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Wer hat den Anzug genäht, oder Valentina und Valentina

Ein Markenzeichen autoritärer und totalitärer Regime ist der Mangel an Geschmack und die absolute Unempfindlichkeit gegenüber dem, was mit den Menschen geschieht. Und die Leidenschaft für die Regulierung von allem, die sich auf die Gestaltung von Beziehungen im Alltag erstreckt. Vereinheitlichung erweist sich sehr oft als hässlich. Aber es gibt ein Problem: Der Neustart des Neototalitarismus wird vom Staat in einer modernisierten und vielfältigen Gesellschaft unternommen.

Foto: TASS

Die Veröffentlichung wurde vom Medienprojekt «Land und Welt – Sakharov Review« (Telegram-Kanal des Projekts – «Land und Welt«) vorbereitet.

Es scheint, als müsste Rosstat bald die Daten zur Einkommensdifferenzierung der Haushalte einstellen. Das Bildungsministerium behauptet, dass es in der russischen Gesellschaft erhebliche Unterschiede zwischen Reichen und Armen gibt. Das geht aus der offiziell vorgestellten Initiative zur Vereinheitlichung der Schuluniform hervor, die sehr beängstigend wirkt – wie die Anzüge der Abgeordneten des Obersten Sowjets der UdSSR aus den 1950er Jahren. Der Leiter der Abteilung im Ministerium, Alexander Reut, erklärt: «Die Schuluniform trägt wichtige sozial-psychologische Aspekte in sich. [Sie] beseitigt psychologische Grenzen zwischen Kindern aus Familien mit unterschiedlichem Einkommen, zwischen Kindern verschiedener Glaubensrichtungen. Deshalb halten wir die Bedeutung dieses Themas für schwer zu überschätzen.«

Harry Potter und das Bildungsministerium

Die Wirkung auf die Psyche von Kindern und ihren Eltern durch vereinheitlichte Kleidung lässt sich kaum überschätzen. Würden Eltern wirklich riskieren, ihre Kinder so anzuziehen? Diejenigen, die Kinder haben, sich um sie kümmern, sie zur Schule begleiten und von dort abholen, wissen: Moderne Kleidung ist so demokratisch, dass Unterschiede im «Einkommen« der Familien kaum sichtbar sind. Diese Unterschiede zeigen sich vielmehr in anderen Bereichen, vor allem in der Aufteilung der Schüler auf prestigeträchtige und weniger prestigeträchtige Schulen, private und staatliche. Übrigens ist gerade in diesen prestigeträchtigen Schulen die Uniform vereinheitlicht und unterscheidet die Kinder aus »guten« Familien von allen anderen.

Vielleicht sorgt sich das Bildungsministerium um den westlichen, unfreundlichen Schnitt ihrer Kleidung – oft sehen die Kinder zu gut aus: wie Harry Potter und Hermine Granger. Was religiöse Unterschiede betrifft, so unterscheidet sich ein Junge oder Mädchen aus einer orthodoxen oder katholischen Familie kaum, es sei denn, sie sind Fundamentalisten. Mädchen aus muslimischen Familien in Russland kleiden sich durchaus modisch, ohne ihre religiöse Zugehörigkeit zu betonen. Die Kinder von Migranten hat unsere Partei und Regierung praktisch vom Schulunterricht ausgeschlossen.

Diese Problematik ist also völlig künstlich. Sie ist rein ideologischer Natur: In autoritären und totalitären Regimen muss alles, einschließlich Verhalten, Gedanken, Wissen und Kleidung, vereinheitlicht sein. Es muss eine Uniform geben. Nicht zufällig trugen zu Stalins Zeiten nicht nur Militärs Uniformen.

Feuchtigkeitsableitender Stoff

Vereinheitlicht kann auch nicht allzu hässlich sein, aber nicht im Falle des russischen hybrid-totalitären Modells. In den vom Bildungsministerium präsentierten Anzügen liefen Jahrzehnte lang (und laufen noch) Valentinas – von Valentina Iwanowna (Matwijenko) bis Valentina Wladimirowna (Tereschkowa). Und natürlich nicht nur sie. Der bis zur Hässlichkeit strenge Business-Damenstil beinhaltet auch eine mächtige Tolle auf dem Kopf in der Größe des Kopfes selbst. Und los geht’s – ein leichter Gang aus der Hüfte, begleitet von einem eindrucksvollen und entschlossenen Klacken der Absätze auf dem Dienstparkett.

