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«Alle Inhaber russischer Pässe landen auf der schwarzen Liste. Weiße Listen gibt es einfach nicht mehr»

Eine der wichtigsten Wirtschaftsnachrichten dieser Woche für russische Bürger ist die Entscheidung der Europäischen Kommission, Russland in die Liste der Hochrisikojurisdiktionen aufzunehmen. Offiziell soll sie Anfang Januar 2026 in Kraft treten. Wir sprechen mit dem Anti-Korruptions-Experten und Gründer der NGO «Arktida», Ilja Schumanow, darüber, auf welche Probleme man sich nach den Neujahrsferien einstellen muss – und welchen Plan er selbst hat.
- Am Mittwoch hat die Europäische Kommission die Entscheidung veröffentlicht, Russland auf die Liste der Hochrisikojurisdiktionen zu setzen; offiziell soll sie in einem Monat in Kraft treten. Gibt es eine Chance, dass sie doch nicht in Kraft tritt? Muss in diesem Fall jedes EU-Land zustimmen – oder kann zum Beispiel Ungarn, dessen Premierminister dem russischen politischen Regime nahesteht, protestieren und die Entscheidung blockieren, wie es schon öfter passiert ist?
- Die Entscheidung, ein Land auf diese schwarze Liste zu setzen, trifft die Europäische Kommission auf Basis verschiedener Faktoren: Sie bewertet sowohl die technische Umsetzung der Anti-Geldwäsche-Empfehlungen durch das Land als auch den politischen Kontext. Das sind die beiden Faktoren, die Russland auf diese Liste gebracht haben.
Standardmäßig sollte diese Entscheidung einen Monat nach der Veröffentlichung in Kraft treten, sie kann aber verschoben werden, wenn zusätzliche Konsultationen oder Analysen erforderlich sind. Wenn im Rat der EU-Minister oder im Europaparlament kein Konsens über diese Entscheidung besteht, kommt sie nicht durch. Aber soweit ich weiß, gibt es bereits eine abgestimmte Position aller Seiten. Nach meinen Informationen war die Entscheidung, Russland auf die schwarze Liste der EU zu setzen, Ende 2023 – Anfang 2024 fertig. Und Ende 2024 lag auch die vollständige Begründung vor.
Warum hat man bis Ende 2025 gewartet? Ich denke, die Hauptstrategie der Europäischen Union war das Abwarten.
- Aber das war kein bloßes passives Abwarten. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des finnischen CREA-Instituts haben die EU-Länder allein im Jahr 2024 21,9 Milliarden Euro für Öl und Gas aus Russland ausgegeben. Im gleichen Zeitraum hat die EU der von Russland angegriffenen Ukraine Finanzhilfen in Höhe von 18,7 Milliarden Euro zukommen lassen. Seit Februar 2022, laut derselben CREA-Berechnung, hat die EU russische Energieträger im Wert von 205 Milliarden Euro gekauft, während die gesamte europäische Hilfe für die Ukraine in über drei Jahren Krieg 133,4 Milliarden Euro betrug.
Glaubst du, dass die Aufnahme Russlands in die schwarze Liste der EU bedeutet, dass dieses erstaunliche Phänomen ab dem nächsten Jahr aufhört? Und dass die EU-Länder all das Geld, das für russische Energieträger gedacht war, anderswohin lenken werden? Vielleicht sogar als Hilfe für die Ukraine.
- Schwierige Frage…
- Mal ehrlich, die Europäische Kommission wartet drei Jahre auf irgendetwas, und in dieser Zeit kaufen die EU-Länder weiterhin große Mengen Öl und Gas aus Russland, trotz aller Sanktionen. Das von den Europäern gezahlte Geld nutzt Russland für den Krieg in der Ukraine. Nach Inkrafttreten der Entscheidung kann jede europäische Bank jede Transaktion mit einem russischen Geschäftspartner blockieren. Wird dies der EU endlich den Kauf von Öl und Gas aus Russland erschweren?
- Erstens: Natürlich werden Einschränkungen in allen Branchen ohne Ausnahme auftreten. Zweitens: Die Aufnahme Russlands in die Liste der Länder mit hohem Risiko für Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung geht einher mit Entscheidungen, beispielsweise zur Einschränkung der Gaslieferungen aus Russland in die EU bis 2027. Die EU setzt endgültig einen Punkt – ab November 2027 wird kein russisches Gas mehr nach Europa gelangen.
