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«Ohne Erfahrung in der DDR hätten wir einen anderen Putin und ein anderes Russland»: Zum 35. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung

Wie die Tragödie eines «Stasi»-Generals für immer das Leben eines jungen KGB-Majors veränderte

Überreichung des Ehrenzeichens der Gesellschaft für sowjetisch-deutsche Freundschaft an den KGB-Verbindungsoffizier Wladimir Putin. Dresden, 21. November 1987. In der Mitte im Hintergrund – der General des Staatssicherheitsdienstes der DDR Horst Böhm, einer der wenigen, die bei der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland ums Leben kamen. Foto: shieldandsword.mozohin.ru

Heute jährt sich der Tag der Vereinigung der DDR und der BRD zum 35. Mal. Noch vor Kurzem wurden die deutschen Ereignisse der Jahre 1989–1990 – der Fall der Berliner Mauer, die Friedliche Revolution im Osten und die Wiedervereinigung des Landes – sowohl in Deutschland als auch international ausschließlich positiv bewertet. Man glaubte, dass die Deutschen eine der vertracktesten Probleme des Kalten Krieges – die Spaltung einer der Schlüsselmächte der Alten Welt in zwei antagonistische Staaten – blutlos, gesetzeskonform und ohne Verlängerungen gelöst hätten.

Heute, nach all den Jahren, ist der Optimismus sowohl in Deutschland als auch darüber hinaus etwas gedämpft. Die DDR existiert schon fast genauso lange nicht mehr, wie sie bestand (41 Jahre). Bereits die zweite Generation von Deutschen wächst heran, die keine blauen Pionierhalstücher trug, keine «Club-Cola» trank und nicht auf den Trabant wartete. Dennoch unterscheiden sich die Menschen in Ostdeutschland weiterhin deutlich von ihren westlichen Mitbürgern: «Ostalgie» hat sich vom ironischen Begriff zu einem ernstzunehmenden wissenschaftlichen Terminus entwickelt.

Und vor allem haben längst nicht alle Zeitzeugen des Zusammenbruchs der DDR erkannt, wie zerbrechlich, ineffizient und kurzlebig Autokratien sind. Den späteren Ereignissen zufolge kamen einige zu dem Schluss, dass eine echte Diktatur sich in Krisenzeiten eben anders verhalten muss. Dies betrifft vor allem den heutigen russischen Präsidenten – damals Mitarbeiter des Hauses der sowjetisch-deutschen Freundschaft in Dresden. Für ihn wurde der Zusammenbruch des deutschen Sozialismus ohne Übertreibung zur persönlichen Tragödie.

«Siemens», Gift und Neonazis

Über die Tätigkeit Wladimir Putins als KGB-Offizier in Ostdeutschland wird bis heute von seinen zahlreichen Biografen gestritten. Einige spotten: Wurden wirklich erstklassige Geheimdienstler je in ein befreundetes Land geschickt, und dann noch als Klubleiter? «In der kapitalistischen oder sogar der Dritten-Welt-Ländern zu dienen galt als weitaus prestigeträchtiger und vielversprechender als in einem sozialistischen Land zu versauern», schrieb zu Recht Michail Sygar in «Die ganze Kreml-Riege» über dieses Thema.

Ihre Gegner entgegnen, dass Spionage eben Spionage ist und offizielle Positionen immer nur als Fassade dienten. Und das geteilte Deutschland war während des Kalten Krieges ein wichtiges Schlachtfeld für Geheimdienste. Hier wurden neueste Waffenentwicklungen abgefangen, komplexe Operationen mit Terroristen und Diktatoren aus aller Welt durchgeführt und wertvollste Informanten angeworben. Und der junge Putin war fünf Jahre lang im Epizentrum dieser Ereignisse.

Man darf nicht vergessen, dass Anfang der 2000er Jahre in der westlichen Presse viel über die KGB-Operation «Luch» spekuliert wurde. Angeblich hätten die Tschekisten – fast schon den baldigen Zusammenbruch der DDR voraussehend – ein Agentennetzwerk unter Politikern beider deutscher Staaten aufgebaut, an dem Putin persönlich beteiligt gewesen sei. Es wurde behauptet, dass einige von ihm angeworbene Personen auch nach dem Mauerfall im vereinigten Deutschland wichtige Posten besetzt hätten.