Valentina Tereschkowa und Valentina Matwijenko, 1988. Quelle: x.com

Mangel an Geschmack ist ein Markenzeichen autoritärer und totalitärer Regime. Und zwar Geschmack in allem, angefangen bei Automodellen bis hin zu Kleidungsmodellen. Und die Leidenschaft für die Regulierung von allem ist in einem Staat mit absoluter Kontrolle ebenfalls ganz natürlich.

Es ist wichtig, den Eindruck zu bewahren – für sich selbst – der vollständigen Unterwerfung der umgebenden Welt, die in Konzerne zersplittert ist. Eine Unterwerfung mit vollständigem Eindringen in sie.

Für Letzteres gibt es unter anderem altmodische und hausgemachte importsubstituierte Messenger, gegen die bereits von zuständigen Behörden Vorwürfe erhoben wurden: Vermutlich fällt es ihnen schwer, Gespräche von Mitbürgern abzuhören und ihre Korrespondenz in Systemen dieser «Schraubstock«-Qualität zu überwachen.

Übrigens gab es vor Max (übrigens, warum nicht Ivan?) noch einen anderen Messenger, auf den Schulen angewiesen wurden, um Kinder und Eltern zu übertragen. Diejenigen, die trotzdem Kinder haben, sollten sich daran erinnern, denn das war ganz kürzlich. In unserer Schule hat niemand gewechselt: Diejenigen, die versuchten, in den Messenger einzusteigen, scheiterten, und die anderen zogen es vor, nicht aus dem vertrauten (unabhängig von politischen Ansichten) «WhatsApp« auszusteigen. Präsident schlug allerdings vor, ihn »abzuwürgen«. Und genau das passiert. Aber das ist so, als würde man darauf bestehen, den Dollar aus dem Umlauf zu nehmen – er wird weiter im Umlauf sein und vielleicht sogar seinen Platz als zuverlässiges Wertaufbewahrungsmittel in einem Land mit ständigem Importersatz zurückerobern.

Auch die Schuluniform in sowjetischen Zeiten vereinheitlichte alle. Aber im Vergleich zu der heutigen Darstellung einheitlicher Modelle der Schulkleidung, wie sie vom Bildungsministerium bei der Agentur TASS vorgestellt wurden, war sie raffinierter und, ich wage es zu sagen, moderner. Zumindest in den Tagen meiner goldenen Stagnationskindheit gab es auf dem Ärmel der blauen Jungenuniform ein Abzeichen, auf dem man bequem jede Art von Bildern und Buchstaben zeichnen konnte. Und man konnte sie sogar teilweise abwischen und neue Schriftzüge anbringen.

In den gesegneten (wie sich jetzt herausstellt) Nullerjahren, als mein jüngster Sohn die Grundschule besuchte, gab es auch Versuche einer lokalen Vereinheitlichung. Die empfohlene Uniform hatte eine Eigenschaft, die den Kindern sehr gefiel: Wenn man losrannte und dann auf die Knie fiel, konnte man ziemlich weit wie auf Eis über das Schullinoleum gleiten. Wahrscheinlich verfügten die Hosen über alle Eigenschaften, die jetzt vom Bildungsministerium empfohlen werden: Der Stoff war «atmungsaktiv, feuchtigkeitsableitend (wahrscheinlich meinte das Ministerium eher »wasserabweisend«) und hypoallergen«.

Übrigens ist der neue Schulanzug, in den unsere Schickimickis wie Wolodin oder Abgeordneter Lugowoi kaum schlüpfen würden, optisch aus einem ganz anderen Stoff genäht – luftundurchlässig, feuchtigkeitsaufnehmend und durchaus allergieauslösend. Schon allein durch sein Aussehen.

Der zweite Tod von Orwell

Ich denke, kein modernes Mädchen, selbst wenn sie die Tochter eines Staatsmannes ist, würde bei klarem Verstand und fester Erinnerung dieses Ding mit dem schrecklichen Rüschenkragen tragen, das vom Bildungsministerium präsentiert wurde. (Ganz zu schweigen davon, dass eine solche Tochter oft in einem Schweizer Internat oder einer anderen Einrichtung weit entfernt von Kindern mit niedrigem «Einkommen« ist).

Stellen Sie sich dieses Schauspiel vor: Am 1. September stehen auf dem Schulhof (man kann es kaum anders nennen, dort marschieren sie jetzt sogar) Hunderte von kleinen einheitlich gekleideten Valentinas Iwanownas und Valentinas Wladimirownas.

