollen. Es ist das deutsche System, das sich Veränderungen widersetzt.

Ja, offiziell wird gesagt, Migration sei ein Segen; immer wieder wird betont, dass der Arbeitsmarkt jährlich 400.000 neue Arbeitskräfte braucht. Und das ist ein Segen, und diese Arbeitskräfte stehen quasi vor der Tür. Aber eben nur theoretisch. Ich habe Deutschen mehrmals die Frage gestellt: «Da ist eine Million ukrainischer Flüchtlinge. Wie viele zusätzliche Deutschlehrer werden für ihre Integration gebraucht? Und woher nehmen?» – «Hm…» – «Man kann ja nicht einfach einen Masterstudiengang ausrufen und drei Jahre warten?!» – «Aber ohne pädagogische Ausbildung darf man doch nicht unterrichten?»

Am Ende konnten meine ukrainischen Bekannten, die schon im November vor den Bomben aus Dnipro geflohen waren, sich erst Ende April für Sprachkurse anmelden.

Sie bekommen natürlich Sozialleistungen. Wie auch mein Namensvetter Sylenko. Vielleicht werden sie eines Tages müde vom Kampf und merken, dass sie – trotz Hochschulabschluss und Ausbildung – nur einen tristen Job im DHL-Sortierzentrum erwartet, mit einem Gehalt, das nach Steuern und Miete kaum mehr ist als das, was sie jetzt vom Sozialamt bekommen. Dann lernen sie alle Tricks, um weiter Sozialleistungen zu beziehen, und jobben heimlich nebenher: Katzen züchten (600 Euro für ein Mischlingskätzchen – ja, ich war selbst baff, als ich die Preise erfahren habe!), Möbel transportieren und aufbauen, Fliesen legen, Elektriker- oder Klempnerarbeiten ohne Zertifikate… Das heißt, sie tricksen das deutsche System zu ihrem Vorteil aus. Was ihnen ermöglicht, wenn auch nicht zum Angeben in sozialen Netzwerken, wenigstens jeden Sommer ein paar Wochen am Comer See in Italien zu verbringen.

Und ehrlich gesagt, ich werfe ihnen dafür keinen Stein.

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