Antreten des Wachregiments des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR («Stasi») namens Felix Dzierzynski. Halbprofil im Vordergrund: Erich Mielke, langjähriger Leiter der Behörde von 1957 bis 1989. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1987-0910-052 / Oberst, Klaus / CC-BY-SA 3.0

Die Wahrheit liegt hier vermutlich in der Mitte. «Luch», laut Einschätzungen informierter Personen, war keine bahnbrechende Operation. Die sowjetischen Geheimdienste tasteten in der DDR vorsichtig die lokale Führung ab, und daran war nichts Sensationelles. Ja, äußerlich spielten der ostdeutsche Führer Erich Honecker und sein Team treue Epigonen Moskaus. Die herrschende Sozialistische Einheitspartei wiederholte ständig «Vom Lernen bei der UdSSR lernt man siegen« (oder verfallen, wie spitzfindige Zeitgenossen scherzhaft anspielten, indem sie die Ähnlichkeit von siegen und siechen ausnutzten). Doch die Liebe in diesem Paar war gegenseitig nicht aufrichtig.

Mitte der 1980er Jahre wurde die Beziehung zwischen den Staaten kühler. Ost-Berlin glaubte, dass Moskau wirtschaftlich immer weniger unterstütze, Moskau hingegen, dass sein Partner sich in Außenangelegenheiten mehr Freiheiten nehme (zum Beispiel eigenständig mit der BRD verhandle). Außerdem bahnten sich in der Führung der DDR personelle Veränderungen an: Honecker und seine Gefolgsleute waren bereits über 70. Die Sowjets sorgten sich darum, dass die Macht an bewährte und loyale Genossen überging.

Erich Honecker (dritter von rechts) während eines Besuchs im saarländischen Heimatland, das nach der Teilung Deutschlands eines der Bundesländer der BRD wurde. 10. September 1987. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1987-0910-052 / Oberst, Klaus / CC-BY-SA 3.0

Der amerikanische Historiker des Kalten Krieges Douglas Savage behauptete, der KGB habe in Ostdeutschland bereits seit 1974 mit «Luch» agiert. Die Komiteemitglieder knüpften Kontakte unter lokalen Intellektuellen und mittleren Parteifunktionären, um die gesellschaftlichen Stimmungen und die politische Lage in der DDR besser zu verstehen. Putin, so Savage, arbeitete in einem anderen Bereich:

Putin […] beschäftigte sich damit, ein Netzwerk angeworbener Bürger sowohl aus Ost- als auch Westdeutschland aufzubauen, mit der Möglichkeit, diese später in die westlichen Geheimdienste einzuschleusen. [Ich vermute], dass ihn vor allem Studenten und Ingenieure interessierten, besonders jene, die für westliche Industrieunternehmen wie Siemens arbeiteten.

Wenn Savages Vermutung stimmt, bedeutet das nicht, dass der junge KGB-Offizier in Dresden nicht auch andere Aufgaben hatte. So sorgten im Jahr 2015 die Enthüllungen des ehemaligen Stasi-Kadetten Klaus Zuchold für Aufsehen. Er behauptete gegenüber deutschen Journalisten, in seiner Jugend mit Putin zusammengearbeitet und diesem insbesondere bei der Anwerbung des Anführers der ultrarechten Bande Rainer Sonntag geholfen zu haben. 1988 wurde der Neonazi in die BRD gebracht, mit der Absicht, dort Unruhe zu stiften – wenn nicht politisch, dann wenigstens in der kriminellen Szene. Allerdings machte Sonntag keine historischen Schlagzeilen; 1991 starb er bei einer Auseinandersetzung mit einer konkurrierenden Zuhälterbande.

Zuchold berichtete Jahre später der Presse auch andere interessante Details. Zum Beispiel über das Interesse seines sowjetischen Freundes an tödlichen Giften – angeblich näherte er sich einem Spezialisten, der solche Entwicklungen leitete. Natürlich ist unklar, wie viel Erfindung in Zucholds Geschichten steckt – eine vollständige Verifizierung ist unmöglich. Ganz sicher aber hatten die Angelegenheiten mit Putin damals deutlich ernsthaftere Stasi-Leute in der Hand.