- Und dieser Zeitpunkt ist in etwa zwei Jahren. Es bleibt also Zeit, Megakubikmeter russischen Gases zu kaufen und einzulagern.
- Stimmt, du hast recht, aber darüber hinaus ist jedes EU-Land verpflichtet, einen Plan zur schrittweisen Reduzierung des Verbrauchs von russischem Gas vorzulegen. Das ist eine Verpflichtung, die jedes EU-Land hat. Ich würde nicht sagen, dass da alles so heuchlerisch ist. Natürlich sagen einzelne Länder: «Nein, es ist für uns günstiger, russisches Gas und Öl zu kaufen, und wir werden das weiterhin tun», aber dann müssen sie auf EU-Subventionen verzichten. Und die sind fünf-, sieben- oder zehnmal so lukrativ wie russisches Gas.
Je komplexer das System, desto schwieriger ist es, darin Einigungen zu erzielen, auch auf EU-Ebene. Natürlich wird es Sonderbedingungen und Ausnahmen geben, die russische Unternehmen nutzen können. Es ist unmöglich, Verträge [über LNG-Lieferungen in die EU] mit «Novatek» zu kündigen, weil dafür Futures ausgegeben wurden, Lagerkapazitäten reserviert sind usw. Also wird nicht alles auf einmal zusammenbrechen. Aber langfristig und mittelfristig wird das für große russische Lieferanten natürlich erhebliche Auswirkungen haben. Es geht nicht nur um Öl und Gas – es gibt auch Metalle, Düngemittel und vieles mehr.
- In Russland sind weiterhin europäische Unternehmen tätig, die nicht gehen konnten oder wollten – zum Beispiel Raiffeisenbank. Was passiert jetzt mit ihnen?
- Wem ich jetzt wirklich nicht beneide, ist die Raiffeisenbank und ihr Management, besonders im russischen Büro. Warum? Weil sie zwischen zwei Fronten geraten ist. Einerseits gelingt es nicht, die russische Tochter zu verkaufen. Andererseits floss über die Raiffeisenbank ein großer Geldstrom, der legal aus Russland in die EU gebracht wurde.
Jetzt steht die Raiffeisenbank vor einer paradox schwierigen Situation, weil die Strategie des Abwartens sie in eine noch schlechtere Lage gebracht hat als am Anfang. Nach Inkrafttreten der Entscheidung der EU-Kommission müssen alle Transaktionen russischer Bürger einer sogenannten enhanced due diligence unterzogen werden – das ist eine verstärkte Überprüfung der Geschäftspartner: deren Transaktionen, Zahlungen, Herkunft der Gelder usw. Um diese Prüfungen durchzuführen, müsste die Raiffeisenbank genauso viele Mitarbeiter einstellen, wie sie jetzt schon hat. Es ist einfacher, die Tätigkeit in Russland einzustellen oder zu reduzieren, das Büro für einen symbolischen Betrag an ein russisches Unternehmen oder eine Bank zu übergeben. Tatsächlich führt die Raiffeisenbank bereits jetzt keine Transaktionen von russischen Privatpersonen aus Russland in die EU mehr durch.
Europäische Unternehmen, die in Russland tätig sind, haben bereits erfahren, dass es praktisch unmöglich ist, Geld aus Russland herauszuholen. Alle Einnahmen von Unternehmen aus sogenannten «unfreundlichen» Ländern werden auf speziellen Konten dieser Unternehmen angesammelt. Das weitere Abziehen dieser Mittel ist sehr kompliziert.
Es gibt noch eine Gruppe von Unternehmen, die es gewagt haben, die russische Jurisdiktion zu verlassen und jetzt von der Regierungsunterkommission für die Kontrolle ausländischer Investitionen unter der Leitung von [Ministerpräsident] Michail Mischustin geprüft werden. Diese Unternehmen befinden sich derzeit in einer Art Schwebezustand – sie warten darauf, dass die russischen Behörden dem Verkauf ihrer Vermögenswerte an russische oder ausländische Partner zustimmen.
Ich denke, dass die russischen Behörden auf den Schritt der Europäischen Kommission asymmetrisch reagieren werden. Was könnten sie tun?
Ich denke, der Kreml handelt traditionell so: Die Unternehmen, die als «Geiseln» in Russland arbeiten, müssen irgendwie leiden.
