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Warum konnte sich Russland nicht von einem Imperium zu einer Föderation wandeln? Und ist das jetzt noch möglich?

Heute herrscht bei vielen Vertretern national-regionaler Bewegungen im politischen Exil verständliche Enttäuschung über das russische Föderationsprojekt, da es bereits mehrfach (sowohl nach 1918 als auch nach 1991) nur zu einer erneuten Wiederbelebung eines zentralistischen Imperiums geführt hat. Deshalb finden sie auch mit der neuen liberalen Opposition, die in ihren Träumen von einem schönen Russland der Zukunft manchmal auf seltsame Weise kremlistische unitaristische Ideen wiederholt, keine gemeinsame Sprache.

Boris Jelzin spricht vom Turm eines Panzers zum Volk vor dem Gebäude des Obersten Sowjets der RSFSR, Moskau, 19. August 1991. Foto: Jelzin-Zentrum / Valentin Kusmin / Fotohronik TASS

Im Juli hat Wladimir Putin befohlen den „Tag der Sprachen der Völker Russlands« einzuführen und ihn jährlich zu begehen. Das wirkt wie eine offene politische Schizophrenie: Bereits 2018 hatte der russische Präsident selbst die verpflichtende Schulung der lokalen Sprachen in den verschiedenen Republiken der RF aufgehoben.

Diesen Feiertag schlug Putin vor, jährlich am 8. September, dem Geburtstag von Rasul Gamzatov, zu begehen. Es ist bemerkenswert, dass der berühmte awarische Dichter eine tiefe sprachliche Zwiespältigkeit erlebte. So äußerte er sich zum Russischen erhaben und pathetisch:

Und mit ganzem Herzen, Sohn des Bergvolkes, habe ich mich daran gewöhnt

Diese große Sprache als meine Muttersprache zu betrachten

Gleichzeitig sorgte er sich um das Schicksal der Sprache, in der er aufwuchs:

Und wenn morgen meine Sprache verschwindet,
bin ich bereit, heute zu sterben.

Eine scharfe Zuspitzung dieses Problems brachte 2019 die Selbstverbrennung des udmurtischen Wissenschaftlers Albert Razin vor dem Gebäude des republikanischen Parlaments. In seinen Händen hielt er ein Plakat mit Versen von Gamzatov über das Verschwinden seiner Muttersprache.

Karnevalstänze statt republikanischer Selbstverwaltung

Obwohl die Sprachen der Republiken formal weiterhin den Status von Amtssprachen besitzen, sind sie in den meisten Fällen faktisch davon entbunden. Denn die heutigen russischen Republiken verfügen über keine echte Staatlichkeit, obwohl sie alle 1990 ihre Deklarationen zur staatlichen Souveränität angenommen haben. Ähnlich wie allen Regionalchefs verboten wurde, sich Präsidenten zu nennen mit der Begründung, dass „in Russland nur ein Präsident sein kann«, wurde auch jede republikanische „Staatlichkeit« völlig symbolisch.

Heute kontrolliert kein einziger Regierungschef einer Republik die örtlichen Sicherheitskräfte oder sogar Wirtschaftsminister – sie werden alle von Moskau bestätigt.

Was die republikanischen Sprachen betrifft, so können sie heute in Schulen als „Muttersprache« (nicht als Amtssprache) nur noch auf Antrag der Eltern gelernt werden. Außerdem gibt es hier eine weitere Fallstrick – die Abschlussprüfungen an Schulen müssen dennoch auf Russisch abgelegt werden. Für keine andere Sprache der RF ist diese Prüfung vorgesehen.

Der „Tag der Sprachen der Völker Russlands« wird also bildlich gesprochen eher zu Karnevalstänzen in Oma’s Sarafan werden, anstatt zum Aufbau einer echten Föderation, die vor allem auf regionaler politischer Selbstverwaltung basiert. Verschiedene nationale Aktivisten, die das Sprachproblem als „das wichtigste« ansehen, gleichen denen, die den Wagen vor das Pferd spannen. Denn die republikanischen Sprachen können ihren vollen Staatsstatus nur durch frei gewählte Parlamente zurückerhalten, nicht durch Moskau, das im Gegenteil eine vollständige politische Einheitsstaatlichkeit anstrebt.

Schon 2004 stellte das Verfassungsgericht fest, dass die einheitliche grafische Grundlage für alle republikanischen Sprachen nur die Kyrilliza sein darf. Das wirkte wie ein unglaublicher Unsinn für ein riesiges Land, das sich über zwei Kontinente erstreckt und hunderte verschiedener Kulturen beherbergt.

