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Spotlight auf die Perestroika. Zum Tod von Vitali Korotitsch

Anfang der 1990er Jahre arbeitete Dmitri Gubin bei der Zeitschrift «Ogoniok», die damals von Korotitsch geleitet wurde – und er hat einiges über den legendären Chefredakteur zu erzählen, der diese Woche verstorben ist.
Korotitsch hätte meiner Vermutung nach lieber als Schriftsteller oder Dichter Geschichte geschrieben – doch in erster Linie ist er als Chefredakteur von «Ogoniok» in Erinnerung geblieben. Die Zeitschrift, die er von 1985 bis 1991 leitete und deren Glut im Jahr 2020 erlosch. Ja, es gab einen enormen Lesererfolg; ja, die Auflage von «Ogoniok» verdreifachte sich unter Korotisch auf 4,5 Millionen Exemplare; ja, es war der Vorreiter der Perestroika und Wegbereiter der Glasnost – doch als historische Figur steht Korotisch für etwas anderes.
Vitali Korotisch war weder ein kühner Revolutionär (meine Texte über die Sackgassen der Breschnew-Ära wurden begeistert gedruckt, doch der erste Versuch, den Leninismus infrage zu stellen, wurde sofort unterbunden), noch ein Liberaler oder Demokrat im westlichen Sinne. Niemand, der in der UdSSR aufwuchs, verstand damals die Bedeutung westlicher Ideen: Man kann den Geschmack von Kiwi nicht kennen, wenn man Kiwi nie probiert hat. Aber wenn er sie nicht verstand, dann zumindest spürte er, wie die Grenzen seines Talents mit den Grenzen der Freiheiten der Perestroika zusammenhängen – und kämpfte deshalb aufrichtig für die Ausweitung beider Grenzen.
«Ogoniok» war eine Zeitschrift der Übergangszeit, und Korotisch wurde ihr idealer Chefredakteur. Er nutzte die alten, in der UdSSR vertrauten Formen großer Reportagen und literarischer Longreads – aber gefüllt mit neuen Bedeutungen.
Als ich mit 24 Jahren Preisträger des «Ogoniok»-Preises wurde, erhielten zusammen mit mir dieselbe Medaille (vom Aussehen her fast eine Jubiläumsmedaille Lenins, nur mit anderem Inhalt) Sergej Chruschtschow, Ales Adamowitsch, Wiktor Jerofejew, Swetlana Alexijewitsch, Ljudmila Petruschewskaja und die damals berühmten Korruptionsjäger Telman Gdljan und Nikolai Iwanow. Die Zeit für neue Namen und neue Formen war noch nicht gekommen. Diese würden von jungen und frechen Verlagen wie «Kommersant», Independent Media und «Afisha» vorangetrieben werden. Aber das wäre nach dem Putsch, nach der Unabhängigkeit, nach der Legalisierung der privaten Presse, nach 1991. Und es würden neue Medien für Nischenleser sein – ein landesweites Magazin wie «Ogoniok» würde in Russland nicht mehr entstehen.
1991 war die Zeit Korotischs vorbei: Seine eigene Redaktion setzte ihn ab. Als der Putsch begann, erwarteten die «Ogoniok»-Journalisten eine Verhaftung. Doch trotz der Angst kamen alle in die Redaktion, einige sogar aus dem Ausland geflogen. Korotisch war zu dieser Zeit in Amerika, wo er als Gastprofessor arbeitete (das Magazin leitete er schon lange aus der Ferne). Und Korotisch sprach sich in Amerika entschieden gegen die Putschisten aus, kehrte aber nicht nach Moskau zurück und gab sogar sein gekauftes Ticket zurück.
Damals verachtete ich ihn zusammen mit allen anderen wegen Feigheit.
Heute verstehe ich, dass es eher eine Weisheit war, die wie Feigheit wirkte.
Korotisch als Schicksal – das ist die Geschichte eines Menschen, der versteht, dass die historische Zeit zur Entfaltung des Talents mehr bedeutet als das Talent selbst. Und die Geschichte eines Menschen, der sich vor dem Hintergrund der Zeit nüchtern einschätzt.
Ich weiß nicht genau, was Korotisch damals dazu bewegte, in den USA zu arbeiten. Eine sich bietende Gelegenheit (es wäre eine Sünde gewesen, sie zu verpassen), die russische Perestroika-Not, die Möglichkeit, etwas dazuzuverdienen, oder einfach Neugier. Tatsächlich ging er dorthin, um das Leben in der westlichen Demokratie praktisch kennenzulernen, von dem in der UdSSR alle träumten, das aber niemand kannte.
Später kehrte er aus Amerika zurück, aber nicht mehr in den Chefredakteursstuhl. Sein ziemlich begrenztes schriftstellerisches Talent (Korotischs Texte in «Ogoniok» waren deutlich schwächer als die großen «Ogoniok»-Erfolge) und seine sensible redaktionelle Vorsicht resonierten mit der großen Geschichte nur in der Übergangszeit. In jenem Land, das sich in den 1990ern rasch formierte, war er wie Gorbatschow: außen vor. Und wenn er es nicht verstand, dann spürte er es sehr gut. Ich wiederhole: Er hatte keine Illusionen weder über die Zeit noch über sich selbst.
Als ich Mitte der 2010er Jahre, nach der Krim, begriff, dass ich aus dem abstürzenden Land in die Emigration fliehen musste, bat ich Korotisch um ein Treffen. Er war Kiewer, kam oft nach Moskau und wohnte in seiner Wohnung. Er hatte Herzprobleme und sagte, man müsse die Ärzte in Moskau aufsuchen. Er beklagte, dass er praktisch keine amerikanischen Kontakte mehr habe, riet aber, in den USA nach Universitäten zu suchen, die an dem Kurs interessiert sein könnten, den er einst selbst hielt: The West and The Rest – «Der Westen und der Rest». Er sagte, das sei wahnsinnig interessant. Man könne vergleichen, was in verschiedenen Zivilisationen Schule, Familie, Freizeit, Kindheit, Journalismus bedeuten. «Ihr könnt diesen Namen ruhig verwenden, betrachtet es als mein Geschenk an euch.»
Korotisch ist jetzt nicht mehr da, und ich fürchte, ich werde in Amerika nicht lehren. Aber es wäre gut, wenn an einer der Universitäten ein Gastprofessor auftauchen würde, ein russischsprachiger Emigrant, der von seinen Erfahrungen im Rest und im Westen erzählt.