Entweder durch die Nationalisierung ihrer Vermögenswerte oder durch Erschwerung der Tätigkeit, zum Beispiel durch zusätzliche Beschränkungen für Bürger von EU-Ländern. Also irgendein demonstrativer Schritt gegenüber der EU.
- Die politische Linie, über die wir sprechen, verfolgen die europäischen Behörden seit 2011, seit den ersten persönlichen Sanktionen gegen die Beteiligten im Magnitski-Fall. Das heißt, wir leben schon fast 15 Jahre in diesem Modus. Verschlechtert das, was jetzt passiert ist, die Lage für russische Bürger in Europa wirklich grundlegend?
- Die westlichen Sanktionen gegen Russland waren ursprünglich sehr gezielt. Sie betrafen bestimmte Unternehmen und Einzelpersonen. Das war eine Art Pranger: Alle, die nicht auf den Sanktionslisten standen, konnten in die EU und die USA reisen und dort Geschäfte machen, diese Personen aber nicht. Dann kamen sektorale Sanktionen, die bestimmte Branchen, Regionen, Tätigkeiten einschränkten. Die Sanktionsschlinge zog sich nach und nach zu. 2022 hat sich das Tempo dieser Zuspitzung erhöht. Seitdem hat die EU 19 Sanktionspakete verhängt, und es ist schwer, alle zu zählen, die betroffen sind. Die Listen sind so groß geworden, dass man sie sich kaum merken kann.
Und der wesentliche Unterschied zwischen der Aufnahme eines Landes in die schwarze Liste und den Sanktionspaketen ist, dass es einfach keine weißen Listen mehr gibt. Alle Inhaber russischer Pässe landen auf der schwarzen Liste. Das heißt, sie werden in ihren Rechten eingeschränkt. Mit deinem russischen roten Pass wirst du als risikoreicher angesehen, was Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung betrifft.
Wie sieht das in der Praxis aus: Es läuft eine Transaktion, ein Bankmanager öffnet die Transaktion und schaut, für wen sie bestimmt ist. Wenn es ein Bürger Nordkoreas ist, erscheint neben seinem Namen eine rote Markierung, weil er aus einer Hochrisikojurisdiktion kommt. Dasselbe gilt für Bürger des Iran oder Afghanistans. Und ab nächstem Jahr – auch für jeden Bürger der Russischen Föderation.
Die Reputationsschäden durch die Aufnahme Russlands auf eine solche schwarze Liste werden sich natürlich weit über die EU hinaus auswirken und Länder betreffen, die sowohl mit der EU als auch mit Russland Geschäfte machen. Und diese Länder werden wählen müssen: Verlieren sie ihre Euro-Korrespondenzkonten für ihre Banken – oder setzen sie die Zusammenarbeit mit Russland fort.
Die Wahl ist in so einer Situation offensichtlich: Um weiterhin Geschäfte in Euro machen zu können, werden sie natürlich die Beziehungen zur EU aufrechterhalten wollen. Das bedeutet, sie müssen die Rechte russischer Bürger beschneiden und die in der EU eingeführten Beschränkungen einhalten.
- Auf der schwarzen Liste der EU stehen derzeit 27 Jurisdiktionen, darunter international anerkannte Paria-Staaten wie Afghanistan und Nordkorea, Iran, Südsudan, Myanmar, Syrien, Venezuela. Andererseits kamen im Juni, als die Liste zuletzt aktualisiert wurde, Länder wie Libanon, Laos, Vietnam, Nigeria – eines der weltweit führenden Ölförderländer, das sicher auch nach Europa verkauft – und sogar Monaco hinzu. Werden Bürger all dieser Länder von europäischen Banken so behandelt, wie du es beschrieben hast? Oder sind manche Tiere gleicher als andere? Blinkt beim Namen eines Bürgers von Monaco, wenn er ein Konto bei einer französischen Bank eröffnet, auch ein rotes Fähnchen oder Punkt auf?
- Ja, mehr noch, ich kenne Geschichten von Leuten mit Monaco-Pässen, denen nach der Aktualisierung der Hochrisikojurisdiktionsliste das Konto bei Revolut gekündigt wurde. Und dass Monaco auf dieser EU-Liste steht, verstehe ich: Dort gibt es wirklich ein sehr schwaches System zur Bekämpfung von Geldwäsche.