Der Herr über das deutsche Petersburg

Schon im Winter 2001 veröffentlichte die Agentur Reuters eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse über die Arbeit des zukünftigen russischen Präsidenten in Ostdeutschland (wie Putin selbst zugab, verbrannten die Tschekisten in den Tagen des Zusammenbruchs der DDR ihre Dokumente in solchen Mengen, dass sogar der Ofen platzte). Es handelte sich um ein scheinbar triviales Dokument – Wladimir Wladimirowitsch bat darin die «Stasi», einem seiner KGB-Informanten in Dresden ein Telefon einzurichten. In der nächsten Notiz wurde vermerkt, dass der Informant sein Gerät erhalten hatte, und zwar außer der Reihe. An sich nichts Besonderes, ein routinemäßiger Vorgang.

Interessant ist hier jedoch der Adressat – Generalmajor Horst Böhm, Leiter des MfS der DDR in Dresden. Und der junge sowjetische Offizier wandte sich mehrfach direkt an den ranghöheren deutschen Kollegen. Im September 1989 bat Putin – damals noch KGB-Major – schriftlich General Böhm «um aktive Unterstützung» bei einer bestimmten Operation. Allein die Tatsache eines solchen Schreibens widerlegt die Theorie vom «einfachen Klubleiter Putin»: Eine Randfigur hätte so einen Text nicht an einen so hochrangigen Vorgesetzten geschickt. Zudem stellte sich 2018 heraus, dass der Offizier während seines Einsatzes über einen Dienstausweis der «Stasi» verfügte. In der DDR war dies eine seltene Privileg für sowjetische Gäste, und kaum vorstellbar, dass der Leningrader diese ohne persönliches Einverständnis des ebenjenen Böhm erhalten hätte.

Horst Böhm an seinem Arbeitsplatz, 1980er Jahre. Foto: www.saechsische.de

Dieser Offizier – «Soldat der Partei in typischer Generalpose mit eisgrauen Haaren» – war eine herausragende Figur im ostdeutschen MfS. Vor allem leitete Böhm die Staatssicherheit in Dresden, einer der drei Schlüsselstädte des Landes – die «Florenz an der Elbe», die als kulturelle Hauptstadt Ostdeutschlands galt. Symbolträchtig war, dass Dresden mit Leningrad durch Städtepartnerschaften verbunden war. Es war keineswegs eine Provinzstadt, in die man einen beliebigen Dienstmann hätte versetzen können.

Im schicksalhaften Herbst 1989 war Böhm gerade einmal 52 Jahre alt – ein sehr junges Alter für einen Leiter in so wichtiger Position. Zudem trug er den Generalsrang bereits seit sieben Jahren: Nach Maßstäben der «Stasi» war es eine außergewöhnliche Leistung, mit 45 Generalmajor zu sein. Und Böhm verbarg nicht, dass er zu noch mehr bereit war – denn der amtierende MfS-Chef Erich Mielke war über 80, stand seit mehr als 30 Jahren an der Spitze der Behörde, also fast deren gesamte Geschichte.

Zwei «Stasi»-Untergebene im Duell auf dem Fußballfeld, Berliner Andreas Thom (links) gegen Dresdner Andreas Trautmann, 1988. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1988-0406-032 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA 3.0

Der Dresdner Chef betonte unaufdringlich, dass er bereit sei, den Alten in Berlin zu ersetzen. Böhms Büro war eine verkleinerte Kopie des Arbeitsplatzes Mielkes, und die ihm unterstellte Fußballmannschaft – «Dynamo Dresden» – betreute der ehrgeizige Böhm ebenso leidenschaftlich, wie Mielke sich um die Berliner Dynamos kümmerte. Symbolträchtig war, dass 1989 gerade die Sachsen die zehnjährige Dominanz der Hauptstadtmannschaft in der ostdeutschen Oberliga durchbrachen und endlich Meister wurden. Doch ihr größter Fan stieg in seiner «Liga» nie auf Platz Nr. 1.

Die Staatssicherheit übersah die Gefahr

In der DDR-Historiographie gibt es ein unterschwelliges Paradoxon. Die Staatssicherheit der verschwundenen Republik gilt als eine der perfektesten der Weltgeschichte: Man sagt, die «Stasi» habe jeden Ostdeutschen auf dem Schirm gehabt. Dabei hat sie ihre Hauptprüfung – die Friedliche Revolution im Herbst 1989 – kläglich nicht bestanden.

