Unterstützen Sie den Autor!
Oh, diese unanständigen Fragen zur «Alternative für Deutschland»!

Wie kam es dazu, dass in einem Land, in dem die antifaschistische Rhetorik alles durchdringt, bei den Wahlen 2026 eine halbfaschistische Partei gewinnt? Warum funktioniert diese Rhetorik nicht mehr?
Der historische Sieg der «Alternative für Deutschland» bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt (in dessen Hauptstadt Magdeburg es schon am Bahnsteig nach Sozialismus riecht) ist deshalb so gut, weil er Fragen provoziert, die sonst unter der Oberfläche geblieben wären.
Und zwar geht es nicht um taktische, sondern um strategische Fragen. Taktische, etwa welchen Anteil der bei der AfD – in Deutschland sagt man «hat Senf dazugegeben» – höchst unpopuläre Kanzler Merz am Sieg hatte, sind nicht sonderlich interessant: Sie handeln von der Schaumkrone des Tages.
Nicht allzu interessant sind auch die banalen Fragen: Warum hat die antimigrantische, isolationistische Rhetorik der AfD in einem Bundesland, in dem es im Vergleich zum Westen Deutschlands nur sehr wenige Migranten gibt, so gut gezogen? Eben deshalb, weil der Mensch das Unbekannte fürchtet: auch Fremde. Wenn man nicht über drei Meere fährt, glaubt man auch an Menschen mit Hundeköpfen.
Ebenso uninteressant ist die Frage, warum die offen homophobe AfD von Alice Weidel geführt wird – einer Lesbe, die mit einer in Sri Lanka geborenen Schweizerin verheiratet ist. Und was, ist es bei Putin anders? Auch bei ihm gibt es «Familienwerte» – für das gemeine Volk, für sich selbst aber Geliebte und uneheliche Kinder. Wie Göring der Legende nach in solchen Fällen zu sagen pflegte: «Wer Jude ist, bestimme ich», – «Hier entscheide ich, wer Jude ist».
Aber die Frage «Wie kam es dazu, dass in einem Land, in dem die antifaschistische Rhetorik alles durchdringt, eine halbfaschistische Partei gewinnt?» ist sehr berechtigt. Denn sie zwingt dazu, darüber nachzudenken, warum diese Rhetorik (nicht mehr) funktioniert.
Ich fürchte, das Problem ist, dass die antifaschistische Optik in Deutschland fast immer zur Verurteilung der Vergangenheit verwendet wird, aber fast nie zur Diskussion der Gegenwart. Unzählige antinazistische Ausstellungen, Filme und Programme werden aus diesem Grund zu leeren, bedeutungslosen, ausgehöhlten Gesten.
Ein guter deutscher Schüler, der zu einer Exkursion an den Ort der berüchtigten Wannsee-Konferenz gebracht wird (dort wurde die Entscheidung über die Endlösung, die «Endlösung» der Judenfrage, getroffen), wird munter die auswendig gelernte Definition von Antisemitismus aufsagen. Aber niemals wird er den Lehrer fragen, ob man Israel, das den Gazastreifen mit seinen 2,3 Millionen Einwohnern zerstört und laut Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza mehr als 70.000 Palästinenser getötet hat und dabei Sippenhaftung anwandte (das Prinzip der kollektiven Verantwortung von Verwandten, das von den Nazis benutzt wurde), als nationalistischen Staat bezeichnen kann.
Das ist problematisch. Auch für denjenigen, dem die Fragen gestellt werden. Denn die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus (und hier droht bereits strafrechtliche Verantwortung) ist in Deutschland unscharf. Und Kanzler Merz wiederholt öffentlich immer wieder, dass die besonderen historischen Beziehungen Deutschlands zu Israel bewahrt werden müssen. Für mich bedeutet das, dass die Politik Deutschlands von Ereignissen geprägt wird, zu denen die heute Lebenden keine Beziehung haben, während die Ereignisse, zu denen sie eine Beziehung haben, ignoriert werden.
Wundert es da noch, dass der Wunsch entsteht, Merz selbst und seine Partei zum Teufel zu jagen, was in Sachsen-Anhalt durchaus gelungen ist.
Dieses Ignorieren der Realität bei gleichzeitiger Wiederholung leerer Mantras aus der Vergangenheit ist für Deutschland sehr typisch. In einem Monat wird im Land der nächste langweilige und offizielle Tag der Deutschen Einheit gefeiert werden. Sein Name ist in den Augen vieler Ostdeutscher eine Lüge, denn eine Vereinigung der «zwei Deutschlands» hat es nicht gegeben. Es war ein Anschluss, bei dem Westdeutschland Ostdeutschland verschluckte. Ja, mit gegenseitigem Einverständnis – aber es verschluckte es! Schließlich wurden die «hölzernen» Mark der DDR zugunsten der harten Währung der BRD abgeschafft. Und nicht westliche, sondern östliche Fabriken und Werke gingen bankrott und wurden vom unheilvollen Treuhand-Konzern verscherbelt. In den östlichen Bundesländern wurden Lehrer, Richter und Beamte einer Lustration unterzogen und verloren ihre Arbeit. Und sogar die Flagge des vereinten Deutschlands erwies sich als westlich… Und versuchen Sie einmal, gegen den Begriff «Anschluss» rationale Argumente vorzubringen!
Aber um keine Vorwürfe der «Verherrlichung des kommunistischen Regimes» auf sich zu ziehen, hat die Mehrheit sich daran gewöhnt, zu schweigen und zu lügen und zugleich den wachsenden ostdeutschen Ressentiment nicht wahrzunehmen. Kanzler Merz kam nicht auf die Idee, sich nach dem Vorbild Willy Brandts, der einst in Warschau auf die Knie fiel, in Magdeburg auf die Knie zu begeben! Während die «Alternative für Deutschland» die «Ossis» mit Honig beschmiert. Sie streichelt ihnen übers Köpfchen und verzeiht jeden Unsinn und jede Gemeinheit. Den AfD-Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, begleitet ein Konvoi aus alten DDR-«Trabis» und ebenso alten Simson-Mopeds. Er geht dabei zugleich auf die Knie und auf die Nerven.
Eigentlich lehrt der heutige Sieg der «Alternative» eine wichtige Lektion: die Gefahren des Ignorierens der Realität. Und mir bleibt nur, mich mit Jonathan Glazer zu solidarisieren – dem Regisseur des Films über den Kommandanten von Auschwitz «The Zone of Interest», der bei der Oscar-Verleihung sagte, er habe den Film nicht gedreht, um zu sagen: «Schaut, was sie damals getan haben», sondern um zu sagen: «Schaut, was wir jetzt tun».
Und das ist höllisch schwierig.