Was wissen wir über Nigeria? Ja, das ist eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Afrikas. Aber es gibt viele nigerianische Korruptionäre, die weltweit Immobilien kaufen. Das Korruptionsniveau ist dort im Vergleich zu anderen Ländern recht hoch. Jedes Land ist natürlich unterschiedlich…
- …korrupt?
- Nicht korrupt, aber in jedem Land gibt es unterschiedliche Korruptionsrisiken. Tatsächlich ist einer der wichtigsten Bausteine im System zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung die Kontrolle über politisch exponierte Personen. Hochrangige Beamte, die illegal bereichern können, weil sie Zugang zum Staatssystem haben, sind automatisch Hochrisikopersonen – egal in welchem Land sie arbeiten. Und wenn das Land auch noch auf der Hochrisikoliste steht, ist das für einen Bank-Compliance-Officer ein echtes «Kombo». Jetzt ist die Familie eines russischen Beamten ein riesiges rotes Warnsignal.
- Solche politisch toxischen Personen und ihre Vertrauten verschaffen sich aber oft einfach Pässe anderer Länder – Kroatien, Bulgarien, welche auch immer – und legen diese bei der Kontoeröffnung in europäischen Banken vor. Was ändert sich für sie durch die schwarze Liste der EU?
- Ja, es gibt so ein Verfahren zur Erlangung der Staatsbürgerschaft – oft sind das Einzelentscheidungen der jeweiligen Regierung. Es gibt zum Beispiel Geschichten über hochrangige Russen, die serbische Pässe bekommen haben, oder die «goldenen» Pässe von Malta oder Zypern.
- Oder man erinnert sich, wie Pawel Durow die französische Staatsbürgerschaft erhielt.
- Ja. Aber es ist nicht sinnvoll, hier speziell Frankreich Vorwürfe zu machen. Ein Pass kann immer aus besonderen Gründen verliehen werden. Zum Beispiel erhielt Vitalik Buterin, der Erfinder von Ethereum, die Staatsbürgerschaft von Montenegro. Länder buhlen um große Unternehmer, Tech-Magnaten – das geht nicht nur um Reputation, sondern auch um Steuern, und das ist normal.
Aber jetzt brechen alle möglichen Wege für russische Investorenpässe oder —visa de facto weg – zumindest im Gebiet der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraums, der etwas größer ist als die EU. Und jetzt werden viele Finanzinstitute allein deshalb, weil das Geld aus Russland stammt, diese Gelder nicht mehr als legal ansehen.
- Im Juni, als zehn Länder, darunter Monaco, auf die schwarze Liste der EU kamen, wurden gleichzeitig mehrere Länder gestrichen. Zu den gestrichenen Ländern gehörten vor allem die VAE, wohin wegen der westlichen Sanktionen viele russische Vermögen verlagert wurden. Oder zum Beispiel Barbados mit vereinfachter Einreise für Russen, das Pässe für Investitionen ab 230.000 Dollar verkaufte. Ich will sagen: Wenn ein Land auf dieser Liste steht, ist das nicht für immer.
- Richtig, aber ich erinnere daran, wie die Vereinigten Arabischen Emirate von dieser Liste gestrichen wurden. Probleme mit Geldwäsche gibt es dort immer noch. Aber die Emirate haben eine Reihe von Reformen zur Bekämpfung von Korruption und Geldwäsche in verschiedenen Bereichen eingeleitet – zum Beispiel im Immobilienmarkt, bei Krypto-Services usw. Ich kann nicht sagen, dass sie große Fortschritte gemacht haben, aber zumindest gibt es einen Plan, der von der FATF akzeptiert wurde, und meines Wissens wurde der Ausschluss der VAE von der Liste auf internationaler Ebene diskutiert, während gleichzeitig über die Aufnahme Russlands gesprochen wurde. Für einige arabische Länder war es wichtig, die VAE als Partner zu behalten, nicht Russland.
Für die EU sind die Emirate ein wichtiger Wirtschaftspartner, niemand bricht die Beziehungen ab, das Problem war eher, dass die VAE zu einem Hub für die Geldwäsche russischer Gelder und zur Umgehung von Sanktionen wurden. Das gefiel in der EU niemandem. Am Ende gab es einen politischen Tausch.
Auch ein starker Lobbyismus der VAE spielte eine Rolle: Sie übten Druck auf einzelne EU-Länder aus – und diese halfen den Emiraten, in zwei bis drei Jahren von der Liste gestrichen zu werden.