Erinnern wir uns: Die unumkehrbaren Veränderungen im Land wurden durch eine Reihe von Intrigen und Fehlern in der Führungselite ausgelöst. Anfang Oktober 1989 überzeugte der betagte Honecker den zu Besuch anlässlich des 40. Jahrestags der DDR gekommenen Michail Gorbatschow nicht, dass er die Lage unter Kontrolle habe. Der Moskauer Gast segnete schweigend die Veränderungen in Berlin ab, und am 18. Oktober wurde Honecker auf dem Plenum der SED von seinen Genossen aller Ämter enthoben. Alles verlief nach den besten Traditionen des sozialistischen Lagers: Der kranke Alte wurde sowohl von alten Kameraden als auch von seinen eigenen jungen Nachfolgern gemeinsam gescholten. Am Ende wurde das Opfer gezwungen, feierlich für seinen eigenen Sturz abzustimmen.

Establishment sozialistischer Staaten auf der Tribüne der Ehrengäste zum 40. Jahrestag der DDR. Berlin, 7. Oktober 1989. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-402 / Franke, Klaus / CC-BY-SA

Die Führung der DDR hoffte, durch ein solches Blutopfer ihre Macht zu erhalten. Doch alles lief anders. Am 9. November machte der Sekretär des ZK der SED für Informationsfragen Günter Schabowski bei einer Pressekonferenz vor westlichen Journalisten einen groben Fehler. Der Bürokrat antwortete unter dutzenden Kameras und Mikrofonen unbeholfen auf eine Frage aus dem Publikum zu den Reformen bezüglich der Ausreise aus dem Land. Aus seiner unbeholfenen Antwort ging hervor, dass es keine Ausreisevisa mehr gebe und die DDR-Bürger frei reisen könnten, wohin sie wollten (tatsächlich sah die Reform nur eine vereinfachte Erteilung solcher Genehmigungen vor).

Für das ostdeutsche Regime war kaum ein desakralisierenderer Akt vorstellbar. Ohne strenge Kontrolle der Ausreise hatte das Regime kaum noch einen Existenzzweck. Nach dem massenhaften Spaziergang nach West-Berlin und dem spontanen Beginn des Mauerabbaus kam es im ganzen Land zu einer Reihe von Protestkundgebungen. Die Politiker hatten nicht den Willen, diese hart zu unterdrücken, und die Sicherheitskräfte wollten offensichtlich nicht die Verantwortung für Blutvergießen übernehmen. Alle wussten, dass das reformierte Moskau kein Remake der Ereignisse vom 17. Juni 1953 billigen würde.

Auch die Proteste in Dresden, das als durch und durch «stasiifiziert» galt, blieben nicht aus. Am 5. Dezember 1989 umringten Tausende Dresdner die örtliche «Stasi»-Zentrale in der Bautzner Straße. Die Demonstranten forderten wie in anderen ostdeutschen Städten vom MfS die Öffnung seiner Archive, die sich in 40 Jahren emsiger Arbeit bis zur Größe der Bibliothek des amerikanischen Kongresses aufgebläht hatten. Schließlich stürmte die Menge das Gebäude, in das früher nur Verrückte freiwillig gingen (abgesehen natürlich von den Mitarbeitern der Staatssicherheit).

Eine der ersten großen regierungskritischen Demonstrationen in der DDR. Leipzig, 23. Oktober 1989. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0

Einer der Anführer der Proteste, der spätere Oberbürgermeister von Dresden Herbert Wagner, erinnerte sich später an seine Überraschung an jenem historischen Abend. Im Büro Böhm traf er statt des finsteren Offiziers auf einen schüchternen Mann, der nicht verstand, was um ihn herum geschah. Auf erste Forderung der ungebetenen Gäste übergab der grauhaarige General gehorsam seine Dienstpistole und stimmte einer Hausarrest-Anordnung zu. Dennoch hatte Böhm noch Waffen. Und mit einer davon beging er im selben Winter – am 21. Februar 1990 – Selbstmord.

Es ist schwer zu sagen, was den Offizier dazu trieb: Die DDR existierte ja noch, und er hatte Chancen, sich herauszuwinden. Vielleicht erwartete der Selbstmörder nichts Gutes vom damaligen Ministerpräsidenten der Republik, dem Reformer Hans Modrow. Auch dieser stammte aus Dresden, und Böhm hatte, indem er die Befehle aus Berlin ausführte (wo Modrow als Liebling der sowjetischen Genossen galt), seinem Landsmann viel Ärger bereitet. Möglicherweise bezahlte der General dafür, dass er zu viel wusste – auch über geheime Operationen der sowjetischen Geheimdienste. Oder er wollte bewusst nicht in einem neuen Deutschland leben, in dem verachtenswerte Protestler die «Stasi» wie ihr Zuhause betraten und treue Wächter des Sozialismus dreist demütigten.