Orwell würde zum zweiten Mal sterben – vor Neid.

Das staatliche Denken hat sich nicht nur in das soziale Gefüge und textile Standards eingeschlichen, nicht nur in den Bereich der Montage und Demontage von Maschinengewehren und familiären Auseinandersetzungen in Form eines erstaunlichen Kurses der Familienkunde, um den Utopisten-Sozialisten zu beneiden wären. Jetzt will der Staat bestimmen, wie Kinder bei geschiedenen Eltern leben sollen. Die Initiative von Abgeordneten der Staatsduma aus drei Fraktionen wurde dem Parlament vorgelegt.

Der Gesetzentwurf offenbart völlig zerstörerische Vorstellungen von Kinderpsychologie, ganz zu schweigen von geschiedenen Eltern. Dabei berufen sich die Abgeordneten natürlich immer auf ausländische Erfahrungen. Das ist, wie Putin kürzlich sagte, «Reverse Engineering«, also einfach ausgedrückt – Technologiediebstahl. Die Initiatoren des Gesetzentwurfs verweisen auf Erfahrungen aus Israel (was ein politischer Fehler ist) sowie China, den VAE, Brasilien, Indien und Südafrika. Das sind freundschaftliche Länder – also kann man sich auf deren Erfahrungen stützen und bedenkenlos die Psyche der Kinder zerstören.

Der Sinn der Gesetzesinitiative besteht in der Einführung eines besonderen Mechanismus der «gemeinsamen Erziehung« von Kindern: Gerichte sollen das Recht erhalten, einen Zeitplan für den abwechselnden Aufenthalt des Kindes beim Vater und der Mutter festzulegen. Abwechselnd! Nach Zeitplan! Man kann sich vorstellen, wie die Psyche eines Kindes – egal ob ganz klein oder Teenager – zerbrechen wird, wenn Mama und Papa es so auseinanderreißen. In welche Schule wird er/sie gehen? Mit wem wird er/sie befreundet sein? Wie reagiert man auf Eskapaden der eigenen Eltern, die einander hassen? Hier ist der Richter sicher nicht schuld, das ist Sache der Eltern, der »Sonntags«-Mütter und —Väter und in manchen Fällen der Kinder selbst, wenn sie bereits oder noch in der schwierigen Jugendphase sind. Übrigens, wenn die Familie kinderreich ist – im tief orthodoxen russischen Establishment gibt es auch solche Scheidungen…

Oben haben sie eine absolute Unempfindlichkeit gegenüber dem, was mit den Menschen passiert, was in der Gesellschaft geschieht.

Wenn sich diese Unempfindlichkeit im geopolitischen und politischen Bereich zeigt, überträgt sie sich zwangsläufig auch auf die Regulierung von Beziehungen im alltäglichen menschlichen Leben. Auch dort, wo diese Regulierung übermäßig oder einfach schädlich ist. Aber die russische Staatsmaschine hat diesen Weg eingeschlagen und wird ihn nicht verlassen.

Für die totalitäre Maschine gibt es ein Hindernis. Der Neustart und die Neuinstallation des Neototalitarismus werden vom Staat in einer modernisierten und vielfältigen Gesellschaft unternommen. Und nicht alle ihre Vertreter, selbst wenn man sie zwingen würde, die Unterstützung für alles zu simulieren, was die Obrigkeit zur Bequemlichkeit der eigenen Bevölkerung erfindet, werden all diese künstlichen Vorschriften befolgen. Selbst Petr und Fevronia werden den unfreundlichen Valentinen keine Valentinskarten verdrängen, und Matrjoschkas werden den Markt von Labuba nicht leeren. So ist der Postmodernismus gestrickt, und er dringt weiterhin in die Grenzen Russlands ein, das keine Grenzen kennt.

Wir leben in einer Dystopie, aber das Privatleben bleibt teilweise noch außerhalb totalitärer Zwänge. Daher ist der Totalitarismus hybrid – mit Elementen des Autoritarismus – und die Dystopie bleibt vorerst nur einer der parallelen Existenzstränge der Gesellschaft.

Aber die Frage aus der berühmten Reprise von Arkadi Rajkin aus der Zeit der blauen Jungenuniform lautet weiterhin: «Wer hat den Anzug genäht?« – und bleibt unbeantwortet. Vielleicht sollte man beim Bildungsministerium anfragen?

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