Deshalb erhielt ausgerechnet Karelien als einzige der russischen Republiken nicht das Recht, seine Sprache als „zweite Amtssprache« zu etablieren, weil Karelisch auf der lateinischen Schrift basiert. Das wirkte sich auch auf die Demografie aus – während bei der Volkszählung 2002 noch über 93.000 ethnische Karelier gezählt wurden, waren es bei der Zählung 2021 nur noch etwa 30.000, also ein Drittel.

Dennoch,

eine echte, gleichberechtigte Föderation basiert nicht auf der ethnischen Herkunft ihrer Bewohner, sondern darauf, wie sehr ihre Subjekte über echte bürgerschaftliche Selbstverwaltung und freie Wahl ihrer Behörden verfügen.

Die US-Bundesstaaten und die Länder der Bundesrepublik Deutschland als bekannteste weltweite Föderationen genießen eine maximale Selbstverwaltung. Keinem US-Präsidenten käme es in den Sinn, Gouverneure „abzusetzen« oder „einzusetzen«. Und in Deutschland werden alle Lehrpläne auf Länderebene verfasst und genehmigt, nicht von irgendwelchen Berliner Beamten.

Worin ähnelten sich Bolschewiki und Jelzin?

In Russland gelang die vollständige Umwandlung des ehemaligen Imperiums in eine Föderation historisch nie. Obwohl die verfassungsgebende Versammlung im Januar 1918 Russland als symmetrische „demokratische föderative Republik« proklamierte, wurde sie bald von den Bolschewiki aufgelöst. Diese behielten zwar den föderativen Staatsprinzip bei und nahmen ihn sogar in den offiziellen Namen ihres Staates (RSFSR) auf, interpretierten ihn jedoch absolut asymmetrisch und ethnisch. Vollberechtigte Föderationssubjekte waren nicht alle früheren Gouvernements, sondern nur neu geschaffene autonome Republiken auf nationaler Basis.

Das wurde recht einfach erklärt –

die Bolschewiki wollten die Völker des Imperiums auf ihre Seite ziehen und waren deshalb bereit, ihnen erweiterte Befugnisse zu gewähren.

Die erste sowjetische Autonomie, mit der der Kreml 1919 vertragliche föderative Beziehungen einging, war Baschkirien, geleitet vom Wissenschaftler und Militärführer Ahmet-Saki Walidi. Doch bald wandte er sich gegen die Bolschewiki, als diese faktisch begannen, das imperial-zentralistische Modell wiederzubeleben und die föderative Gleichberechtigung aufzuheben.

Interessanterweise wiederholte sich dieser Prozess der neuen imperialen Zentralisierung in einem anderen historischen Zyklus – im postsowjetischen Föderationsvertrag von 1992. Schon einige Jahre zuvor, im politischen Kampf gegen Gorbatschow, versuchte Jelzin als Kopf des „neuen Russland« ebenfalls, die russischen Autonomien auf seine Seite zu ziehen, indem er ihnen „so viel Souveränität versprach, wie sie schlucken können«. Und der Föderationsvertrag gab den nationalen Republiken tatsächlich mehr Rechte und Befugnisse als den „normalen« Oblasten und Regionen. Doch dann begann dieselbe Entwicklung hin zum Moskauer Zentralismus, und Jelzins „Nachfolger« verfolgte bereits offen eine imperialistische Politik.

Putin kam jedoch nicht wie ein plötzlicher „Teufel aus der Kiste«. Die schrittweise Zentralisierung der russischen Politik begann bereits zu Jelzins Zeiten. Es genügt, die republikanischen Souveränitäten Anfang der 1990er Jahre und die Ausrufung der Ural-Republik 1993 mit der schon sehr zentralistischen Regierung Primakows von 1998 zu vergleichen. Der Bau der totalen „Vertikale der Macht« war nur noch ein Schritt entfernt.

Ethnische Überwürzung

Heute herrscht bei vielen Vertretern national-regionaler Bewegungen im politischen Exil (Forum der freien Völker Post-Russlands, Liga der freien Nationen usw.) verständliche Enttäuschung über das russische Föderationsprojekt, da es bereits mehrfach (sowohl nach 1918 als auch nach 1991) nur zu einer erneuten Wiederbelebung eines zentralistischen Imperiums führte. Deshalb finden sie keine gemeinsame Sprache mit der neuen „liberalen Opposition«, die in ihren Träumen von einem schönen Russland der Zukunft manchmal auf seltsame Weise kremlistische unitaristische Ideen wiederholt.