- Bedeutet das, dass reiche Russen nun noch energischer ihr Kapital über die VAE waschen werden?
- Nein, ihre Transaktionskosten werden steigen, also wird es nicht leichter. Heute kann ein russischer Bürger zum Beispiel in den Emiraten eine Firma gründen und problemlos Geschäfte in Euro mit EU-Partnern machen, sofern es kein Sanktionsgeschäft ist. Zum Beispiel Telefone aus irgendeinem Land nehmen und sie über die Emirate nach Russland verkaufen. Nach dem formalen Inkrafttreten des neuen Status der RF werden solche Geschäfte erschwert. Denn europäische Banken werden prüfen, wer der tatsächliche wirtschaftliche Eigentümer ist. Wenn das russische Bürger sind, werden Fragen gestellt werden.
- Es gibt die Praxis, Strohmänner – «Drops» mit EU-Aufenthaltstiteln – zur Umgehung westlicher Sanktionen gegen Russland zu nutzen. Offensichtlich wird die Entscheidung der EU-Kommission diese Praxis treffen, aber man kann sie auch umgehen. Zum Beispiel, indem man Drops mit EU-Staatsbürgerschaft anheuert. Das ist natürlich auch eine Frage der Transaktionskosten.
- Ja, das alles betrifft die Transaktionskosten und die Verschlechterung der Lebensqualität. Kaum jemand würde sagen, dass sich Bürger Nordkoreas oder Irans in der EU wohlfühlen.
Ohne Zugang zum Finanzsektor zu leben, die Karte eines Drops zu benutzen und zu warten, bis man erwischt und aus der EU abgeschoben wird – das ist kein Vergnügen. Im digitalen Staat gibt es praktisch keine Möglichkeiten, parallel zur offiziellen Realität zu existieren.
Man ist gezwungen, irgendwie mit dem privaten Finanzsektor oder staatlichen Behörden in Kontakt zu kommen, weil man seinen sozialen Status aufrechterhalten und einen legalen Status haben muss, statt vom Finanzsystem ausgeschlossen zu sein und nur noch bar zu zahlen.
- Bist du auf konkrete Fälle gestoßen, in denen russische Unternehmen, auch sanktionierte, und Drops mit EU-Aufenthaltstiteln beteiligt waren?
- Dazu muss man nur ins Darkweb gehen und sehen, wie auf russischsprachigen Untergrundforen Geschäftskonten mit angebundenen Bankdienstleistungen oder Zahlungsdiensten europäischer Länder verkauft werden. Das Limit für Transaktionen beträgt etwa eine Million Dollar. Klar ist, dass
diese Konten auf Strohmänner laufen. Zum Beispiel auf Bürger der Ukraine mit EU-Aufenthaltstitel oder auf Einwohner der baltischen Staaten. Solche Angebote gibt es sehr viele.
Etwas teurer sind Bürger osteuropäischer Länder als Aktionäre oder Eigentümer solcher Firmen. Einen Strohmann aus Westeuropa zu finden, ist am schwierigsten – das kostet zwei- bis dreimal mehr als einen Ukrainer, der bereit ist, als nomineller Eigentümer zu unterschreiben.
- Und wie viel kostet so ein Drop?
- Nicht besonders viel. Preise nenne ich lieber nicht, das wäre schon fast Werbung für diese Art des Geldverdienens.
- Wer nutzt Drops aus der EU? Wer braucht das am häufigsten?
- Leute, die mit Parallelimporten zu tun haben, für die sich solche Geschäfte anbieten. Oder reine Kriminalität: Drogendealer, Kinderpornografiehändler, Finanzbetrüger.
Oft sind es auch ganz normale Leute, die einfach Geld überweisen müssen. Sie wissen nicht, wie man eine legale Überweisung organisiert, ohne große Verluste. Also versuchen sie solche Methoden.
Aber heute ist es viel einfacher, russisches Geld über Kryptowährungen zu transferieren. Das ist jetzt ein größeres, akzeptableres Modell für viele, auch für Unternehmen.