Der Major, der die Menge stoppte

Am schicksalhaften Dresdner Abend des 5. Dezember 1989 versammelten sich die Protestierenden nicht nur vor dem Gebäude des MfS. Sie versuchten auch, in das benachbarte Haus in der Angelikastraße einzudringen – in der ganzen Stadt wusste man, dass dies die «KGB-Villa» war. Der Legende nach hielt ein russischer Offizier mit gutem Deutsch die Gegner mit sowjetischen Panzern in Schach. Ein Raunen ging durch die Menge, die Menschen zerstreuten sich.

Natürlich konnte der namenlose Major in den Erinnerungen der Zeitzeugen mit den Jahren nicht anders, als Züge Wladimir Putins anzunehmen. Zumal der mittlerweile russische Präsident selbst andeutete, dass er der mutige Russe in der Angelikastraße gewesen sei. Die Legende ist natürlich zu schön, um nicht geglaubt zu werden: Bewunderer des Politikers sehen darin den letzten Soldaten eines untergehenden Imperiums, seine Gegner den Besatzer, der sich dem Willen eines fremden Volkes widersetzte. Es ist jedoch keineswegs sicher, ob es wirklich Putin war, der die Dresdner von der «KGB-Villa» abhielt. So erinnerte sich etwa ein Zeitzeuge, der ehemalige Pfarrer Frank Richter, später daran, dass es bereits spät am Abend war und selbst vertraute Gesichter im Dunkeln schwer zu erkennen waren.

«Stasi»-Ausweis auf den Namen Wladimir Putin. Foto: rferl.org / bstu.de

Aber zweifellos blieb Putin im herben Herbst 1989 in Dresden und sah persönlich den Anfang vom Ende der DDR. Ein Land, das sowohl dem Offizier selbst als auch seiner Familie sehr ans Herz gewachsen war. «Saubere Straßen, gewaschene Fenster – die putzen sie einmal pro Woche», schrieb später Ludmila Putina. Ein Land, in dem Wladimir Wladimirowitsch, der noch keine 40 Jahre alt war, sich zum ersten Mal als wichtige Persönlichkeit und als einigermaßen verantwortlicher Vorgesetzter fühlte. Ein Land, dem ein General Böhm diente, der ihm offensichtlich sympathisch war. Ein perfektes Rollenmodell für den jungen KGB-Mann – straff, entschlossen, maskulin, ganz anders als die gebrechlichen DDR-Gerontokraten oder die Perestroika-Verräter aus dem Gorbatschow-Politbüro. Und dieser echte Mann in Uniform wurde von feigen Politikern bis zum Schuss in die Schläfe getrieben.

In 25 Jahren an der Macht erinnerte sich Wladimir Putin oft an seine Erfahrungen in Ostdeutschland, aber nie an Horst Böhm und dessen tragisches Schicksal. Doch irgendetwas sagt mir: Das Bild des von allen verlassenen «Stasi»-Generals blieb für immer im Unterbewusstsein des Politikers. Deshalb diese Angst vor der bloßen Bedrohung durch Massenproteste. Deshalb diese Ablehnung jeglicher Reformen im liberalen Geist. Deshalb dieses Misstrauen gegenüber europäischen Gesellschaften – wie sehr man auch mit ihnen zusammenarbeitet, im schwierigen Moment wenden sie sich doch ab. Und du sitzt dann daheim bei einem Ofen, der geplatzt ist.

Ich denke, das ist der Schlüssel zum Verständnis Putins. Ohne die Erfahrung in Ostdeutschland hätten wir einen anderen Putin und [es gäbe] ein anderes Russland. Wenn die Menschen 2004 auf die Straßen Kiews gingen, 2011 Moskaus, erneut 2013 und 2014 Kiews, denke ich, dass er an seinen Dienst in Dresden zurückdachte. Und alle seine alten Ängste kamen zurück.

– Boris Reitschuster, deutscher Publizist

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