Verschiedene nationale Bewegungen kann man als „Salz« des Dekolonisierungsprozesses bezeichnen – sie spüren scharf nicht nur die politische und wirtschaftliche, sondern auch die kulturelle Unterdrückung ihrer Republiken, was ihren Protest zweifellos verstärkt. Doch wenn sie sich ausschließlich auf ethnische Probleme konzentrieren, entsteht eine Überwürzung, die die politische Realität ignoriert. Zum Beispiel berauben sich diejenigen, die pauschal die „Russen« für alles verantwortlich machen und dafür kriminelle Rechtfertigungen finden, selbst möglicher Verbündeter in russischen Oblasten und Regionen, von deren Einwohnern viele ebenfalls mit dem Moskauer Hyperzentralismus unzufrieden sind.

Außerdem machen „überwürzende« Nationalisten ihren Sieg sehr unwahrscheinlich, weil die Gesamtbevölkerung der nationalen Republiken nur etwa 20 % der gesamten russischen Bevölkerung ausmacht. Daher ist es schwer zu erwarten, dass gerade sie der Hauptakteur des „Zusammenbruchs der RF« werden, von dem sie träumen. Bei der letzten sowjetischen Volkszählung 1989 waren Russen und Nicht-Russen etwa gleich stark vertreten, weshalb die UdSSR relativ leicht zerfiel.

Zudem ist die Bevölkerung der meisten heutigen russischen Republiken keineswegs monoethnisch. Beispielsweise bezeichneten sich bei der Volkszählung 2021 nur 31 Prozent der Einwohner Baschkortostans als Baschkiren, während 37 % Russen und 24 % Tataren waren. In Burjatien nannten sich bei derselben Zählung 59 Prozent der Bevölkerung Russen und 30 Prozent Burjaten. Daher führt der Versuch, politische Bewegungen ausschließlich auf ethnischer Basis und noch dazu einer kleineren Ethnie zu gründen, unweigerlich zu interethnischen Konflikten innerhalb dieser Republiken.

Es entsteht der Eindruck, dass die heutige russische Regierung mittels der Geheimdienste solche Konflikte absichtlich anheizt, um sie anschließend von oben herab zu befrieden und gleichzeitig die Entstehung starker bürgerlicher Bewegungen für regionale Selbstverwaltung zu verhindern. Damit potenzielle Teilnehmer statt moderner politischer Projekte in unlöslichen Streitigkeiten über die Vergangenheit und der Frage versinken, wer „ursprünglicher« sei als der andere.

Der in Kasan geborene und Nachfahre des berühmten Künstlers Mark Schischkin zeigte in sozialen Netzwerken eine anschauliche Illustration dieses Thesenkomplexes. Da versammelt sich eine multiethnische regionalistische Gruppe, die an der Entwicklung sozialer und kultureller Identität Tatarstans interessiert ist, um neue Marken der Republik zu fördern. Und scheinbar gelingt es sogar, gemeinsame Projekte zu entwickeln – doch plötzlich taucht immer eine Figur auf, die beginnt, die Anwesenden nach Ethnien zu trennen. Und viele sogar recht fortschrittliche Persönlichkeiten mit akademischen Graden fallen darauf herein. Die Diskussion stürzt sofort in einen Krieg ethnisch-historischer Mythen ab. Die gesamte kreative Stimmung und der futuristische Antrieb verfliegen, und persönliche Beziehungen zerbrechen.

In dem Artikel „Warum braucht Tatarstan Regionalismus?« behauptet Schischkin :Jedes Modell ethnischer Staatlichkeit („Gouvernement im Staat der Russen« oder „Staat der Tataren«) wird in den Bedingungen Tatarstans zu Diskriminierung bedeutender Bevölkerungsgruppen führen und kann in offenen Konflikt münden. Regionalismus steht im Vergleich zum ethnischen Nationalismus in einem anderen Koordinatensystem. Im Mittelpunkt der Regionalisten steht territoriale Solidarität, die aus Nachbarschaft, persönlicher Verbundenheit und gemeinsamem Raum entsteht. Bildlich gesprochen konzentriert sich Regionalismus auf eine konkrete soziokulturelle Landschaft mit ihren Unebenheiten und Kontrasten, nicht auf die universelle Grammatik der Nationalsprache, sorgfältig gereinigt von allen „fremden« Beimischungen.«

Aus regionalistischer Sicht war der Auftritt der Bürgeraktivistin Aruna Arna bei der jüngsten großen Protestkundgebung in Gorno-Altaiski gegen die Auflösung der lokalen Selbstverwaltung und die Willkür der Kreml-Ernennungen sehr aussagekräftig. Sie sprach „nicht nur im Namen der Altai, sondern aller Völker, die in der Republik Altai leben«.