Erinnerst du dich an die Geschichte um den Sohn des ehemaligen Gouverneurs der Region Krasnojarsk, Artjom Uss? Die venezolanische Staatsfirma, die unter Sanktionen stand, verkaufte Öl an ein Unternehmen eines russischen Oligarchen und erhielt dafür Krypto. [Der Sohn des Gouverneurs von Krasnojarsk] Artjom Uss stand im Zentrum des Schemas, half den Beteiligten und kaufte von dem Erlös Dual-Use-Güter, die er dann an Rostec lieferte. Mit diesem Transaktionssystem verdiente er Geld.
Das ist ein komplexer Prozess, in den Briefkastenfirmen, nominelle Direktoren und Eigentümer, «Fabriken» für gefälschte Dokumente, die einfach Rechnungen fälschen, verwickelt sein können. Aber alles wird ziemlich schnell aufgedeckt. Solche Schemen leben meist nicht länger als ein oder zwei Jahre. Für diejenigen, die Dual-Use-Güter liefern, reicht das völlig. Dann kann man jemanden dem «Zug der Justiz» opfern und einen anderen Mittelsmann finden, der das Schema über Hongkong aufzieht – das ist jetzt sogar modischer als über die Emirate.
- Du bist ein bekannter Experte für Geldwäschebekämpfung und gleichzeitig russischer Staatsbürger. Offensichtlich betrifft dich die Entscheidung der EU-Kommission, Russland auf die Liste der Hochrisikojurisdiktionen zu setzen, auch persönlich. Was ist dein Plan?
- Der einfachste Plan und die einfachste Lösung ist, nicht Katz und Maus zu spielen, nicht zu versuchen, das System irgendwie zu täuschen, denn alle Schritte werden aufgezeichnet. Wenn du eine Aufenthaltserlaubnis oder ein Visum bekommst, deklarierst du viele Informationen über dich, die später ausreichen, um zu überprüfen, ob du die Wahrheit sagst. Ich denke, das ist für jeden Bürger eines Landes mit EU-Aufenthaltstitel entscheidend.
Schon jetzt gelten in der EU Beschränkungen für russische Bürger mit EU-Aufenthaltsstatus beim Zugang zu Konten in russischen Sanktionsbanken – unabhängig davon, ob man EU-Bürger ist oder erst gestern eine Aufenthaltserlaubnis erhalten hat.
Das heißt, wenn du ein Konto bei der Sberbank hast, die unter EU-Sanktionen steht – in manchen EU-Ländern ist das bereits eine Straftat wegen Sanktionsumgehung. So kann die Bezahlung von Nebenkosten für eine Wohnung, die du in Moskau vermietest, oder eine Überweisung an Verwandte über «Sberbank Online» ausgelegt werden.
Solche Beschränkungen gibt es schon viele, aber bisher ist die EU noch recht tolerant damit umgegangen. Eine Jagd auf russische Bürger mit EU-Aufenthaltstitel wurde noch nicht eröffnet. Es gibt aber schon Beispiele, etwa in den baltischen Staaten.
Was mich persönlich betrifft, denke ich, dass ich kein Spiel mit Strohmännern oder nominellen Eigentümern spielen werde. Die Tatsache, dass das Land auf der schwarzen oder grauen Liste der EU steht, bedeutet nicht, dass ich kein Recht habe, Geld zu erhalten oder Verträge abzuschließen. Ich werde einfach mehr Zeit darauf verwenden müssen, meine Überweisungen und Transaktionen zu begründen. Das heißt, ich werde sorgfältiger Unterlagen sammeln, meinen Auftraggebern und Partnern erklären, woher mein Geld stammt, wie ich Transaktionen durchführe, wer ich bin, warum ich an diesem Prozess teilnehme. Vielleicht reicht das nicht aus. Die Zeit wird es zeigen.
Es bleibt die Möglichkeit, Geschäfte außerhalb der EU zu tätigen. Es gibt Drittländer des Globalen Südens, die in diesen Prozess nicht eingebunden sind – dort werden russische Bürger auf weniger Risiken stoßen.
Und wer sich im Gebiet der EU aufhält, muss sich auf Begründungen und Argumentation vorbereiten. Im Falle von ungerechten und rechtswidrigen Handlungen von Finanzinstituten sollte man keine Angst haben, vor Gericht zu gehen. Ich bin dazu bereit und werde das auch den Menschen empfehlen, die sich an mich wenden. Im Falle offensichtlicher Diskriminierung in Finanzinstituten würde ich empfehlen, zu klagen. Das europäische Justizsystem ist stabil und offen für den Schutz der Menschenrechte, unabhängig davon, welchen Pass man hat.