Russen sind überall unterschiedlich

Ethnische Nationalisten aus den Republiken neigen oft dazu, auf ihre eigene kulturelle Einzigartigkeit zu pochen und die Russen als „überall gleich« zu betrachten. Oder sie schreiben allen Russen eine Art „angeborenen Chauvinismus« zu, wie es Blogger der Liga der freien Nationen tun. Dabei unterscheiden sich die Bewohner Kaliningrads (Königsbergs) und des Fernen Ostens geographisch im Denken etwa so wie Kanadier und Neuseeländer. Die ersteren leben in einer Enklave mitten in Europa, und lokale Regionalisten orientieren sich auf die Integration mit der EU. Die anderen hingegen denken über ihre künftigen Beziehungen zu Japan und Südkorea nach. Ja, Kaliningrader und Fernostbewohner sprechen dieselbe Sprache, aber sie sind Prototypen sehr unterschiedlicher Nationen – wenn man das Wort „Nation« im internationalen Sinn als bürgerschaftliche Gemeinschaft versteht und nicht im sowjetischen Pass-Sinn als ethnische „Nationalität«.

Eine echte Dekolonisierung der (post)russischen Räume erscheint unmöglich ohne die Einbindung der Bewohner verschiedener russischer Oblaste und Regionen, die zahlreiche eigene regionale Interessen haben.

Obwohl die Gesamtstatistik zeigt, dass die Einwohner russischer Oblaste und Regionen etwa 80 % der Bevölkerung der RF ausmachen, ist es interessant, dass sie meist keine ethnonationalistischen Parolen vertreten. Wenn man die lautesten und größten Bürgerproteste gegen die Willkür des Kremls in verschiedenen Regionen der letzten vorkrieglichen Jahre betrachtet, waren es Proteste gegen die Müllkippe für Moskauer Abfall in Schiess in der Oblast Archangelsk und für freie Wahlen im Gebiet Chabarowsk. An diesen Aktionen nahmen alle Einheimischen unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft teil.

Im Gegensatz dazu führt die Beschränkung der Politik vieler nationaler Bewegungen auf den „Kampf um ethnische Rechte« zu spiegelbildlichen Reaktionen – ähnlich chauvinistischen und mit dem FSB verbundenen „Russischen Gemeinschaften«. Eine solche Entwicklung erscheint unvermeidlich unter Bedingungen, in denen Diskussionen über politischen Föderalismus in Russland faktisch verboten und durch ethnische und sprachliche „Streitigkeiten« verdrängt werden.

Nationalisten aus russischen Republiken berufen sich in ihren Träumen von Privilegien für die „Ureinwohner« gern auf die baltischen Länder – als ob dort in der postsowjetischen Zeit gerade der ethnische Faktor gesiegt hätte. Doch das ist keine ganz korrekte Analogie.

Erstens hatten die baltischen Länder zwischen den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts eine 20-jährige Unabhängigkeitserfahrung, die von den meisten Familien noch erinnert wurde, und diese historische Erfahrung wartete in der neuen Ära auf ihr Erwachen. Im Perestroika-Jahr 1990, als die Repressionen gegen Unabhängigkeitsbefürworter vollständig aufgehoben wurden, wählten die Nachkommen der Bürger des Vorkriegs-Estlands ihren Kongress, der die republikanische Staatsbürgerschaft wiederherstellen wollte.

Diese wurde jedoch nicht nach ethnischem, sondern nach politischem Prinzip erneuert – nur diejenigen, die die Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit unterstützten, erhielten sie. Übrigens waren nicht alle ethnischen Esten so – zum Beispiel hätte der erste Sekretär des ZK der KP Estlands in den Jahren 1978-88, Karl Vaino, kaum die Staatsbürgerschaft des unabhängigen Estlands erhalten, da er von Gorbatschow verlangte, Truppen in die Republik einzuführen „zur Unterdrückung separatistischer Stimmungen«. Doch Gorbatschow führte keine Truppen ein, sondern entließ stattdessen Vaino selbst. Der pensionierte Parteisekretär zog nach Moskau, und heute leitet sein Enkel Anton die Verwaltung Putins. So funktioniert der Kreislauf der imperialen Nomenklatura.

Viele russische Einwohner der Republik, selbst wenn sie oder ihre Eltern in sowjetischen Zeiten hierher gezogen sind, konnten 1990 im Kongress Estlands eine „Grüne Karte« erhalten, die das Recht auf spätere Erlangung der Staatsbürgerschaft gab. Dafür genügte nur eine mündliche Erklärung zur Unterstützung der Unabhängigkeit des Landes. Diejenigen, die dies nicht erklärten, blieben 1991 Bürger der verschwundenen UdSSR und wurden für Estland „Nichtbürger«. Heute verfolgt die estnische Regierung jedoch eine aktive Integrationspolitik, sodass nur noch 4,39 % der Bevölkerung des Landes „Nichtbürger« sind. Trotz der vorgetäuschten Fürsorge der russischen Propaganda streben diese jedoch aus unerklärlichen Gründen keineswegs danach, in die historische Heimat aus dem „diskriminierenden« Estland umzuziehen.

Insgesamt hat die russische Sprache in den eurasischen Räumen etwa denselben Status als lingua franca erlangt wie das Latein im mittelalterlichen Europa nach dem Zerfall des Römischen Reiches. Sie wurde damals weiterhin von Diplomaten, Wissenschaftlern und Ärzten aus verschiedenen neuen Ländern verwendet. Einfach weil sie die Kommunikation und das gegenseitige Verständnis erleichterte, weshalb niemand gegen Latein kämpfte.

Eine ähnliche Rolle als lingua franca spielt Englisch in den heutigen multiethnischen und multirassischen USA. Aber Sprache gehört grundsätzlich keinem Staat, sondern nur denen, die sie sprechen. Daher ist es ziemlich dumm, die russische Sprache mit dem heutigen Kreml-Regime zu identifizieren. Es entstehen manchmal amüsante Situationen, wenn auf politischen Exilforen Vertreter einiger nationaler Republiken der RF sich auf Russisch über „Russifizierung« beklagen, weil sie noch kein Englisch beherrschen.

Wie wird das Post-Russland aussehen?

Ebenso dumm wirkt der Versuch, „Post-Russland« als eine Art Archipel von Stammesreservaten zu errichten. Das würde den Integrationsentwicklungen der modernen Welt völlig widersprechen, die maximale Bewegungsfreiheit der Menschen und Vereinfachung des wirtschaftlichen Austauschs verlangen. Der libertäre Ökonom Hans-Hermann Hoppe weist in seinen Arbeiten zum europäischen Regionalismus darauf hin, dass eine langfristige Wette auf lokale Ethnokratie nicht funktioniert. Eine Region, in der versucht wird, eine strenge ethnische Regulierung einzuführen, werden ihre eigenen Geschäfts-, Wissenschafts- und Kultureliten verlassen, die sich unter Bedingungen globaler Offenheit wohler fühlen. Am Ende droht eine solche Region, sich in eine abgeschlossene Autarkie zu verwandeln, die für die Außenwelt wenig interessant ist.

Das Problem vieler heutiger nationaler Bewegungen in russischen Republiken ist, dass sie keine politische Dimension haben. Denn Politik ist in erster Linie der Kampf um das Recht auf freie Wahl der Macht in ihren Republiken.

Ihre heute bewusst „vergessenen« Deklarationen zur Souveränität von 1990 basierten genau auf bürgerschaftlicher Selbstverwaltung und gleichberechtigtem Zweisprachigkeit. Paradoxerweise war der Ansatz in den Autonomien der damaligen RSFSR damals inklusiver und moderner – diese Republiken führten eine eigene Staatsbürgerschaft ein, offen für alle Völker, also basierten sie auf Rechtsnormen und nicht auf ethnischen Privilegien.

Heute treiben die Regierungschefs von Baschkirien, Habirov, und Burjatien, Zjdenow, massenhaft ihre Landsleute in den Krieg, zahlen großzügig aus republikanischen Haushalten, und in Alabuga in Tatarstan sammeln sich „Schahids«, die die Ukraine angreifen. Dennoch nennen einige Nationalisten diese imperialistischen Kriege „russisch«. Wenn die baschkirischen, burjatischen und tatarischen Bewegungen zuerst für freie Wahlen ihrer republikanischen Parlamente mit Beteiligung aller heute verbotenen Regionalparteien eintreten würden, könnte man sie wirklich politisch nennen. Doch bisher bevorzugen sie träumerisches Wunschdenken über ihren künftigen Machtantritt…

Außerdem bedeutet proaktive Politik Verhandlungsfähigkeit mit benachbarten Regionen, und ein durchgehender „Opferkomplex«, der vielen Nationalisten eigen ist, funktioniert hier nicht. Ob auf diesen Räumen eine echte Föderation gebaut wird oder nicht, ist fraglich, aber in jedem Fall droht ohne das Grundprinzip des Föderalismus als gleichberechtigtem interregionalem Dialog jede (post)russische Zukunft zu einer erneuten Umsetzung des leninschen Thesen über die „Übergang vom imperialistischen Krieg zum Bürgerkrieg« zu werden.

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